Mit dem digitalen Wandel muss sich auch das Kommunikationsverhalten der Kulturinstitutionen ändern, um neue Besucher zu gewinnen. Nicht nur die Jugend wandert immer mehr zu den sozialen Medien ab, auch die Generation 50 plus hat das »Neuland« längst für sich entdeckt.

Live-Streaming-Apps eröffnen neue Möglichkeiten

Einen Ansatz, um die digitale Welt zu entern, hat das Projekt »Ignition« der Jungen Tonhalle Düsseldorf bereits aufgezeigt. Mit dem Einstieg in die sozialen Medien und einem Relaunch der Webseite gelang es ihnen, neue Besucher zu gewinnen und zu binden. Eine weitere Möglichkeit wäre das Herantreten an Influencer wie etwa Blogger. Kooperationen mit Kulturbloggern können auf langfristiger Basis sehr Erfolg versprechend sein und zudem das Image deutlich aufpolieren. Damit einhergehend – oder auch gänzlich davon abgekoppelt – stellen zudem Live-Streaming- und Video-Apps wie Periscope, Meerkat, Vine, Instagram oder YouNow einen spannenden Ansatz für die Kulturvermittlung dar.

Für einige mag es jetzt ein wenig befremdlich wirken, Live-Streaming zuzulassen, wo doch oft schon ein Fotografie-Verbot in Ausstellungen gilt. Dennoch sollte man sich nicht grundsätzlich vor den Möglichkeiten verschließen, ein Event via Live-Streaming zu begleiten und damit bewegte Bilder in Echtzeit um die Welt zu schicken.

StreamUp beim Graffiti und StreetArt Festival

Wie das funktioniert? Es ist quasi wie ein TweetUp, nur mit vielen kleinen Filmchen. Diese werden in Echtzeit hochgeladen und können sogar von Nutzern kommentiert werden. Damit können das Verhalten beziehungsweise die Aufnahmen des Streamers live beeinflusst werden, indem man ihn etwa darum bittet, die Kamera zu schwenken oder einen bestimmten Bildausschnitt nochmal zu zeigen. Wie das praktisch umsetzbar ist,  zeigt das Beispiel StreamUp zum Graffiti und StreetArt Festival in der #BundeskunstHallOfFame. Am 25. November vergangenen Jahres initiierten die Bundeskunsthalle und openmuseum.de ein StreamUp der Urban-Art-Ausstellung, die vom 29. November bis 6. Dezember 2015 lief. Die Besucher der Ausstellung konnten live dabei zusehen, wie die Kunstwerke entstanden. Eine kleine Gruppe socialmediaaffiner Menschen hatte den Prozess medial begleitet und über verschiedenste Kanäle geteilt, gezwitschert, geperiscopt … Daraus sind zahlreiche Filmchen, Bilder und Texte entstanden, die die Ausstellung von allen Seiten beleuchtet haben: Entstehungsvideos von Kunstwerken, Interviews mit den Künstlern und Blicke hinter die Kulissen.

Inhalte durch eigenen Kanal steuern

Wenn eine Institution die Inhalte selbst bestimmen möchte, bietet es sich an, ein eigenes Profil einzurichten. So können Events, Ausstellungen und Co. einfach selbst medial begleitet und Videos wie auch Bilder von Besuchern im Social Web verbreitet werden. Wer nicht zu viel von den Kunstwerken preisgeben möchte, kann sich vielleicht auf das Publikum beschränken: Wie reagiert es auf die Führung? Welche Kunstwerke sind der Magnet der Ausstellung? Wie ist die Stimmung? All jene Eindrücke lassen sich festhalten und für designierte Besucher im Web dokumentieren. Dadurch lässt sich sicherlich der ein oder andere zu einem Besuch anregen. Oder aber es werden besondere Blicke hinter die Kulissen gewährt, die sonst keinem Besucher zuteil werden.

Die Hürden eines StreamUps

Wenn sich die Institution für das Einsetzen von Live-Streaming-Diensten entscheidet, müssen ein paar Hürden überwunden werden, um die Veranstaltung zum Erfolg zu führen. Beispielsweise ist es sinnvoll, eine WLAN-Nutzung anzubieten, da sonst sehr schnell das Datenvolumen der Besucher aufgebraucht sein könnte. Vorher sollte zudem klar gemacht werden, was erlaubt ist und was nicht (Fotografien, Audio-Aufnahmen etc.). Weiterhin besteht ein Problem im Hinblick auf die Persönlichkeitsrechte der Besucher. Es ist nicht erlaubt, Videos zu kommerziellen Zwecken zu erstellen und auf Social-Media-Plattformen zu teilen, ohne vorab die Erlaubnis der abgebildeten Personen eingeholt zu haben.

Es lohnt sich dennoch, sich mit der Chance auseinanderzusetzen, selbst live von Events zu berichten oder berichten zu lassen. Kulturinstitutionen sollten daher ihre Möglichkeiten abwägen und zielgruppengerichtet eine Entscheidung für oder gegen Live-Streaming treffen.

Yasmin Neese
ist Medienwirtin, Redakteurin und Non-Stop online. Über den Leistungskurs Kunst hinaus hat es zwar nicht gereicht. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich aber gerne mit außergewöhnlicher, moderner Kunst. Wenn Familie und Beruf es zulassen, treibt sie auf ihrem Familienmischblog als »Die Rabenmutti« ihr Unwesen.