Unser Autor Nils wurde zu einer außergewöhnlichen Stadtrundfahrt eingeladen, deren besondere Sehenswürdigkeiten noch in der Zukunft liegen. Auf dem Kultur-Blog berichtet er von seinem Blick in die Zukunft der Kölner Museumslandschaft.

Köln bekommt zwei weitere hochkarätige und besondere Museen. Um einmal deren vollen Namen zu nennen: Es geht um das „MiQua. LVR-Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier Köln“ und das geplante Haus der Einwanderungsgesellschaft des„DOMiD | Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland“. Das MiQua befindet sich gerade im Bau und will neben den Schätzen der archäologischen Zone jüdische Geschichte und Kultur präsentieren. Das Haus der Einwanderungsgesellschaft des DOMiD tritt gerade in die Planungsphase ein und soll eine Begegnungsstätte werden, in der sich Besucher*innen über Migration in Deutschland bilden und austauschen können. Die Institutionen hinter den beiden zukünftigen Museen wollen somit Perspektiven zu Themenkomplexen aufzeigen, die die deutsche Geschichte seit Langem mitprägen und die doch zu selten eingenommen und berücksichtigt werden.  Dieser Schnittmenge möchten beide nun in einem gemeinsamen virtuellen Projekt Ausdruck verleihen.

Am 1. Oktober 2020 wurde ich zu einer etwas außergewöhnlichen Rundreise durch Köln eingeladen. MiQua und DOMiD veranstalteten einen #SoMeKulturDrive (kurz für Social Media Kultur-Drive) mit dem Motto „MiQua meets DOMiD“, der ausgewählte Gäste zu Stätten jüdischen Lebens fuhr, die (und hier ist Schnittmenge) im Zusammenhang mit Migration stehen. Mit dem Reisebus durch die eigene Stadt – ein etwas merkwürdiges Erlebnis, das mir jedoch einen bisher unbekannten Blick ermöglichte. Abgesehen von der Synagoge in der Roonstraße und der Baustelle des MiQua am Gürzenich waren mir die anderen Stationen der Rundfahrt gar nicht bekannt: die kleine unauffällige Synagoge der Liberalen Gemeinde Kölns, das große jüdische Wohlfahrtszentrum in Neuehrenfeld und die in der Altstadt gelegene Jawne, eine jüdische Schule mit Gedenkstätte für die 1.100 deportierten Kölner Kinder. Auch wenn wir die meisten Stationen nur vom Busfenster aus betrachten konnten, hat die Rundreise einen tiefen Eindruck auf mich hinterlassen – vor allem dank der Ausführungen unserer beiden Guides Samantha Bornheim und Charlotte Pinon.

Anlass der Rundreise war der Launch der Gastvitrine des MiQua im virtuellen Migrationsmuseum des DOMiD, der im Anschluss stattfand. Zum Hintergrund: Bevor DOMiD die Förderung zum Bau eines physischen Museums erhielt, versuchte der Verein mit diesem virtuellen Museum, wenigstens einen kleinen Teil seiner rund 150.000 Objekte an die Öffentlichkeit zu bringen. Das virtuelle Migrationsmuseum stellt eine symbolische Stadt dar, in denen Orte und Räume der Migration erkundet werden können. In den Räumen befinden sich virtuelle Vitrinen mit 3-D-Scans einiger Objekte in der DOMiD-Sammlung sowie reichlich Hintergrundinformationen, Ton-, Bild- und Videomaterial. Das virtuelle Museum lässt sich mit allen möglichen Endgeräten erleben.

Die Gastvitrine des MiQua befindet sich im Wohnheim der virtuellen Stadt (im Wohnraum der jüngsten Epoche) und stellt einige digitalisierte Exponate vor, die sich auf die Migration der sogenannten jüdischen Kontingentflüchtlinge beziehen, die in den 1990er-Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland kamen.

Die ungewöhnliche Rundfahrt durch Köln und der Einblick in das virtuelle Migrationsmuseum mit seiner neuen Vitrine waren allein schon sehr interessant – noch beeindruckender empfand ich jedoch die Begeisterung und Energie, die die anwesenden Mitarbeiter*innen von DOMiD und MiQua für ihre Projekte an den Tag legten. Beide Initiativen arbeiten aktiv daran, blinde Flecken des musealen Diskurses zu füllen, und erkunden neue Möglichkeiten der Publikumsinteraktion, wie eben das virtuelle Museum oder die Busrundfahrt mit Social-Media-Anteil. Während sich die berühmtesten Museen der Welt noch damit beschäftigen, wie sie sich entkolonisieren können, ohne ihren gesamten Bestand loszuwerden zu müssen, wird hier ein musealer Blick eröffnet, auf dessen Entwicklung man nur gespannt sein kann. Das erklärte Ziel: Nicht durch die rosarote, sondern durch die Migrationsbrille schauen. Wenn das mal keine spannende Zukunftsvision ist.