Wie klang „Rheingold“ bei der Erstaufführung 1854?

Von |23.08.2023|Oper|

Historisch informierte Fassung der Wagner-Oper in der Kölner Philharmonie

Während man in Bayreuth dieses Jahr auf Digitalisierung setzt und Augmented Reality-Brillen bei den Wagner-Festspielen verteilt (leider nur an einen Teil des Publikums), zeigte uns am vergangenen Wochenende das Projekt „Wagner-Lesarten“ in einem Konzert in der Kölner Philharmonie, wie Wagner möglicherweise vor 141 Jahren geklungen haben mag. Ganz ohne Bühnenbild und Regie, nur in konzertanter Aufführung unter dem Dirigat von Kent Nagano. 

Spontan eingeladen von einem befreundeten Nachbarn war ich auf die Aufführung am vergangenen Freitag wenig vorbereitet. Wagners „Rheingold“ habe ich bisher nie gehört oder gesehen (auch der Nachbar nicht), überhaupt ist mir von Wagner bislang nur „Tannhäuser“ „untergekommen“, da ich mich an den Ring bislang nicht so recht getraut habe. Jetzt also „Rheingold“, das Vorspiel zum Ring des Nibelungen. Wir sind gespannt. 

Das Projekt „Wagner-Lesarten“ erarbeitet die Aufführungshistorie 

In der Einführung zur Oper erfahren wir mehr über den Hintergrund der Aufführung: 2017 starteten Concerto Köln, die Kunststiftung Köln und der Dirigent Kent Nagano das Projekt „Wagner-Lesarten“. Ziel war es, in einem wissenschaftlich-künstlerischen Rahmen eine sogenannte „historisch informierte“ Fassung von „Rheingold“ zu erarbeiten und auf die Bühne zu bringen. Der Begriff „historisch informiert“ bedeutet, dass möglichst umfassend recherchiert wird, wie „Rheingold“ zu Lebzeiten Wagners aufgeführt wurde. Diese Erkenntnisse werden in eine aktuell aufführbare und akzeptable Fassung transformiert. 

Das Gesamtprojekt dauerte (durch Corona verlängert) von 2017 bis 2021. Es wurden historische Instrumente gebaut oder bestehende Instrumente modifiziert, Workshops und historische Forschungsarbeiten zum damaligen Verständnis von Gesang und Sprache wurden durchgeführt und möglichst viele Lücken der Rezensionsgeschichte gefüllt. Ein ebenso spannendes wie umfangreiches Projekt. 

Das Ergebnis kam zuerst 2021 auf die Bühne. Am vergangenen Wochenende wurde es erneut vom Dresdner Festspielorchester unter der Leitung von Kent Nagano aufgeführt.

Das Orchester sowie Darsteller und Darstellerinnen der Wagner-Oper Rheingold auf der Bühne

Dominik Köninger (Donner), Tansel Akzeybek (Froh), Annika Schlicht (Fricka), Simon Bailey (Wotan) und Mauro Peter (Loge). Foto: ©KölnMusik / Jörn Neumann

Ein Abend mit besonderem Klang – und besonderen Herausforderungen 

Den besonderen Klang dieses Abends behält man lange in Erinnerung. Wagner bietet für seine Oper „Rheingold“ ein großes Orchester auf. Allein vier Harfen und vier Schlagwerke sind auf der Bühne vertreten. Dazu die vielen teils historisch nachgebauten Blechblas-Instrumente, die für voluminösen und teilweise mystischen Klang sorgen. Ein Orchester mit „Wumms“. 

Anders als bei einer regulären Opernaufführung verschwinden die Musiker*innen nicht im Orchestergraben, sondern bilden das Zentrum des Geschehens. Die Musik und der Gesang dominieren den Abend, in keiner Weise abgelenkt durch Bühnenbild oder Kostüme. Für mich als „Wagner-Einsteigerin“ hat das sowohl Vor- als auch Nachteile.  

Die Darbietung ohne einen modernen Regie-Ansatz erlaubt es, Wagner ganz „pur“ und darüber hinaus möglichst nah am historischen Original kennenzulernen. Das ist beeindruckend und besonders. Man ist ganz auf die Musik konzentriert und bekommt durch die überragende Leistung von Orchester, Sängerinnen und Sängern ein sehr gutes Verständnis von den großen musikalischen Herausforderungen einer Wagner-Oper.  

Dabei fällt auf, wie szenenbeschreibend und lautmalend Wagner „Rheingold“ komponiert hat. Wenn z. B. von Donner die Rede ist, wird ein Donnerlaut produziert, wenn es um die Rhein-Nixen geht, hört man Gewässer-Klänge. Wagners Musik bleibt immer ganz nah am Geschehen und scheint in erster Linie darauf ausgelegt, die Handlung zu untermalen, zu verstärken und mit starken Emotionen zu verbinden. Das ist spannend, führt aber auch dazu, dass die Musik oftmals wenig gefällig daherkommt und irgendwie (man verzeihe mir als Laie diese Beschreibung) nicht so ohne Weiteres durchhörbar anmutet. 

Auch Handlung und Libretto der Oper werden durch keine Bühnen-Dramaturgie „abgemildert“ und müssen ebenso wie die Musik für sich selbst sprechen. Das wiederum ist für mich eine echte Herausforderung und bereitet mir Schwierigkeiten. 

Die Handlung der Oper „Rheingold“ 

Kurz zur Handlung: Die drei Nixen Wellgunde, Floßhilde und Woglinde tollen im Fluss Rhein, ihrem Element. Zwerg Alberich beobachtet und begehrt sie. Sie locken ihn zunächst, dann stoßen sie ihn zurück. Im Rhein glänzt das Rheingold, das die Nixen bewachen sollen. Alberich – enttäuscht von der Zurückweisung durch die Nixen – verflucht die Liebe und stiehlt das Gold. Dadurch, dass er der Liebe abgeschworen hat, kann er einen Ring aus dem Gold schmieden, der ihm die Weltherrschaft verleiht. 

Zeitgleich stellt Gott Wotan auf Walhall seine Burg fertig. Er hat sie durch die Riesen Fasolt und Fafner bauen lassen. Als Lohn hat er ihnen die Schwester seiner Gattin, die schöne Freia, versprochen. Nun möchte er diesen Lohn nicht zahlen, sondern sucht nach einer Ausflucht aus dem Vertrag. Das gestohlene Gold der Rheintöchter kommt ihm dazu gerade recht. Er will es Alberich wieder entreißen und damit die Riesen bezahlen. 

Wotan gelingt es, das Gold zu rauben und Alberich auch den Ring, der ihm Macht verleiht, abzunehmen. Alberich verflucht den Ring und prophezeit, dass er jedem den Tod bringt, der ihn besitzt. Das erbeutete Gold übergibt Wotan den Riesen, doch diese fordern auch den Ring. Sofort streiten sie sich über dessen Besitz und Fafner erschlägt Fasolt.  

In der letzten Szene ziehen Wotan und die übrigen Götter in Walhall ein und es kündigt sich ihr baldiger Untergang an.

Drei Opernsängerinnen in der Kölner Philharmonie

Eva Vogel (Floßhilde), Ida Aldrian (Wellgunde) und Ania Vegry (Woglinde). Foto: ©KölnMusik / Jörn Neumann

Überragende Künstler erleichtern die schwierige Annäherung an Wagner 

Operngeschichten sind ja selten besonders herausragend und vielmals etwas bizarr, aber es fällt mir diesmal besonders schwer, der Handlung von „Rheingold“ etwas abzugewinnen. Möglicherweise rührt dies auch von dem seltsam anmutenden Libretto, das gleich zu Anfang beginnt mit Sätzen wie: „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Wagalaweia! Wallala, weiala weia!“ oder „Floßhilde, schwimm´! Woglinde flieht: Hilf mir die Fließende fangen.“ Auch hier setzt Wagner stark auf Lautmalerei. Dadurch verwendet er eine Sprache, die zumindest gewöhnungsbedürftig ist. 

Nach 2,5 Stunden Aufführung ohne Pause – eine echte Mammutaufgabe für die Künstler*innen –muss ich sagen, dass ich den Weg zum Wagner-Fan noch nicht gefunden habe. Mein Nachbar übrigens auch nicht. Dennoch war der Abend überaus interessant und künstlerisch ein absolutes Highlight.  

Die fast voll besetzte Philharmonie spendete zu Recht begeisterten Applaus für das überragende Orchester und die komplette Gesangsbesetzung, allen voran Simon Bailey als Wotan, Mauro Peter als Wotans Ratgeber Loge, Annika Schlicht in der Rolle der Göttergattin Fricka und natürlich der Bösewicht Alberich, gesungen von Daniel Schmutzhard.  

Sicher werde ich mich noch ein zweites Mal an Wagners Ring wagen (jetzt will ich es wissen), dann aber eher in einer Opern-Aufführung. Für diejenigen, die die tolle Arbeit des Projektteams „Wagner-Lesarten“ und von Kent Nagano ebenfalls erleben und einen konzertanten Wagner hören möchten: Das Projekt wird fortgesetzt. Im März 2024 kommt „Die Walküre“ auf die Bühne der Philharmonie.

Musical „Sunset Boulevard“: Die Traumfabrik von Hollywood

Von |31.01.2023|Oper|

Heidelberg bringt Webbers Musical „Sunset Boulevard“ auf die Bühne

Das Musical „Sunset Boulevard“ von Andrew Lloyd Webber war mir bisher – ehrlich gesagt – entgangen. Es basiert auf dem Film von Billy Wilder und behandelt das „Haifischbecken“ Hollywood mit seiner oft gnadenlosen Filmindustrie. Das 1993 uraufgeführte Webber-Musical unterscheidet sich wohltuend von den bekannten „Blockbustern“ aus seiner Feder. „Sunset Boulevard“ setzt weniger auf Show und Effekte, sondern stellt die Handlung und die Beziehungen der Figuren stärker in den Vordergrund. In Heidelberg erleben wir eine gelungene Inszenierung des Musicals mit toller Musik und einer beeindruckenden Besetzung.

 

Eine Geschichte von Aufstieg und Fall in Hollywood

Erzählt wird die Geschichte des alternden Filmstars Norma Desmond und des jungen Drehbuchautors Joe Gillis. Gleich in der ersten Szene wird Joe Gillis tot in einem Swimming Pool aufgefunden. Durch eine Rückblende erfährt man, wie es zu diesem dramatischen Ende kam.

Der junge Gillis bemüht sich bislang erfolglos darum, mit seinen Drehbuch-Ideen bei einem der großen Filmstudios angenommen zu werden. Er ist pleite und wird von Geldeintreibern verfolgt. Als diese sein Auto pfänden wollen, flüchtet er mit Hilfe der jungen Studio-Assistentin Betty Schaefer.

Eine Reifenpanne zwingt den jungen Drehbuchautor, eine alte Villa auf dem Sunset Boulevard anzusteuern. Dort trifft er auf die ehemals sehr berühmte Filmdiva Norma Desmond, die während der Stummfilmzeit auf dem Höhepunkt ihrer Karriere war. Die Einführung des Tonfilms hat ihrer Karriere ein jähes Ende bereitet. Seitdem lebt sie allein mit ihrem Butler Max auf dem immer mehr verfallenden Anwesen und träumt von einem Comeback.

 

Schauspieler des Musicals Sunset Boulevard im Theater Heidelberg.

Foto: Theater Heidelberg

 

Die Verführung von Reichtum und Glamour

Gillis lässt sich von Norma überreden, bei ihr einzuziehen und ein von ihr geschriebenes Drehbuch zu überarbeiten, das sie für ihre Rückkehr auf die Leinwand nutzen möchte. Das Drehbuch ist schlecht, aber Gillis übernimmt das Projekt, da Norma Desmond ihm viel Geld und ein luxuriöses Leben in ihrer Villa bietet. Parallel entspinnt sich eine Beziehung zu der jungen Betty Schaefer, die an das Talent des Autors glaubt und mit ihm gemeinsam ein Drehbuch erarbeiten möchte.

Als Norma Desmond ihr Projekt beendet und ihr Werk in Hollywood abgibt, ist für Gillis der Zeitpunkt gekommen, um zu gehen. Doch Norma bedrängt ihn zu bleiben und er lässt sich von ihr mit Geschenken und Geld dazu überreden, weiter in der Villa zu wohnen. Gleichzeitig verliebt sich der junge Autor mehr und mehr in Betty, mit der er sich heimlich trifft, um gemeinsam zu arbeiten. Irgendwann erfährt Norma von der Beziehung und erschießt Gillis in rasender Eifersucht.

 

Buntes Bühnenbild mit den Schauspielern des Musicals Sunset Boulevard im Theater Heidelberg.

Foto: Theater Heidelberg

 

Farbenfroh und lebendig

Regisseur Felix Seiler bringt „Sunset Boulevard“ in Heidelberg farbenfroh und lebendig auf die Bühne. Die Kostüme aus den 50er Jahren, eingeblendete Videoeffekte und eine sehr einfache, aber wirkungsvolle Bühnengestaltung ziehen das Publikum von Beginn an ins Geschehen. Auch die Musik von Andrew Lloyd Webber sorgt für eine starke Dynamik.

Das Hollywood der 50er, in dem die Geschichte spielt, wechselt musikalisch mit der Zeit des Stummfilms. Besonders deutlich werden diese musikalischen Zeitsprünge bei einer Szene, die den Silvester-Abend zeigt: Gillis bleibt zunächst bei Norma in deren Villa und tanzt mit ihr zur Musik der 30er Jahre. Doch irgendwann hält er es nicht mehr aus und besucht die Silvesterparty seines Freundes, die mit den Hits der 50er und vielen bunten Gästen aufwartet.

 

Tolle weibliche Hauptrolle

Besonders beeindruckend ist an diesem Abend für mich die Besetzung der weiblichen Hauptrolle: Ks. Carolyn Frank spielt den alternden Star Norma Desmond mit großem Einsatz und sehr überzeugend. Sie ist gesanglich und schauspielerisch eine tolle Besetzung und es wird deutlich, dass sie im Publikum viele Fans hat. In der Pause erfahren wir, warum: Zufällig sammeln sich an unserem Stehtisch die gesamte Familie und die Freunde der Hauptdarstellerin. Sie erzählen, das Frank viele Jahre fester Bestandteil des Heidelberger Opern-Ensembles war und schon einige Zeit in Rente ist. Die Rolle der Norma Desmond habe sie wieder auf die Bühne gelockt. Tatsächlich scheint ihre die Rolle auf den Leib geschneidert. Dies erleben wohl auch die Kinder der Sängerin so, denn der Sohn sagte wohl nach der Generalprobe: „Die Mutter ist der Hammer.“ Recht hat er!

 

Großer Schatten einer Frau im Musical Sunset Boulevard im Theater Heidelberg.

Foto: Theater Heidelberg

 

Gelungener Premierenabend

Auch die übrige Besetzung kann sich sehen und hören lassen: Daniel Eckert gibt einen überzeugend moralisch zweifelhaften Joe Gillis, der sich vom Geld verführen lässt und vor einer geheuchelten Liebesbeziehung mit Norma Desmond nicht zurückschreckt. Dirk Weiler gelingt als Diener Max, einen ruhenden Pol zwischen den hoch emotionalen Hauptprotagonisten zu bilden. Er bringt die starke Liebe und Verehrung, die Max der alternden Diva gegenüber empfindet mit viel Einfühlsamkeit auf die Bühne. Charlotte Katzer wiederum als Betty Schaefer trifft sehr gut die Rolle einer natürlichen, bodenständigen jungen Frau, die sich vom Glamour und der Oberflächlichkeit in Hollywood nicht anstecken lässt.

Insgesamt ist die Besetzung sehr gelungen, ebenso die musikalische Leistung des Orchesters unter Dietger Holm. Eine erfolgreiche Premiere, auch nach Meinung des lang anhaltend applaudierenden Premiere-Publikums. Wir haben uns jedenfalls in der – im wahrsten Sinne des Wortes – familiären Atmosphäre des Heidelberger Theaters sehr wohl gefühlt und werden sicher noch einmal wiederkommen..

Wer „Sunset Boulevard“ gerne in Heidelberg sehen möchte, kann mit Glück noch ein paar Restkarten für die weiteren Aufführungen bis Ende April auf der Webseite des Theaters ergattern.

 

Street Scene – Kurt Weills Oper von 1947 überzeugt durch ein Kaleidoskop an Bildern und Melodien

Von |10.05.2019|Oper|

In Köln läuft derzeit eine Oper von Kurt Weill aus den späten 40er-Jahren mit dem Titel »Street Scene«. Man konnte bereits lesen, dass die Oper gut inszeniert sei, daher war ich neugierig geworden und habe der Vorstellung einen Besuch abgestattet.

»Street Scene« erzählt die Geschichte eines Mietshauses in einer armen Gegend von New York mitten in einem unerträglich heißen Sommer. Zu Beginn erhält man einen Eindruck von den einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses und ihren Geschichten. Es wird klar, dass das Haus von Einwanderern aus aller Herren Länder bewohnt wird, die jeweils mit dem Alltag und dem Überleben in der großen Stadt zu kämpfen haben.

Im Laufe des ersten Aktes fokussiert die Handlung dann mehr und mehr auf die Familie Maurrant: Mutter Anne Maurrant beginnt eine Affäre mit dem Milchmann, da sie von ihrem Leben und der abweisenden Art ihres Mannes enttäuscht ist. Tochter Rose verliebt sich in den Nachbarsjungen Sam Kaplan, der als angehender Akademiker aber eigentlich nicht zu ihr passt. Sie ist sich unsicher, ob sie ihrem Herzen folgen oder eher auf die Avancen ihres Chefs eingehen soll. Dieser ist zwar verheiratet, lockt Rose aber mit dem Versprechen, sie auf die Bühnen des Broadways zu bringen.

Die Geschichte endet tragisch. In Akt 2 kommt Vater Frank Maurrant hinter die Affäre seiner Frau und erschießt sowohl den Liebhaber als auch seine Gattin. Die Tochter findet die Mutter im Sterben liegend vor und muss zusehen, wie ihr Vater in Handschellen abgeführt wird. Ihn erwartet der elektrische Stuhl. Sie verlässt daraufhin das Mietshaus und lässt auch ihren Geliebten Sam zurück, weil sie Angst davor hat, sich mit ihm zu binden.

Für die Hausgemeinschaft legt sich die Aufregung schnell: Neue Mieter ziehen ein. Der Alltag hält wieder Einzug.

Storytelling vom Feinsten

Das Besondere dieser Oper ist für mich die Art, in der die Geschichte erzählt wird. Wie mit einem Kaleidoskop werden die verschiedenen Charaktere und Storys der Mietergemeinschaft beleuchtet. Die Perspektiven wechseln dabei zwischen den einzelnen Parteien, die mit ihren Sorgen und Nöten immer neue Aspekte des Lebens in New York skizzieren. Die Geschichte springt vor allem zu Beginn hin und her und fokussiert erst im Laufe der Handlung auf einen durchgehenden Erzählstrang.

Vielfalt in Musik und Szenenumsetzung

Genauso so ist es mit der Musik: Sie ist bunt, abwechslungsreich und erinnert teilweise an Musical- und Broadway-Hits, teilweise an die klassischen Arien aus der Opernwelt. An vielen Stellen setzt die Musik sogar ganz aus und macht Theaterszenen Platz. Um dies in dem großen Ensemble adäquat abzubilden, bedarf es einer sehr breiten Besetzung. So waren in Köln sowohl Schauspieler als auch Chorsänger, Tänzer, Musical-Stimmen und Opernsänger vertreten – und natürlich das sehr gute Gürzenich-Orchester.

Ein Genrewechsel, der an das Gefühl von Knisterbrause erinnert

Teilweise wirkte der Wechsel zwischen Opern- und Musicalatmosphäre für mich sehr verwirrend und sorgte für regelrechte Brüche in meinem Erleben: Tanzeinlagen wechseln auf Arien, launige Broadway-Songs auf getragene Orchestermusik. Gerade zu Beginn hatte ich dadurch Schwierigkeiten, mich in die Oper hineinzufinden. Aber die Vielschichtigkeit sowohl der Handlung als auch der Musik hatte mich schon bald komplett in ihren Bann gezogen.

Bis hin zu den jüngsten Darstellern eine insgesamt überzeugende Besetzung

Vor allem begeistert hat mich neben dem Orchester die schauspielerische Leistung der Kinderdarsteller, allen voran der kleine Joseph Sonne als Willie Maurrant. Er spielte seine Rolle des frechen Großstadtjungen einfach wunderbar! Ebenfalls wunderbar waren Allison Oakes als Anna Maurrant, Emily Hindrichs in der Rolle der Tochter und Jack Swanson als Sam Kaplan. Auch die vielen kleineren Rollen und der Chor waren überzeugend besetzt und zeigten mit viel Spielfreude und Einsatz ihr Können. Einzig Kyle Albertson als Frank Maurrant kam mir stimmlich etwas schwach vor, aber ich bin zu wenig Expertin, um hier fundiert zu urteilen.

Unterhaltsam und zugleich anregend

Insgesamt kann man sagen, dass die Oper »Street Scene« eine unglaubliche Fülle von Eindrücken hinterlässt. Dies bewirken nicht nur die vielen Akteure und ihre unterschiedlichen Darstellungsstile oder die abwechslungsreiche Musik. Auch die Texte sind voller sozialkritischer Anspielungen und ziehen einen breiten Bogen von der Jugendkultur über die linkspolitischen Ansichten der Intellektuellen bis hin zum ungerechten Machtverhältnis zwischen Mann und Frau in den unteren sozialen Schichten der damaligen Zeit. Man nimmt eine Menge mit, wenn man nach gut drei Stunden die Oper verlässt – im Kopf genauso wie im Herzen.

Hinweis!

Wer die Oper besuchen möchte, sollte sich beeilen. Heute Abend (10.05.2019) läuft die nächste Vorstellung. Am 12. und 16. Mai 2019 sind die beiden letzten Termine.

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