Für unser Interview lädt Christoph Müller mich nach dem Matinee-Konzert in der Kapelle Saanen in ein gegenüberliegendes Café ein, um mit mir über das Menuhin Festival Gstaad zu sprechen. Menuhin hat das Festival 1957 begonnen. Damals plante er, mit seinen Freunden und der Familie in Gstaad und Saanen klassische Musik zur Aufführung zu bringen. Man merkt, dass Christoph Müller einen genauen Plan im Kopf hat, wie das Festival in den kommenden Jahren weitergehen kann.

Ein älteres Ehepaar hält uns an: „Hören Sie mal, Herr Müller, das Konzert gestern, das war aber wirklich eine Herausforderung! Zwei Stunden ohne Pause, auf den harten Kirchenbänken. Man konnte sich am Ende kaum noch bewegen!“ Christoph Müller lächelt freundlich und reagiert gelassen: „Naja, das war aber schon so angekündigt. Der Pianist wollte das Stück durchspielen. Das war übrigens eine enorme Leistung …“

Wenn der Kulturmanager Müller durch das kleine Örtchen Saanen geht, sind solche Gespräche keine Seltenheit. Er ist bekannt als Intendant des Menuhin Festivals, das er seit 2002 verantwortet. Und er ist mit seinem Publikum auf Augenhöhe: „Ja, das ist manchmal anstrengend, wenn jeder eine Meinung hat. Auch etwas frustrierend, zum Beispiel wenn bei einem grandiosen Auftritt wie dem gestrigen Bachkonzert von Sir András Schiff als erstes die harten Kirchenbänke erwähnt werden. Aber der Kontakt zum Publikum ist wichtig und die Rückmeldungen sind oft interessant.“

Familiäres Festival in Schweizer Alpenidylle

Es ist kein Wunder, dass das Publikum ein Gespräch mit Christoph Müller nicht scheut. Der Mittvierziger wirkt sehr bodenständig und nahbar, wenn er in Polohemd und Turnschuhen durch den kleinen Alpenort in der Schweiz spaziert. Das ganze Festival macht, trotz der 25.000 bis 30.000 jährlichen Besucher, einen familiären Eindruck. Das ist gewollt, erläutert Müller: „Menuhin hat das Festival 1957 begonnen. Damals plante er, mit seinen Freunden und der Familie in Gstaad und Saanen klassische Musik zur Aufführung zu bringen. Es sollten Aufführungen in einem intimen Rahmen sein, das war die Besonderheit.“

Saanen und Gstaad sind zwei nebeneinander gelegene Bergdörfer in den Schweizer Alpen. Menuhin hat sich hier in den 50er Jahren niedergelassen, begeistert von der beeindruckenden Bergwelt dieser Region. Mit dem Festival wollte er, so berichtet Christoph Müller, die Schönheit der Natur und die Schönheit der Musik zusammenbringen. „Es war ihm ein Anliegen, diese atemberaubende Landschaft durch hochwertige Musik zu bereichern.“ Das Menuhin Festival war damit geboren. Ein Festival, das jedes Jahr in den Sommermonaten klassische Konzerte verschiedenster Richtung zur Aufführung bringt. Die Hauptveranstaltungsorte sind die Kirche und Kapelle Saanen sowie einige Kirchen der Umgebung. Darüber hinaus gibt seit Ende der 80er Jahre ein Festivalzelt für größere Orchester-Auftritte.

Lohnt es sich denn, für das Menuhin-Festival eine längere Anreise, zum Beispiel aus Deutschland, in Kauf zu nehmen? Christoph Müller: „Ich denke schon. Die Atmosphäre hier ist besonders, die Veranstaltungsorte sind einzigartig, auch für die Musiker. Und die Landschaft ist ebenfalls großartig. Wer nach Gstaad kommt, erlebt etwas, das sich deutlich von einem üblichen Konzertbesuch unterscheidet.“ Damit hat Müller Recht. Unser erster Konzertabend am gleichen Tag in der Kirche Saanen war wirklich unglaublich eindringlich und eindrucksvoll, genauso wie auch die Bergwanderung am folgenden Tag.

Neue Leitung – neue Impulse

Als Müller das Festival Anfang der 2000er übernahm, war es um Menuhins Erbe allerdings recht schlecht bestellt: „Mein Vorgänger hatte sehr ambitionierte Ideen und brachte viel Neue Musik zur Aufführung.“ Das führte dazu, dass sich Publikum und Sponsoren abwendeten. „Als ich das Festival übernahm, war keinesfalls sicher, ob es weitergehen würde. Ich war damals 29 Jahre, also eine große Aufgabe für einen derart jungen Kulturmanager. Wahrscheinlich dachte man, viel schlechter könne es nicht werden.“ Müller grinst entspannt bei der Erinnerung, denn seitdem kann das Festival mit einer Erfolgsgeschichte aufwarten: Die Besucherzahlen steigen kontinuierlich, die Sponsoren sind zurück und es wird über den Bau einer Konzerthalle nachgedacht.

„Ich verstehe das Menuhin-Festival als ein Urlaubsfestival. Das Publikum ist hier, um sich unterhalten zu lassen, dem muss man Rechnung tragen. Allerdings kann man die Besucherinnen und Besucher durchaus auch fordern.“ Mit unserem diesjährigen Motto „Paris“ und der Schwerpunktsetzung auf französische Komponisten und Stücke sei man beispielsweise eine solche Herausforderung eingegangen. „Zwischen deutscher und französischer Musikkultur gibt es eine spürbare Grenze. Die deutschen Komponisten oder aber Werke von Tschaikowsky etc. sind bei den Gästen beliebter als etwa Debussy oder Saint-Saens“, erläutert Müller. Dennoch war ihm der Schwerpunkt Frankreich wichtig: „Schon im nächsten Dorf wird französisch gesprochen, wir sind Frankreich hier sehr nah. Daher wollte ich dieses Thema gerne setzen, auch wenn es für das Publikum etwas schwieriger ist.“

Breites Angebot zur Musikvermittlung

Generell, so betont Müller, sei es immer ein Abwägen zwischen Unterhaltung und Anspruch. Man müsse beide Aspekte bedienen, damit sich das Festival entwickeln könne. Der Erfolg gibt ihm Recht: Nicht nur die Besucherzahlen sind beeindruckend, auch das Rahmenprogramm ist inzwischen stark gewachsen: „Wir haben eine Sommerakademie mit inzwischen fünf Meisterkursen: Violine, Klavier, Vocal, Barock und Dirigat. Darauf sind wir sehr stolz. Außerdem gibt es eine Reihe Angebote zur Musikvermittlung für Familien, Kinder und Jugendliche. Beispielsweise gehen Musikerinnen und Musiker an Schulen, um dort mit Kindern ins Gespräch zu kommen.“

Ich frage, ob es denn schwierig sei, hochkarätige Musikerinnen und Musiker in die Berge zu locken. „Eigentlich nicht“, meint Christoph Müller, „zwar ist die Anreise deutlich aufwändiger als an die üblichen Aufführungsorte. Aber viele sind interessiert an der Landschaft und den besonderen Konzertorten. Da die Anreise komplizierter ist, bleiben die Künstler außerdem häufig länger am Ort. Das führt zu viel Nähe und Austausch.“

Insgesamt erweckt Müller den Eindruck, dass er das Menuhin-Festival mit viel Fingerspitzengefühl und Umsicht kontinuierlich zu entwickeln sucht. Dabei kämpft er mit einem Problem, dass alle klassischen Angebote gemeinsam haben: eine starke Überalterung des Publikums. Dem versucht er – neben der Musikvermittlung – mit einem breiten Angebot an musikalischen Richtungen entgegenzuwirken. Aber auch digitale Medien weiß Müller sehr geschickt einzusetzen: „Wir haben durch die Digitalisierung ganz neue Möglichkeiten, auf uns aufmerksam zu machen“, so Müller.

Gstaad Digital Festival – eine neue Plattform für klassische Musik

Vor zwei Jahren gründete er das „Gstaad Digital Festival“. Auf einem eigenen Kanal werden kontinuierlich Videos angeboten, sowohl Konzertaufnahmen als auch Live Streams und Interviews. Das Angebot ist breit und wird ganzjährig aktuell gehalten. Ein ambitioniertes Projekt, das mit hohen Kosten verbunden ist. Um diese zu decken, ist die eigene Plattform wichtig. „Hier können wir unsere Sponsoren präsentieren und Werbung einbinden. Außerdem haben wir eine eigene Community und sind unabhängig von Youtube.“

Das bisherige Ergebnis kann sich sehen lassen, so Müller: „Wir konnten inzwischen immerhin 4.000 Abonnenten gewinnen. Damit haben wir sowohl eine weitere künstlerische Plattform als auch ein Marketing-Instrument hinzugewonnen.“ Die Plattform ist kostenlos, daher hofft Müller auf weitere Zuwächse. „Wir wollten die Zugangsbarrieren niedrig halten und hoffen, das digitale Angebot auch langfristig über Sponsoren und Werbung finanzieren zu können.“

In vielen Musikbereichen beobachtet man derzeit – nicht zuletzt durch die Digitalisierung – einen Festival-Boom. Ich will wissen, ob dies auch für klassische Angebote wie das Menuhin-Festival so sei. „Diesen Trend sehe ich auch. Es wurde ja oft diskutiert, ob die virtuellen Angebote die realen verdrängen. Ich glaube das nicht. Viele Besucher der virtuellen Plattform werden dadurch neugierig auf die Veranstaltungen und möchten diese auch einmal live erleben. Das berichtet zum Beispiel auch das Berliner Sinfonieorchester. Ich bin sicher, dass wir von den digitalen Angeboten auch live vor Ort profitieren können.“

Viele Ideen für die Zukunft

Man merkt, dass Christoph Müller einen genauen Plan im Kopf hat, wie das Festival in den kommenden Jahren weitergehen kann. Wie genau strukturiert er seine Arbeit für das Festival? „Ich komme aus Basel und habe da noch eine Reihe weiterer Aufgaben. Zum Beispiel als Kulturmanager für das Kammerorchester Basel. Die Abwechslung und Vielseitigkeit meiner verschiedenen Tätigkeiten sorgen immer wieder für neue Ideen. Dadurch konnte ich es bisher verhindern, bei der Festival-Leitung inhaltlich stehen zu bleiben. Die Vorbereitung jedes Festivalsommers läuft meist über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren. Ich überlege mir ein Thema, das ich dann mehr und mehr ausarbeite und mit Inhalten fülle.“

Im vergangenen Jahr war das Motto „Die Alpen“. Müller findet es wichtig, ein einfaches Motto zu finden, das sich für das Publikum direkt erschließt. Es dürfe nicht „verkopft“ sein, sonst funktioniere es nicht. Er mache immer wieder die Erfahrung, dass ein Thema dann erfolgreich ist, wenn sich jeder etwas darunter vorstellen könne. Für Müller selbst ist das Thema der rote Faden, der das Festival in seiner großen Vielfältigkeit zusammenhält. „Paris“ – das Motto dieses Jahres – bietet genau diese Möglichkeit: „Wir haben ein Programm zusammengestellt, das von Modern bis Klassik, von Populär bis Anspruchsvoll alles umfasst. Bis September wird es viele interessante Konzerte geben, auf die ich mehr sehr freue.“

Und danach? „Über das nächste Jahr zu reden, ist jetzt noch zu früh.“ Eins ist jedenfalls klar: Jedes Jahr beginnt man bei einem solchen Festival wieder bei Null. Da steht alles wieder auf Anfang. Das macht es immer jedes Mal aufs Neue spannend und aufregend.“

 

Auf der Digitalplattform finden sich regelmäßig Livestreams zu Klassik-Konzerten.