Es gibt inzwischen ein großes Angebot an Multimedia-Reportagen im Netz. Sie werden von Verlagen und noch viel häufiger von den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern angeboten und lassen sich zu vielen Themen finden. Ihre Aufmachung ist modern und interessant, die Inhalte sind oft zeitlos spannend. Dennoch: Nur wenige kennen diese neue Medienform und noch weniger nutzen sie. Gibt man ein Thema bei Google ein, wird fast nie eine solche Reportage angezeigt. Obwohl hochwertig, vielseitig und spannend, führen Multimedia-Reportagen ein Schattendasein zwischen Facebook, Youtube & Co. Woran liegt das?

Eine Ursache ist vielleicht die oftmals halbherzig verfolgte SEO öffentlich-rechtlicher Angebote. Aber das ist aus meiner Sicht nicht der einzige Grund. Es ist nicht nur eine Frage von Google, dass Multimedia-Angebote sich so schleppend durchsetzen.

Ich glaube, das Haupthindernis dieser durchaus attraktiven Angebote ist die ungewohnte Nutzungsanforderung. Multimedia-Reportagen erfordern eine Mischung aus Lean back– und Lean-Forward-Nutzung. Man muss sich aktiv durch die Geschichte klicken und wird immer wieder mit Video und Audio „belohnt“. Das macht Spaß, ist aber komplett ungewohnt.

Dazu kommt, dass Multimedia-Reportagen weder mobil nutzbar sind, noch „im Vorbeigehen“. In Zeiten von Bügelfernsehen und Catcontent fordern sie uns auf, sich einzulassen auf Inhalte und diese aufmerksam zu studieren. Übertrieben ausgedrückt: Das will kein Mensch heutzutage mehr.
Stirbt diese neue Erzählform also bevor sie überhaupt so richtig auf die Welt gekommen ist? Ich hoffe nicht. Ganz im Sinne von „Ist das Kunst oder kann das weg?“ würde ich Multimedia-Reportagen gerne als einen festen Baustein der Netzkultur sehen. Nicht für jedes Thema, nicht für jede Situation und auch nicht für jede Zielgruppe. Aber dennoch ein wertiges Angebot im Rahmen der neuen Medien, das sein Publikum findet.

Für mich liegt es auch an uns Nutzern, ob wir Angebote wie die Multimedia-Reportage, den Podcast, Audio-Slideshares und Ähnliches in Zukunft haben werden. Wir dürfen uns nicht immer und immer wieder Google und den Algorithmen der anderen Plattformen unterwerfen. Wir müssen selbst auf die Suche im Netz gehen und gezielt nach neuen Formen Ausschau halten. Dann finden wir mehr Vielfalt, als uns Google vermuten lässt. Schließlich sind YouTube und Wikipedia nicht alles.

Im Folgenden ein paar Beispiele für gelungene Multimedia-Reportagen rund um kulturelle und Netz-Themen. Ihr kennt weitere? Immer her damit. Freue mich über Euren Input!

Erwin Hapke: Der Weltenfalter

Fühl Dich gedruckt

Udo Jürgens: Der Weg zum Erfolg

Manifesto

Sabine Haas
Die Diplom-Psychologin, Medienexpertin und Gründerin der 3C Dialog GmbH gehört zu Deutschlands bekanntesten Fachfrauen, wenn es um die Themen »Service2020« und »Digitale Kommunikation« geht. Mit ihrer in Köln ansässigen Digitalagentur berät und begleitet die Unternehmerin seit über 20 Jahren namhafte Unternehmen und große Medienanstalten auf deren Weg in die Digitalisierung. Sabine Haas ist zudem leidenschaftliche Bloggerin, gern gesehene Speakerin und gefragte Interviewpartnerin. Seit 2013 ist sie als Dozent für »Onlinemarketing« an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg tätig.