Der Podcast „Barock@Home“ der Bachakademie Stuttgart versucht, Interessierten und Kulturbegeisterten die geistliche Musik Bachs näher zu bringen. Sabine Haas hat ihn für den Kultur-Blog getestet – und ist (fast rundum) begeistert.

Besondere Zeiten erfordern besondere Mittel. Und manchmal ist das Ergebnis so gut, dass man sich fragt, warum es das nicht immer schon gab. So zum Beispiel im Falle des Podcast „Barock@Home“ der Internationalen Bachakademie Stuttgart.

„Corona hat uns gezwungen, viele analoge Formate auszusetzen. So auch unser moderiertes, mobiles Konzertformat ‚Hin und weg!‘, das sehr viel Zuspruch bekommen hat. Um eine digitale Alternative zu bieten, haben wir diese Podcast-Reihe aufgesetzt“, erläutert Christine Roth, Leiterin Kommunikation, Internationale Bachakademie Stuttgart. So wurde das Podcast-Projekt „Barock@Home“ zwar aus der Not geboren, stellt aber in keiner Weise ein Provisorium dar. Im Gegenteil: Die Idee, auf digitalem Wege regional unabhängig alle Interessierten an dem umfangreichen Wissen der Bachakademie teilhaben zu lassen, ist naheliegend und überzeugt sofort.

Die Intention des als Gesprächsformat angelegten Podcast ist es, geistliche Barockmusik vorzustellen und in einer sehr persönlichen Art und Weise zu beleuchten. Dabei geht es nicht so sehr um die Betonung der Wichtigkeit des jeweiligen Werkes, sondern um eine etwas andere Perspektive: Die zwei Protagonisten, Akademieleiter Hans-Christoph Rademann und Chefdramaturg Henning Bey, schärfen den Blick für die vielen großartigen Details in den Kompositionen, aber auch für den subjektiven Wert, den die Musik für das Publikum haben kann. Es ist eine Spurensuche, die sehr liebevoll und kenntnisreich durch ein bestimmtes Thema führt.

Pünktlich zu Weihnachten veröffentlicht „Barock@Home“ eine Podcast-Folge, die sich mit dem Weihnachtsoratorium von J.S. Bach beschäftigt: Episode 5 – Bachs Weihnachtsoratorium – Mediathek der Internationalen Bachakademie Stuttgart

In entspannter Atmosphäre unterhalten sich Rademann und Bey über Bachs Meisterwerk von 1734. Abschnitt für Abschnitt „arbeiten“ sich die beiden Bachkenner durch das Werk, immer unterstützt durch Musikbeispiele. In für mich als Musiklaie gut verständlicher Art und Weise wird erläutert, wie das Oratorium aufgebaut ist und in welche Abschnitte sich das Stück gliedert.

Man erfährt, dass Bach das Werk für eine Aufführung über sechs Sonntage hinweg konzipiert hatte (erster Weihnachtsfeiertag 1734 bis Epiphanias-Sonntag 1735), um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich über einen längeren Zeitraum mit dem Thema auseinander zu setzen. Diese Auseinandersetzung mit den verschiedenen Botschaften der Weihnachtsgeschichte zeichnet das Gespräch nach. Anhand der Musikbeispiele wird erläutert, welche kompositorischen Besonderheiten sich in den verschiedenen Kantaten finden lassen und wie Bach mit der Instrumentation an vielen Stellen die Aussagen der Liedtexte gezielt unterstützt.

Auch für kirchenferne und wenig mit geistlicher Musik befasste Zuhörer*innen wie mich sind die Erläuterungen von Hans-Christoph Rademann spannend und interessant anzuhören. Vor allem die Ausleuchtung einzelner Werkausschnitte und die Interpretation, die sich nach Ansicht von Rademann aus der Komposition „herauslesen“ lässt, haben mich gefesselt. Mir haben die Ausführungen dabei geholfen, einen stärkeren Zugang zur Musik zu bekommen und die Sicht des Komponisten kennenzulernen. Besonders gefallen hat mir die Liebe zum Detail, die Rademann an den Tag legt. Man merkt, dass ihm daran gelegen ist, den Komponisten Bach so gut wie möglich zu verstehen, um seiner Musik gerecht zu werden.

Eine – wie ich finde – nette Besonderheit des Podcast: Das Musikgespräch ist eingebettet von zwei Zitaten, zu Beginn Peter Härtling und am Ende Dorothee Sölle, die beide ihre Gedanken zu Bachs Weihnachtsoratorium formuliert haben.

Insgesamt ist Barock@Home Episode 5 aus meiner Sicht ein sehr empfehlenswerter Podcast, der durchaus Lust auf mehr macht. Allerdings schreckt mich die Länge des Formats. Mehr als eine Stunde halte ich für sehr lang im Blick auf Art und Inhalt des Angebotes. Natürlich richtet sich das Angebot nach der Zielgruppe, doch auf die Frage, wer mit der Podcast-Reihe erreicht werden soll, erklärt mir Christine Roth: „Wir richten uns an Interessenten und Kulturbegeisterte. Mit den digitalen Angeboten erreichen wir vor allem die Zielgruppen zwischen 30 und 59 Jahren.“ Hier gehöre ich ganz eindeutig dazu. Und für mich ist eine solche Werkanalyse ein interessantes Wissen, mit dem ich gerne mein Kerninteresse, nämlich die Rezeption klassischer Musik, ergänze. 30 bis 45 Minuten würden mir daher vollauf genügen. Ich glaube, eine Kürzung würde dem Angebot guttun, vor allem im Blick auf jüngere Zielgruppen.

Trotz der (Über?)-Länge werde ich die digitalen Aktivitäten der Bachakademie in jedem Fall weiterhin verfolgen. Ich bin gespannt, wie die Podcast-Serie weitergeht und ob es noch weitere digitale Angebote geben wird. Und wenn die Corona-Beschränkungen vorbei sind, werde ich auch sicher einmal nach Stuttgart reisen, um die beiden Ensembles der Bachakademie live zu sehen. So hat die Corona-Krise wenigstens ein klein wenig Gutes: Die Bachakademie erreicht Menschen, die bisher noch nicht mit ihr in Berührung gekommen waren. Immerhin.