Digitales Theater ist (fast) ein Widerspruch in sich – eine Replik

Von |2022-04-28T10:32:32+02:0018.02.2021|Digitalkultur|

Vor zwei Wochen hat Sabine Haas hier auf dem Kultur-Blog über digitale Kulturangebote geschrieben. Sie formulierte dort den Wunsch, dass sich bei Live-Streams oder digitalen Aufnahmen von Theateraufführungen noch mehr entwickeln muss. Nils Bühler sagt nun: Digitales Theater – das kann nichts werden.

 

Sabine hat, denke ich, in ihrem Artikel zu digitalen Kulturangeboten recht: In den letzten Monaten haben sich viele Kultureinrichtungen ins Zeug gelegt, um digitale Ausdrucksformen für ihre Künste zu finden, doch im Großen und Ganzen gibt es noch Luft nach oben. In einer Sache ist der Wunsch nach einer Entwicklung jedoch vergebens: Das Theater wird sich nicht ins Digitale übertragen lassen. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

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Digitale Konzerte, Museen und Theater – Hat das alles eigentlich eine Zukunft?

Von |2022-04-28T10:33:11+02:0004.02.2021|Digitalkultur|

Die Lockdowns während der Coronapandemie haben viele digitale Angebote von eigentlich nicht-digitalen Institutionen hervorgebracht. Viele gute und auch nicht so gute Beispiele haben wir hier auf dem Kultur-Blog schon besprochen. Doch wie steht es um die digitalen Kulturangebote im Gesamten? Sabine Haas gibt eine Einschätzung.

 

In Zeiten von Corona bleibt den Kultureinrichtungen nur der eine Weg, um mit dem Publikum in Kontakt zu kommen: Das Internet. Es ist also kein Wunder, dass es inzwischen ein extrem breites Angebot an digitaler Kultur gibt und dieses Angebot täglich weiter wächst. Kulturinteressierte können digital Konzerte besuchen, Theater-Livestreams verfolgen, 360-Grad-Apps auf ihr Handy laden, Podcasts abonnieren und vieles mehr. Das ist toll, denn es zeigt, wie breit die Möglichkeiten digitaler Kulturerfahrungen inzwischen sind.

Dennoch: Immer noch sind viele dieser digitalen Kulturevents eher „Notlösungen“ oder „Ausweichangebote“, die die Pandemie als Ausnahmesituation hervorbringt und die nicht wirklich überzeugen. Der Grund: Vieles ist nicht durchdacht, einiges technisch sehr aufwändig und oft ist die Hürde bei der Nutzung so groß, dass man schon vor dem Einstieg abgeschreckt ist.

Nach einer Reihe von „digitalen Kulturbesuchen“ bekomme ich mehr und mehr den Eindruck, dass es noch eine Weile dauert, bis sich eine attraktive und sinnvolle „digitale Kulturlandschaft“ herausgebildet hat, deren Besuch wirklich Spaß macht – und zwar nicht nur in Zeiten einer Pandemie.

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Theater für Zuhause, quasi zum Mitnehmen – Geht das?

Von |2022-04-28T10:34:18+02:0019.01.2021|Digitalkultur|

Theatervorstellungen mit VR-Brillen direkt nach Hause geliefert – das bietet das Startup Inflight VR mit seinem Programm Frontrow an. Sabine Haas hat das Angebot für das Kultur-Blog getestet.

Zu diesem Artikel gibt es auch ein Interview mit Henning Förster von Inflight VR.

 

Auf vieles müssen wir in Corona-Zeiten verzichten und jedem fehlt sicher etwas anderes in besonderer Weise. Mein Mann vermisst derzeit vor allem das Skifahren, meine Kinder ihre Freunde und ich die Kultur. Mein letzter Besuch in Museum, Theater und Oper liegt inzwischen viel zu lange zurück und ich wäre überglücklich, wenn ich das wieder erleben könnte: Live an Kunst und Kultur teilhaben, im Opernsaal sitzen und in der Pause ein Glas Sekt trinken. Darauf müssen wir noch eine ganze Weile warten. Entsprechend spannend fand ich es, als mir kurz vor Weihnachten das Startup Inflight VR seine Idee „Frontrow“ vorstellte: Mittels virtueller Technologie kann man sich Kulturveranstaltungen nach Hause holen und vom Sofa aus genießen – als wäre man live dabei.

Das musste ich natürlich ausprobieren. Wie es funktioniert, wird auf der Website von Frontrow in wenigen Sätzen erklärt: Man wählt die gewünschte Vorstellung aus, legt sie in den Warenkorb und bucht dazu einen Hin- und Rückversand der VR-Brille. Diese wird umgehend zugesendet und man kann über das VR-Headset in das jeweilige Kulturerlebnis einsteigen. Anschließend wird alles wieder verpackt und zurückgeschickt.

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Frontrow – Interview mit Henning Förster

Von |2022-05-11T14:06:55+02:0019.01.2021|Digitalkultur|

Nachdem Sabine Haas das Theater-VR-Angebot von Frontrow – ein Konzept des Münchener Startups Inflight VR – getestet hat, wollte sie mehr wissen. Henning Förster, COO des Startups, hat sich für ein Interview bereiterklärt und spricht über die Pläne des Angebots und was dahintersteckt.

Dieses Interview ist eine Fortsetzung von Sabine Haas‘ Artikel zu Frontrow.

Um mehr über das Projekt Frontrow und seine virtuellen Theaterangebote zu erfahren, habe ich mit Henning Förster, dem COO des Startups Inflight VR gesprochen. Er verantwortet das Projekt Frontrow, das im Dezember vergangenen Jahres seine Arbeit aufnahm.

Sabine Haas: Wie hängen Frontrow, Inflight und das Staatstheater Augsburg zusammen?

Henning Förster: Unser Startup, Inflight VR, ist spezialisiert auf VR-Technologie. Wir haben das Ziel, Virtual-Reality-Anwendungen für die Praxis zu entwickeln. Unser erster Ansatz war VR-Erlebnisse für Flugreisende zu entwickeln – daher auch der Name Inflight VR. Das ist uns auch erfolgreich gelungen und ist nach wie vor ein wichtiges Kerngeschäft, allerdings hat uns Corona im vergangenen März erst einmal ausgebremst. In dieser Situation haben wir uns überlegt, welche weiteren Anwendungen möglich sind und wie man vielleicht gerade den durch Corona betroffenen Branchen mittels VR-Anwendungen helfen kann. So entstand die Idee, Kulturveranstaltungen auf Virtual-Reality-Plattformen zu übertragen: Frontrow – Erste Reihe, auch in Zeiten von Corona.

Das Staatstheater Augsburg wurde unser erster Kooperationspartner, da dort schon VR-Produktionen entwickelt worden waren. Entstanden aus einer innovativen Inszenierungs-Idee, die VR-Elemente mit dem klassischen Theater verbinden wollte, ist das Thema VR zu einem eigenständigen Produktionsansatz des Theaters geworden. Mitarbeiter haben die VR-Headsets an die Theaterbesucher zu Hause verteilt, so dass sie weiter an Veranstaltungen teilnehmen konnten. Eine Kooperation mit Augsburg lag für uns daher nahe.

SH: Was genau bietet Frontrow an?

HF: Wir sind kein Kulturbetrieb und auch keine klassische VR-Produktionsstätte. Zwar haben wir das Knowhow in unserem Team, denn bei uns arbeiten allein drei promovierte Experten, die über Virtual Reality ihre Doktorarbeit geschrieben haben. Aber unser Ansatz ist ein anderer: Wir möchten eine Plattform bieten, die – ähnlich wie Netflix – Angebote im Bereich VR sammelt und vertreibt. Mit Frontrow möchten wir DER Anbieter für kulturelle Veranstaltungen im Bereich Virtual Reality werden. Neben der Plattform für die Buchungen stellen wir darüber hinaus auch die VR Headsets zur Verfügung, sodass kein Equipment benötigt wird und wirklich jeder unser Angebot ausprobieren kann. Im Dezember sind wir zunächst mit einem überschaubaren Angebot gestartet und werten jetzt aus, wie die Idee ankommt und sinnvoll weiterentwickelt werden kann.

SH: Was bedeutet Virtual Reality in Bezug auf Kultur?

HF: Derzeit bewegen wir uns im Bereich der klassischen Kultur, d.h. Theater, Museum, Tanz, Oper etc. VR-Angebote können je nach Anbieter sehr unterschiedlich aussehen. Wir bieten Stand heute drei Theaterstücke und eine Tanz-Performance an – in wenigen Wochen nehmen wir aber noch weitere VR Erfahrungen auf. Die Theaterstücke sind in 360-Grad-Perspektive gefilmt, das bedeutet, der Zuschauende sitzt mitten im Raum und die Aufführung findet rund um ihn herum statt. Daraus ergibt sich natürlich ein ganz anderes Erleben als in einem realen Theater. Bei Ausstellungen sind verschiedene Ansätze denkbar. Es könnte einen virtuellen Rundgang geben, bei dem man durch die Ausstellungsräume geht oder eine Inszenierung verschiedener Objekte. Virtual Reality bietet eine Menge an Möglichkeiten. Wichtig ist, dass es ein immersives Erlebnis ist, d.h. keine einfache zweidimensionale Abbildung des Geschehens.

SH: Woher nehmen die Kulturanbieter das Knowhow, um ein attraktives VR-Angebot zu entwickeln?

HF: Das ist bislang tatsächlich etwas schwierig. Viele Einrichtungen haben kein Wissen zu dieser Technologie. Und auch wir merken, dass VR ganz besondere Herausforderungen mit sich bringt, da es sich von üblicher Videoproduktion deutlich unterscheidet. Ein wesentlicher Bestandteil von unserem Angebot ist es daher, die Kultureinrichtungen ganzheitlich und komplett bei den Projekten zu unterstützen. Wir sind Experten im Bereich der VR und helfen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Konzeption des VR-Stücks, über die Produktion bis hin zur technologischen Implementierung und Distribution der Erfahrungen. Um ein wirklich gutes virtuelles Kulturerlebnis zu schaffen, muss man seine Angebote spezifisch für diese Technik entwickeln und kann in der Regel nicht auf die bestehenden Standards zurückgreifen. Wichtig sind beispielsweise ausreichend Licht und die Ausrichtung auf die Kamera. Oder aber auch eine angemessene Länge des Stücks – beispielsweise zwischen 45 und 75 Minuten. Da kommen wir dann ins Spiel und unterstützen die Einrichtungen, damit effizient und kostengünstig VR Produktionen umgesetzt werden.

SH: Welche Partner werden denn künftig bei Frontrow zu finden sein?

HF: Das kann ich leider noch nicht verraten. Wir führen derzeit viele Gespräche und bei einigen sind wir schon sehr weit, aber es gibt noch keine feste Partnerschaft, die wir kommunizieren können. Ich hoffe sehr, dass wir das Angebot bald erweitern können. Das sieht auch derzeit sehr vielversprechend aus.

SH: Bei meiner Testnutzung hatte ich die Erfahrung gemacht, dass das Bild nicht ganz scharf war. Woran liegt das?

HF: Das ist leider (noch) der Technologie geschuldet und kann sich noch einmal verstärken, wenn man Brille trägt. Das liegt vor allem an der sehr hohen Datenmenge, die bei einer 360-Grad-Perspektive verarbeitet werden muss. In der Regel fällt das allerdings nicht so deutlich auf. Im getesteten Theaterstück konnte man es bei den Kalenderblättern, die an den Wänden hingen, besonders merken. Die Brille sollte man unbedingt unter dem VR-Headset anbehalten. Eine perfekte Schärfe erhält man leider mit der heutigen Technologie noch nicht, sie entwickelt sich jedoch rasant weiter und verbessert sich stetig. Und natürlich nutzen wir auch die Erfahrungswerte aus den ersten VR Produktionen, um diese konstant zu verbessern.

SH: Wie ist denn das Feedback des bisherigen Publikums und wer nutzt das Angebot?

HF: Wir sind tatsächlich überrascht, wie gut Frontrow im ersten Monat angelaufen ist, besonders, da wir keinerlei Marketing oder Werbung gemacht haben. Es gab schon über 150 Bestellungen, viele davon aus dem Publikum des Staatstheaters Augsburg, aber auch darüber hinaus. Die Zielgruppen sind noch bunt gemischt, von jung bis alt ist alles dabei. Das entspricht unserem Ziel: Wir möchten alternative Lösungen für die Bestandspublika bieten und darüber hinaus neue Zielgruppen erreichen. Das scheint zu funktionieren.

Das Feedback ist ebenfalls sehr positiv: Es kommt viel Lob, vereinzelt natürlich auch Kritik. Uns freut beides, weil wir die Startphase als eine Art Pilottest ansehen, bei dem wir eine ganze Menge über die Erfolgsfaktoren unserer Geschäftsidee lernen können. Die kommenden Monate werten wir Erfahrungen aus, um das Angebot weiter zu optimieren. Neben einer Erweiterung der Kooperationen ist beispielsweise geplant, für die Personen, die schon ein VR-Headset besitzen, eine Bestellung der Kulturangebote ohne dazu gehörige Hardware zu ermöglichen. Das geht bislang noch nicht.

Da wir keine öffentliche Förderung oder sonstige finanzielle Unterstützung bekommen, planen wir Schritt für Schritt. Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass Frontrow erfolgreich sein und wachsen wird. Derzeit stehen wir noch ganz am Anfang einer sehr spannenden Entwicklung.

SH: Viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch!

Street Scene – Kurt Weills Oper von 1947 überzeugt durch ein Kaleidoskop an Bildern und Melodien

Von |2022-05-11T14:26:57+02:0010.05.2019|Oper|

In Köln läuft derzeit eine Oper von Kurt Weill aus den späten 40er-Jahren mit dem Titel »Street Scene«. Man konnte bereits lesen, dass die Oper gut inszeniert sei, daher war ich neugierig geworden und habe der Vorstellung einen Besuch abgestattet.

»Street Scene« erzählt die Geschichte eines Mietshauses in einer armen Gegend von New York mitten in einem unerträglich heißen Sommer. Zu Beginn erhält man einen Eindruck von den einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses und ihren Geschichten. Es wird klar, dass das Haus von Einwanderern aus aller Herren Länder bewohnt wird, die jeweils mit dem Alltag und dem Überleben in der großen Stadt zu kämpfen haben.

Im Laufe des ersten Aktes fokussiert die Handlung dann mehr und mehr auf die Familie Maurrant: Mutter Anne Maurrant beginnt eine Affäre mit dem Milchmann, da sie von ihrem Leben und der abweisenden Art ihres Mannes enttäuscht ist. Tochter Rose verliebt sich in den Nachbarsjungen Sam Kaplan, der als angehender Akademiker aber eigentlich nicht zu ihr passt. Sie ist sich unsicher, ob sie ihrem Herzen folgen oder eher auf die Avancen ihres Chefs eingehen soll. Dieser ist zwar verheiratet, lockt Rose aber mit dem Versprechen, sie auf die Bühnen des Broadways zu bringen.

Die Geschichte endet tragisch. In Akt 2 kommt Vater Frank Maurrant hinter die Affäre seiner Frau und erschießt sowohl den Liebhaber als auch seine Gattin. Die Tochter findet die Mutter im Sterben liegend vor und muss zusehen, wie ihr Vater in Handschellen abgeführt wird. Ihn erwartet der elektrische Stuhl. Sie verlässt daraufhin das Mietshaus und lässt auch ihren Geliebten Sam zurück, weil sie Angst davor hat, sich mit ihm zu binden.

Für die Hausgemeinschaft legt sich die Aufregung schnell: Neue Mieter ziehen ein. Der Alltag hält wieder Einzug.

Storytelling vom Feinsten

Das Besondere dieser Oper ist für mich die Art, in der die Geschichte erzählt wird. Wie mit einem Kaleidoskop werden die verschiedenen Charaktere und Storys der Mietergemeinschaft beleuchtet. Die Perspektiven wechseln dabei zwischen den einzelnen Parteien, die mit ihren Sorgen und Nöten immer neue Aspekte des Lebens in New York skizzieren. Die Geschichte springt vor allem zu Beginn hin und her und fokussiert erst im Laufe der Handlung auf einen durchgehenden Erzählstrang.

Vielfalt in Musik und Szenenumsetzung

Genauso so ist es mit der Musik: Sie ist bunt, abwechslungsreich und erinnert teilweise an Musical- und Broadway-Hits, teilweise an die klassischen Arien aus der Opernwelt. An vielen Stellen setzt die Musik sogar ganz aus und macht Theaterszenen Platz. Um dies in dem großen Ensemble adäquat abzubilden, bedarf es einer sehr breiten Besetzung. So waren in Köln sowohl Schauspieler als auch Chorsänger, Tänzer, Musical-Stimmen und Opernsänger vertreten – und natürlich das sehr gute Gürzenich-Orchester.

Ein Genrewechsel, der an das Gefühl von Knisterbrause erinnert

Teilweise wirkte der Wechsel zwischen Opern- und Musicalatmosphäre für mich sehr verwirrend und sorgte für regelrechte Brüche in meinem Erleben: Tanzeinlagen wechseln auf Arien, launige Broadway-Songs auf getragene Orchestermusik. Gerade zu Beginn hatte ich dadurch Schwierigkeiten, mich in die Oper hineinzufinden. Aber die Vielschichtigkeit sowohl der Handlung als auch der Musik hatte mich schon bald komplett in ihren Bann gezogen.

Bis hin zu den jüngsten Darstellern eine insgesamt überzeugende Besetzung

Vor allem begeistert hat mich neben dem Orchester die schauspielerische Leistung der Kinderdarsteller, allen voran der kleine Joseph Sonne als Willie Maurrant. Er spielte seine Rolle des frechen Großstadtjungen einfach wunderbar! Ebenfalls wunderbar waren Allison Oakes als Anna Maurrant, Emily Hindrichs in der Rolle der Tochter und Jack Swanson als Sam Kaplan. Auch die vielen kleineren Rollen und der Chor waren überzeugend besetzt und zeigten mit viel Spielfreude und Einsatz ihr Können. Einzig Kyle Albertson als Frank Maurrant kam mir stimmlich etwas schwach vor, aber ich bin zu wenig Expertin, um hier fundiert zu urteilen.

Unterhaltsam und zugleich anregend

Insgesamt kann man sagen, dass die Oper »Street Scene« eine unglaubliche Fülle von Eindrücken hinterlässt. Dies bewirken nicht nur die vielen Akteure und ihre unterschiedlichen Darstellungsstile oder die abwechslungsreiche Musik. Auch die Texte sind voller sozialkritischer Anspielungen und ziehen einen breiten Bogen von der Jugendkultur über die linkspolitischen Ansichten der Intellektuellen bis hin zum ungerechten Machtverhältnis zwischen Mann und Frau in den unteren sozialen Schichten der damaligen Zeit. Man nimmt eine Menge mit, wenn man nach gut drei Stunden die Oper verlässt – im Kopf genauso wie im Herzen.

Hinweis!

Wer die Oper besuchen möchte, sollte sich beeilen. Heute Abend (10.05.2019) läuft die nächste Vorstellung. Am 12. und 16. Mai 2019 sind die beiden letzten Termine.

Intendant Kay Voges zu Digitalisierung und Theater

Von |2022-05-11T14:30:38+02:0020.11.2018|Digitalkultur|

Kay Voges ist seit 2010 Intendant des Theater Dortmund und gilt als wagemutig, experimentierfreudig und richtungsweisend für die Digitalisierung des Theaters. Beim diesjährigen KulturInvest-Kongress in Berlin sprach er ausgiebig über sein Verständnis von modernem Theater und seiner Motivation, besonders das Thema Digitalisierung in den Mittelpunkt seiner Arbeit zu stellen.

»Seit nun schon neun Jahren versteht sich das Dortmunder Schauspiel als Labor für die digitale Gegenwart«, sagt Voges und erläutert, wie es dazu kam. »Wir haben uns gefragt, was ist Theater? Theater ist immer Gegenwart. Jedes Schauspiel – anders als Literatur oder Musik – wirkt nur in der Gegenwart, im Hier und Jetzt, im Moment der Inszenierung. Daher hat Theater mehr als andere Genres die Pflicht, Gegenwart zu beschreiben, aber auch Mittel der Gegenwart zu nutzen.«

Hier erlebt Kay Voges einen Bruch: Obwohl das Theater extrem gegenwartsbezogen ist und sein sollte, arbeitet es als Institution und »Maschinerie« immer noch wie vor hundert Jahren. Dies zu ändern und mit aktuellen Mitteln aktuelle Themen zu behandeln, ist ein Ziel von Voges Inszenierungen. Aber was genau bedeutet das?

Inszenierung im Stream

Für Regisseur Kay Voges und Dramaturg Alexander Kerlin ist eine »digitale und gegenwartsbezogene Theaterinszenierung« ein vielschichtiges Konstrukt. Es beginnt bei den Inhalten, die meist keine lineare Geschichte erzählen, sondern aus Bruchstücken, Bildern und wechselnden Perspektiven bestehen. Damit bildet das Team in Dortmund die digitale Mediennutzung und Wahrnehmungskultur ab: Wir leben im Stream und klicken uns durch verschiedene Wirklichkeiten und Perspektiven.

Formal verlässt Voges folgerichtig das traditionelle »Theaterportal« und löst die klassische Inszenierung durch ein digitales, multimediales Gesamtkunstwerk ab. Mit Live-Regie, der Kombination von Webinhalten, Videomitschnitten der Inszenierung, Live-Musik und den immer neu zusammengesetzten Schauspiel-Elementen des Ensembles entwirft er eine Collage, die bei jeder Aufführung neu und anders ist.

»In ,Das goldene Zeitalter‘ hatten wir insgesamt acht Stunden Material vorbereitet. In der Aufführung selbst wurden dann jedes Mal individuell vier Stunden davon ausgewählt. Dieses Material lief vor dem Publikum ab wie Streams beim Surfen im Netz. Wie im Netz beginnt die Session für alle an einem Punkt und mäandert dann für jeden in unterschiedliche Richtungen«, beschreiben Kay Voges und Alexander Kerlin ihre Idee.

Der Aufwand für ein solches durch und durch digital beeinflusstes Theater ist hoch: »Wir benötigten bei ,Das Goldene Zeitalter‘ sechs Kameras, um Ausschnitte des Livestreams auf die Bühne übertragen zu können, Live-Musiker und natürlich das Ensemble.«

Ein ähnliches Prinzip verfolgen Voges und Kerlin auch bei »Borderline-Prozession«. Hier löst sich die Bühne auf und wird ersetzt durch ein Haus mit 21 Zimmern und einen Außenbereich. Innen und außen spielt sich das Leben in unterschiedlichen Facetten ab. 23 Schauspieler erleben Situationsvariationen, das Ganze überlagert, ergänzt durch Videoeinspielungen und O-Töne oder Zitate. Der Theaterraum wird verwandelt in einen virtuellen Raum, der ein Erleben in 360-Grad-Ansicht ermöglicht und zugleich die Grenzen dieses Informations-Overkills deutlich macht.

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Noch imposanter wird die Digitalisierung als künstlerisches Instrument deutlich im Mammutwerk »Die Parallelwelt«. Hier inszeniert der Dortmunder Theaterintendant sein Stück zeitgleich am Schauspiel Dortmund und am Berliner Ensemble. Dank digitaler Technik und einer Glasfaserleitung zwischen beiden Standorten wird es möglich, eine Geschichte an zwei Orten zu erzählen und sie dennoch gemeinsam zu erleben. Videoübertragungen von A nach B, Dialoge zwischen Berlin und Dortmund machen »eine Simultanaufführung über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« möglich. Voges: »Damit haben wir ein Experiment gewagt und es ist gelungen.«

Gründung einer Akademie für Digitales Theater

Alle diese Inszenierungen haben für Kay Voges sehr deutlich gezeigt, dass sich ein klassisches Theater in Zeiten der Digitalisierung entwickeln muss. Die Belegschaft, die eingesetzte Technik, das bereitstehende Personal bildet nicht ab, was im Kosmos digitaler Medien zur Verfügung steht. Dies führte zur Idee der »Akademie für Digitalität und Theater«. Kay Voges: »Es ist uns gelungen, Gelder und Unterstützer für dieses Projekt zu gewinnen, sodass wir im März 2019 mit der Arbeit beginnen können.« Voges Ziel war es, Zeit und Raum zum Forschen und Entwickeln von Technologien zu schaffen, aber auch bestehendes und neues Personal im Theater für die Herausforderungen der Digitalisierung fit zu machen.

»Eine Säule der Akademie wird die Qualifizierung der Techniker sein. Wir wollen eine Fortbildung für künstlerisch-technische Berufe anbieten«, erläutert der Theaterintendant und Vordenker. Ein zweiter, wesentlicher Baustein ist ein Stipendienangebot für postgraduierte, junge Künstler. Diese können sich mit Projekten bewerben und erhalten sechs Monate lang finanzielle Unterstützung sowie die Möglichkeit, ihr Projekt mit dem Theater Dortmund gemeinsam aufzuführen. »Von der dritten Säule träumen wir noch«, so Voges weiter. »Wir würden gerne einen Studiengang ,Digitalität und Theater‘ gründen. Dies ist allerdings ein Projekt, das einen höheren Aufwand erfordert. Wir hoffen, es gelingt eines Tages«, beschließt er seine Erläuterungen.

Die Digitalisierung erweitert das bisherige Spektrum

Mit seiner Akademie möchte Kay Voges eine Antwort geben auf den gesellschaftlichen Wandel in Zeiten einer fortschreitenden Digitalisierung. Es ist ihm wichtig, dass das Genre Theater nicht in seinen Traditionen verharrt, sondern sich in einer Art disruptivem Prozess den neuen Bedingungen stellt und einen grundlegenden Wandel vollzieht. Damit bricht er die klassischen Theaterstrukturen auf und legt einen Kosmos neuer Möglichkeiten frei. Inwieweit andere Theater ihm in dieser Entwicklung folgen, wird sich zeigen. Sicher ist, dass er das Spektrum der Möglichkeiten deutlich erweitert.

Headerbild: Kay Voges by Marcel Schaar

Ein Hoch auf die Kulturlandschaft NRW

Von |2020-07-14T12:44:30+02:0025.01.2018|Oper|

Das Netz bietet nicht nur die Möglichkeit, digitale Kultur im Land sichtbar und erlebbar zu machen und eine Plattform für ganz neue digitale Ausdrucksformen zu werden. Onlineangebote können auch dabei helfen, die Grenzen des eigenen Kulturradius zu erweitern und so auf Neues zu stoßen, das bislang nicht im »Relevant Set« der eigenen Aktivitäten stand.  (mehr …)

Neues Portal soll Überblick hessischer Kunstangebote schaffen

Von |2020-07-14T12:56:36+02:0004.12.2015|Allgemein|

Manchmal muss man den Schritt wagen und sich von Altlasten befreien, so wie beim Onlineauftritt des Kulturportals für Hessen.  Kunst- und Kulturminister Boris Rhein hat sich für eine Modernisierung stark gemacht und mit Freude den Relaunch des Portals verkündet. Am 1. Juli war es so weit, das Portal war komplett überarbeitet worden und erstrahlte nun in neuem Glanz. Ab sofort sollen jährlich 90.000 Euro in Redaktion und technischen Support investiert werden.
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Ein Kulturblog – was soll das?

Von |2022-04-27T23:42:24+02:0009.02.2015|Digitalkultur|

Unter der Adresse www.kultur-blog.de möchten wir (Stephanie Müller und Sabine Haas) von nun an ein Kulturblog betreiben. „Tolle Idee“, werdet Ihr denken, „die hatte vorher ja noch keiner!“ Es stimmt: Wir sind nicht der erste Kulturblog im Netz. Aber unser Content wird hoffentlich dennoch eine zusätzliche Bereicherung sein. Und das Schöne am Internet ist ja: Hier ist Platz für ganz ganz viel.

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