Alexandra Verdeil, Geschäftsführerin Tactile Studio für Deutschland und Österreich, erklärt im Interview, was inklusives Design für sie bedeutet, was hybride Technologien damit zu tun haben und wie das Museum der Zukunft aussehen sollte.

Die inklusive Designagentur Tactile Studio entwickelt Ausstellungsobjekte für internationale Museen. Sie setzt auf sensorische Vielfalt, um möglichst allen Menschen einen Kulturzugang zu ermöglichen. In ihren neueren Projekten spielen dabei hybride Technologien eine wichtige Rolle, RFID-Chips zum Beispiel, die ganze Räume zum Leben erwecken können. Die Objekte der Agentur stehen unter anderem im Kunsthistorischen Museum Wien, im Louvre Abu Dhabi und im Deutschen Museum. Alexandra Verdeil, Geschäftsführerin in Deutschland und Österreich, erklärte mir im Interview, was digitale Lösungen für eine inklusivere Museumswelt leisten können und warum Vielfalt in der Kulturvermittlung so wichtig ist.

Nils Bühler (NB): Welche Rolle spielen hybride Technologien für inklusive Kulturvermittlung?

Alexandra Verdeil (AV): Wir haben mit einem Fokus auf taktile Modelle und auf die haptische Kommunikation begonnen. Jetzt haben wir gesehen, dass sich Gesten und Körperlichkeit mit digitalen Elementen super ergänzen. Es gehört zu den new trends, dass es immer mehr Digitalangebote gibt. Es gibt aber auch das Bedürfnis nach Haptik und verdichteten, multisensorischen Gefühlen. Wir denken deshalb, es geht in die richtige Richtung, wenn wir die Haptik nicht völlig vergessen, sie aber mit dem Digitalen kombinieren.

NB: Wie setzt das Tactile Studio hybride Konzepte in der Praxis ein?

AV: Um zuerst ein einfaches Beispiel zu geben: Für das Château d’Anet haben wir ein Tastmodell entwickelt. Dazu gehören RFID-Karten, mit denen die Beleuchtung des Modells gesteuert werden kann. Nimmt man zum Beispiel die RFID-Karte der Küche oder des Wohnraums und legt diese auf den Tisch, werden die Räume im Modell beleuchtet. Hier geht es nur um eine Aktion und eine Antwort.

Alexandra Verdeil

Eine Person am linken Bildrand legt ihre Hände auf ein taktiles Ausstellungsobjekt
Ein Tastmodell eines Gebäudes steht neben einer digitalen Anzeige.

Oben: Tastmodell im Louvre Abu Dhabi. Copyright: Tactile Studio

Unten: Hybrides Modell im Stadtmuseum Stuttgart. Copyright: Jens Lyncker – jangled nerves

Gerade befinden wir uns in der Prototypphase für ein interessantes Exponat im Nationalmuseum von Oman. Hier geht es um komplexere Interaktion: Wir haben ein großes, immersives Segelboot erstellt, das mit verschiedenen Medienstationen und Objekten verbunden ist. Du kannst zum Beispiel das Schiffsruder benutzen oder an Seilen ziehen. Auf dem Bildschirm vor dir siehst du, wohin du segelst, je nach Intensität deiner Interaktion. Landschaft und Umgebung passen sich an. So interagiert man direkt mit dem Exponat und versteht, wie ein Segelboot funktioniert.

NB: Was bedeutet für euch inklusives Design?

AV: Für uns geht es um eine Anpassung der Nutzungsmöglichkeiten an die Vielfalt von Bedürfnissen. Das heißt, wir machen nicht nur ein Objekt für blinde Menschen oder ein Objekt für Personen mit Hörbeeinträchtigung. Wir machen ein Vermittlungsexponat, das für die meisten Besucher zugänglich ist und das sich möglichst an alle Bedürfnisse anpasst.

In der Praxis ist das nicht immer perfekt, wie immer im Bereich Inklusion. Aber wir versuchen, mit multisensorischen Elementen auf unterschiedlichen Nutzungswegen diese Bedürfnisse anzusprechen. Das heißt, jede Person sollte allein und intuitiv das Exponat nutzen können, ohne dass sie jemanden an der Seite haben muss, der ihr alles erklärt. Unsere Exponate sind selbst die Vermittler, weil man sie einfach benutzen kann, um mehr zu erfahren und zu lernen.

NB: Kann so etwas auch für zweidimensionale Kunstwerke umgesetzt werden?

AV: Wir stellen auch Transkriptionen von Gemälden her. Dabei handelt es sich natürlich um Interpretationen. Man kann ein Gemälde nicht eins zu eins reproduzieren, aber man kann mit Interpretationen die Komposition von Gemälden erklären, die Struktur oder die Momente und auch die künstlerische Intention.

Das haben wir zum Beispiel im Kunsthistorischen Museum in Wien umgesetzt, wo wir ein Gemälde von Brügge erklären. Das funktioniert schrittweise: Man stellt zuerst die komplexe Struktur des Gemäldes dar und dann, was darauf gezeichnet oder dargestellt wird. Zuletzt helfen Reliefs, die Zeichnung zu verstehen. Wir haben auch 3-D-Modelle des Gemäldes erstellt.

Das ist eigentlich die Herausforderung: alles mit Präzision zu zeigen und trotzdem die wichtigsten Elemente zu vermitteln, mit verschiedenen Objekten und auch mit verschiedenen Formen. Ergänzend gibt es oft Audio-Erklärungen. Und jetzt haben wir auch die Möglichkeit, digitale Bildschirme anzubieten, die noch mehr zu dem Gemälde erklären können.

Es ist wichtig, das Bild nicht nur zu reproduzieren, sondern auch inhaltliche Informationen zu geben, wie das Bild gemalt wurde, warum und in welchem Stil. Es gibt also Elemente, die wir haptisch zeigen können, aber es gibt auch viele Inhalte, die wir mit Audio oder Video vermitteln.

NB: Wie sieht für euch das Museum der Zukunft aus?

AV: Wir haben viele verschiedene Menschen gefragt, was das inklusive Museum bedeutet und was Inklusion ins Museum bringt. In den Antworten gab es einige Gemeinsamkeiten: Das Museum soll ein Ort für Austausch, Kreativität und der Vertretung von Leuten mit unterschiedlichen Backgrounds und Bedürfnissen sein.

Das Museum der Zukunft ist also eine Widerspiegelung der Gesellschaft und ein Ort, wo ihre wichtigsten Themen besprochen und in verschiedenen Gruppen ausgetauscht werden. Ich würde sagen, das Museum der Zukunft muss hybrid sein, möglichst zugänglich und auch ein Austauschort.

NB: Können hybride Exponate helfen, das Museum weniger textlastig zu machen?

AV: Ja, ich glaube, das ist genau der Punkt. Wir verlassen das Image vom klassischen Museum, wo du Kunstwerke und kleine Tafeln mit viel Text hast. Mit hybriden Exponaten kannst du dich auf die interessanten Punkte konzentrieren und etwas erfahren, das vielleicht nicht so auffällig ist.

Im ehemaligen Museum, das nicht so interaktiv war, musstest du selbst nach interessanten Informationen suchen. Aber wenn du Informationstafeln mit unterschiedlichen Objekten hast und auch mit digitalen Lösungen, dann kannst du direkt interagieren und etwas Spannendes entdecken. Das macht vieles einfacher, auch für Menschen, die nicht so gerne ins Museum gehen und die nicht an lange Texte gewöhnt sind. Das ist das Ziel: das Museum für alle zu öffnen.

Tastmodell im Kunsthistorischen Museum Wien. Copyright: KHM-Museumsverband

NB: Bedeutet das, dass das Museum eher zu einem Ort zum Erleben als zum Denken wird?

AV: Ja, aber man muss auch vernünftig bleiben. Es ist auch wichtig, die Möglichkeit zum Denken und zur Ruhe zu bieten. Das Museum muss unterschiedliche Möglichkeiten aufzeigen, um ansprechend zu sein. Aber es lockt wirklich viele Leute an, wenn wir Erlebnisse schaffen. Man muss auch jedes Exponat so gestalten, dass es gut zur Stimmung des Raumes passt und es das Ziel der Vermittlung erfüllt.

NB: Ist es schon ein hybrider Raum, wenn man versucht, die Umgebung um ein Exponat auszugestalten und erfahrbar zu machen?

AV: Das würde ich schon sagen. Die Projektionen auf Tastmodelle, von denen ich vorhin gesprochen habe, betreffen auch einen ganzen Raum, der erlebt werden kann. Für einfache Vermittlungsangebote braucht man den geeigneten Raum. Das macht das Erlebnis nur besser. Es ist allerdings schwierig, in Museen die richtigen Voraussetzungen dafür zu finden.

NB: Wie kann Audio helfen, Museen inklusiver zu machen?

AV: Bei Tastmodellen ist der Ton für Menschen mit Behinderung sehr wichtig. Eine Audio-Erklärung ist notwendig, um Grundinformationen zu vermitteln, wie man das Tastmodell erkunden kann. Raumtöne, die einen ganzen Raum ausfüllen, sind allerdings schwieriger für Leute, die psychologische Beeinträchtigungen haben. Wir müssen also beachten, dass wir den Raum nicht überfüllen und für möglichst alle kompatibel lassen. Wenn man einen einzelnen Raum so gestaltet, dann ist das in Ordnung, solange man darauf hinweist, dass es in diesem Raum laut ist, und solange andere, ruhigere Räume vorhanden sind.

Zum Thema Audio habe ich noch ein interessantes Beispiel: Als Experiment haben wir einen Raum mit einer 3-D-Sound-Geschichte zu van Gogh und Gauguin erstellt. Man sitzt in der Mitte des Raumes und erlebt nur über den Sound die ganze Geschichte. Diesen Raum haben wir von Personen mit Behinderung testen lassen. Dabei konnte man schön sehen, wie unterschiedlich Menschen reagieren und wie unterschiedlich die Bedürfnisse sind: Ein paar Personen war der Sound zu viel, andere fanden ihn wirklich spannend.

Ein inklusives Exponat bietet also verschiedene Möglichkeiten: Man kann das Modell entdecken, ein Audio hören, dann digitale Inhalte dazu lesen oder hören und vielleicht auch noch ganz andere Erlebnisse haben. Wir möchten, dass du nicht ein Objekt in die Hand bekommst, weil du andere Bedürfnisse hast, dann nur tasten kannst und das Objekt einfach wieder weglegst. Diese Vielfalt von Möglichkeiten ist für uns wirklich spannend. Sie anzubieten – das ist unser Anspruch.

NB: Die Corona-Pandemie hat auch die Museen schließen lassen, weshalb allerorts Versuche gestartet wurden, das Wissen und die musealen Schätze im digitalen Raum zu präsentieren. Viele dieser Angebote sind allerdings nicht für alle Menschen zugänglich. 3-D-Ausstellungen für VR-Brillen sind beispielsweise sehr voraussetzungsreich. Gibt es Wege, wie man das anders gestalten kann?

AV: Ich glaube, die Technik geht jetzt wirklich viel weiter und es gibt viele digitale Angebote für Menschen, die spezielle Bedürfnisse haben, aber ich glaube, es ist immer noch wichtig, eine Kombination mit dem Haptischen zu haben. Eine Initiative vom Bauhaus-Museum in Weimar hat zum Beispiel Vermittlungspakete verschickt. Dazu haben sie Online-Workshops für Kinder angeboten. Diese Verknüpfung von Objekten und digitalen Angeboten ist gut.

Aber auch bei rein digitalen Angeboten gibt es viele Möglichkeiten für die Inklusion. Es gibt Apps, die sehr gute Audioangebote haben und die an verschiedene Bedürfnisse angepasst sind. Die Covid-Zeit hat auch viele Chancen eröffnet, und viele spezialisierte Unternehmen haben digitale Angebote entwickelt, weil es den Bedarf gab.

Also ja, Digitalangebote müssen auch im Museum existieren, aber sich gut kombinieren. Es gibt viele Wege, um das Museum nach Hause zu bringen, aber man muss auch mit den Leuten sprechen und wissen, was sie davon erwarten und was sie interessiert. Digital- und Analogangebote ergänzen sich. Wir sind voll und ganz davon überzeugt, dass das „physische“ Museumserlebnis bzw. der Austausch das Treffen und die Qualität des Besuchs vor Ort eine zentrale Rolle spielen.

Copyright Titelbild: Jens Lyncker – jangled nerves