Musical „Sweeney Todd“ in Aachen: Eine abstruse Story und tolle Songs

Von |2022-05-11T13:51:22+02:0007.04.2022|Unterwegs|

Einer Einladung des Theaters Aachen folgend war ich am vergangenen Wochenende in dem Steven Sondheim-Musical „Sweeney Todd“. Trotz des kalten und ungemütlichen Wetters verbrachten wir einen schönen Nachmittag in der Domstadt und erlebten einen sehr „abgedrehten“ Abend im Theater.

Obwohl Aachen von Köln nicht weit weg ist, ist es bei mir als Ziel für einen Tagesausflug nicht wirklich präsent. Wir fahren sehr oft Richtung Ruhrgebiet, Eifel, Bonn-Sieg oder Bergisches Land. Die Stadt Aachen steuern wir so gut wie nie an. Daher habe ich mich sehr gefreut, als das Theater Aachen mich einlud, eine Vorstellung in ihrem Haus zu besuchen. Um wenigstens ein wenig von der Stadt mitzubekommen, haben wir den Theaterbesuch ausgeweitet auf ein paar touristische Highlights der geschichtsträchtigen Stadt.

„Sweeney Todd“: Warum nicht mal ein Horror-Musical?

Bei der Vorstellung fällt unsere Wahl auf „Sweeney Todd“, einem Musical, das ich noch nicht kannte, meine erwachsene Tochter aber in der Filmversion von Tim Burton schon häufig gesehen hat und sehr mag. Es ist ein „Horror-Musical“, also etwas abseitig zu meinen sonstigen Interessen und ich dachte: Warum nicht? Lass Dich überraschen!

Also fahren wir (meine Tochter, eine Freundin und ich) schon am Samstagnachmittag Richtung Aachen. Wie gesagt: Es ist nicht sonderlich weit von Köln, nach nur 45 Minuten sind wir im Parkhaus am Dom. Wir wollen ein wenig die Stadt besichtigen und etwas essen gehen, bevor die Vorstellung beginnt.

Ein Spaziergang durch die Aachener Altstadt

Die Altstadt von Aachen ist – wie jede historische Stadt – sehr auf Touristen ausgelegt. Da aber das Wetter eher scheußlich ist, haben wir das Glück, dass nur wenige Menschen unterwegs sind. Der Aachener Dom ist von alten Gebäuden umringt, die die lange Geschichte der Stadt lebendig werden lassen. Die Kopfsteinpflaster-Straßen und die engen Gassen wirken sehr heimelig und man kann gut eine Weile an den Läden vorbei bummeln gehen.

Natürlich finden sich auch verschiedene Geschäfte, die die berühmten Aachener Printen anbieten. Ich liebe Lebkuchen, allerdings esse ich sie strikt nur in der Saison November bis Dezember. Ich kann mich aber nicht bremsen und begehe die Todsünde, mitten im Frühjahr Aachener Printen zu kaufen. Sie sind wirklich ein Gedicht!

Der Aachener Dom: Ein Muss bei der Stadtbesichtigung

Foto: Sabine Haas

Da wir uns die „Touri-Route“ vorgenommen haben, ist der Aachener Dom ein Muss. Wir besichtigen ihn lange und ausführlich und sind begeistert von der Architektur, den wunderbaren Mosaiken und der 1.200-jährigen Geschichte dieses Bauwerks. Ich nehme mir vor, auf jeden Fall noch ein zweites Mal wiederzukommen, um mir auch die Nebenkapellen anzuschauen. Allerdings wird schon an diesem eher ruhigen Nachmittag deutlich, dass der Dom ein touristischer Hotspot ist. Üblicherweise – und so ist auch meine Erinnerung an einen vorherigen Besuch – ist der Dom sehr voll und man kann ihn gar nicht richtig genießen vor lauter Menschen. Das ist zum Glück an diesem Schlechtwetter-Tag nicht der Fall.

Ein paar Meter hinter dem Dom ist die berühmte Dom-Schatzkammer, die wir ebenfalls besuchen. Hier gibt es eine Menge Kirchenkunst zu sehen, vor allem aber sehr viele Reliquien und zugehörige Behältnisse. Für den großen Reliquien-Boom im Mittelalter war Aachen ein wesentliches Zentrum, da hier seit dem zwölften Jahrhundert vier große heilige Reliquien Pilger anlocken.

Das Theater Aachen: Ein beeindruckendes Gebäude

Nach einem unspektakulären, aber leckeren Essen in einem der vielen Restaurants am Aachener Markt geht es dann ins Theater. Auch das ist mitten im Zentrum gelegen und fußläufig vom Dom aus zu erreichen. Die 1825 eröffnete Spielstätte ist ein sehr schönes Gebäude mit einem Säulenportal, das innen durch eine Mischung aus moderner Einrichtung und alter Architektur besticht. Es ist ein eher kleines Haus, das – zumindest an diesem Abend – ein buntes und vielfältiges Publikum anlockt. Wir fühlen uns hier direkt sehr wohl.

„Sweeney Todd“ wird auf der großen Bühne des Hauses gegeben (es gibt noch eine „Kammer“) und ist gut besucht. Es ist in jeder Hinsicht ein bemerkenswertes Musical, nicht nur inhaltlich, sondern auch in seiner Form: Anders als bei anderen Musicals wird so gut wie nicht getanzt, es ist eher eine Pop-Musik-Operette als ein klassisches Musical.

„Sweeney Todd“: Darum geht es in dem Musical

Inhaltlich geht es um einen Barbier, der im 19. Jahrhundert mit einer wunderschönen Frau und ihrer neugeborenen Tochter in London lebt. Seine Frau wird von einem Richter der Stadt begehrt, der den Barbier aus dem Weg räumt, indem er ihn zu Unrecht anklagen und verurteilen lässt. Dieser wird auf Lebenszeit verbannt. Nach 15 Jahren kehrt er zurück nach London, nimmt den Namen „Sweeney Todd“ an und eröffnet einen Barbier-Salon, mit dem Ziel, sich zu rächen. Er steigert sich immer mehr in seinen Hass und beginnt irgendwann, wahllos seine Kunden zu töten, indem er ihnen die Kehle durchschneidet. Um die Leichen loszuwerden, übergibt er sie an eine benachbarte Pastetenbäckerin, die sie in ihrem Backwerk verarbeitet. Kurz bevor er endlich an dem Richter seine langersehnte Rache nehmen kann, kommt ihm eine Bettlerin in die Quere, die den Geruch der Bäckerei verdächtig findet. Sie wird von „Sweeney Todd“ ermordet, kurz bevor endlich der Richter selbst auf seinem Barbier-Stuhl landet und sein Opfer wird. Nach vollendeter Rache muss „Sweeney Todd“ feststellen, dass die getötete Bettlerin seine Frau war, die durch das geschehene Unglück vor 15 Jahren verwahrlost auf der Straße gelandet ist. Nur seine Tochter, die vom Richter als Mündel großgezogen wurde, überlebt am Ende.

Die Geschichte ist gruselig und blutrünstig, hat aber auch einen sehr schwarzen und schrägen Humor. Vor allem die Liedtexte sind abstrus, wenn z.B. die Pasteten besungen und erklärt wird, wie sich Pfarrer, Handwerker oder Anwälte im Geschmack unterscheiden. Die Musik und die Songs sind – vom Inhalt einmal abgesehen – erstklassig und mitreißend. Das Musical aus dem Jahr 1973 gewann nicht umsonst 9 Tony Awards.

Die Inszenierung in Aachen: Schwarzer Humor und kunterbunte Kostüme

In der Aachener Inszenierung von Joan Anton Rechi wird vor allem dem schwarzen Humor und der überzeichneten Geschichte Rechnung getragen. Die Kostüme und das Bühnenbild lehnen an Zirkusmotive an und sind kunterbunt und ebenso überzeichnet wie die Geschichte selbst.

Szene aus „Sweeney Todd“. Foto: Carl Brunn

Vor allem der Chor tritt cross dressed auf und sorgt für ein farbenfrohes Geschehen auf der Bühne. Das macht viel Sinn, da das Musical eigentlich recht statisch ist und dadurch lebendig wird.

Das Bühnenbild selbst ist eine kreisrunde Treppe, die drehbar ist und zwei Etagen darstellt. Auf dem oberen Podest ist der Barbier-Salon von „Sweeney Todd“ untergebracht, unten die Pastetenbäckerei. Damit wird ebenfalls für Bewegung gesorgt und außerdem ermöglicht diese Anordnung zur Freude des Publikums die Installation einer Rutsche, über die die Ermordeten direkt in die Bäckerei versenkt werden können.

Eine starke Leistung des Aachener Ensembles

Wesentlich für das Musical sind allerdings der Gesang und die darstellerische Leistung der Hauptfiguren. Hier hat das Aachener Ensemble eine starke Leistung auf die Bühne gebracht: Hauptdarsteller Ronan Collett gibt einen überzeugenden „Sweeney Todd“, der mehr und mehr in seine Rachsucht abdriftet. Er spielt seine Rolle lässig und mit einer guten Prise Ironie. Auch gesanglich ist er für meine Ohren eine sehr gelungene Besetzung.

Fast ein wenig in den Schatten gestellt wird Collett allerdings von Veronika Hörmann als Pastetenbäckerin Mrs Nellie Lovett. Sie spielt ihre Rolle grandios, mit einer enormen Energie und Ausstrahlung. Auch gesanglich hat sie mir am besten gefallen.

Szene aus „Sweeney Todd“. Foto: Carl Brunn

Das übrige Ensemble und der Chor machen ihre Sache ebenfalls sehr gut und spielen mit viel Freude und Begeisterung. Einzig die Rolle der Tochter, besetzt durch Jelena Rakic, hat mich nicht angesprochen und wirkte auf mich zu steif und puppenhaft. Aber vielleicht war das ja gewollt.

Alles in allem hat das „Grusel-Musical“ einen gemischten Eindruck bei mir hinterlassen: Story und Inhalt waren mir doch etwas zu abstrus und blutrünstig, Gesang und Inszenierung waren sehr unterhaltsam und gelungen.

Eindeutig gut gefallen hat mir das Theater Aachen, in dem ich sicher nicht zum letzten Mal gewesen bin. Das kleine Haus hat viel Charme und außerdem ein sehr vielseitiges Programm.

Weitere Spieltermine findet Ihr hier.

Street Scene – Kurt Weills Oper von 1947 überzeugt durch ein Kaleidoskop an Bildern und Melodien

Von |2022-05-11T14:26:57+02:0010.05.2019|Oper|

In Köln läuft derzeit eine Oper von Kurt Weill aus den späten 40er-Jahren mit dem Titel »Street Scene«. Man konnte bereits lesen, dass die Oper gut inszeniert sei, daher war ich neugierig geworden und habe der Vorstellung einen Besuch abgestattet.

»Street Scene« erzählt die Geschichte eines Mietshauses in einer armen Gegend von New York mitten in einem unerträglich heißen Sommer. Zu Beginn erhält man einen Eindruck von den einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses und ihren Geschichten. Es wird klar, dass das Haus von Einwanderern aus aller Herren Länder bewohnt wird, die jeweils mit dem Alltag und dem Überleben in der großen Stadt zu kämpfen haben.

Im Laufe des ersten Aktes fokussiert die Handlung dann mehr und mehr auf die Familie Maurrant: Mutter Anne Maurrant beginnt eine Affäre mit dem Milchmann, da sie von ihrem Leben und der abweisenden Art ihres Mannes enttäuscht ist. Tochter Rose verliebt sich in den Nachbarsjungen Sam Kaplan, der als angehender Akademiker aber eigentlich nicht zu ihr passt. Sie ist sich unsicher, ob sie ihrem Herzen folgen oder eher auf die Avancen ihres Chefs eingehen soll. Dieser ist zwar verheiratet, lockt Rose aber mit dem Versprechen, sie auf die Bühnen des Broadways zu bringen.

Die Geschichte endet tragisch. In Akt 2 kommt Vater Frank Maurrant hinter die Affäre seiner Frau und erschießt sowohl den Liebhaber als auch seine Gattin. Die Tochter findet die Mutter im Sterben liegend vor und muss zusehen, wie ihr Vater in Handschellen abgeführt wird. Ihn erwartet der elektrische Stuhl. Sie verlässt daraufhin das Mietshaus und lässt auch ihren Geliebten Sam zurück, weil sie Angst davor hat, sich mit ihm zu binden.

Für die Hausgemeinschaft legt sich die Aufregung schnell: Neue Mieter ziehen ein. Der Alltag hält wieder Einzug.

Storytelling vom Feinsten

Das Besondere dieser Oper ist für mich die Art, in der die Geschichte erzählt wird. Wie mit einem Kaleidoskop werden die verschiedenen Charaktere und Storys der Mietergemeinschaft beleuchtet. Die Perspektiven wechseln dabei zwischen den einzelnen Parteien, die mit ihren Sorgen und Nöten immer neue Aspekte des Lebens in New York skizzieren. Die Geschichte springt vor allem zu Beginn hin und her und fokussiert erst im Laufe der Handlung auf einen durchgehenden Erzählstrang.

Vielfalt in Musik und Szenenumsetzung

Genauso so ist es mit der Musik: Sie ist bunt, abwechslungsreich und erinnert teilweise an Musical- und Broadway-Hits, teilweise an die klassischen Arien aus der Opernwelt. An vielen Stellen setzt die Musik sogar ganz aus und macht Theaterszenen Platz. Um dies in dem großen Ensemble adäquat abzubilden, bedarf es einer sehr breiten Besetzung. So waren in Köln sowohl Schauspieler als auch Chorsänger, Tänzer, Musical-Stimmen und Opernsänger vertreten – und natürlich das sehr gute Gürzenich-Orchester.

Ein Genrewechsel, der an das Gefühl von Knisterbrause erinnert

Teilweise wirkte der Wechsel zwischen Opern- und Musicalatmosphäre für mich sehr verwirrend und sorgte für regelrechte Brüche in meinem Erleben: Tanzeinlagen wechseln auf Arien, launige Broadway-Songs auf getragene Orchestermusik. Gerade zu Beginn hatte ich dadurch Schwierigkeiten, mich in die Oper hineinzufinden. Aber die Vielschichtigkeit sowohl der Handlung als auch der Musik hatte mich schon bald komplett in ihren Bann gezogen.

Bis hin zu den jüngsten Darstellern eine insgesamt überzeugende Besetzung

Vor allem begeistert hat mich neben dem Orchester die schauspielerische Leistung der Kinderdarsteller, allen voran der kleine Joseph Sonne als Willie Maurrant. Er spielte seine Rolle des frechen Großstadtjungen einfach wunderbar! Ebenfalls wunderbar waren Allison Oakes als Anna Maurrant, Emily Hindrichs in der Rolle der Tochter und Jack Swanson als Sam Kaplan. Auch die vielen kleineren Rollen und der Chor waren überzeugend besetzt und zeigten mit viel Spielfreude und Einsatz ihr Können. Einzig Kyle Albertson als Frank Maurrant kam mir stimmlich etwas schwach vor, aber ich bin zu wenig Expertin, um hier fundiert zu urteilen.

Unterhaltsam und zugleich anregend

Insgesamt kann man sagen, dass die Oper »Street Scene« eine unglaubliche Fülle von Eindrücken hinterlässt. Dies bewirken nicht nur die vielen Akteure und ihre unterschiedlichen Darstellungsstile oder die abwechslungsreiche Musik. Auch die Texte sind voller sozialkritischer Anspielungen und ziehen einen breiten Bogen von der Jugendkultur über die linkspolitischen Ansichten der Intellektuellen bis hin zum ungerechten Machtverhältnis zwischen Mann und Frau in den unteren sozialen Schichten der damaligen Zeit. Man nimmt eine Menge mit, wenn man nach gut drei Stunden die Oper verlässt – im Kopf genauso wie im Herzen.

Hinweis!

Wer die Oper besuchen möchte, sollte sich beeilen. Heute Abend (10.05.2019) läuft die nächste Vorstellung. Am 12. und 16. Mai 2019 sind die beiden letzten Termine.

Bloggerreise zur West Side Story an der Komischen Oper Berlin

Von |2022-05-11T14:29:28+02:0026.02.2019|Oper|

Beim vergangenen KulturInvest-Kongress wurde ich auf die Arbeit von Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin aufmerksam. Kosky wurde dort als »Kulturmanager des Jahres« nominiert und in einem Kurzporträt vorgestellt. Dieses hat meine Neugierde geweckt, und so bin ich vergangenes Wochenende mitsamt Familie nach Berlin, um Koskys Produktion der »West Side Story« zu besuchen. Ich muss sagen: Es hat sich gelohnt!

Mit der »West Side Story« verbinde ich vor allem die Verfilmung von 1961, die ich als Kind mehrfach gesehen habe und furchtbar traurig fand. Und die immer mal wieder ausgestrahlte TV-Dokumentation »The Making of West Side Story«, bei der José Carreras »Maria« einsingt und Leonard Bernstein erst nach einigen Anläufen zufriedenstellen kann.

Die Geschichte der West Side Story muss ich wahrscheinlich kaum jemandem erzählen, daher nur ganz kurz: Leonard Bernstein schrieb die Musik zu dieser modernen Version von Romeo und Julia, erzählt von Arthur Laurents. Angesiedelt in den 50er-Jahren wird die Geschichte zweier amerikanischer Gangs erzählt – den Sharks (frisch eingewanderte Puerto-Ricaner) und den Jets (Amerikaner). Die Gangs hassen und bekriegen sich, dennoch verliebt sich Jet-Mitglied Tony in die Schwester des Shark-Anführers Bernardo. Sie heißt Maria und ist die Titelfigur des gleichnamigen Songs. Es kommt, wie es kommen muss: Bernardo ist gegen die Beziehung, was in einem Messerkampf der Gang-Anführer endet, bei dem beide getötet werden. Der Chef der Jets, Riff, stirbt durch Bernardos Messer, worauf Tony schließlich Bernardo tötet. Damit wird die Liebe zwischen Maria und Tony endgültig unmöglich, auch wenn Maria ihm verzeiht. Das Musical endet damit, dass Tony von den Sharks erschossen wird und Maria ihn betrauert.

Ich habe mich sehr gefreut, die Geschichte endlich einmal live erleben zu dürfen, war aber skeptisch, inwieweit die Aufführung in Berlin an meine Bilder im Kopf herankommen würde. Die eindringlichen Szenen des Film-Klassikers sind in meiner Vorstellung immer noch sehr lebendig.

Meine Skepsis war nach wenigen Minuten bereits verflogen: Regisseur Kosky hat zusammen mit dem Choreografen Otto Pichler eine wahrlich wunderbare Inszenierung auf die Bühne gebracht! Von der ersten Minute an fesseln Bühnenbild und Tänzer mit ihrer temporeichen Performance, überzeugendem Gesang und einer insgesamt sehr gelungenen Darstellung.

Dabei ist vor allem das Bühnenbild äußerst zurückgenommen: Im Hintergrund wirkt lediglich eine Ziegelmauer, welche die klassische Hinterhöfe-Atmosphäre New Yorks symbolisiert. An den Seiten der Bühne sind zwei Wandleitern aus Metall befestigt, das ist auch schon alles. Ab und zu erscheint ein Bett auf der Bühne, auf dem Maria mit ihrer Freundin sitzt, oder auch ein kleines Metallgerüst, das als Balkon dient. Dieses minimalistische Bühnenbild verfehlt seine Wirkung nicht: Menschen stehen im Mittelpunkt, man ist extrem auf die Darstellerinnen und Darsteller fokussiert, die mittels intelligenter Lichteffekte perfekt ins Bild gesetzt werden.

Die Tanzszenen, die das Musical über weite Strecken tragen, wurden von Otto Pichler radikal modernisiert und unglaublich dynamisch umgesetzt. Es herrscht während der gesamten Aufführung ein enormes Tempo auf der Bühne, das sehr beeindruckend ist. Vor allem, wenn man bedenkt, dass nach den anstrengenden und schnellen Tanzsequenzen nahtlos die Songs einsetzen, die jedes Mal auf den Punkt gelingen und in keiner Weise atemlos wirken.

Ein großes Lob auch an das Orchester der Komischen Oper Berlin. Die Musik, die – wie das gesamte Musical – einfach großartig ist, wirkte ebenfalls unglaublich modern und zeitgemäß. Besonders gefallen hat mir, wie gelungen das Orchester die Vielseitigkeit in der Musik aufgreift und herausstellt. Die große Varianz in Bernsteins Musik kommt dadurch voll zur Geltung.

Bleiben die Hauptfiguren: Maria und Tony, dargestellt von Sopranistin Alam Sadé und Tenor Johannes Dunz. Beide haben ihre Rollen wunderbar dargestellt und vor allem grandios gesungen. Insbesondere Tony hat mich mit seiner Interpretation des Songs »Maria« extrem begeistert – ein Gänsehautauftritt!

Mit anderen Worten: Die Standing Ovations des Publikums am Ende der Vorstellung waren wirklich verdient! Ein ganz wunderbarer Abend – übrigens für die ganze Familie.

Einen Wermutstropfen gab es allerdings: Da es unser erster Besuch der Komischen Oper war, kannten wir die Sitzanordnung nicht. Die Publikumsreihen sind kaum ansteigend, sodass man wirklich nur sehr schlecht sehen kann. Das hat uns negativ überrascht. Schwierig war die eingeschränkte Sicht natürlich vor allem für unseren Junior, sie hat aber auch mich gestört. Sehr schade, aber wohl ein nur schwer lösbares architektonisches Problem in dem traditionsreichen Haus. Möglicherweise ändert sich dies durch die ab 2022 geplante Sanierung.

Weitere Spieltermine:

  • 27. und 28. März 2019
  • 9., 20. und 23. April 2019
  • 5., 18., 26. und 27. April 2019
  • 18. Mai 2019

Artikelfoto: © Iko Freese / drama-berlin.de

Nach oben