Wie klang „Rheingold“ bei der Erstaufführung 1854?

Von |23.08.2023|Oper|

Historisch informierte Fassung der Wagner-Oper in der Kölner Philharmonie

Während man in Bayreuth dieses Jahr auf Digitalisierung setzt und Augmented Reality-Brillen bei den Wagner-Festspielen verteilt (leider nur an einen Teil des Publikums), zeigte uns am vergangenen Wochenende das Projekt „Wagner-Lesarten“ in einem Konzert in der Kölner Philharmonie, wie Wagner möglicherweise vor 141 Jahren geklungen haben mag. Ganz ohne Bühnenbild und Regie, nur in konzertanter Aufführung unter dem Dirigat von Kent Nagano. 

Spontan eingeladen von einem befreundeten Nachbarn war ich auf die Aufführung am vergangenen Freitag wenig vorbereitet. Wagners „Rheingold“ habe ich bisher nie gehört oder gesehen (auch der Nachbar nicht), überhaupt ist mir von Wagner bislang nur „Tannhäuser“ „untergekommen“, da ich mich an den Ring bislang nicht so recht getraut habe. Jetzt also „Rheingold“, das Vorspiel zum Ring des Nibelungen. Wir sind gespannt. 

Das Projekt „Wagner-Lesarten“ erarbeitet die Aufführungshistorie 

In der Einführung zur Oper erfahren wir mehr über den Hintergrund der Aufführung: 2017 starteten Concerto Köln, die Kunststiftung Köln und der Dirigent Kent Nagano das Projekt „Wagner-Lesarten“. Ziel war es, in einem wissenschaftlich-künstlerischen Rahmen eine sogenannte „historisch informierte“ Fassung von „Rheingold“ zu erarbeiten und auf die Bühne zu bringen. Der Begriff „historisch informiert“ bedeutet, dass möglichst umfassend recherchiert wird, wie „Rheingold“ zu Lebzeiten Wagners aufgeführt wurde. Diese Erkenntnisse werden in eine aktuell aufführbare und akzeptable Fassung transformiert. 

Das Gesamtprojekt dauerte (durch Corona verlängert) von 2017 bis 2021. Es wurden historische Instrumente gebaut oder bestehende Instrumente modifiziert, Workshops und historische Forschungsarbeiten zum damaligen Verständnis von Gesang und Sprache wurden durchgeführt und möglichst viele Lücken der Rezensionsgeschichte gefüllt. Ein ebenso spannendes wie umfangreiches Projekt. 

Das Ergebnis kam zuerst 2021 auf die Bühne. Am vergangenen Wochenende wurde es erneut vom Dresdner Festspielorchester unter der Leitung von Kent Nagano aufgeführt.

Das Orchester sowie Darsteller und Darstellerinnen der Wagner-Oper Rheingold auf der Bühne

Dominik Köninger (Donner), Tansel Akzeybek (Froh), Annika Schlicht (Fricka), Simon Bailey (Wotan) und Mauro Peter (Loge). Foto: ©KölnMusik / Jörn Neumann

Ein Abend mit besonderem Klang – und besonderen Herausforderungen 

Den besonderen Klang dieses Abends behält man lange in Erinnerung. Wagner bietet für seine Oper „Rheingold“ ein großes Orchester auf. Allein vier Harfen und vier Schlagwerke sind auf der Bühne vertreten. Dazu die vielen teils historisch nachgebauten Blechblas-Instrumente, die für voluminösen und teilweise mystischen Klang sorgen. Ein Orchester mit „Wumms“. 

Anders als bei einer regulären Opernaufführung verschwinden die Musiker*innen nicht im Orchestergraben, sondern bilden das Zentrum des Geschehens. Die Musik und der Gesang dominieren den Abend, in keiner Weise abgelenkt durch Bühnenbild oder Kostüme. Für mich als „Wagner-Einsteigerin“ hat das sowohl Vor- als auch Nachteile.  

Die Darbietung ohne einen modernen Regie-Ansatz erlaubt es, Wagner ganz „pur“ und darüber hinaus möglichst nah am historischen Original kennenzulernen. Das ist beeindruckend und besonders. Man ist ganz auf die Musik konzentriert und bekommt durch die überragende Leistung von Orchester, Sängerinnen und Sängern ein sehr gutes Verständnis von den großen musikalischen Herausforderungen einer Wagner-Oper.  

Dabei fällt auf, wie szenenbeschreibend und lautmalend Wagner „Rheingold“ komponiert hat. Wenn z. B. von Donner die Rede ist, wird ein Donnerlaut produziert, wenn es um die Rhein-Nixen geht, hört man Gewässer-Klänge. Wagners Musik bleibt immer ganz nah am Geschehen und scheint in erster Linie darauf ausgelegt, die Handlung zu untermalen, zu verstärken und mit starken Emotionen zu verbinden. Das ist spannend, führt aber auch dazu, dass die Musik oftmals wenig gefällig daherkommt und irgendwie (man verzeihe mir als Laie diese Beschreibung) nicht so ohne Weiteres durchhörbar anmutet. 

Auch Handlung und Libretto der Oper werden durch keine Bühnen-Dramaturgie „abgemildert“ und müssen ebenso wie die Musik für sich selbst sprechen. Das wiederum ist für mich eine echte Herausforderung und bereitet mir Schwierigkeiten. 

Die Handlung der Oper „Rheingold“ 

Kurz zur Handlung: Die drei Nixen Wellgunde, Floßhilde und Woglinde tollen im Fluss Rhein, ihrem Element. Zwerg Alberich beobachtet und begehrt sie. Sie locken ihn zunächst, dann stoßen sie ihn zurück. Im Rhein glänzt das Rheingold, das die Nixen bewachen sollen. Alberich – enttäuscht von der Zurückweisung durch die Nixen – verflucht die Liebe und stiehlt das Gold. Dadurch, dass er der Liebe abgeschworen hat, kann er einen Ring aus dem Gold schmieden, der ihm die Weltherrschaft verleiht. 

Zeitgleich stellt Gott Wotan auf Walhall seine Burg fertig. Er hat sie durch die Riesen Fasolt und Fafner bauen lassen. Als Lohn hat er ihnen die Schwester seiner Gattin, die schöne Freia, versprochen. Nun möchte er diesen Lohn nicht zahlen, sondern sucht nach einer Ausflucht aus dem Vertrag. Das gestohlene Gold der Rheintöchter kommt ihm dazu gerade recht. Er will es Alberich wieder entreißen und damit die Riesen bezahlen. 

Wotan gelingt es, das Gold zu rauben und Alberich auch den Ring, der ihm Macht verleiht, abzunehmen. Alberich verflucht den Ring und prophezeit, dass er jedem den Tod bringt, der ihn besitzt. Das erbeutete Gold übergibt Wotan den Riesen, doch diese fordern auch den Ring. Sofort streiten sie sich über dessen Besitz und Fafner erschlägt Fasolt.  

In der letzten Szene ziehen Wotan und die übrigen Götter in Walhall ein und es kündigt sich ihr baldiger Untergang an.

Drei Opernsängerinnen in der Kölner Philharmonie

Eva Vogel (Floßhilde), Ida Aldrian (Wellgunde) und Ania Vegry (Woglinde). Foto: ©KölnMusik / Jörn Neumann

Überragende Künstler erleichtern die schwierige Annäherung an Wagner 

Operngeschichten sind ja selten besonders herausragend und vielmals etwas bizarr, aber es fällt mir diesmal besonders schwer, der Handlung von „Rheingold“ etwas abzugewinnen. Möglicherweise rührt dies auch von dem seltsam anmutenden Libretto, das gleich zu Anfang beginnt mit Sätzen wie: „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala, weiala weia!“ oder „Floßhilde, schwimm´! Woglinde flieht: Hilf mir die Fließende fangen.“ Auch hier setzt Wagner stark auf Lautmalerei. Dadurch verwendet er eine Sprache, die zumindest gewöhnungsbedürftig ist. 

Nach 2,5 Stunden Aufführung ohne Pause – eine echte Mammutaufgabe für die Künstler*innen –muss ich sagen, dass ich den Weg zum Wagner-Fan noch nicht gefunden habe. Mein Nachbar übrigens auch nicht. Dennoch war der Abend überaus interessant und künstlerisch ein absolutes Highlight.  

Die fast voll besetzte Philharmonie spendete zu Recht begeisterten Applaus für das überragende Orchester und die komplette Gesangsbesetzung, allen voran Simon Bailey als Wotan, Mauro Peter als Wotans Ratgeber Loge, Annika Schlicht in der Rolle der Göttergattin Fricka und natürlich der Bösewicht Alberich, gesungen von Daniel Schmutzhard.  

Sicher werde ich mich noch ein zweites Mal an Wagners Ring wagen (jetzt will ich es wissen), dann aber eher in einer Opern-Aufführung. Für diejenigen, die die tolle Arbeit des Projektteams „Wagner-Lesarten“ und von Kent Nagano ebenfalls erleben und einen konzertanten Wagner hören möchten: Das Projekt wird fortgesetzt. Im März 2024 kommt „Die Walküre“ auf die Bühne der Philharmonie.

Kölnisches Stadtmuseum: Ausstellung 200 Jahre Kölner Karneval

Von |21.07.2023|Unterwegs|

D’r Zoch kütt! Unter dem Motto „Thronbesteigung des Helden Carneval“ fand 1823 der erste organisierte Rosenmontagszug in Köln statt. Damals hieß dieser allerdings noch Maskenzug und war eine Reaktion auf das ausufernde Feiern der Kölner zur Fastnacht. Es galt, das bunte Treiben in geordnete Bahnen zu lenken. Gegründet wurde das „Festordnende Komitee“, das wir heute als „Festkomitee Kölner Karneval“ kennen. Was in den 200 Jahren Karnevalsgeschichte seither passierte, erzählt derzeit die Ausstellung „Karneval in Köln. Wie alles begann…“, die vom Kölnischen Stadtmuseum gemeinsam mit dem Festkomitee Kölner Karneval konzipiert wurde.

Wie wurde aus dem „Helden Carneval“ der Prinz und das Dreigestirn? Was bedeutet eigentlich die „Bütt“? Und was hat es mit dem Wort „Alaaf“ auf sich? Über alles das und noch mehr erzählt die Ausstellung in Form einer Zeitreise, welche die Besucher*innen in einem Rundgang durch – wie sollte es anders sein – 11 thematische Stationen zum Kölner Karneval führt.

 

Stadtmuseum zu Gast im MAKK

Mit der Ausstellung zum Jubiläum des Kölner Karnevals ist das Kölnische Stadtmuseum zu Gast im MAKK – dem Museum für Angewandte Kunst Köln. Da das neue Kölnische Stadtmuseum erst im Herbst 2023 mit neuem Museumskonzept seine Türen für Besucher*innen wieder öffnet, musste für die Ausstellung anlässlich des runden Geburtstags des Kölner Karnevals eine Alternative gefunden werden. Das Gute liegt bekanntlich nah. So fand die Ausstellung ihren Platz schließlich im MAKK. Noch bis zum 30. Juli 2023 ist sie dort zu sehen. Und der Besuch lohnt sich!

 

 

Eine Reise zu den Anfängen des Kölner Karnevals

Ich entscheide mich, meinen Besuch mit einer Führung zu verknüpfen. Unter dem Motto „Vom Helden Carneval bis heute – Wie alles seinen Anfang nahm“ werden wir durch die 11 Themen der Ausstellung geführt. Die ersten drei Stationen „Rettet den Karneval“, „Das Festordnende Comite“ und „Einmol Prinz zo sin“ vermitteln einen ersten historischen Überblick zu den Anfängen und der Entwicklung des Kölner Karnevals.

Die Ursprünge des Karnevals finden sich tatsächlich schon mit der Stadtgründung Kölns, also den Römern. Bereits im Mittelalter verkleideten sich die Menschen und feierten die Fastnacht und das sogenannte Mittwinterfest, um Winterdämonen zu vertreiben. Die Feierlichkeiten nahmen jedoch solch ausschweifende Formen an, dass ein Verbot des Karnevals folgte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde dann wieder mit dem Verkleiden begonnen – allerdings mit Regeln und einer sogenannten „Maskenkarte“. Die Kölner*innen mussten sich also eine Karte kaufen, um sich verkleiden zu dürfen.

Eine Gruppe hochgebildeter Männer der damaligen Elite schloss sich daraufhin zusammen, um zu überlegen, wie ein geordneter Karneval aussehen könnte. „Das Festordnende Comite“ war geboren und schuf ein Gesamtkunstwerk mit Einflüssen aus Kölner Traditionen, Italien und seinen Wanderbühnen und dem Niederrhein, wo es bereits den „Held Carneval“ gab. Dieser Zusammenschluss legte die Basis für all das, was wir heute unter dem Kölner Karneval verstehen: Ein Maskenzug für den Rosenmontag, ein Ball im Gürzenich, Karnevalssitzungen und die Erlaubnis zum Verkleiden. Neben dem „Held Carneval“ tauchen Bauer und Jungfrau als stadtgeschichtliche Symbole immer wieder unabhängig in den Zügen auf. Ab 1883 bildeten sie zusammen mit dem neuen Oberhaupt, dem Karnevalsprinzen, eine Einheit im Kölner Karneval. Das Dreigestirn wie wir es heute kennen gab es dann ab 1937.

 

Kölsche Töne und die Pappnas

Nach einem umfangreichen Einblick in die Entstehung des Karnevals in Köln geht es weiter mit einem bunten Rundumschlag der vielseitigen Themen des Fastelovend: Von den Kostümen und den vielen Jahren des Rosenmontagszuges bis hin zur Musik im Kölner Karneval, den Karnevalsorden und dem historischen „Ballvergnügen im Gürzenich“. Der Karneval als Spiegel der Gesellschaft und Politik findet Betrachtung in den Stationen „Parodie aus der Bütt“ und der zum Rosenmontagszug.

Ab den 1930er-Jahren wurde der Höhepunkt des Kölner Karnevals als Rosenmontagszug gefeiert. Abgeleitet wird seine Benennung aber nicht von der gleichnamigen Blume, sondern von dem Wort „rasen“, also dem ausgelassen sein. Schon der erste Zug im Jahr 1823 war – auch wenn wesentlich kürzer und kleiner als der heutige Rosenmontagszug – eine Veranstaltung mit Pauken und Trompeten, für welche sich die Leute auf Dächern und in Fenstern rund um den Neumarkt versammelten. Dabei hat der Zug immer schon Bezug zu kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Ereignissen genommen und diese thematisiert.

Gleiches geschieht auch seit eh und je bei den Büttenreden. Aber was versteht man eigentlich genau unter der Bütt? In der Ausstellung erfahre ich, dass die Bütt ursprünglich eine Waschwanne ist, in der schmutzige Wäsche gewaschen wird. Und das erste Stehpult für eine Büttenrede gab es schon 1828. Hintergrund war dabei nicht nur, dass durch die Redner Land und Leute „durch den Kakao“ gezogen wurden, sondern auch der Wunsch, den Karneval zeitgemäß und demokratisch zu gestalten. Schon im Jahr 1843 setzte sich der Publizist und Vertreter der Demokratiebewegung Franz Raveaux für die politische Satire im Kölner Karneval ein.

 

 

Eine weitere Station gefällt mir besonders gut: „Kölsche Töne“. Denn ohne Musik gibt es natürlich kein Schunkeln und kein Karneval. Ein besonders traditionsreiches Lied wurde 1823 für die „Thronbesteigung des Helden Carneval“ komponiert und ging als „Nr. 1“ in die Sammlung kölnischer Karnevalslieder ein. Die für die Züge komponierten Melodien waren auch als „Bellentöne“ betitelt und wurden in den Folgejahren immer wieder neu zu den jeweiligen Karnevalsmottos mit einem passenden Text reformiert.

Beliebt wurden bald das gemeinsame Singen und auch die Marschlieder. Wer kennt nicht Lieder wie „Ein treuer Husar“ oder auch „Heidewitzka, Herr Kapitän“. Auch Klassiker wie „Ich möch zo Foß noh Kölle jon“ von Willi Ostermann wurden schnell zu beliebten Karnevalsliedern. Heute sind 15.000 Liedeinträge in der „Akademie för uns kölsche Sproch“ aufgelistet – kaum eine andere Stadt der Welt wird so vielfältig besungen wie unsere Domstadt. Notenblätter der historischen Bellentöne und auch welche von Willi Ostermann sind in der Ausstellung zu sehen.

 

„Jede Jeck is anders“

Bei der vorletzten Station „Wer soll das bezahlen?“ ist der Ohrwurm und die Lust auf’s Schunkeln ebenfalls vorprogrammiert. Überhaupt spielten Finanzen beim Karneval schon immer eine große Rolle und ließen die Kölner seit jeher kreativ werden: Vermietung von Fensterplätzen, der Verkauf von Karnevalskappen oder auch Briefpapier und Postkarten sind alte Traditionen. Zum Ende der Ausstellung werden die Besucher*innen aufgerufen, ihre eigenen Ideen zu der Frage „Was ist Karneval?“ festzuhalten. Denn dieser ist stetig im Wandel und kann für jeden Jeck etwas anderes sein.

Eine besondere Tradition hat jedoch schon lange Bestand und wird wohl so schnell nicht weichen: der Ausruf „Kölle Alaaf!“ Auf einem letzten historischen Ausstellungsstück ist dieser zu lesen. Es ist ein Bartmannskrug, wie ihn die Kölner im 16. Jahrhundert in ihrem Alltag genutzt haben. Der Ausruf meinte hier so viel wie: „Alles weg“ oder auch „Alles andere ist nicht so gut“ – stand also für etwas, an dem man viel Spaß hatte. Hättet Ihr’s gewusst?

 

Ich freue mich jetzt schon auf einen Besuch im neuen Kölnischen Stadtmuseum. Im Herbst eröffnet dies mit einer Ausstellung, welche die Geschichte der Stadt Köln in ihren unterschiedlichen Facetten erzählen wird. Da dürfen wir sicherlich gespannt sein. 😊

Digitale Blog-Posts des Museums für Kommunikation

Von |06.07.2023|Digitalkultur|

Ein Gastbeitrag von Laura Heyer, Mitarbeiterin des Museums für Kommunikation in Bern

 

Museen erhalten Objekte für die kommenden Generationen. Sie sind damit etwas zutiefst Analoges – und doch spielt auch hier die Digitalisierung auf mehreren Ebenen eine sehr bedeutende Rolle. Gerade bei einem Museum, dessen Stifterinnen das Schweizer Telekommunikationsunternehmen Swisscom und die Schweizerische Post sind. Wöchentlich erscheint bei uns mindestens ein neuer Beitrag auf unserer Website. Zu Wort kommen dabei alle aus unserem Team. Ich zeige hier eine kleine Auswahl der Blogbeiträge, die sich um das Thema Digitalisierung drehen. Was ein Albumtitel von Falco, die Ukraine und Küssen damit zu tun haben? Lesen Sie selbst. Herzlich willkommen bei den digitalen Blogs des Museums für Kommunikation in Bern.

 

Museumsobjekte erzählen von der Digitalisierung

Wenn unsere Kommunikator:innen durch unsere Kernausstellung führen, bleiben sie oft an einem riesigen Metallschrank stehen, der ERMETH. Die Abkürzung steht für Elektronische Rechen-Maschine der Eidgenössisch Technischen Hochschule Zürich. Wenn es um historisch-technische Museumsobjekte geht, schreibt Juri Jaquemet, Sammlungskurator Informations- und Kommunikationstechnologie, gerne Blog-Beiträge und erzählt deren Geschichten.

Noch während des Zweiten Weltkrieges rechnet die Schweiz analog. Mit der Gründung des Instituts für Angewandte Mathematik an der Zürcher Hochschule beginnt 1948 im Alpenland das Zeitalter der programmierbaren Rechenautomaten. Institutsleiter Professor Eduard Stiefel reist mit Kollegen zu den Computerpionieren in die USA. Er publiziert 1951 die Erkenntnisse und erregt damit internationales Aufsehen – vor allem aber hat er sich das Fachwissen für den Bau eines digitalen Rechengerätes geholt. Trotz vieler Probleme beim Bau des Riesencomputers – mit Lieferanten und Abwerbungen durch IBM – wird dieser 1958 in Betrieb genommen und ist bis 1963 fast pausenlos im Einsatz.

Hier geht’s zum Blog-Post „ERMETH – Computer made in Switzerland“ von Dr. phil. Juri Jaquemet.

 

Ermeth Computer und Metallschrank im Museum für Kommunikation in Bern.

Heute steht die ERMETH im Museum für Kommunikation in Bern. Für diese Aufnahme wurde der Computer extra freigestellt. Mittlerweile steht der Rechner in der Zone Datacenter der neuen Kernausstellung. Foto: Museum für Kommunikation, Bern.

 

Neben diesem Leitfossil der Schweizer Informatikgeschichte, beginnt – ebenfalls in den Nachkriegsjahren – die Geschichte des mobilen Telefonierens in der Schweiz. Radiovox heisst das System und füllt den halben Kofferraum eines Autos. 1978 lanciert die PTT (Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe, staatliche Behörde zwischen 1928 und 1998) dann das Nationale Autotelefon – kurz Natel. Das Model A ist als tragbarer Koffer von 15 kg für 10’000 CHF zu haben. Die Geräte werden bald kleiner, billiger und stammen fortan meist nicht mehr aus Schweizer Produktion. Die tieferen Preise ermöglichen es, dass sich die mobile Telefonie im Alltag durchsetzt.

 

Historisches Bild mit einem Natel A im Koffer auf einer Motorhaube in den 70er Jahren.

Tragbares Natel A im Koffer: Damit wird die Telefonie in der Schweiz definitiv mobil. Aufnahme Ende der 1970er Jahre. Foto: Museum für Kommunikation, Bern.

 

Auch in den immobilen Telefonkabinen findet sich in den 1990ern ein erstes Anzeichen der kommenden Digitalisierung: Das Telefonbuch wird durch den Teleguide ersetzt. Ein Gerät, das den Online-Zugriff auf das vollständige Teilnehmende-Verzeichnis ermöglicht. 2002 zählt die Statistik dann für die Schweiz erstmals mehr Mobil- als Festnetzanschlüsse, ab 2007 sogar mehr als Einwohnende – damit beginnt das langsame Ende der Telefonkabinen. In der NZZ plädiert zwar ein Architekt augenzwinkernd für den Erhalt einiger Kabinen als künftige Stationen zum Beamen, aber so weit ist es noch nicht. Und so demontiert die Swisscom, eben gerade von der Telefonkabinenpflicht befreit, 2019 ihre letzte Telefonkabine der Schweiz. Sie steht nun im Depot des Museums für Kommunikation in Bern und bleibt der Nachwelt erhalten.

 

Digitale Strategie des MfK

Social Media, digitale Besuche, Sammlungsdatenbanken und eine App zur Zeiterfassung – die digitale Transformation ist in allen Bereichen des Museums angekommen. Und die Situation wird zunehmend komplex. Deswegen entwickeln wir seit 2019 auf Führungsebene eine digitale Strategie. Sie soll ein koordiniertes Vorgehen und den Austausch zwischen allen Bereichen etablieren. Christian Rohner, stellvertretender Direktor und Leiter Ausstellungen und digitales Museum berichtet in seinem Blog-Beitrag von den Anfängen.

Die im Februar 2020 öffentlich präsentierte Strategie verfolgt insgesamt drei Ziele: die Präsenz in der virtuellen Welt auszubauen, die kulturelle Teilhabe zu stärken und eben auch das kulturelle Gedächtnis zu fördern.

Unser erstes Ziel der virtuellen Präsenz, also als vernetzte Gedächtnisinstitution zeit- und ortsunabhängig erlebbar zu sein, wird schon einen Monat nach der Veröffentlichung dieser theoretischen Worte anfangs 2020 zum praktischen Muss: «Das Museum ist bis auf Weiteres GESCHLOSSEN» prangt in Grossbuchstaben auf unserer Homepage. Eine Pandemie namens Corona hat das Leben lahmgelegt. Das zwingt uns dazu, einige Aspekte unserer Zukunftsstrategie schnell zu erproben. Bereits zwei Wochen nach der Schliessung begrüsst ein dreiköpfiges Team viermal in der Woche Besuchende per Livestream. Die schnelle Einführung dieses neuen, digitalen Formats ist nicht einfach, denn in unserem Team hat niemand Erfahrung damit. Auf welchem Kanal soll gestreamt werden? Was sind Konsequenzen in Bezug auf das Urheberrecht und wie sollen diese Führungen archiviert werden? Die Antworten auf all diese Fragen können wir nur nach dem Trial-and-Error-Prinzip finden. Der digitale Wandel der vergangenen Jahrzehnte zeigt sich in diesem neuen Vermittlungsformat eindrücklich: Wäre für ein vergleichbares Vorhaben noch bis in die 1990er Jahre ein TV-Übertragungswagen samt Ton, Kamera und Moderation notwendig gewesen, reichen jetzt ein Smartphone und ein Streamingdienst. Der letzte Stream – als Video on demand untem im Blogbeitrag zu sehen – spiegelt die Experimentierfreude des Teams wider: Was sie in einer Weiterbildung zu Auftrittskompentenz gelernt haben, geben sie hier mit einem Geheimrezept und Aerobic-Instruktionen an die Aussenwelt weiter.

 

Der Blick aufs Nicht-Digitalisierte

Von einem unvorhergesehenen Ereignis der Gegenwart zum nächsten: «Einer meiner ersten Eindrücke als ich in der Schweiz ankomme, ist die Aufmerksamkeit und Sensibilität der Schweizer:innen für wiederverwertbare Materialien (…) und das scheinbar komplizierte Sortier- und Sammelsystem für Abfälle. Von aussen betrachtet sieht die Situation nahezu perfekt aus.» Das schreibt Liubov Dubynets, die vor dem Krieg aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet ist und uns vom Oktober 2022 bis Februar 2023 als Projektmitarbeiterin im Sammlungsteam unterstützt hat. Zum Abschluss ihrer Tätigkeit bei uns hat sie einen Blog-Post geschrieben – und uns mit der Themenwahl überrascht. Sind wir gar nicht so modern und digital? Sie wundert sich, warum die Zugänge für ein Bankkonto mittels fünf einzelner Briefe zugestellt werden, statt direkt in der Bank übergeben oder eben digital, per Mail zugesendet zu werden. Deswegen schaut sie sich das Ganze mal statistisch an: Öffentlichen Zahlen zufolge ist die Schweiz eines der führenden Recyclingländer der Welt. Aber sie ist auch bei der Müllmenge das drittgrößte Land Europas. Und die Schweizer:innen verbrauchen jährlich rund 190 kg Papier pro Kopf, weltweit sind es rund 57 kg.

 

Zerknülltes Papier, Symbolbild Blogbeitrag MfK, Land der Papierberge

Foto: Museum für Kommunikation, Bern.

 

Ob die E-Mail diesbezüglich ein absolutes Allheilmittel sein könnte? Sie spricht von ihrer Erfahrung in der Ukraine, wo kaum Briefe mit der Post verschickt werden, fast alle Kommunikationsprozesse sind digitalisiert. Sie geht dem Thema und den Zahlen weiter nach und stellt fest, dass der elektronische Brief gar nicht so fehlerfrei ist wie angenommen. Briefe stossen im Durchschnitt doppelt so viel CO2 aus wie E-Mails, vor allem des Transports wegen. Eine E-Mail ist also umweltfreundlicher, aber nur wenn sie in der gleichen Häufigkeit wie Briefe verschickt wird. Doch wir verschicken täglich zahlreiche E-Mails. Gar nicht so einfach ein Gleichgewicht zu finden!

Hier geht’s zum Blog-Post „Im Land der (Papier-)Berge“ von Liubov Dubynets.

 

Eigene Erfahrungen mit der digitalen Welt

Wir schliessen den Kreis vom ersten Computer der Schweiz zur neusten Computertechnologie und einem Ausblick auf einen Blog-Beitrag zur Digitalisierung, der im Herbst 2023 erscheinen wird.

NERDA ist ein Projekt bei uns im Museum, dessen primärer Antrieb die Freude an digitalen Erlebnissen und Entdeckungen ist. NERDA hat sich zum Ziel gesetzt, digitale Anwendungen erlebbar zu machen, und zwar sinnlich, zugänglich, experimentell und mit Spass, auch am Scheitern. Hauptakteurinnen des Projekts sind zwei Kommunikatorinnen. Eine davon wagt ein Experiment im Web 3.0. Wie erinnert sich eine Künstliche Intelligenz (KI) an einen ersten Kuss und auf welche Bild- und Datensätze greift sie dabei zurück? Das fragt sie sich in ihrem Blogbeitrag. Schauen Sie doch immer mal auf unserer Website und unserem MfK-Blog vorbei oder folgen Sie uns in den Sozialen Medien (@mfkbern). So erfahren Sie immer wieder das Neuste zur Digitalisierung im analogen Museum.

 

Jahrestage: Ein Tag und ein Leben für das Tanzen

Von |16.02.2023|Unterwegs|

„Was bleibt vom Tanz, wenn der Vorhang sich geschlossen hat?“, so die ersten Worte des Ausstellungskurators Thomas Thorausch, welcher mir an einem Tag Mitte Februar 2023 eine kleine Einführung in die Ausstellung „Jahrestage“ gab. Zu meiner großen Freude stellte sich bald heraus, dass diese Jahresausstellung im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln gleich mehrere künstlerische Ebenen beinhaltet, für die auch ich eine Leidenschaft habe: Fotografie, Literatur, Zeichnen, Musik, natürlich das Tanzen und auch die Geschichte und Philosophie des Lebens.

So beginnt die Ausstellung mit einem Zitat von Thomas Bernhard: „Alle leben mindestens drei Leben: ein tatsächliches, ein eingebildetes und ein nicht wahrgenommenes.“ – Worte, welche die Besucher*innen sicherlich erstmal ein wenig (über das eigene Leben) nachdenken lassen und auf das einstimmen, was sie in dieser Ausstellung erwartet.

 

Zitat von Thomas Bernhard im Tanzmuseum Köln

 

12 Geschichten von Tänzerinnen und Tänzern des 20. Jahrhunderts

Die Ausstellungen im Tanzmuseum finden einmal jährlich unter einem bestimmten Thema statt, welches durch ausgewählte Zeugnisse aus den reichhaltigen Beständen des Tanzarchivs entsteht. Kern der Ausstellung „Jahrestage“ sind Geschichten von Tänzer*innen des 20. Jahrhunderts, welche anhand eines besonderen Tages und übermittelten Dokuments erzählt werden. Dieser Tag steht dabei sowohl für den persönlichen Lebensweg als auch für die Geschichte des Tanzes.

Passend zu den 12 Monaten eines Jahres werden insgesamt 12 Geschichten in einer offenen und zugleich ineinander verwobenen Ausstellungsarchitektur präsentiert, welche viel Raum für Interpretationen lässt. So wundert es nicht, dass sich zwischen den einzelnen Geschichten der gezeigten Persönlichkeiten immer wieder Parallelen zeigen. Denn wie das Leben so spielt, können Geschichten und Wege in Raum und Zeit auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden sein.

Eine große Gemeinsamkeit der 12 Tänzer*innen besteht zum Beispiel darin, dass sie sich auch durch Zeichnungen künstlerisch ausgedrückt und Ideen oder Erlebnisse in Notizen festgehalten haben. Zeugnisse dieser Ausdrucksformen sind ebenfalls Teil der Ausstellung.

Zeichnung und Worte von Tänzerin Käthe Wulff im Tanzmuseum Köln

 

Kleine Zeitzeugen und ausdrucksstarke Fotografie in Lebensgröße

Direkt zu Beginn des Ausstellungsraumes ist eine der bekanntesten deutschen Tänzerinnen auf einer lebensgroßen und ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotografie zu sehen: Mary Wigman. Mit ihrer Geschichte und dem Tag des 1. Septembers 1972 beginnt die Ausstellung. An diesem Tag ihrer Lebensgeschichte befindet Mary sich ein Jahr vor ihrem Tod an einem Ort, der für ihr Leben von großer Bedeutung war.

Ein kleines Foto von Mary ist Zeitzeuge dieses Tages und erzählt von ihrer Geschichte: Mary ist am Lago Maggiore in der Schweiz, von wo aus sie auf den Monte Verita blickt – den „Berg der Wahrheit“. Bereits mit 26 Jahren, 59 Jahre bevor dieses Bild entstand, ist Mary zum ersten Mal an diesen Ort gereist. Als junge Frau wusste sie bereits, dass sie nicht heiraten oder Kinder kriegen wollte – nur eins wollte sie ganz sicher: Tanzen. Der Ort Monte Verita war damals Treffpunkt von Künstlern und alternativen Bewegungen, also Menschen, die etwas anders machen wollten.

Im Sommer 1913 trifft Mary hier den Tanzreformer Rudolf von Laban, über dessen Begegnung sie sagte: „Es war, als käme ich nach Hause“. Die Tänzerin findet an diesem Ort ihren Weg und kehrt auch später immer wieder zum Monte Verita zurück. Mary Wigman wurde zur Mitbegründerin des Ausdruckstanzes und das Foto des Tages im Jahr 1972 ein Sinnbild für ihre Lebensgeschichte.

Porträt von Mary Wigman im Tanzmuseum Köln

Bild von Mary Wigman am Lago Maggiore. Quelle: Deutsches Tanzarchiv Köln

 

Die Geschichte der kleinen Tänzerin Lucy

Es folgen elf weitere Geschichten, welche die Geschichte des Tanzes und persönliche Lebenswege und Anekdoten erzählen. Geprägt sind sie alle von Aufbruch und Euphorie – aber auch von Zeiten der Krise, persönlichen Schicksalsschlägen und Ernüchterung.

Eine dieser Geschichten hat mich besonders berührt: das Schicksal von Lucia Dorothea Burkiczak. Nach der Scheidung ihrer Eltern wurde sie, wie zur damaligen Zeit üblich, zusammen mit ihren beiden älteren Schwestern für eine Weile in die Ducan-Schule mit dazugehörigem Internat gegeben. Im Gegensatz zu ihren Geschwistern kehrte das lebhafte und etwas schwierige Kind jedoch nicht wieder nach Hause zu ihrem Vater und der neuen Frau zurück.

Die Tanzschule der damals modernsten Tänzerinnen Isadora und Elizabeth Ducan wurde also das neue Zuhause der erst fünfjährigen Lucy. Eine gezeigte Postkarte vom 17. November 1927, auf der die zu diesem Zeitpunkt zehnjährige Lucy an ihren Vater schreibt, steht für ihre Geschichte. Lucia wurde Tänzerin – und bereits als Kind als „hüpfende Lucy“ der Duncan-Schule bekannt. Archivdokumente zeigen aber auch, dass sie als erwachsende Frau etwas anders an die Zeit im Internat zurückgedacht hat und ihr vor allem ein fehlendes Gefühl von Geborgenheit geblieben war. So war das Tanzen für die junge Lucy in jenen Jahren eine große Stütze – aber auch ein Ausdruck von Einsamkeit.

Bild der jungen Tänzerin Lucy im Tanzmuseum Köln

 

Drei Bücher und ein Film aus der Tanzgeschichte

Ergänzt werden die 12 Geschichten von einer weiteren Säule der Ausstellung: Neben der in rot-grün gestalteten Ausstellungsarchitektur finden sich drei Bücher auf kleinen gelben Aufstellern. Der Inhalt dieser Bücher könnte passender nicht sein, denn sie erzählen Lebensgeschichten des Tanzes – genauer, das Leben von drei Tänzerinnen. Zu sehen sind Seiten eines Romans über eine Tänzerin in Paris von Ernest Blum (1861), eines Buches über die jung verstorbene Tänzerin Hilde Strinz (1928) und die der Biografie „My Life“ von Isadora Duncan (1927).

Einblick in das Buch der Biografie von Isadora Duncan

 

Zum Ende hin wird die Ausstellung mit weiteren Elementen aus der Tanz- und Musikgeschichte abgerundet: Zu sehen ist der Kurzfilm „Dancing Under the Dustcover“, welcher von einer älteren Tänzerin handelt, die schon in jungen Jahren ihre Ideen, Tänze und Erfahrungen in einer Art Workbook festgehalten hat. Dieses Buch war Ausgangspunkt des experimentellen Films und spiegelt noch einmal die vielen künstlerischen Ebenen des Tanzes und auch dieser Ausstellung wider.

Sehr schön finde ich zudem einen Textauszug des Beatles-Songs „A Day in the Life“ – ein Tag im Leben. Die Zeilen aus diesem Song sind, wie schon das Zitat von Thomas Bernhard zu Beginn der Ausstellung, auf einem Spiegel auf dem Boden zu lesen. So kann jede*r beim Betrachten dieser Worte auch immer sich selbst sehen und reflektieren.

Zitat der Beatles Songs "A Day in the Life" im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs

 

Insgesamt habe ich durch die Ausstellung nicht nur einen tollen Einblick in die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts gewonnen, sondern auch wirklich bewegende Lebensgeschichten kennengelernt, die auch im Nachgang noch einige Anreize zum Philosophieren geschaffen haben.

 

Eine „Bühne“ für den Tanz im Kölner Mediapark

Dass das Tanzmuseum heute als eine Art Theaterbühne des dazugehörigen Archivs im Kölner Mediapark bestehen kann, ist ein großes Glück. Als Ersatz für das ursprünglich in Berlin ansässige und im zweiten Weltkrieg zerstörte Deutsche Tanzarchiv, baute der Tänzer und Pädagoge Kurt Peters (1915-1996) das Archiv ab 1948 zunächst als Privatsammlung in Hamburg neu auf.

Im Jahr 1985 wurde die Sammlung dann von der SK Stiftung Kultur der Sparkasse KölnBonn erworben und in gemeinsamer Trägerschaft mit der Stadt Köln fortgeführt. Durch den Bau des Mediaparks entstand die Möglichkeit, in den neuen Räumlichkeiten eine Art Schaufenster des Archivs zu schaffen und das Tanzmuseum zu eröffnen. Das Deutsche Tanzarchiv ist heute mit einem Bestand von über 500 Nachlässen von Tänzer*innen, Choreograf*innen und Kritiker*innen eines der bedeutendsten Archive zur Geschichte des Tanzes im deutschsprachigen Raum.

Wer die aktuelle Ausstellung „Jahrestage“ gerne besuchen möchte, hat nach den Karnevalstagen noch vom 23.-26. Februar 2023 die Möglichkeit. Ab dem 29. April 2023 folgt die nächste Ausstellung unter dem Titel „Irgendwas fehlt immer! Vom Sammeln und Bewahren.“

 

„Stolpersteine NRW“: Geschichte lokal und digital

Von |26.10.2022|Digitalkultur|

In Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit sind bis dato fast 100.000 Stolpersteine in Europa verlegt worden. Allein in Nordrhein-Westfalen sind es aktuell 15.909 (Stand 26.10.2022) – und jeder einzelne davon erinnert an das Schicksal eines Menschen, welcher von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

Die ersten in Deutschland eingelassenen Stolpersteine verdanken wir dem Künstler Gunter Demnig, welcher sein Projekt in den 1990er Jahren – zuerst mit kleineren Aktionen – in Köln gestartet hat. Gunters Anliegen war es, mit jedem der Stolpersteine einem Menschen zu gedenken und diesem an seinem letzten frei gewählten Wohnort Namen und Erinnerung zurückzugeben. Auf seiner Webseite hat der Künstler die Vorgehensweise und Hintergründe erklärt.

 

WDR: „Ein Projekt gegen das Vergessen“

Dass bei den mittlerweile fast 16.000 Stolpersteinen allein in NRW der Überblick etwas verloren gehen kann, ist nicht verwunderlich. Umso besser, dass mit der App „Stolpersteine NRW“ das einst von Gunter Demnig initiierte Projekt im Jahr 2022 durch den WDR überschaubar ins Digitale übertragen wurde. Sowohl auf einer dazugehörigen Webseite als auch in der App können sich User*innen innovativ und interaktiv über das Thema Nationalsozialismus informieren.

In einer interaktiven Kartenfunktion ist jede einzelne der kleinen Gedenktafeln aus Messing hinterlegt, wodurch die Nutzer*innen leicht zu einem beliebigen Standort in NRW navigieren und digital die vielen Stolpersteine in den Städten und Gemeinden erkunden können.

 

Geschichte von zuhause aus entdecken

So ist durch die Digitalisierung des WDR die Möglichkeit geschaffen worden, die Geschichte der Stolpersteine ortsunabhängig nachzuempfinden. Zudem wurde hierdurch aber auch ein zusätzlicher (digitaler) Baustein der Erinnerung geschaffen, welcher auch in Zukunft die vielen Schicksale der NS-Zeit nicht in Vergessenheit geraten lässt. Für ein virtuelles Eintauchen in die Geschichte der Stolpersteine sorgen zudem biografische Texte, Illustrationen und auch historische Fotos. So können sich Interessierte auch von zuhause aus auf eine – wenn auch thematisch bedrückende – Reise in die Vergangenheit machen.

 

„Stolpersteine NRW“ App bringt Vergangenheit ins Hier und Jetzt

Nach dem Runterladen der App gelange ich direkt zu der interaktiven Kartenfunktion, in welcher mir eine (etwas erschreckende) Vielzahl an Stolpersteinen in meiner Umgebung angezeigt wird. So liegt es auf der Hand, das Digitale mit der Vor-Ort-Erkundung zu verbinden, wozu die App sogar eine Routen-Funktion anbietet.

Screenshot der App Ansicht Stolpersteine NRW

Screenshot der interaktiven Kartenfunktion in der App „Stolpersteine NRW“.

 

Gesagt, getan. Spontan ziehe ich los und erkunde einige Stolpersteine in meinem Veedel Köln-Ehrenfeld. Im wahrsten Sinne des Wortes „stolpere“ ich dabei etwas. Denn die Erkundung dieser kleinen Steine und Zeitzeugen der Geschichte ist wirklich bewegend. Zum einen durch die einzelnen Schicksale, welche sich hinter jeder der Messingtafeln verbergen. Zum anderen bin ich aber auch erstaunt, wie häufig ich schon an diesen Orten vorbeigelaufen bin – ohne die Gedenktafeln zu registrieren. Tatsächlich wird die Positionierung der Stolpersteine auf den Gehwegen kontrovers diskutiert, da das häufige „Darüberlaufen“ als unschön angesehen wird. Für mich stellt sich jedoch die Frage, ob eine Anbringung z.B. an den Hauswänden mehr Beachtung finden würde.

In der Leostraße entdecke ich die Stolpersteine von Gertrud und Alexander Buscher. Wie bei allen Stolpersteinen ist ihr Geburtsjahr und das Jahr ihrer Deportation zu lesen. Über den Zeitpunkt ihres Todes scheint nichts bekannt zu sein. Dennoch wird deutlich, dass das Ehepaar 1942 aus Ehrenfeld nach Minsk gebracht und ermordet wurde.

 

Stolpersteine in der Leostraße, Köln Ehrenfeld

 

Auch wenn die Hintergründe sehr erschütternd sein können, finde ich die digitale Umsetzung der Stolpersteine App und die damit verbundene Möglichkeit – sei es NRW-weit oder lokal, digital oder vor Ort – die Geschichte der Stolpersteine zu entdecken, ziemlich gut gemacht und wichtig. Durch das digitale Format sind sowohl das Thema als auch die Orientierung leicht verständlich und für alle zugänglich.

Neben der großen Bedeutung der Überbringung von Geschichte – auch für die nächsten Generationen – wird den Nutzer*innen zudem nahegelegt, einige Ecken der Veedel mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten und auch im Alltag ein bisschen genauer hinzuschauen.

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