Wenn Serge Dorny erzählt, dann hört sich alles ganz einfach an: Eine Oper von Grund auf zu verjüngen und zu einem beliebten »Hot Spot« der Stadt zu machen? Scheint kein Problem! Das Publikum vollständig zu restrukturieren? Kriegt man wohl hin! Den Imagewandel vom »geschlossenen Eliteangebot« zum Dialog- und Kulturpartner für alle demographischen Gruppen? Braucht etwas Zeit, lässt sich aber bewerkstelligen.

Portrait de Serge Dorny, dircteur de l' Opéra de Lyon

Portrait de Serge Dorny, directeur de l‘ Opéra de Lyon / Copyright: Philippe Pierangeli

Während der Intendant der Opera de Lyon im 9. Stock seines schönen und düsteren Opernhauses von den vergangenen 13 Jahren berichtet, höre ich mehr und mehr verwundert zu. Dorny spricht über die von ihm initiierten brachialen Veränderungen, als handele es sich um das ganz normale Tagesgeschäft (und das ist kein Understatement). Für ihn ist die Entwicklung, wie sie die Opera de Lyon durchläuft, eine ganz natürliche. »Wir müssen uns öffnen, sonst werden wir verlieren«, so seine schlichte Erkenntnis.

Eine solche Öffnung innerhalb der doch oft sehr verkrusteten Strukturen hochkultureller Institutionen hinzubekommen, ist in meinen Augen keineswegs selbstverständlich. Wie viele Diskussionen habe ich als Medienforscherin im Rahmen kultureller Formate mit Verantwortlichen schon geführt, die immer den Tenor hatten: »Wenn wir uns verändern, geben wir unsere Qualität auf und entwerten die kulturellen Inhalte.«

Jetzt sitzt da ein Opernintendant vor mir und sagt völlig gelassen: »Wenn wir ein breiteres Publikum erreichen, steigern wir dadurch die Qualität unserer kulturellen Aktivitäten.« Egal, wie schnell Serge Dorny über seine Leistungen hinweggeht: Er hat in Lyon viel bewirkt, und ich glaube, dazu gehört eine ganze Menge an Ideenreichtum, Begeisterung, Mut und Zielstrebigkeit. Das unterstreicht er selbst, wenn er sagt: »Man muss für eine Aufgabe wie die Leitung einer Oper Enthusiasmus mitbringen. Und den ziehe ich persönlich daraus, dass Oper für mich ein notwendiges Genre ist. Wenn ich aber die Notwendigkeit nicht mehr nachweisen kann, zum Beispiel weil die Oper nur von einem kleinen Expertenkreis besucht wird, dann verliere ich meine Aufgabe.«

Seine Ideen erscheinen mir vorbildlich, denn sie zeigen auf, dass viele Einrichtungen bisher deutlich zu kleine Schritte machen, wenn sie junges Publikum adressieren. Es gehe um eine grundlegende Erneuerung der Institution von innen, beschreibt Dorny. Man sei nur erfolgreich, wenn die Veränderungen grundlegend sind und von allen getragen werden.

In seinem Fall bedeutete dies, dass er zunächst darum bemüht sein musste, die Publikumsstruktur deutlich stärker an die Bevölkerungsstruktur anzupassen. »Als ich hier anfing, lebte die Oper von den Abonnenten.« Das sei zwar eine nachhaltige Einnahme, aber es kämen damit immer dieselben. »Die Abos machten über 85 Prozent aus«, berichtet Dorny. Damit habe es kaum Möglichkeiten gegeben, Neukunden-Werbung oder Marketing zu rechtfertigen. »Die Oper war in der Stadt unsichtbar«, so der Intendant. Durch eine komplett neue Preisstruktur, die das Abo weniger bevorzugt, und eine Reihe weiterer Maßnahmen konnte diese Situation grundlegend verändert werden. Aktuell liegt der Anteil der Abonennten bei unter 25 Prozent. »Wir müssen wieder für jedes Programm von Neuem werben – bei Jung und Alt. Die Oper ist dadurch in der Stadt viel präsenter.«

Diese Maßnahme war nicht die einzige. »Wir haben eine Vielzahl von Ideen umgesetzt«, erinnert sich der Intendant. »Es war uns unter anderem ein Anliegen, mit verschiedenen Bevölkerungsschichten in Kontakt zu kommen. Seit einigen Jahren senden wir Künstler an eine Grundschule, die in einem sozialen Brennpunkt liegt. Sie vermitteln dort interdisziplinarische Projekte und sind sehr erfolgreich. Es gibt eine Begleitstudie, die zeigt, dass die Kinder mehr Spaß und Motivation beim Lernen erleben und besser werden.« Außerdem stelle Serge Dorny seine Programme persönlich in Kneipen und Bars vor und komme dort mit Leuten ins Gespräch. Auch die vor den Türen der Oper übenden Streetdancer hat Dorny in das Gebäude eingeladen. Er gründete eine Foundation, die die jungen Tänzer aktiv durch professionellen Tanzunterricht fördert. Die Oper ist damit nicht mehr aus der Stadt wegzudenken – und so soll es nach Meinung des Intendanten auch sein.

»Ich halte es nicht für selbstverständlich, dass wir von öffentlichen Mitteln finanziert werden. Wir müssen dafür auch etwas an die Öffentlichkeit zurückgeben. Und zwar nicht nur an einen kleinen Kreis von Experten oder Stammbesucher.«

Das Konzept geht jedenfalls auf. Mein Besuch der »Entführung aus dem Serail« machte dies sehr anschaulich deutlich: Die Oper war beinahe ausverkauft (Dorny erreicht eine Auslastung von über 93 Prozent), das Publikum war bunt gemischt, jung und alt, elegant und locker. Die Aufführung belohnte die Gäste mit einer – meiner laienhaften Einschätzung nach – sehr gelungenen Besetzung und einer unterhaltsamen Inszenierung. Die Besucher waren durchweg begeistert – ebenso wie wir Gäste aus Deutschland.

Aber wie sehen andere Opernintendanten und der Kreis des herkömmlichen Publikums die Aktivitäten des agilen Belgiers in Lyon? Beim Thema Kollegen wird Dorny zurückhaltend. Natürlich werde seine Sicht nicht von allen geteilt. Viele schätzten zwar die Situation ähnlich ein, wollten aber dennoch keine Veränderung. »Für mich ist Veränderung ein Zeichen von Souveränität, aber viele wollen nichts Neues«, so Dorny. »Mir hat sicher geholfen, dass ich nicht immer nur Oper gemacht habe. Ich habe Festivals und sinfonische Orchester verantwortet, daher habe ich einen etwas anderen Blick als viele Kollegen«, führt der Kosmopolit in perfektem Deutsch weiter aus. Beim Publikum mache er dagegen die Beobachtung, dass die neue Mischung der Opernbesucher für alle einen Gewinn darstellt. »Man erlebt Oper neu und anders, wenn das Publikum wechselt«, erklärt er überzeugend.

Sicher macht Serge Dorny in seiner Position in Lyon nicht immer alles richtig und sicher kann ich – als totaler Opernlaie – mir kaum herausnehmen, seine Arbeit zu werten oder professionell einzuordnen. Als faszinierter Opernbesucher und vorurteilsfreier Kulturfreund bin ich allerdings sehr begeistert von allem, was ich in Lyon erlebt habe. Dort wird Modernisierung nicht nur als Einzelaktion in Form einer Facebook-Seite oder eines Tweetups verstanden, sondern sie wird täglich gelebt. Damit sind für mich die Hürden zur »Hochkultur« Oper erkennbar niedriger, und ich fühle mich nicht mehr als Zaungast am Fenster eines Elfenbeinturms.

Dorny hat aus meiner Sicht zudem Recht, wenn er postuliert: »Der Prozess, den wir hier in Lyon eingeleitet haben, ist unumkehrbar.« – Es kann nur nach vorne gehen. Auf Dauer bedeutet Stillstand Auflösung.

Auch die Rolle der Digitalisierung als neuer Weg der Kulturvermittlung rückt sich zurecht. Sie gehört ebenso wie vieles andere zum selbstverständlichen Repertoire in Lyon – sowohl in der Kommunikation als auch als Teil von Inszenierungen. Sie sollte dabei aber nie überdecken, worum es bei Oper (und Theater) eigentlich geht: Um das Erlebnis live und vor Ort, ganz ohne störende Ablenkung.

Digitalisierung und Oper

Dornys ausführliche Gedanken speziell zum Thema Digitalisierung und Oper habe ich hier hinterlassen.

Bildrechte Foto Inszenierung: Stofleth
Bildrechte Foto Serge Dorny: Philippe Pierangeli

Sabine Haas

Die Diplom-Psychologin, Medienexpertin und Gründerin der 3C Dialog GmbH gehört zu Deutschlands bekanntesten Fachfrauen, wenn es um die Themen »Service2020« und »Digitale Kommunikation« geht. Mit ihrer in Köln ansässigen Digitalagentur berät und begleitet die Unternehmerin seit über 20 Jahren namhafte Unternehmen und große Medienanstalten auf deren Weg in die Digitalisierung. Sabine Haas ist zudem leidenschaftliche Bloggerin, gern gesehene Speakerin und gefragte Interviewpartnerin. Seit 2013 ist sie als Dozent für »Onlinemarketing« an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg tätig.