Literaturformate in den Medien erleben eine Krise. Statt sich zu verändern, halten sie an überholten Privilegien fest. Nils Bühler meint: Um aus der Echokammer zu kommen, muss Literaturkritik anders auf die Menschen zugehen.

 

Die Literaturkritik sieht sich unter Druck gesetzt. Im Radiosender WDR3 stehen Veränderungen an. Unter anderem soll sich an der Kultursendung Mosaik morgens um kurz nach 6:00 Uhr etwas ändern. Was genau sich ändern soll, ist noch nicht klar, und offiziell ist sowieso noch nichts, doch eine geleakte Mail aus den Kreisen des WDR führt zum großen Aufschrei. Werden die Buchbesprechungen, die fester Bestandteil der Literaturszene sind, komplett gestutzt? Wird die Literatur im Öffentlich-Rechtlichen noch weiter zurückgedrängt?

Umstrukturierungen in den Rundfunkanstalten

Die Verlustängste, die sich hier äußern, sind zum Teil das Resultat einer generellen Umstrukturierung des Kulturbereichs in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Aus kleineren Redaktionen, die für je ein Format zuständig sind, werden nach und nach themenbezogene, crossmediale und teilweise senderübergreifende Redaktionen, die die einzelnen Ausspielungswege mit Inhalten beliefern sollen. Auch an der Ausspielung ändert sich so einiges: Formate werden umstrukturiert, Sendeplätze herumgeschoben und, für mein Thema in diesem Artikel besonders wichtig, vieles landet im Digitalen.

Der Aufschrei zu WDR3 Mosaik muss also stellvertretend für eine ganze Reihe von Veränderungen betrachtet werden, die vermeintlich auf Kosten etablierter Kulturformate und damit auch auf Kosten des Bildungsanspruchs öffentlich-rechtlicher Sender gehen. So zumindest klingt es in der Berichterstattung: René Martens schreibt in der „Medienkorrespondenz“ von bedrohlichem Autoritarismus im WDR, der sich gegen Kulturmenschen richte, und die Literaturkritikerin Insa Wilke beschreibt in der Zeit sogar eine Art Marginalisierung gebildeter Minderheiten.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht. In den Klageliedern zum Niveauverfall manifestiert sich nämlich auch, wie wenig der Kulturwelt – speziell der Literaturwelt – ihre bisherige, privilegierte Stellung bewusst ist. Ich als männlicher, weißer Bildungsheini sollte vorsichtig sein, wohin ich meine Steine werfe. Ich will hier jedoch keinen scheinheiligen Klassenkampf anzetteln, sondern auf etwas aufmerksam machen.

Erhitzte Debatte um das „Quotendiktat“

Was ich meine, illustriert ein etwas detaillierterer Blick in die Literaturkritik-Debatte:

In ihrer Petition an die Senderchef*innen formulierten eine Reihe von Literaturrezensent*innen ihre verständliche Sorge um die eigene Lebensgrundlage. Von vielen Literaturschaffenden unterschrieben und verbreitet, erlangte diese Petition schnell Aufmerksamkeit, bis das Literaturhaus Köln entschied, eine Podiumsdiskussion zum Thema zu veranstalten. Neben Insa Wilke, die die Petition initiierte, saßen dort die Verlegerin Kerstin Gleba, Volker Schaeffer vom WDR und Alf Mentzer vom HR. (Eine Aufzeichnung des Gesprächs ist online noch abrufbar.)

Hier entlud sich der Konflikt zwischen der Literaturwelt und den Sendern in einer Reihe allgemeiner Vorwürfe gegen die Öffentlich-Rechtlichen. Ein vermeintliches Klima der Arroganz gegen das Publikum sei der Ursprung der Umstrukturierungen. Früher einmal habe man die Menschen inspiriert und gedanklich in neue Bahnen geleitet, zum Beispiel durch Literaturvorstellungen und -rezensionen. Die Entscheidungen der Senderchef*innen unterbänden dies und würden blind dem Quotendiktat folgen. Man halte das Publikum für dümmer als es sei, so der Tenor.

Die Vertreter von WDR und HR erwiderten darauf, dass inspirierende Formate nicht verschwänden, sondern dass man nur über Umstellungen der Literaturformate auf digitale Plattformen nachdenke, die dann wiederum ins lineare Programm rückgespielt werden könnten. Auf ihre Einwände wurde kaum reagiert.

Check your privilege!

Vielmehr entlud sich hier ein Frust, der schon lange nach einem Ventil suchte, wie man auch in den Kommentaren des Publikums auf der anderen Seite des Livestreams sehen konnte. Ich habe selten eine so toxische Kommentarzeile gesehen – und ich habe schon als Hasskommentar-Aussortierer für größere Facebook-Seiten gearbeitet. Von erzwungener Verdummung und Gleichschaltung der Menschen durch die Öffentlich-Rechtlichen war dort die Rede, Volker Schaeffer und Alf Mentzer wurden beleidigt und „der Konsument“ als gleichgeschaltetes, leicht manipulierbares Lachschaf dargestellt. Die intellektuelle, kulturelle Minderheit, als die sich die Kommentierenden wohl selbst sahen, verfiel hier, ohne es im Mindesten zu reflektieren, in genau das einseitige Phrasendreschen, das sie im selben Atemzug mit Hasstiraden verurteilen.

Was mich an all dem stört, ist nicht der Ruf nach mehr Kultur im Öffentlich-Rechtlichen. Wenn es nach mir persönlich ginge, würden die gebührenfinanzierten Sender sicherlich nicht so viel Geld für Sportbildrechte und mittelmäßige Krimis ausgeben. Aber es geht eben nicht nur um mich und die Interessen meiner unsportlichen, krimimuffligen Filterblase.

Was mich stört, sind vielmehr zwei andere Dinge: Der Alleinanspruch auf den Kulturbegriff und der Anspruch auf das längst überholte Privileg der linearen Sendeplätze.

Kultur heißt nicht nur Schrift und Bild

Die eigene Kultur hält man meistens für die beste. Warum sonst sollte man sie als die eigene betrachten? Ob überkomplexe Sci-Fi-Welten aktueller Medienfranchises wie bei Star Wars oder intertextuelle Zusammenhänge zwischen diversen literarischen Texten – Stolz und Identifikation mit einer Kulturgattung nähren sich aus Zeitinvestition in und Wissen über dieselbe. Der größte Unterschied zwischen der Literatur- und der Star-Wars-Welt ist, dass die erstere schon so lange existiert, wie unser kulturelles Wissen zurückreicht, während die letztere erst schlappe vier Jahrzehnte unter uns weilt. Dennoch kann man nicht umhin, beides als Kultur zu begreifen.

Literatur wird schon seit langem als grundlegend kritisches Medium wahrgenommen, was sie in vielen Fällen sicherlich auch ist. Doch ihr diese Rolle exklusiv zuzusprechen, ist ein Fehler. Im Zusammenhang mit der Literaturkritik-Debatte scheint das nämlich der Fall zu sein: Andere Medienkulturen werden als grundlegend kommerzgetrieben und oberflächlich beschrieben. Vor allem Popkultur wird kein kritisches Potenzial zugetraut. Sie wird als Nicht-Kultur betrachtet. So wird für den Erhalt von Sendeplätzen im Öffentlich-Rechtlichen damit argumentiert, dass man nicht abhängig vom Kommerz sein wolle. Umgekehrt käme keiner der Beteiligten auf die Idee, dass dieses Recht auch z.B. Game-Rezensent*innen zustünde.[1]

Wenn man ernsthaft verfolgen möchte, mehr Kultur in die Öffentlich-Rechtlichen zu bringen, dann sollte man zuerst den eigenen Kulturbegriff prüfen. Erstens sollte dann klar sein, dass es so schlecht gar nicht steht um den Bildungsauftrag. Zweitens sollte klar sein, dass der eigene Anspruch auf Sendeplätze, den man nun schon sehr lange hält, eine verdammt privilegierte Einstellung ist.

Digital ist kein Abstellgleis

Das klingt zugebenermaßen so, als wünschte ich mir die Verbannung der Literatur aus den Öffentlich-Rechtlichen. Ich hielte es tatsächlich für sinnvoll, den Anteil der Literatur im linearen Programm zu verkleinern und über bessere Ausspielungswege nachzudenken.

Für Special Interests, zu denen die Literatur nun mal gehört, gibt es bessere Kanäle als die linearen, nämlich die digitalen. Die Umstrukturierung der öffentlich-rechtlichen Medienanstalten ist hier eine Chance, keine Verdammung. Spätestens seitdem auch bei den Öffentlich-Rechtlichen der Standard ist, Inhalte digital abzurufen, sollte „digital first“ kein Abstellgleis mehr sein. Die Beteiligten scheinen das aber so zu sehen, schließlich sind sie daran gewöhnt, ihren Platz im einseitigen Sender-Empfänger-Modell zu finden. Dabei könnte gerade eine Branche, die um Nachwuchs und Aufmerksamkeit kämpft, eine Öffnung zu interaktiveren Kanälen gut gebrauchen.

Es gibt da noch das Argument, dass die bestehenden Radioprogramme ja auf den Webseiten und als Podcast zweitverteilt werden. Damit sei doch der Bedarf an digitalen Nutzungswegen abgedeckt. Das stimmt, aber man merkt deutlich, dass das Zweitverwendungen sind. Von Offenheit für Dialog, die für digitale Kanäle elementar ist, ist hier keine Spur. Damit verspielt man sich die Möglichkeit, das Publikum, das man sich wünscht, gezielt zu erreichen, und versucht lieber, einem breiten Publikum, das sich nicht für einen interessiert, mit einer massenuntauglichen Filterblasensprache zu berieseln.

Verpufftes Potential

Nur um das klarzustellen: Ich will mit meiner kleinen Polemik hier nicht die Arbeit der Rezensent*innen kleinreden. Eine sechsminütige, reflektierende Vorstellung eines 600-Seiten-Wälzers ist eine beeindruckende Leistung. Diese harte Arbeit verpufft momentan jedoch in übergroßen Echokammern, denen kaum noch jemand zuhört. Statt sich um Zugänglichkeit zu bemühen, wird Interesse von außen mit dem ständigen Mantra des vermeintlich unverständigen „Mainstreams“ abgeblockt. Das liegt nicht an einzelnen Beteiligten, sondern am Geflecht von Publikum, Sendern, Verlagen und Kritiker*innen, deren gemeinsamer Nenner die gleichzeitige Ablehnung von und Sehnsucht nach breiter Aufmerksamkeit ist.

Warum traut sich die Literaturkritik nicht, sich von kritischen Betrachtungen anderer Medien etwas abzuschauen? Unter den Podcasts wimmelt es beispielsweise nur so an Metapodcasts, und viele Games-Rezensionen enthalten reflektierte Auseinandersetzungen mit Stil, Thematik, Strukturen und Umsetzung. Wenn sie gut gelingen, wird dabei weder ein Anspruch noch das Populärkulturpublikum außer Acht gelassen. (Bisher finden sich die besten Rezensionen noch in den Tiefen kommerzieller Plattformen, zwar als Produktrezensionen, aber offen für Dialog. Man stelle sich vor, wie dieses kritische Potenzial unter den Fittichen öffentlich-rechtlicher Digitalkanäle florieren könnte.)

Die Literaturkritik hingegen setzt fest auf das Deuten, von der medialen Kanzel herab. Um sich aus der ständigen Rechtfertigungsnot zu befreien, muss sie sich verändern.

 

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[1] Hierzu noch ein Mini-Exkurs: Eine Trennung von Kultur und Kapitalismus ist ein ziemlich hoffnungsloses Unterfangen. Das gilt auch für die Literaturwelt, auch wenn sie das manchmal nicht wahrhaben will. Allein die Größe der Buchmessen in Deutschland sollte das ausreichend verdeutlichen. Über die (Un-)Abhängigkeit kritischer Betrachtungen sagt das jedoch herzlich wenig aus, wenn sie die Chance hat, wirklich unabhängig zu sein.