Mit den Känguru-Büchern von Marc-Uwe Kling konnte ich nie so richtig was anfangen. Während andere überschwänglich davon schwärmten, war ich maximal »so mittel« angetan. Jetzt habe ich zu Weihnachten das Hörbuch zu Klings Werk »QualityLand« geschenkt bekommen, und es hat mich sehr begeistert. Ein Hörbuchtipp für alle, die mit dem Thema Digitalisierung zu tun haben!

Ein wenig gewöhnungsbedürftig fand ich das Hörbuch zunächst schon. Es handelt sich dabei nämlich um eine Live-Lesung des Autors, der zwar sehr gut lesen kann, in meinen Ohren allerdings nicht an die Leistung eines professionellen Sprechers heranreicht. Andererseits sind die Reaktionen des Publikums ein Mehrwert, und ich habe großen Respekt vor einer über achtstündigen Live-Lesung (wo und wie auch immer die zustande gekommen sein mag).

Hat man sich einmal eingehört, ist man gefesselt. Die Geschichte »QualityLand« quillt über vor guten und witzigen Ideen, ist skurril und intelligent, spannend und überraschend. Doch worum geht es eigentlich?

 

Darum geht’s

»QualityLand« beschreibt ein Land, das sich aufgrund seiner etwas »schwierigen Geschichte« aus Marketinggründen umbenannt hat. Dort – der Roman spielt in »naher Zukunft« – sorgt die Digitalisierung für ein perfektes Leben. Es gibt selbstfahrende Autos, die wissen, wo man hinwill. Und wer bei TheShop angemeldet ist, bekommt alle Produkte, die er haben will, zugeschickt, ganz ohne sie bestellen zu müssen. Das System weiß, was man will. Auch über Freunde und den richtigen Lebenspartner muss man sich keine Sorgen machen. Der eigene digitale Assistent und die Dating-Plattform QualityPartner finden beides im Handumdrehen.

Hauptfigur in der Geschichte ist Peter Arbeitsloser. Der Name hat System, denn in QualityLand trägt jeder den Beruf des Vaters oder der Mutter als Nachnamen. Peter Arbeitsloser selbst ist Maschinenverschrotter. Er hat zwar Freunde (ausgesucht von seinem digitalen Assistenten), eine Partnerin (gefunden über QualityPartner), dennoch ist er nicht zufrieden. Ihn quält das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und er nicht das Leben führt, das er führen möchte. Aber das kann ja eigentlich gar nicht sein. MyShop liefert ihm abends das Bier, dass er sich angeblich gewünscht hat und er besucht die Restaurants, die für ihn die besten sind. Kurz: er bekommt in jeder Lebenslage das, was er will. Denn: Algorithmen können sich gar nicht irren, oder?

Zwar hat Peter Arbeitsloser nur einen Level unter zehn und ist damit ein Nutzloser, aber das ist es nicht, was ihn stört. Als Nutzloser muss er zwar länger beim Arzt warten, hat weniger Rechte und bekommt längere Lieferzeiten bei Bestellungen. Dies ist Peter Arbeitsloser aber egal. Auch die Tatsache, dass er als Maschinenverschrotter kaum Kunden hat und nur wenige kaputte KI-Systeme seinen Laden betreten, um sich verschrotten zu lassen, bereitet ihm keinen Kummer. Im Gegenteil: Da er es nie übers Herz bringt, die Maschinen wirklich zu verschrotten, hat er schon den Keller voll mit »kranken« Robotern, wie etwa eine Drohne mit Flugangst oder einem Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung. Es ist eher der diffuse Eindruck, ein »falsches Leben« zu leben, dass ihn unter der Oberfläche »juckt«.

Überzeugt von seinem Verdacht ist Peter Arbeitsloser allerdings erst dann, als ihm ein rosafarbener Delphinvibrator zugestellt wird, von dem er wirklich sicher ist, ihn nicht haben zu wollen. Erst da begibt er sich – gemeinsam mit seinen Roboterfreunden – auf die Suche nach dem Fehler im System.

 

Mein Fazit

QualityLand ist eine intelligente Satire, die beängstigend nah an den digitalen Möglichkeiten der Gegenwart anknüpft. Wenig von dem, was Marc-Uwe Kling beschreibt, ist wirklich undenkbar, vieles sogar schon da. Seine bissige Darstellung der politischen Protagonisten in QualityLand ist weitsichtig und weise – und vor allem sehr gut vorstellbar. Besonders gut gefallen hat mir die Figur eines »alten Weisen«, der in einem daten- und genundurchlässigen Schutzraum an einem uralten PC mit Tastatur sitzt und Peter die Welt erklärt. Seine Gedanken sind erschreckend und erschreckend schlüssig. Sie weisen auf die vielen rechtlichen und ethischen Probleme hin, die es in Zeiten der Digitalisierung dringend zu lösen gilt.

Auch wenn das Hörbuch mit über acht Stunden sehr lang ist und an manchen Stellen Kürzungen gut vertragen könnte: Wer eine längere Autofahrt vor sich hat, sollte QualityLand mitnehmen. Es lohnt sich!