Theatervorstellungen mit VR-Brillen direkt nach Hause geliefert – das bietet das Startup Inflight VR mit seinem Programm Frontrow an. Sabine Haas hat das Angebot für das Kultur-Blog getestet.

Zu diesem Artikel gibt es auch ein Interview mit Henning Förster von Inflight VR.

 

Auf vieles müssen wir in Corona-Zeiten verzichten und jedem fehlt sicher etwas anderes in besonderer Weise. Mein Mann vermisst derzeit vor allem das Skifahren, meine Kinder ihre Freunde und ich die Kultur. Mein letzter Besuch in Museum, Theater und Oper liegt inzwischen viel zu lange zurück und ich wäre überglücklich, wenn ich das wieder erleben könnte: Live an Kunst und Kultur teilhaben, im Opernsaal sitzen und in der Pause ein Glas Sekt trinken. Darauf müssen wir noch eine ganze Weile warten. Entsprechend spannend fand ich es, als mir kurz vor Weihnachten das Startup Inflight VR seine Idee „Frontrow“ vorstellte: Mittels virtueller Technologie kann man sich Kulturveranstaltungen nach Hause holen und vom Sofa aus genießen – als wäre man live dabei.

Das musste ich natürlich ausprobieren. Wie es funktioniert, wird auf der Website von Frontrow in wenigen Sätzen erklärt: Man wählt die gewünschte Vorstellung aus, legt sie in den Warenkorb und bucht dazu einen Hin- und Rückversand der VR-Brille. Diese wird umgehend zugesendet und man kann über das VR-Headset in das jeweilige Kulturerlebnis einsteigen. Anschließend wird alles wieder verpackt und zurückgeschickt.

Gesagt – getan.

Auf der Homepage sehe ich, dass der derzeit einzige Kooperationspartner von Frontrow das Staatstheater Augsburg ist. Das Staatstheater Augsburg habe ich zwar noch nie besucht, aber ich verbinde mit einem solchen Theaterhaus grundsätzlich gute kulturelle Inhalte, die nicht zu kommerziell orientiert sind. Das gefällt mir schon einmal ganz gut.

Das zur Auswahl stehende Angebot ist allerdings (noch) recht überschaubar: Es gibt drei Theaterstücke und eine Tanzaufführung. Bisher sind alle Veranstaltungen Solo-Auftritte (beim Tanz verschiedene Tänzer*innen hintereinander, beim Theater Monologe). Das soll sich zwar bald ändern, für meinen Test senkt es aber die Attraktivität, da ich mich eher für Theater und hier nicht so sehr für Monolog-Stücke interessiere. Dennoch finde ich etwas, das mich anspricht: „Der Mitarbeiter – Tagebuch eines Wahnsinnigen“ von Nikolai Gogol.

Zwei Tage nach der Bestellung halte ich ein Paket von Frontrow in den Händen. In dem Karton findet sich die VR-Brille (s. Foto) mit einem knapp gehaltenen „Beipackzettel“. Ich habe zwei Tage Zeit, bevor ich das Gerät wieder zurücksenden soll.

Als ich mir dann meinen „Theaterabend“ vorbereite, fällt mir ein erster „Fehler“ auf: Normalerweise bin ich nie allein in einer kulturellen Veranstaltung. Der Besuch von Ausstellung, Theater oder Oper ist für mich immer ein Gemeinschaftserlebnis, dass ich mit jemandem teilen möchte. Auch die Opernaufführungen über MetOpera im Fernsehen nutze ich lieber mit einer Freundin als allein. Ich hätte also zwei VR-Brillen und Tickets bestellen müssen. Das wäre sicher noch einmal spannender gewesen als allein auf dem Sofa zu sitzen. Allerdings kann man das Theaterstück so oft sehen, wie man möchte. Meine Freundin könnte es also theoretisch nach mir nutzen und wir könnten uns dann dazu austauschen.

Jetzt also nutze ich die VR-Brille erst einmal allein. Es gibt keinerlei technische Probleme, das Gerät ist selbsterklärend und absolut simpel zu bedienen. Das Startbild ist eine 360-Grad-Ansicht des Staatstheaters Augsburg. Man sitzt tatsächlich im Theater, vor sich die Bühne und um sich herum die übrigen Sitzplätze – die allerdings alle leer sind, was etwas surreal wirkt.

Mit visueller Steuerung startet man dann das Theaterstück. Jetzt wechselt die Perspektive, man sitzt nicht mehr vor der Bühne, sondern mitten in einem Raum, der rundherum bespielt wird. Auch hier hat man wieder eine 360-Grad-Perspektive. Im Stück „Der Mitarbeiter“ wird die gesamte Perspektive genutzt. Man sieht verschiedene Einrichtungsgegenstände, und der Protagonist bewegt sich während seines Monologs immer zwischen verschiedenen „Stationen“ wie einem Tisch, einem Zeitschriftenstapel etc. Diese Art der „Rundum-Inszenierung“ ist leider für den gemütlichen Genuss vom Sofa aus etwas abträglich, da man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, sich auf seinem Platz hin und her zu drehen und auch längere Passagen „im Rücken“ hat. Es wäre deutlich sinnvoller, nur eine 180-Grad-Perspektive zu verwenden, denn in der jetzigen Form benötigt man einen Drehstuhl, um keine Nackenstarre zu bekommen.

Der Schauspieler Thomas Prazak macht seine Sache allerdings gut: Er spielt überzeugend und intensiv die Rolle des braven Beamten Aksenti Iwanow Propristschin, der im Lauf des einstündigen Stückes mehr und mehr den Verstand verliert. Er monologisiert, läuft im Raum herum, fixiert den Zuschauer und kommt einem oftmals emotional und körperlich dabei sehr nahe. Allerdings packt mich die Geschichte des „Mitarbeiters“, der Hunde sprechen hört und sich schließlich für den König von Spanien hält, dennoch nicht. Das liegt sicher nicht an der fehlenden Nähe, denn schließlich ist man mittendrin im Geschehen. Vielleicht liegt es daran, dass sich das Schicksal des Beamten, den Gogol als enttäuschten, einsamen, zerrüttenden Menschen schildert, in einer gewissen Gleichförmigkeit entwickelt und nicht wirklich fesseln kann. Sicher ist aber auch das ständige „Aus-dem-Bild-Laufen“ des Protagonisten ein Grund, warum man irgendwann ermüdet und zum Ende kommen möchte.

Für mich persönlich das größte Manko der gesehenen virtuellen Aufführung war allerdings nicht das Stück selbst, sondern die Bildschärfe: Der Bildhintergrund (der mit verschiedenen Post-Its und Wandkalendern gefüllt ist) ist nicht scharf zu stellen, weder mit noch ohne Brille unter der VR-Brille. Das schmälert zum einen den Seh-Genuss sehr stark, zum anderen reduziert sich aber auch das eigentlich immersive Erleben. Man ist zwar mittendrin, aber trotzdem nicht voll dabei, weil alles leicht verschwommen wirkt. Allerdings weiß ich nicht, ob die mangelnde Brillanz der Bilder an dieser speziellen Aufnahme lag oder ein generelles VR-Problem ist.

Mein Fazit

Insgesamt fasziniert mich die Möglichkeit, eine kulturelle Veranstaltung mittels VR-Brille nach Hause zu holen sehr – und zwar unabhängig von Corona. Es ist aus meiner Sicht eine großartige Möglichkeit, sich beispielsweise Theateraufführungen, die an fern gelegenen Spielstätten stattfinden, auf diese Weise ansehen zu können. Das Tragen einer VR-Brille stört für mich das Erleben nicht, im Gegenteil – die direkte und realitätsnahe Perspektive ist in jedem Fall lohnend: Man ist näher an den Protagonisten, als das bei einer üblichen Live-Vorstellung möglich ist.

Was aber bei dem angeschauten Beispiel deutlich für Minuspunkte gesorgt hat, war die schlechte Bildqualität und die 360-Grad-Perspektive. Zum einen möchte ich auf meinem Platz sitzen und das Stück genießen und mich dabei nicht ständig hin und her bewegen müssen. Zum anderen möchte ich ein scharfes Bild, sonst ist der Spaß sehr gebremst. Falls man diese beiden Nachteile abstellen kann, würde ich sicher gerne mehr virtuelle Aufführungen nutzen.

Da das Thema mich sehr interessiert, habe ich mit Henning Förster von Frontrow gesprochen, um mehr über die Technik und die weitere Entwicklung des Münchener Startups zu erfahren. Das Interview findet ihr hier.