Beim vergangenen KulturInvest-Kongress wurde ich auf die Arbeit von Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin aufmerksam. Kosky wurde dort als »Kulturmanager des Jahres« nominiert und in einem Kurzporträt vorgestellt. Dieses hat meine Neugierde geweckt, und so bin ich vergangenes Wochenende mitsamt Familie nach Berlin, um Koskys Produktion der »West Side Story« zu besuchen. Ich muss sagen: Es hat sich gelohnt!

Mit der »West Side Story« verbinde ich vor allem die Verfilmung von 1961, die ich als Kind mehrfach gesehen habe und furchtbar traurig fand. Und die immer mal wieder ausgestrahlte TV-Dokumentation »The Making of West Side Story«, bei der José Carreras »Maria« einsingt und Leonard Bernstein erst nach einigen Anläufen zufriedenstellen kann.

Die Geschichte der West Side Story muss ich wahrscheinlich kaum jemandem erzählen, daher nur ganz kurz: Leonard Bernstein schrieb die Musik zu dieser modernen Version von Romeo und Julia, erzählt von Arthur Laurents. Angesiedelt in den 50er-Jahren wird die Geschichte zweier amerikanischer Gangs erzählt – den Sharks (frisch eingewanderte Puerto-Ricaner) und den Jets (Amerikaner). Die Gangs hassen und bekriegen sich, dennoch verliebt sich Jet-Mitglied Tony in die Schwester des Shark-Anführers Bernardo. Sie heißt Maria und ist die Titelfigur des gleichnamigen Songs. Es kommt, wie es kommen muss: Bernardo ist gegen die Beziehung, was in einem Messerkampf der Gang-Anführer endet, bei dem beide getötet werden. Der Chef der Jets, Riff, stirbt durch Bernardos Messer, worauf Tony schließlich Bernardo tötet. Damit wird die Liebe zwischen Maria und Tony endgültig unmöglich, auch wenn Maria ihm verzeiht. Das Musical endet damit, dass Tony von den Sharks erschossen wird und Maria ihn betrauert.

Ich habe mich sehr gefreut, die Geschichte endlich einmal live erleben zu dürfen, war aber skeptisch, inwieweit die Aufführung in Berlin an meine Bilder im Kopf herankommen würde. Die eindringlichen Szenen des Film-Klassikers sind in meiner Vorstellung immer noch sehr lebendig.

Meine Skepsis war nach wenigen Minuten bereits verflogen: Regisseur Kosky hat zusammen mit dem Choreografen Otto Pichler eine wahrlich wunderbare Inszenierung auf die Bühne gebracht! Von der ersten Minute an fesseln Bühnenbild und Tänzer mit ihrer temporeichen Performance, überzeugendem Gesang und einer insgesamt sehr gelungenen Darstellung.

Dabei ist vor allem das Bühnenbild äußerst zurückgenommen: Im Hintergrund wirkt lediglich eine Ziegelmauer, welche die klassische Hinterhöfe-Atmosphäre New Yorks symbolisiert. An den Seiten der Bühne sind zwei Wandleitern aus Metall befestigt, das ist auch schon alles. Ab und zu erscheint ein Bett auf der Bühne, auf dem Maria mit ihrer Freundin sitzt, oder auch ein kleines Metallgerüst, das als Balkon dient. Dieses minimalistische Bühnenbild verfehlt seine Wirkung nicht: Menschen stehen im Mittelpunkt, man ist extrem auf die Darstellerinnen und Darsteller fokussiert, die mittels intelligenter Lichteffekte perfekt ins Bild gesetzt werden.

Die Tanzszenen, die das Musical über weite Strecken tragen, wurden von Otto Pichler radikal modernisiert und unglaublich dynamisch umgesetzt. Es herrscht während der gesamten Aufführung ein enormes Tempo auf der Bühne, das sehr beeindruckend ist. Vor allem, wenn man bedenkt, dass nach den anstrengenden und schnellen Tanzsequenzen nahtlos die Songs einsetzen, die jedes Mal auf den Punkt gelingen und in keiner Weise atemlos wirken.

Ein großes Lob auch an das Orchester der Komischen Oper Berlin. Die Musik, die – wie das gesamte Musical – einfach großartig ist, wirkte ebenfalls unglaublich modern und zeitgemäß. Besonders gefallen hat mir, wie gelungen das Orchester die Vielseitigkeit in der Musik aufgreift und herausstellt. Die große Varianz in Bernsteins Musik kommt dadurch voll zur Geltung.

Bleiben die Hauptfiguren: Maria und Tony, dargestellt von Sopranistin Alam Sadé und Tenor Johannes Dunz. Beide haben ihre Rollen wunderbar dargestellt und vor allem grandios gesungen. Insbesondere Tony hat mich mit seiner Interpretation des Songs »Maria« extrem begeistert – ein Gänsehautauftritt!

Mit anderen Worten: Die Standing Ovations des Publikums am Ende der Vorstellung waren wirklich verdient! Ein ganz wunderbarer Abend – übrigens für die ganze Familie.

Einen Wermutstropfen gab es allerdings: Da es unser erster Besuch der Komischen Oper war, kannten wir die Sitzanordnung nicht. Die Publikumsreihen sind kaum ansteigend, sodass man wirklich nur sehr schlecht sehen kann. Das hat uns negativ überrascht. Schwierig war die eingeschränkte Sicht natürlich vor allem für unseren Junior, sie hat aber auch mich gestört. Sehr schade, aber wohl ein nur schwer lösbares architektonisches Problem in dem traditionsreichen Haus. Möglicherweise ändert sich dies durch die ab 2022 geplante Sanierung.

Weitere Spieltermine:

  • 27. und 28. März 2019
  • 9., 20. und 23. April 2019
  • 5., 18., 26. und 27. April 2019
  • 18. Mai 2019

Artikelfoto: © Iko Freese / drama-berlin.de