Viele Museen haben nach langer Corona-Pause wieder geöffnet. Trotzdem kann man nicht behaupten, der Kulturbetrieb hätte wieder zur Normalität zurückgefunden – und das wird er vermutlich für eine ganze Weile auch nicht. Wie also jetzt Kultur vermitteln? Videokunst, Serien, Games und andere ohnehin (inzwischen) meist digitale Kunst genießen verständlicherweise zurzeit eine erhöhte Auslastung, aber was ist mit all dem Material, das in den Museen sonst so große Aufmerksamkeit erlangt und jetzt ein eher staubiges Nischendasein führt?

Die digitale Welt bietet reichlich Möglichkeiten: Der virtuelle Museumsrundgang durch das Deutsche Museum, der digitale Katalog des Museum Ludwig und die digitale Ausstellung zum Leben am Toten Meer des Staatlichen Museums für Archäologie Chemnitz (smac) sind – aus ganz unterschiedlichen Gründen – gute Beispiele für die digitale Aufbereitung musealen Materials. Alle drei Projekte sind schon vor der Coronakrise angelaufen, was vor allem zeigt: Eine gute Aufbereitung braucht Zeit. Sie sind alle auch äußerst komplex und materialreich. Das smac etwa leistet beeindrucke Arbeit bei einer fast schon narrativen Aufarbeitung dieses Materials, die zum Entdecken anregt, steht damit aber recht allein (für widersprechende Hinweise wäre ich sehr dankbar). Sicher kann man die Audiotour durch das virtuelle Deutsche Museum machen, aber ohne die Sachen materiell vor Augen zu haben, hat das Ganze doch eher den Charme einer Diashow. Und der digitale Katalog vom Museum Ludwig ist als wissenschaftliche Quelle angelegt, was auch nicht besonders einstiegsfreundlich ist. Solche Berge an Informationen haben durchaus ihren Reiz (sagt der Medienkulturwissenschaftler in mir), aber zum fröhlichen, geleiteten Erkunden ohne viel Vorwissen eignen sich solche Datensammlungen eher weniger.

 

Wie vermittelt man museales Wissen online?

Kürzlich bin ich auf ein gemeinsames Chatbot-Projekt von Chapter One, radioeins, Spiegel-Online, der Deutschen Welle und dem Online-Magazin Republik gestoßen. Für „Hier kommt Alex!“ wurde ein Chatbot als Alexander von Humboldt programmiert, mit dem man fröhlich „plaudern“ kann.

Grundsätzlich stehe ich der Chatbot-Thematik eher skeptisch gegenüber. Mir hat sich der persönliche Nutzen bislang nicht wirklich erschlossen, eine gut strukturierte Webseite ist mir deutlich lieber, wenn ich nach Informationen suche. Sie können im Kundenservice großer Unternehmen (und dazu gehören auch einige Vertreter der Kulturbranche) nützlich sein, solange sie einen an fähige Menschen weiterleiten, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Und sicherlich gibt es Menschen, die mit dieser Art der Informationsbeschaffung mehr anfangen können als ich. Aber als jemand, dem das Thema Datenschutz wichtig ist, missfällt es mir, Frage-Antwort-Spielchen mit einem Algorithmus zu spielen – vor allem, wenn der mit Unternehmen wie Facebook verbunden ist. Außerdem werden Chatbots häufig als ein Allheilmittel angepriesen, was sie einfach nicht sind. Ein Chatbot des Chatbots willen allein hilft niemandem.

Aus Neugier habe ich „Hier kommt Alex!“ dann aber doch mal ausprobiert (und mich damit als Datenschutz-Heuchler bewiesen), und musste mir eingestehen, dass ein dramaturgisch gut durchdachter Chatbot durchaus wertvoll sein kann. Der „Chat“ mit Humboldt ist großartig gestaltet. Freie Eingaben lässt er nicht zu, die anklickbaren Fragen sind aber intelligent gewählt. Sie ermöglichen, das Erzähltempo und den narrativen Fokus Humboldts, den man ausführlich über seine Amerikareise befragen kann, nach eigenem Interesse und Vorwissen anzupassen. Seine prägnant gehaltenen Erzählungen sind gespickt mit Bildern und Verweisen, die die eigene Neugier und auch die narrativ-masochistische Faszination ständig erneuern. So etwa berichtet er über Schnitt- und Ätzexperimente an sich selbst. Die Frage-Antwort-Folgen sind dabei humorvoll kreiert.

Ich möchte nicht in dieselbe Falle tappen wie die oben kritisierten Allerheilmittel-Artikel und Projekte wie „Hier kommt Alex!“ in den Himmel loben. Auch dieser Bot nutzt Datenriesen wie Facebook und Instagram. Als packenden und intelligenten Storytelling-Versuch kann man ihn jedoch wertschätzen. Vielleicht gibt es von seiner Sorte bald mehr – am besten auf weniger datenintensiven Plattformen.

Leider ist von „Hier kommt Alex!“ nur noch ein Kapitel zugänglich, zum Reinschnuppern reicht’s aber.