Unperfekt, aber sehr sympathisch

In Essen gibt es das sogenannte Unperfekthaus, ein Ort, an dem man in etwas improvisierter Umgebung zusammentreffen kann, um zu arbeiten oder gemeinsam zu essen. Ich finde den Namen sehr gelungen, er passt gut zur Location, wie auch zur Stadt Essen und dem gesamten Ruhrgebiet. Denn das ist es, was den Charme dieser Region (etwa im Vergleich zu Bayern) ausmacht: Essen ist eher unperfekt, nicht glattgebügelt, hat keinen Postkartencharme – steckt aber voller Möglichkeiten und ist dabei sehr sympathisch. Warum ich das erzähle? Weil ich am Wochenende in der Oper »Hans Heiling« im Aalto Theater in Essen war und diese Aufführung sehr ähnlich erlebt habe. 

»Hans Heiling« von Heinrich Marschner wurde als Hommage an die Bergwerksgeschichte des Ruhrgebiets ins Programm genommen. Anlässlich der diesjährigen Schließung der letzten Zeche wollte man das Thema Bergbau in der Oper auf die Bühne bringen. So kam ein Werk wieder zu Ehren, das zuletzt in den 1940er-Jahren in Essen aufgeführt wurde.

Wenn ein Stück es zu vergleichsweise wenig Bekanntheit schafft, stellt sich natürlich die Frage, woran es liegt. In der Einführung wurde gesagt, Marschner sei zwischen Carl Maria von Weber und Wagner einzuordnen. Tatsächlich erlebte ich das Stück so: Es erinnerte an große Vorbilder, ohne sie aber so ganz zu erreichen. Alles in allem ein wenig unperfekt.

Die Handlung

Erzählt wird die Geschichte des Erdgeister-Königs Hans Heiling, der sein Unterweltreich hinter sich lässt, um die »Menschenfrau« Anna zu heiraten. Diese verlobt sich mit ihm, erfährt aber dann, dass er kein Mensch ist, und sagt sich los, um einen anderen zu ehelichen. Heiling kehrt gebrochen in die Unterwelt zurück.

Parallelen zu großen Vorbildern spürbar

Der Auftakt zur Geschichte erinnerte mich doch extrem an die Szene in der Venusgrotte bei Wagners Tannhäuser: Heiling aus der Unterwelt diskutiert mit seiner Mutter, weil er auf die Erde möchte, um sich mit dem Mädchen Anna zu vermählen. Man erfährt, dass auch er selbst schon einen menschlichen Vater hatte und daher »zerrissen zwischen den Welten« sei. Auch im weiteren Verlauf tauchen immer wieder Szenen auf, die stark an andere Werke angelehnt scheinen: An Tannhäuser, Faust, aber auch an den Freischütz. Dies führt dazu, dass man zum Vergleichen neigt. Was der Oper allerdings wenig gut tut: Die Geschichte wirkt auf mich im Kontext ihrer »Wettbewerber« etwas bemüht und in Teilen nicht ganz rund. Die Figuren haben etwas Holzschnittartiges, die Handlung entwickelt sich nicht, sondern spult sich vielmehr ab: Verliebt, verlobt, entlarvt, enttäuscht. Es wirkt alles nicht ganz auf den Punkt gebracht, aber vielleicht liegt genau darin der Charme dieser Oper.

Unvollkommene und doch reizvolle erste Hälfte

Verstärkt wurde der Eindruck des »Unperfekten« durch die Art der Inszenierung: Die Geschichte von Heiling wurde in das Ruhrgebiet der 1960er-Jahre gelegt. Heiling und die Erdgeister residieren unter Tage in einer Industriellenvilla, die Erdgeister sind die Kumpel. Über Tage hingegen leben die einfachen Leute, die vom Bergbau abhängen und nach einem glücklichen Leben zwischen Arbeit und Geldsorgen suchen. Mir bereitete diese Interpretation gewisse Schwierigkeiten, weil die Erdgeister und ihr Gegenstück, die Menschen, in derselben Rolle der Bergarbeiter fungieren. Der Mensch wird im Schacht zum Erdgeist, »Übertage« dann kann er er selbst sein. So oder ähnlich war es wohl gemeint.

Das Ruhrgebiet als Zechenlandschaft und Bergarbeiterregion erhielt in der Inszenierung großen Raum: Schon während der Ouvertüre wurde ein sehr gelungener Film mit Originalaufnahmen aus dem Bergbau gezeigt, es wurde Dialekt gesprochen, Zechennamen wurden zitiert und am Ende trat sogar ein Bergwerksorchester auf und sang »Glück auf!«.

Alles in allem erlebte ich die Oper »Hans Heiling« in Essen somit als eine sehr skurrile Mischung zwischen einer etwas missglückten Sagenerzählung und viel plakativer Ruhrpottromantik.

Trotz all dieser Ecken und Kanten – oder gerade deswegen – zog die Aufführung mich durchaus in ihren Bann: Sie war bunt und vielseitig, lustig und schwulstig, dramatisch und manchmal etwas lächerlich, aber nie langweilig! Die Zeit verflog, und man wurde von Anfang bis Ende gut unterhalten. Dazu trug sicherlich auch die sehr schöne Musik und das sängerische Können des Ensembles bei. Besonders gefallen haben mir die britisch-kanadische Sopranistin Jessica Muirhead in ihrer Rolle als Anna sowie deren Mutter Gertrude, dargestellt durch die Berliner Mezzosopranistin Bettina Ranch. Letztere hat in meinen Ohren wunderbar gesungen und sehr eindrucksvoll gespielt. Aber auch die übrigen Darsteller füllten ihre jeweiligen Rollen in Gesang und Darstellung überzeugend aus.

Imposantes Finale

Während ich in der ersten Hälfte noch mit den wahrgenommenen Unstimmigkeiten in Oper und Inszenierung haderte, habe ich die zweite Hälfte dann auch ausgiebig genossen. Das große Finale, in dem Anna ihren Konrad heiratet und Heiling damit droht, die gesamte Hochzeitsgesellschaft zu töten, wird schließlich mit einem entsprechenden Paukenschlag ins Bild gesetzt: Im Hintergrund stürzen am Ende auf der Leinwand Zeche um Zeche ein, die Zeit der Berggeister geht zu Ende.

Ich hatte den Eindruck, dass es dem übrigen Publikum ähnlich erging wie mir: Es schien im ersten Teil eher verhalten und irritiert, ja teilweise regelrecht enttäuscht. Am Ende dann aber gab es sogar stehende Ovationen für die Aufführung. Ob es das Bergwerksorchester und der Chor waren, die diese Wende verursacht haben? Sicher nicht allein, obwohl deren Auftritt durchaus ein Highlight darstellte.

Man kann sagen: »Hans Heiling« im Aaalto war vielleicht unperfekt, in jedem Fall aber sympathisch.


Nähere Informationen, Termine und Preise für kommende Aufführungen


Titelbild: Thilo Beu

Von |2018-06-11T12:16:13+00:0029.05.2018|Allgemein, Oper, Veranstaltung|

Über den Autor:

Sabine Haas
Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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