Vor zwei Wochen hat Sabine Haas hier auf dem Kultur-Blog über digitale Kulturangebote geschrieben. Sie formulierte dort den Wunsch, dass sich bei Live-Streams oder digitalen Aufnahmen von Theateraufführungen noch mehr entwickeln muss. Nils Bühler sagt nun: Digitales Theater – das kann nichts werden.

 

Sabine hat, denke ich, in ihrem Artikel zu digitalen Kulturangeboten recht: In den letzten Monaten haben sich viele Kultureinrichtungen ins Zeug gelegt, um digitale Ausdrucksformen für ihre Künste zu finden, doch im Großen und Ganzen gibt es noch Luft nach oben. In einer Sache ist der Wunsch nach einer Entwicklung jedoch vergebens: Das Theater wird sich nicht ins Digitale übertragen lassen. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

Das Theater braucht physisch anwesendes Publikum

Der erste Punkt, geht aus der grundsätzlichen Frage hervor, was Theater eigentlich ist. Die Frage mag etwas ermüdend klingen und ihre Antworten können es sicher auch sein, doch wenn man auf der Suche nach den Möglichkeiten einer Kulturform ist, ist sie unumgänglich.

Um mich kurzzufassen: Theater kann alles Mögliche bedeuten – meist stehen Schauspieler*innen auf einer Bühne, aber müssen es nicht (man denke an Figurentheater). Kulissen, Musik, Beleuchtung, Theaterhäuser, Sitze, Dächer, Bildschirme, Leinwände – und sogar Bühnen – all das ist im Theater optional. Nur eine Sache, da ist man sich zumindest in der Theaterwissenschaft einigermaßen einig, darf nicht fehlen: die leibliche Kopräsenz von Aufführung und Publikum.

Digitalität geht nicht ohne Medium

Geht man dieselbe Frage von einer anderen Seite an, kann die eben gegebene Antwort etwas konkreter werden. Fragt man, was Theater von anderen Formen von Kommunikation (oder Kultur und Medien) mit Publikum unterscheidet, so ist es das Fehlen einer dazwischengeschalteten Instanz. Filme, Bücher, Fernsehen, Games, Radio – hier muss Kommunikation oder Performance durch ein Medium stattfinden. Bei einer Theateraufführung können Medien zwar zum Einsatz kommen, doch sind dann immer eingebunden in das größere Zusammenspiel der Aufführung. Jegliche Art von Stream oder Aufnahme einer Theateraufführung hingegen, kann nur durch ein Medium funktionieren. Danach kann es kein Theater mehr sein.

Die Suche nach anderen Ausdrucksformen

Nun könnte man sagen: Schön und gut, dann müssen wir den Theaterbegriff eben ausweiten, Kultur verändert sich eben. Es ist auch möglich, einen Hamlet vor einer 360-Grad-Kamera vorzuführen und auf diverse Endgeräte zu übertragen. Vergleichbare Ansätze gibt es übrigens schon recht lange, nur die großen Theaterhäuser sind hier etwas langsam. Ich sage auch gar nicht, dass solche Aufnahmen etwas Schlechtes sind. Im Gegenteil: In all dem stecken viele Chancen, auf die auch Sabine in ihrem Beitrag hinweist. Doch diese Inszenierungen sollte man klar von Theater trennen.

VR- oder andere Livestreams genauso wie Filmaufnahmen von Theateraufführungen sollten nicht als etwas Neutrales aufgefasst werden – dafür möchte ich plädieren. Vielmehr sollte reflektiert werden, dass man sich dann eine VR-Inszenierung oder eine Videoinszenierung anschaut, auch wenn die konkrete Aufnahme nicht für das verwendete Medium ausgelegt ist. Wenn man das Theater als das sieht, was es ist, nämlich eine genuin un-vermittelte Kulturform, muss man einsehen, dass sie sich nicht übertragen lässt. Wer es versucht, kreiert etwas anderes, nämlich eine Aufnahme.

Statt also das zu versuchen, was unmöglich ist, sollte man von der reichen Geschichte des Theaters lernen und die Möglichkeiten, die neue Medien mit sich bringen, in ihren Eigenschaften als voll nehmen und spezifische Ausdrucksformen dafür finden. Warum nicht eine VR-Inszenierung von Hamlet als genau das bezeichnen und anlegen? Nicht als Theater in VR, sondern vielleicht als neue, auch mittelbare, und gleichzeitig stark intime Art von Film. Dieses Selbstbewusstsein kann sicherlich tolle Erfahrungen hervorbringen. Doch ohne physisch anwesendes Publikum gibt es kein Theater. Das müssen wir leider gerade akzeptieren.