Die Lockdowns während der Coronapandemie haben viele digitale Angebote von eigentlich nicht-digitalen Institutionen hervorgebracht. Viele gute und auch nicht so gute Beispiele haben wir hier auf dem Kultur-Blog schon besprochen. Doch wie steht es um die digitalen Kulturangebote im Gesamten? Sabine Haas gibt eine Einschätzung.

 

In Zeiten von Corona bleibt den Kultureinrichtungen nur der eine Weg, um mit dem Publikum in Kontakt zu kommen: Das Internet. Es ist also kein Wunder, dass es inzwischen ein extrem breites Angebot an digitaler Kultur gibt und dieses Angebot täglich weiter wächst. Kulturinteressierte können digital Konzerte besuchen, Theater-Livestreams verfolgen, 360-Grad-Apps auf ihr Handy laden, Podcasts abonnieren und vieles mehr. Das ist toll, denn es zeigt, wie breit die Möglichkeiten digitaler Kulturerfahrungen inzwischen sind.

Dennoch: Immer noch sind viele dieser digitalen Kulturevents eher „Notlösungen“ oder „Ausweichangebote“, die die Pandemie als Ausnahmesituation hervorbringt und die nicht wirklich überzeugen. Der Grund: Vieles ist nicht durchdacht, einiges technisch sehr aufwändig und oft ist die Hürde bei der Nutzung so groß, dass man schon vor dem Einstieg abgeschreckt ist.

Nach einer Reihe von „digitalen Kulturbesuchen“ bekomme ich mehr und mehr den Eindruck, dass es noch eine Weile dauert, bis sich eine attraktive und sinnvolle „digitale Kulturlandschaft“ herausgebildet hat, deren Besuch wirklich Spaß macht – und zwar nicht nur in Zeiten einer Pandemie.

Einige Beispiele sollen verdeutlichen, was gemeint ist:

Digitale Konzerte

Digitale Konzerte werden inzwischen von fast allen Konzerthäusern in der einen oder anderen Form angeboten. Entweder per Livestream oder in Form eines On-Demand-Angebotes können Video-Übertragungen von Konzerten oder aktuellen Aufführungen besucht werden. Da Konzertübertragungen von jeher im Fernsehen gezeigt wurden, ist diese Form digitaler Kulturangebote geübt und inzwischen weitgehend professionalisiert.

Die Herausforderung: Die Teilnahme an einem Konzert-Livestream macht nur dann richtig Spaß, wenn das eigene technische Equipment entsprechend ausgebaut ist. Mit einem großen Bildschirm und einem entsprechenden Audiosystem ist es ein Vergnügen. Weniger attraktiv ist ein solches Konzert mit einem Tablet und Kopfhörern. Da Kulturinteressierte und Cineast*innen nicht immer mit einer guten TV-Ausstattung ausgerüstet sind, ist das Equipment für viele tatsächlich ein Problem. Auch fehlt die Interaktion mit dem restlichen Publikum. Entsprechend sind es oft nicht viele Gäste, die sich bei den Live-Konzerten anmelden. Manchmal hat man sogar den Eindruck, es gibt weniger Zuschauer*innen als Musiker*innen.

Dennoch: Digitale Konzerte sind sicher ein Bestandteil der Kulturlandschaft, der nicht nur in Zeiten einer Pandemie seine Berechtigung hat.

Was aber bisher nicht gut funktioniert: Es gibt wenig übersichtliche Kalender für die digitalen Konzertangebote und auch die einzelnen Häuser haben oftmals keine verständliche Übersicht über die digitalen Angebote und die Zugangsvoraussetzungen bzw. Preise. In Sachen Preis ist außerdem eine sehr große Spanne zu verzeichnen: Zwischen umsonst (z.B. Gürzenich) und nur gegen ein Abo erhältlich (z.B. Berliner Sinfoniker) ist alles dabei. Hier muss sich sicher noch ein „gerechter“ Marktpreis etablieren.

Digitales Theater

Was sich bei Klassik-Konzerten etabliert hat, ist beim Theater noch „Neuland“. Live-Streams für Theateraufführungen zu finden ist deutlich schwieriger, auch gibt es oftmals von den Theatern nur Diskussionsrunden, ältere Stücke oder Probenzusammenschnitte. Anders als beim Konzert ist die filmische Dokumentation von Theaterstücken nicht üblich (es sei denn bei TV-Übertragungen z.B. der Volkstheater). Eine Theateraufführung zu filmen ist technisch und personell deutlich aufwändiger als die Produktion eines Konzertfilms.

Entsprechend sind viele Angebote, die es derzeit gibt, nur von mittlerer Bild- und Tonqualität und überzeugen als digitale Alternative zum Live-Event nur begrenzt. Einige Theater bieten Hörspiele statt Videos an oder zeigen Szenen aus den Proben. Alles in allem sind diese Möglichkeiten, die sich für Theaterfans im digitalen Raum auftun, noch sehr mangelhaft.

Am besten gefällt mir in diesem Zusammenhang der Ansatz von Frontrow, bei dem man mittels virtueller Technik über ein entsprechendes Headset mitten auf der Bühne stehen kann. Darin könnte tatsächlich künftig viel Potenzial liegen.

Digitales Museum

Digitale Museen und digitale Ausstellungen findet man im Netz ebenfalls in großer Vielfalt. Der jeweilige Standard schwankt dabei sehr. Vom einfachen Foto der Ausstellungsstücke bis zum virtuellen Museumsraum ist alles dabei. Aber auch hier ist die Frage: Cui bonum? Was nützt es mir oder welches Erlebnis wird mir geboten?

Ein „realer“ Museumsbesuch ist eine Kombination aus der Architektur, den Kunstobjekten, der Dramaturgie einer kuratierten Ausstellung und oftmals auch einer Reise oder eines Ausfluges zum jeweiligen Museumsort. Im Digitalen gibt es diese Kombination so nicht. Die Besuchenden müssen andere Anreize erhalten, um sich mit einer digitalen Ausstellung auseinanderzusetzen. Mit Bildern zu Ausstellungsobjekten und ergänzenden Erklärtexten ist es dabei nicht getan.

Um attraktiv zu sein, sollte eine digitale Ausstellung eine Dramaturgie verfolgen und eine Geschichte erzählen. Sie sollte außerdem spielerisch und interaktiv ausgerichtet sein und zum Mitmachen animieren. Und zu guter Letzt sollte es keine technischen Hürden geben. Sucht man nach einem solchen Angebot, dann bleibt von der Vielfalt nicht mehr viel übrig.

Nur wenige schaffen es, sowohl attraktiv als auch leicht zugänglich zu sein. So ist beispielsweise die aktuelle Ausstellung in der digitalen Kunsthalle des ZDF sehr gut gemacht und entspricht inhaltlich den Erwartungen. Sowohl Handhabung als auch technische Umsetzung sind dagegen nicht richtig zufriedenstellend, da es teilweise zu Fehlermeldungen, teilweise zu sehr seltsamen Bildschirmaufteilungen kommt.

Mit anderen Worten: Ausstellungen im digitalen Raum haben mit Ausstellungen im realen Museum nur bedingt zu tun. Es wird darum gehen, die Erfolgsfaktoren für digitale Ausstellungen herauszuarbeiten und entsprechende Konzepte zu entwickeln, wenn sich dieses Format durchsetzen soll.

Fazit

Die Auflistung zeigt, dass der Weg hin zu einer attraktiven, gut auffindbaren und nutzbaren digitalen Kulturlandschaft noch weit ist. Es zeigen sich zwar täglich neue Versuche und Ansätze, aber der „Königsweg“ zeigt sich bislang noch nicht. Es wird noch einige Jahre des Experimentierens brauchen und natürlich auch entsprechender Budgets, um digitaler Kultur zum Durchbruch zu verhelfen.