Der MDR-Rundfunkchor zeigt in einer Multimedia-Dokumentation eine Corona-Komposition. Was sperrig klingt, ist eine außergewöhnliche Öffnung, die sich der Isolation dieser Zeit zu widersetzen scheint, ohne sie schlicht zu ignorieren, meint unser Autor Nils Bühler.

 

Ich bin kein Fan von Dokus. Die älteren schläfern mich ein, die neueren empfinde ich seit dem Zusatz „-tainment“ als zumindest tendenziös. Doch hin und wieder gibt es dann doch Exemplare, die besondere Einblicke in unbekannte Welten erzeugen. Es ist mal wieder so weit: Ich kann mich über eine Doku freuen. Zu verdanken habe ich das der Coronapandemie.

Die Multimedia-Dokumentation „Inseln“ ist die Corona-Schöpfung des MDR-Rundfunkchors, der wie die meisten Kultureinrichtungen Lockdown-Zwangspausen erlebt. „Inseln“ sollte dem Chor ermöglichen, auch in Zeiten sozialer Distanz gemeinsam zu klingen und eine Uraufführung präsentieren zu können. Da der 72-köpfige Chor wegen Abstandsregeln nicht in leiblicher Kopräsenz singen kann, bleibt zum Zusammenklingen nur eine zeitlich versetzte Performance, die am Schluss zusammenmontiert wird. Das klingt bisher zugegebenermaßen nicht nach einem außergewöhnlichen Konzept – Tonschnitt gibt es schließlich schon seit vielen Jahrzehnten. Doch „Inseln“ ist mehr als eine Montage. Es versucht, das in der Pandemie veränderte Spannungsfeld von Nähe und Distanz zu thematisieren und macht dabei, wie ich finde, vieles richtig.

„Inseln“ ist im üblichen MDR-Multimedia-Dokumentationen-Stil aufgebaut: Die Homepage zeigt Video, Bild, Ton und Text, durch die man sich per Klick und Scrolling navigieren kann. Meist zeigen diese mäßig interaktiven Filme verklärte Inszenierungen deutscher Landschaften (die Kitsch-Version meiner schwarzwälderischen Heimat hat mir so gar nicht zugesagt). Der ludische Entdeckertrieb, der sich in solchen Dokus in touristischem Treiben entlädt, wird für „Inseln“ jedoch genutzt, um den sonst nur in Distanz wahrzunehmenden Chor in seinen Bestandteilen erfahrbar zu machen.

Für dieses Medium entwarf der Komponist Michael Langemann auch das zu „Inseln“ gehörige Werk. Es thematisiert sowohl die Gefühlswelt der Coronakrise – Isolation, Ängstlichkeit und Fixierung einerseits, Freundschaft und Mitgefühl andererseits – als auch die eigene performative und mediale Zerlegung. Die sich häufig wiederholenden, kaum verändernden Melodien spiegeln die beklemmenden Texte wider, die die eben genannte Gefühlswelt besprechen. Das erfährt man übrigens von Philipp Ahmann, dem Dirigenten des Stücks, von dem man sich mit klaren, nicht unnötig ausschweifenden Worten durch die Komposition führen lassen kann. Die Melodien durchwandern die Chorstimmen und bilden einen Klangteppich, dessen einzelne Elemente jedoch klar erkennbar sind – hier beschleicht einen das unangenehme Gefühl übergroßer Videokonferenzen.

Das Bild zeigt Philipp Ahmann, den Chefdirigenten des MDR-Rundfunkchors

Chefdirigent Philipp Ahmann dirigiert den MDR-Rundfunkchor und gibt eine fantastische Führung durch das Werk „Inseln“

„Inseln“ hat sechs Sätze. Zu jedem Satz kann man sich die einzelnen Stimmen getrennt anhören, um sie anschließend zusammengefügt als Ganzes zu genießen. Die Trennung von Stimmen ist in der Tontechnik wie gesagt nichts Neues – umso spannender ist es, eine Komposition zu erleben, die diese Trennung zu ihrem Kernthema macht. Jede Stimme ist ein Musikstück in sich, gemeinsam bilden sie etwas gänzlich Neues.

Das „Baukasten“-Konzept zieht sich durch die gesamte Multimedia-Doku. Auch die Bilder trennen den Chor auf und vereinzeln die Sänger*innen. Die visualisierte Trennung der einzelnen Stimmen wird durch eine schon fast unangenehme Nähe der Kamera verstärkt. Man ist den Sänger*innen sehr nah und trotzdem sehr fern und auch der Kontrast von warmer Beleuchtung und gähnender Leere in der Peterskirche in Leipzig, die als Spielort dient, unterliegt dieser Spannung.

Das Bild zeigt das Innere der Peterskirche in Leipzig, in dem der MDR-Rundfunkchor das Werk „Inseln“ augenommen hat. Die Sänger*innen stehen mit großem Abstand in der leeren Kirche.

Der MDR-Rundfunkchor in der leeren Peterskirche.

Viele der „interaktiven“ Elemente sind leider nur ein besseres DVD-Menu. Von Interaktivität lässt sich kaum reden. Trotzdem lädt die Aufteilung der zu navigierenden Elemente zum Entdecken ein. Von einem zentralen, nicht wirklich übersichtlichen Menu aus, kann man mehr über Komponist, Dirigent, Ensemble und vor allem über das Werk erfahren. Immerhin ist die Navigation gut gestaltet, sodass die eingeschränkte Interaktivität überdeckt wird. Nicht, dass ich hier ein Computerspiel erwarte, aber der geweckte Entdeckungsgeist kommt doch recht schnell an seine Grenzen.

Trotzdem lässt sich sagen, dass der MDR-Rundfunkchor mit „Inseln“ die Möglichkeiten des gewählten Mediums tatsächlich nutzt, statt „nur“ ein Konzert als Video-on-Demand zugänglich zu machen. Der für Laien oft verschlossen wirkende Block eines klassischen Ensembles wird geöffnet, das Zusammenspiel zwischen den Chorstimmen wird erfahrbar gemacht – trotz der nötigen Distanz. Gleichzeitig verliert „Inseln“ nicht den musikalischen Anspruch des Hauses und hat auch filmisch einiges zu bieten. All das zusammen wirkt als gut gelungene, musikalisch-filmische und (leicht) interaktive Metapher für eine Zeit, in der das Verhältnis von Nähe und Distanz verschoben ist.

Die Multimedia-Doku „Inseln“ kann auf der MDR-Reportagen-Webseite abgerufen werden.

 

Bilder: Andreas Lander