Wenn ich nach meinen eindrucksvollsten Schlossbesichtigungen gefragt werde, dann denke ich als Erstes immer an die Prachtbauten des Märchenkönigs Ludwig II. Vor allem Herrenchiemsee hat es mir angetan – weil wir aufgrund familiärer Verbindungen beinahe jedes Jahr im Chiemgau sind. Wieder und wieder steht dann ein Besuch des Schlosses auf dem Programm.

Was aber begeistert die Menschen an diesem Schloss? Ist es nicht eigentlich in erster Linie kitschig? Ich glaube, wer Herrenchiemsee als »Kitsch« abtut, wird dem Ort in keiner Weise gerecht. Das Schloss und seine Anlagen sind ein Gesamtkunstwerk von großer Faszination. Es zeigt, mit welchem fanatischen Gestaltungswillen Ludwig II. nach der perfekten Inszenierung einer Traumwelt strebte und wie offensichtlich dieses Ziel zum Scheitern verurteilt war.

In Zeiten von Fernsehen, Internet und Kino ist der Gang in Traumwelten nicht schwierig. Die Möglichkeit, sich zeitweise »aus der Welt zu stehlen«, ist durch die Vielzahl der Unterhaltungsangebote jederzeit gegeben. König Ludwig II. musste einen anderen Weg gehen. Er ließ Märchenwelten wahr werden, indem er geradezu irreale Landschaften und Räume schuf. Durch Architektur, Bilder, Stoffe, Lichter, Musik usw. konstruierte er sich Orte, die nichts mit der Realität seiner Zeit zu tun hatten. Es waren Projekte von außerordentlicher Perfektion, leider ebenso außerordentlich teuer und am Ende nicht umsetzbar.

König Ludwig II. wollte sich in einer mythischen Welt bewegen, er wollte umgeben sein von seinen Idealwelten – und das am liebsten allein. Es war ihm verhasst, mit dem Personal in Kontakt zu kommen. Er konzipierte seine Schlösser so, dass ein Zusammentreffen mit Bediensteten vermieden werden konnte. Aus diesem Grund gibt es in Herrenchiemsee neben dem Schlafzimmer einen Ankleideraum, der für die Diener von hinten zugänglich war, ohne dass sie das Schlafzimmer betreten mussten. Noch ausgeklügelter war allerdings seine Idee des »Tischlein-Deck-Dich«: Im Speisezimmer war eine Bodenklappe eingelassen. Mittels Seilwinde konnte man den Tisch durch diese in die Küche hinablassen und dann gedeckt wieder herauffahren. Ein enormer technischer Aufwand mit dem Ziel, möglichst keine Diener sehen zu müssen.

Jeder Raum im Schloss lässt einen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Die prunkvollen Vorhänge und Teppiche, die unglaublich kunstvoll gearbeiteten Möbel, der (natürlich auch völlig kitschige) großartige Leuchter über dem Esstisch aus Meissener Porzellan, das Spiegelkabinett usw. usw. Was einen nach all diesem Pomp geradezu überwältigt, ist der letzte Raum bei der Schlossbesichtigung: Das noch im Rohbau befindliche nördliche Treppenhaus, dass in seiner Schlichtheit eines ungeschmückten Ziegelbaus genauso viel Ausstrahlung besitzt, wie alles zuvor Gesehene.

Herrenchiemsee, Parkanlage mit Wasserspielen vor dem Neuen Schloß (Panorama-Ansicht) © Bayerische Schlösserverwaltung (Foto: Konrad Rainer, Salzburg) www.herrenchiemsee.de

Herrenchiemsee ist für mich schlicht jedes Mal aufs Neue beeindruckend: Die Akribie, mit der der Schlossgarten angelegt wurde, die kunsthandwerkliche Leistung der beteiligten Gewerke bei der Ausstattung der Räume, der völlig irrwitzige Prunk sind immer wieder einmalig. Aber auch die Schattenseite dieser traumhaften Welt überfällt mich erneut bei jedem Besuch: Überall ist die Tragik dieses Königs spürbar, der mehr und mehr aus der Welt fällt. Nie haben Besucher eines seiner Schlösser beehrt, nie wurde von ihm ein Fest gegeben und er selbst hat in Herrenchiemsee nur einige wenige Tage verbracht. Seine Traumwelten konnten ihn nicht glücklich machen, sie waren ein misslungener Fluchtversuch.

Der Mann, der sich und anderen »ein ewig Rätsel« bleiben wollte, ist durch seine Schlösser zum Mythos geworden und hat über seinen Tod hinaus bis heute eine Ausstrahlung, der man sich nur schwer entziehen kann.


Titelbild: Paradeschlafzimmer, Neues Schloss Herrenchiemsee © Bayerische Schlösserverwaltung, www.herrenchiemsee.de


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