Am Wochenende war ich wieder mal im Theater Hagen, einer Opernspielstätte, die ich immer wieder gerne besuche. Eine Freundin hat mich eingeladen, mit ihr gemeinsam die Oper „Cardillac“ von Paul Hindemith anzuschauen.

Ich wusste nicht, was mich erwartet und habe mich daher zunächst bei den Kritiken schlau gemacht. Sie versprachen Gutes, warnten aber auch: „Jochen Biganzoli wählt einen sehr abstrakten, zum Bauhaus-Jahr passenden, Ansatz, der das Stück für das Publikum allerdings nicht unbedingt zugänglicher machen dürfte.“

Damit hatte die Kritik Recht. Tatsächlich gehört Cardillac für mich als Besucherin eher zum „fortgeschrittenen-Repertoire“. Es forderte mir viel ab, der Inszenierung, dem musikalischen Erleben und dem teilweise sehr abstrakten Text des Librettos folgen zu können. Dennoch würde ich den Abend als gelungen bezeichnen.

Cardillac von Paul Hindemith am Theater Hagen

Fotograf/Rechte: Klaus Lefebvre/Theater Hagen

Die Geschichte ist schnell erzählt: In einer Stadt wütet ein Massenmörder, der in auffallender Weise nur die Kunden eines bestimmten Goldschmiedes überfällt, tötet und beraubt. Bald wird deutlich, dass dieser fast übermenschlich begabte Goldschmied mit Namen Cardillac selbst der Täter ist. Er kann sich von seinen Werken nicht trennen und tötet jeden, der mit einem seiner Stücke die Werkstatt verlässt.

Die Handlung basiert auf der Novelle Das Fräulein von Scuderi (1819/21) von E. T. A. Hoffmann. Hindemith überträgt die Geschichte in seinem Werk, das 1926 uraufgeführt wurde, in drei Akte, die die Handlung komprimiert erzählen. Mit nur eineinhalb Stunden ist Cardillac eine sehr kurze, aber auch kurzweilige Oper.

Man würde denken, dass es vor allem die Musik ist, die eine Herausforderung darstellt. Das ist aus meiner Sicht nicht der Fall. Obwohl Hindemith der neuen Musik und damit der atonalen Komposition angehört, ist Cardillac musikalisch mitreißend, sehr klangvoll und nicht wirklich sperrig. Die musikalische Darbietung, sowohl von Chor und Sängern als auch vom Orchester, ist beeindruckend und überaus imposant.

Sperriger dagegen ist das Libretto: Verstärkt durch eine sehr abstrakte und symbolhafte Inszenierung war es zumindest für mich an vielen Stellen schwierig, der Handlung auf der Bühne zu folgen und diese mit dem Text in Zusammenhang zu bringen. Die verschiedenen Ebenen, in denen Musik, Libretto und Inszenierung teilweise unterwegs sind, machen die Rezeption des Gesamtwerkes zu einer Herausforderung. Cardillac in Hagen präsentiert ein Puzzle, dass verschiedene Interpretationen zulässt und auch Fragezeichen setzt. Vielleicht ist aber genau das auch gewollt.

Aber obwohl die Inszenierung den Zugang zu Cardillac nicht gerade vereinfacht hat, ist auch sie eher zu loben als zu kritisieren. Die verwendeten Bilder sind stark, die Videoinstallationen beeindruckend und die ausdrucksstark gewählte Erzählweise von Jochen Biganzoli passt perfekt zu dieser kraftvollen Oper.

Insgesamt kann man sagen: Ein interessanter Abend, wobei dieses „interessant“ in keiner Weise als despektierlich zu verstehen ist, sondern das Erleben tatsächlich auf den Punkt bringt. Wer mutig ist, der gehe hin! Im Januar gibt es noch einige Termine.

 

Header-Foto: Klaus Lefebvre/Theater Hagen