Irrelohe Oper Lyon: Mit Wumms und toll gespielter Titelfigur

Von |2022-05-11T13:51:32+02:0021.03.2022|Oper|

An einem Wochenende gleich zweimal die Oper besuchen: Das hatten wir bisher noch nicht. Aber wir nehmen das Angebot, an aufeinanderfolgenden Tagen zu den Premieren zu gehen, an. Und wir sehen zwei Stücke, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Nach Verdis Rigoletto, einem absoluten „Kassenschlager“ mit unzähligen Aufführungen, erwartet uns am zweiten Tag die erst vor ein paar Jahren wiederentdeckte und bislang kaum gespielte Oper „Irrelohe“. Sie stammt aus den 1920er-Jahren und ist von Franz Schreker. Die Inszenierung in Lyon war vor allem ein bombastisches Orchesterspektakel.

Vielleicht liegt ein Grund für die seltenen Aufführungen von Irrelohe in dem sehr fordernden Gesangspart. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass man ganz schön viel Stimme und Können braucht, um gegen die gewaltige Orchestermusik „ansingen“ zu können (wobei ich das als musikalischer Laiin natürlich nicht kompetent beurteilen kann).

Jedenfalls ist es sehr schade, dass diese Oper so selten zu sehen ist, denn das ausverkaufte Haus und der jubelnde Applaus in Lyon haben deutlich belegt, dass Franz Schrekers Werk viel zu bieten hat.

Die Handlung

Sie ist skurril und trägt dem Titel Rechnung: Es geht um Irrsinn und einen grauenvollen Fluch, der seit Generationen auf Schloss Irrelohe lastet. Seit der Verbindung eines verrückten Mannes mit einem Wassergeist sind alle Grafen auf Irrelohe dazu verdammt, irgendwann dem Wahnsinn zu verfallen, eine Frau zu vergewaltigen und anschließend umnachtet zu sterben. Auch der alte Graf hat an seinem Hochzeitstag vor 30 Jahren das Mädchen Lola aus dem Dorf vergewaltigt und ist bald darauf gestorben. Sein Sohn, der junge Graf Heinrich, versteckt sich deshalb in seinen Büchern und verlässt das Schloss kaum. Lola ist inzwischen die Schankwirtin des Ortes am Fuß des Schlosses.

 

Ihr Sohn Peter kennt seinen Vater nicht und hat keine Ahnung, dass er aus der damaligen Vergewaltigung hervorging. Er liebt die Förstertochter Eva, die einzige, zu der er Kontakt hat. Eva jedoch erwidert diese Liebe nicht. Sie begegnet Heinrich und verliebt sich in ihn. Und Eva glaubt daran, ihren geliebten Grafen vor dem Fluch retten zu können, indem sie ihn heiratet.

Während die Dreiecksgeschichte ihren Lauf nimmt, wird erzählt, dass im Ort immer wieder Brände gelegt werden. Man erfährt, dass dafür der ehemalige Verlobte von Lola, der Musikant Christobald, verantwortlich ist. Das große Finale ist die Hochzeit von Eva und Graf Heinrich: Beim Tanz des Brautpaars fällt Peter, der den Wahnsinn seines Vaters geerbt hat, über Eva her und versucht, sie zu vergewaltigen. Graf Heinrich tötet ihn daraufhin, obwohl er inzwischen weiß, dass Peter sein Bruder ist. Während Christobald das Schloss in Brand steckt, sehen Eva und Heinrich Licht am Horizont.

Passende Inszenierung für einen außergewöhnlichen Inhalt

Regisseur David Bösch hat für diese verrückte Geschichte einen sehr passenden Rahmen gefunden. Ohne zu stark zu überziehen, bringt er die Atmosphäre von Horror und Grusel auf die Bühne. Das Bühnenbild ist düster, aber sehr passend, und es wird viel aus bekannten Horror- und Gruselfilmen zitiert. So erinnert der Butler an den buckligen Diener aus „The Rocky Horror Picture Show“. Die weißblonden Haare von Graf Heinrich lassen an Harry Potters bösen Gegenspieler Malfoy ebenso denken wie an Graf Dracula. Der Chor hat das Aussehen einer Geisterschar mit tiefschwarzen Augenringen.

 

Wie am Tag zuvor bei der Inszenierung der Oper Rigoletto von Axel Ranisch, so nutzt auch David Bösch den Film als ergänzendes Medium. Er zeigt auf der Leinwand die immer irrer werdenden Träume von Peter und die Visionen des Unheils, das sich androht. Seine Filmausschnitte sind ein Zitat der Entstehungszeit der Oper: Sie werden als krisselige Schwarz-Weiß-Bilder mit Texttafeln präsentiert – also ganz im Sinne eines alten Stummfilms.Die gesamte Inszenierung von David Bösch ist stimmig und nimmt sich zurück. Man hat den Eindruck, dass Bösch mit der Oper sehr behutsam umgeht. Das hat mir gut gefallen, denn so bleibt sehr viel Raum für die Handlung und die Figuren. Was mich allerdings gestört hat: Dass Bösch das Happy End dieser verrückten Geschichte nicht stehen lässt, sondern „seine Eva“ am Ende Selbstmord begeht. Das fand ich unnötig und irgendwie deutlich weniger interessant als das von Schreker vorgesehene positive Ende.

Überzeugendes Schauspiel, starke Stimmen

Den zuvor benannten Raum der Inszenierung verstehen vor allem die Hauptfiguren sehr gut zu nutzen. Julian Orlishausen als Peter zeigt eine enorme schauspielerische Leistung. Er schafft es tatsächlich, innerhalb der zweistündigen Oper durch sein Spiel die Wandlung des leicht grummeligen, aber netten jungen Mannes zum Wahnsinnigen gut nachvollziehbar und sichtbar zu machen. Auch Ambur Braid setzt ihre Rolle als selbstbewusste und starke Eva sehr überzeugend in Szene. Gleiches gilt für Tobias Hächler als Graf Heinrich.

 

Genauso bewundernswert wie die spielerische Leistung ist für mich allerdings – wie schon erwähnt – der gesangliche Part. Die drei Hauptpersonen singen unglaublich stark und haben – im Gegensatz zu den übrigen Rollen – scheinbar kein Problem, sich gegen den sehr voluminösen Orchesterklang durchzusetzen.

Fulminate Musik

Franz Schreker hat für Irrelohe eine wunderbar ausdrucksstarke und bombastische Musik geschrieben. Sie passt in ihrer Wildheit perfekt zur Geschichte und hat die Wirkung moderner Filmmusik. Eine Musik, die man nach meinem Verständnis nur schwerlich leise und verhalten spielen kann, sie braucht einen gewissen „Wumms“. Der auf neue Musik spezialisierte Dirigent Bernhard Kontarsky hat das jedenfalls genauso gesehen, denn er hat mit seinen Musikern ordentlich „Gas gegeben“. Umso fantastischer, dass es die Hauptfiguren geschafft haben, gesanglich mitzuhalten.

Alles in allem war auch die zweite Premiere in Lyon ein Erlebnis besonderer Art und auch hier ist meine Empfehlung: Unbedingt anschauen!

Die weiteren Termine finden sich hier.


Fotos: © Stofleth