Wie könnte das Museum der Zukunft aussehen? Die meisten Experimente, die diese Frage beantworten wollen, versuchen, den Museumsbesuch neu zu gestalten – die Kuration bleibt dabei oft verschlossen. Das Museum Ulm und das NRW-Forum in Düsseldorf haben am 1. Juli 2020 die Plattform nextmuseum.io gestartet, die diesen Umstand verändern soll. Ich habe mir das von der Bundeskulturstiftung im Rahmen des Fonds Digital geförderte Projekt einmal angeschaut und mit Marina Bauernfeind, einer Initiatorin des Projekts, gesprochen.

 

Museum und Schwarmintelligenz

„Kuratieren mittels Schwarmintelligenz“, heißt das Konzept des nextmuseum. Die Plattform bietet Menschen, die eine Ausstellung organisieren wollen, die Möglichkeit, einen Open Call einzureichen. Marina Bauernfeind erklärt mir die Voraussetzungen: „Geplant ist schon, dass jeder kuratieren darf. Die Mindestanforderungen sind: Du musst erklären, was du machen willst, du solltest im Vorfeld auch definieren, wie die Ausstellung publiziert wird. Wir finden wichtig, dass die Künstler wissen, ob sie an einer Wand hängen oder ob das am Ende eine Webseite wird oder eine Publikation – das ist alles okay, sollte aber von vornherein klar sein.“ Welcher Call live gehen darf, entscheiden das Museum Ulm und das NRW-Forum. Dabei gehe es jedoch nicht um eine Vorauswahl, sondern darum, sicherzustellen, dass die Projekte offen für Kollaboration und Diskussion seien, erklärt Marina Bauernfeind.

Wie es weitergeht, liegt zum größten Teil in der Hand der Kurator*innen. Welche Kunstwerke wo und wie ausgestellt werden, wie die Bezahlung läuft und auch, wie weit die Kuration für die Community geöffnet wird, entscheidet man bei der Erstellung des Open Calls selbst.

nextmuseum.io bietet außerdem die Möglichkeit, sich mit Fragen über die Zukunft der Museumswelt zu beschäftigen. In der Rubrik „Experimente“ kann man eigene Ideen veröffentlichen oder über bereits bestehende Themen diskutieren. Gerade wird zum Beispiel über KI-Kurator*innen oder digitale Objektsschilder nachgedacht.

 

Demokratisierung durch Digitalisierung?

Das Ziel von nextmuseum ist also eine Demokratisierung des Museums. Durch Transparenz in den Entscheidungsprozessen, durch einen Fokus auf Fairness und Diskussion sowie durch möglichst geringe Hürden zur Beteiligung soll auf diese Utopie zugearbeitet werden.

Als zentrales Werkzeug zur Kollaboration nutzt nextmuseum den Messenger Telegram. Es gibt eine allgemeine Chatgruppe und jeweils eine für die einzelnen Projekte. Eintreten kann, wer sich bei Telegram anmeldet oder wer schon angemeldet ist. Die Hürde ist in der Tat nicht groß – nach wenigen Klicks kann ich die gesamte Diskussion zum Projekt Kunstreichgewächse lesen und an ihr teilnehmen. Dort wird gerade auf Englisch über Assoziationen von Frieden und dem Garten Eden philosophiert. Der Blick hinter die Kulissen ist hier auf jeden Fall gewährt. Jeder Schritt des Kurationsprozesses – abgesehen von Grundentscheidungen wie Thema, Ort und Zeit – ist transparent nachvollziehbar und steht zur Diskussion.

Ein wichtiger Schritt in Richtung Demokratisierung ist damit zweifelsfrei getan. Doch geht aus dieser offenen Diskussion auch wirklich ein Prozess hervor, der allgemeine Teilhabe ermöglicht? Marina Bauernfeind berichtet zufrieden, dass der offene Ansatz von nextmuseum schon viele Künstler*innen, Designer*innen etc. erreicht habe und zu einer offenen Diskussion führe. Das Ziel sei damit aber noch nicht erreicht: „Wir wollen auch wirklich diejenigen, die Kunst lieben, sich damit beschäftigen und eine Meinung dazu haben, Museumsbesucher und Nicht-Besucher, mit in den Prozess holen.“

 

Ein Experiment ganz am Anfang

Mein Eindruck bestätigt dieses Fazit. Ja, die Diskussion in den Telegram-Gruppen ist lebendig, aber sie scheint vor allem Stimmen von Menschen zu enthalten, die sich professionell mit Kunst und Kultur auseinandersetzen. Schon dieses Ergebnis lässt sich sehen, schließlich ist die Kulturbranche in vielen Bereichen eher hierarchisiert als demokratisch.

Ob das nextmuseum seinem hohen Anspruch gerecht werden kann, muss sich jedoch noch zeigen. Ich denke, hier kann sich noch vieles entwickeln – im Positiven und Negativen. So klingt es auch bei Marina Bauernfeind: „Wir öffnen den Prozess der Ausstellungskuration für die Community, wir machen ihn transparent und du hast Interaktionsmöglichkeiten, sodass du dich wirklich schon im Vorfeld einer Ausstellung beteiligen kannst. Wie stark das dann am Ende in ein „Museum der Zukunft“ übernommen wird, ist ja das Experiment, das wir starten. Und wir sind ganz gespannt, was in den nächsten Monaten und Jahren gemeinsam mit der Community passiert.“ Wer mitbestimmen will, sollte sich also an Telegram wagen.

Es wird also noch spannend. Um wirklich das Museum der Zukunft prägen zu können, ist es für das nextmuseum jetzt wichtig, dass tatsächlich Konsument*innen zu Teilhabenden werden und Künstler*innen und Kurator*innen diese Offenheit aushalten können. Ob diese Welten überhaupt zusammenfinden wollen, ist Teil des Experiments.

 

Ich danke Marina Bauernfeind herzlich für das sehr interessante Gespräch.