»The Highest Level« – die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker

Die Berliner Philharmoniker betreiben bereits seit 2008 die Digital Concert Hall, ein Pionierprojekt, das die Philharmonie aus ihrem analogen Elfenbeinturm in die digitalisierte Weite bringen soll. Ich habe das Angebot getestet, um herauszufinden, ob der Versuch der Demokratisierung funktioniert, ob die Nutzung des Mediums im Alltag eines interessierten Dilettanten realisierbar ist und ob sie sich überhaupt anbietet.

Zunächst die schnöden Fakten. In die Nutzung des Angebots investiert man zweierlei: Geld und Zeit. In der »Abonnement«-Variante zahlt man für den unbegrenzten Zugang 14,50 Euro im Monat, es gibt aber auch sogenannte Tickets, die den geneigten Nutzerinnen und Nutzern Zugänge über einen Zeitraum von 7 Tagen (9,90 Euro), 30 Tagen (19,90 Euro) und 12 Monaten (149,00 Euro) verschaffen. Es drängt sich der Vergleich zu Spotify und Co. auf, die jeweils etwas unter dieser Preisklasse liegen und dafür Klassik en masse anbieten. Lohnt sich das Angebot der Digital Concert Hall also? Will man Klassik am Fernseher oder am Computer hören und sehen?

Tatsächlich zeigt sich mir schnell, dass das Angebot an Konzerten zwar deutlich erschöpflicher ist als das der Streaming-Giganten, ein Vergleich jedoch wenig angebracht scheint. Spotify bietet zwar Unmengen an klassischer Musik, das Angebot der Digital Concert Hall richtet sich jedoch an ein vollkommen anderes Interesse. Sie bedient nicht das Verlangen, Klassik zu hören, sondern sie zu entdecken – und das aus erster Hand.

Qualitativ wie technisch: »The Highest Level«

Bei den zum Streamen angebotenen Konzerten handelt es sich sowohl klanglich als auch optisch um qualitativ sehr hochwertige Aufnahmen – wobei sich Ersteres natürlich als Grundvoraussetzung erklärt. Mich haben besonders die Nahaufnahmen der Musiker begeistert, die auffällig harmonisch mit der Musik geschnitten sind. Man tritt in eine sehr innige, fast schon voyeuristische Beziehung zu den Agierenden, die man auch bei leiblicher Anwesenheit so nie erfahren kann. Das streichelt das Verlangen des visuell verwöhnten Mediennutzers.

Der Zugang zu diesen Aufnahmen ist jedoch sehr abhängig von den Endgeräten, auf denen sie geschaut und gehört werden. Eine Vielzahl an Geräten kann auf die Digital Concert Hall zugreifen, die Sinnhaftigkeit davon ist jedoch meistens fraglich. Um etwas von dem Angebot zu haben, benötigt man ein digitales Endgerät mit qualitativ hochwertiger Bild- und Tonausgabe – also einen Computer oder einen Smart-TV mit guten, großen Boxen. Für die meisten Menschen bedeutet das, dass sie eine bessere Soundqualität haben, wenn sie CDs oder Musikstreaming-Dienste nutzen, denn diese sind meistens von vornerein an bessere Boxen angeschlossen. Ohne gute Soundqualität fehlt der Digital Concert Hall »der Wumms«, den eine Liveorchester mit sich bringt, und das Erlebnis lässt zu wünschen übrig. So stellt sich für mich auch die Frage, wer das Angebot wirklich mit dem Handy oder Tablet nutzen würde. Für Klassikliebhaber, die nicht einfach in eine nahegelegene Philharmonie spazieren können

und die mit den entsprechenden Mitteln ausgestattet sind, ist das Angebot jedoch eine gute Alternative. Für diese Zielgruppe sind sicher auch die Liveübertragungen am interessantesten.

Ein Angebot, die Welt der Klassik zu entdecken

Trotz dieser Einschränkungen gelingt die Demokratisierung der Philharmoniekultur. Hinter der Paywall, die für Studierende sowie für Musiklehrerinnen und -lehrer günstiger zu knacken ist, verbirgt sich vor allem die Möglichkeit, die Welt der Klassik zu entdecken. Zum einen lädt die Katalogisierung der Konzerte zum Durchklicken ein: Man kann nach Dirigenten, Komponisten, Solisten, Genres und vielem mehr filtern. Zum anderen gibt es neben den Konzerten eine Reihe von Dokumentationen, Interviews und Ähnlichem, die der Philharmonie die kühle, elfenbeinartige Anonymität raubt. Ich wollte nur kurz in einen dieser Filme reinschauen, bin dann aber in den Bann der Dokumentation »The Highest Level« gezogen worden, die zeigt, wie die Philharmoniker unter Leitung von Sir Simon Rattle zusammen mit Lang Lang eine Aufnahme durchführen. Dies alles macht aus dem Klassik-Wust eine zu erfassende Größe, die auch für Un- und Kaumwissende wie mich bereichernd ist. Eine Suche nach vergleichbaren Portalen war erfolglos.

Die Digital Concert Hall bietet so die Möglichkeit, Klassik recht umfassend zu erfahren, ohne auf ein Philharmonie-Abonnement oder ausgiebige Lektüre angewiesen zu sein. Insofern ist auch der Preis zu vertreten, auch wenn sich die Frage stellt, warum der Rabatt nicht für Geringverdienende angeboten wird. Wie die Dokumentation »The Highest Level« präsentieren sich die Berliner Philharmoniker somit zwar noch recht »elitär«, gleichzeitig aber auch menschlich und nahbar.

 

Von |2018-07-27T11:08:06+00:0027.07.2018|Allgemein, Digitalisierung, Musik / Audio|

Über den Autor:

Nils Bühler
Medienwissenschaftler (B.A.). Studiert derzeit Medienkulturwissenschaft im Master an der Universität zu Köln. Seine Studienschwerpunkte sind Game Studies, Medientheorie und die soziale Wirkung von Medien.

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