Wie kommt man auf die Idee, einen Gnadenhof für Pferde zu einer Opern-Spielstätte zu machen? Was ist das Besondere an den Opernfestspielen in Immling neben der außergewöhnlichen Spielstätte? Und wie begeistert man junge Menschen für die Oper? Diese und ähnliche Fragen beantwortete Cornelia von Kerssenbrock in einem Gespräch mit mir am Rande der vergangenen Opernfestspiele.

Weltweit im Einsatz

Die Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock. Foto: Martin Binder

Die Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock. Foto: Martin Binder

Cornelia von Kerssenbrock wirkt wie eine Frau der Tat. Ihr Auftreten ist bestimmt, selbstbewusst und verbindlich, ihre Ausstrahlung sehr sympathisch. Sie macht nicht viel Aufhebens um ihre Person und zieht einen dennoch sogleich in ihren Bann. Als freischaffende Dirigentin ist sie eine der wenigen Frauen in dieser Disziplin. »Als ich studiert habe, war ich tatsächlich die einzige Frau in diesem Studienfach.«

Ihr Tätigkeitsfeld ist beeindruckend: Neben der musikalischen Leitung von Immling stellt sich von Kerssenbrock in ihrer freien Tätigkeit als Dirigentin immer neuen Herausforderungen und ist weltweit in den verschiedensten musikalischen Disziplinen unterwegs. Sie etabliert barocke Musik in Georgien, sie leitet ein Festival in Swakopmund (Namibia) und arbeitet als Gastdirigentin, wohin auch immer sie berufen wird. Die Vielfalt der Kulturen und Disziplinen, in denen die Dirigentin unterwegs ist, scheint sie zu beflügeln, denn sie wirkt keineswegs gestresst, als sie zum Ende der Festivalsaison mit mir redet.

Aufführungen inmitten der bayerischen Kulturlandschaft

Die musikalische Leitung des Opernfestivals Immling hat Cornelia von Kerssenbrock seit 2002 inne. An der Seite ihres Mannes, Ludwig Baumann, Intendant und Gründer des Festivals, bringt sie jedes Jahr im Sommer zwei bis drei verschiedene Opernaufführungen an eine unvergleichliche Spielstätte mitten im bayerischen Chiemgau auf die Bühne. Dazu ein Musical, das von den Jugendlichen der Akademie Immling aufgeführt wird.

Auf die Frage, wie es zu der Idee der Festspiele kam, erzählt sie von der ersten Opernaufführung, der Zauberflöte, im Jahr 1997: »Mein Mann musste durch einen Bühnenunfall mit seiner Arbeit als Bariton pausieren. Daher hatte er die Idee, die Musik zu sich zu holen und eine Opernaufführung auf einem Baggersee hier in unserer Nähe zu initiieren. Leider fiel die Veranstaltung wortwörtlich ins Wasser, weil es ohne Unterlass regnete und die schwimmende Bühne unter Wasser stand. Da ist mein Mann kurzerhand zu unserem Pferdehof ausgewichen und hat ein paar Stühle in die Reithalle gestellt. Alle waren von der Location so begeistert, dass man sich eine Wiederholung wünschte.«

Zwei Leidenschaften an einer Stätte vereint

Ludwig Baumann verband also seine beiden Leidenschaften, den Reitsport und die Oper, an einem Ort. Der Pferdehof ist immer noch in Betrieb, inzwischen ausgebaut zu einem Gnadenhof für über 100 Tiere der verschiedensten Gattungen. Und die Opernfestspiele erhielten eine ordentliche Festivalhalle, die aber den Charme der ursprünglichen Reithalle bewahrt hat. »Zwischen 17.000 und 20.000 Festivalbesucher kommen inzwischen Jahr für Jahr zu uns nach Immling«, erzählt von Kerssenbrock nicht ohne Stolz. Viele kommen wieder, denn die meisten verlieben sich sofort in den diesen außergewöhnlichen Ort mit seinen Gärten und offenen Stallungen, dem geräumigen Innenhof mit Sonnenschirmen und Sitzgelegenheiten und einer wunderbaren Sicht über den Chiemgau.

Ein Ort zur Förderung musikalischer Talente

Das Besondere an Immling ist aber nicht nur die Location: Während der Gnadenhof sich um die Alten und Kranken der Tierwelt kümmert, hat das Opernfestival das gegenteilige Ziel. »Wir möchten hier in Immling Nachwuchstalente fördern und vorstellen«, erläutert die musikalische Leiterin. Ob im Rahmen des Gesangswettbewerbs oder bei der Besetzung der Oper gehe es darum, junge Talente ausfindig zu machen und auf die Bühne zu bringen. »Wir sind sehr stolz, wenn wir entdecken, dass einige Besetzungen der großen Opernbühnen bei uns in Immling angefangen haben.«

Entsprechend aufwändig gestaltet sich auch das Casting: »Wir hören uns manchmal mehrere hundert Sängerinnen und Sänger an, bis wir das Ensemble komplett haben. Die Auswahl der passenden Stimmen für unsere Aufführungen ist uns sehr wichtig.« Cornelia von Kerssenbrock ist sich im Klaren darüber, dass es oftmals leichter wäre, namhafte »Stars« der Opernwelt auf die Bühne zu bringen. Aber zum einen sei dafür das Budget nicht vorhanden, zum anderen sei dies auch nicht das Ziel von Immling: »Es gibt genug andere Festivals, die das machen. Das müssen wir nicht auch tun.«

Für Kerssenbrock und Baumann steht das Engagement im Vordergrund. Ob in der Tierbetreuung, in der Talentsuche, bei der internationalen Zusammenarbeit mit Musikern aus verschiedenen Ländern oder bei der Kulturvermittlung. So ist es beiden wichtig, dass die Eintrittspreise im Festivalvergleich nicht zu hoch werden. Außerdem engagiert sich das Paar sehr für die Jugendarbeit. Ein besonders spannender Aspekt an Immling ist die Akademie mit dem Kinderchor und der Jugendförderung.

Die Arbeit mit der Musik als bereichernde und prägende Erfahrung

»Wir möchten junge Menschen dazu ermuntern, sich für Musik zu interessieren. Daher führen wir mit den Jugendlichen jedes Jahr ein Musical auf. Das Thema »Oper« trifft die Interessen in der Zielgruppe der 12- bis 29-Jährigen leider nicht genügend, sodass das Genre Musical einen guten Kompromiss darstellt«, so Cornelia von Kerssenbrock. »Uns ist es wichtig, Kindern und Jugendlichen eine musikalische Bildung zukommen zu lassen. Es ist eine Bildung der Seele, man lernt so vieles über die Musik und die Zusammenarbeit im Ensemble. Das hat einen eigenen Wert für das spätere Leben, auch wenn man sich nicht weiter musikalisch betätigt«, führt sie weiter aus. Für das jährliche Musical mit professionellen Tänzern, Musikern und den engagierten Jugendlichen wird über ein halbes Jahr geprobt und gearbeitet, meist mit erstaunlicher Disziplin.

Den Sinn für Ausdauer und Gemeinschaft stärken

Passt es denn überhaupt noch in die Zeit, mit Jugendlichen solche langfristigen Projekte anzugehen? Ist die »Generation Z« dafür denn ausdauernd genug? Dirigentin Kerssenbrock macht die Erfahrung, dass Jugendliche sehr wohl zu einer ernsthaften Projektarbeit in der Lage sind: »Unsere Teilnehmerinnen und Teilnehmer merken sehr schnell, dass die Aufführung eines Musicals von der Mitarbeit aller Teammitglieder abhängt. Kostüme, Musik, Bühnenbild – alles muss erarbeitet werden und perfekt sitzen, wenn die Premiere da ist. Das wird sehr ernst genommen. Es gibt immer ein oder zwei, die weniger verlässlich sind, aber die meisten verstehen, was von ihrer Mitarbeit abhängt. Wir haben außerdem viele, die schon seit mehreren Jahren dabei sind. Sie kennen den Aufwand und wissen, worauf sie sich einlassen.«

Und dieser Aufwand ist durchaus hoch: Mit den Proben für Shrek, dem Musical des vergangenen Sommers, sei schon Weihnachten begonnen worden, so von Kerssenbrock. Jede Woche gab es Probentermine, am Wochenende und in den Ferien ebenfalls. Dennoch blieben viele dabei, weil sie die Musik und die Zusammenarbeit so begeistere, erzählt die Dirigentin. »Wir haben auch eigentlich keine Probleme, Jugendliche zu casten. Da wir auch einen Kinder-Opernchor haben, finden sich schon hier viele Talente. Außerdem schalten wir Anzeigen und suchen in München und im Umfeld.« Meist seien es Kinder aus Musikerfamilien, die eine hohe Affinität zum Thema haben. Aber manchmal fänden sich auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die die Musik für sich neu entdecken.

Mittels digitaler Medien potenzielle Jungtalente und Besucher erreichen

»Die digitalen Medien helfen uns bei der Suche natürlich sehr. Es gibt einen Instagram-Kanal, auf dem die Jugendlichen selbst ihre Aktivitäten medial begleiten. Mit Backstage-Videos und Fotos von den Proben wird die Arbeit am aktuellen Musical gezeigt. Das motiviert das Team selbst und sorgt natürlich auch für Werbung im Netz«, erzählt Cornelia von Kerssenbrock. Überhaupt freut sie sich über die wachsenden Möglichkeiten durch die Digitalisierung: »Bei der Talentsuche können wir über YouTube und das Web eine Reihe junger Sängerinnen und Sänger sichten und so einen ersten Eindruck bekommen. Das ersetzt zwar nicht das Vorsingen, hilft aber, eine Auswahl zu treffen. Außerdem können wir uns stärker selbst vermarkten. Als kleines Festival ist es für uns schwierig, überregional sichtbar zu werden. Digital ist einiges an Kommunikation möglich.«

Für das Immling Festival ist eine gute PR existenziell. »Wir finanzieren uns zu circa 40 Prozent durch Eintrittsgelder, was im Vergleich mit anderen Opern-Kulturbetrieben relativ gut ist. Der Rest muss durch Fördergelder und Sponsoren finanziert werden. Kultur war und ist leider immer ein Zuschussbetrieb …«, erklärt die Dirigentin. »Das Immling Festival beschäftigt uns das ganze Jahr über. Gerade haben wir das neue Programm festgelegt und freuen uns auf viele Besucher im nächsten Sommer.«


Der Spielplan 2020 ist bereits online:


Header-Foto: Szene aus dem Musical Shrek. Bild: Verena von Kerssenbrock