Bei meinem Besuch des Menuhin Festivals in Gstaad war ich zu Gast bei zwei Konzerten in der historischen Kirche Saanen. Damit habe ich nur einen kleinen Ausschnitt des Gesamtangebots gesehen, das insgesamt fast 70 Konzerte umfasst. Aber schon nach diesen zwei Abenden wurde deutlich: Das Menuhin-Festival besticht durch eine unglaubliche Vielfalt.

Das Spektrum der gesehenen Konzerte reichte von geistlicher Musik bis zu einer Welturaufführung eines Gegenwarts-Komponisten. Dies zeigt, wie groß die Palette des schweizerischen Festivals ist: Es bietet ein unglaublich dichtes Programm mit liebevoll zusammengestellter klassischer Musik, für alle Altersklassen und jedes Interesse. Man spürt die Akribie, mit der Intendant Christoph Müller Jahr für Jahr das Sommer-Event in Gstaad vorbereitet.

Alte Musik auf historischen Instrumenten

Das erste von mir besuchte Konzert widmete sich dem eher weniger bekannten französischen Komponisten Marc-Antoine Charpentier. Seine sakralen Musikstücke und Motetten sind von unglaublicher Schönheit, dennoch hört man sie in Konzerten eher selten, vor allem in Deutschland.

Der charismatische französische Dirigent Hervé Niquet und das Ensemble Le Concert Spirituel wirkten wie die perfekte Besetzung für das geistliche Konzert. Sie präsentierten die Stücke auf historischen Instrumenten und mit einer stimmlich ideal ausgewählten Chorbesetzung. Obwohl ich nur selten geistliche oder sakrale Musikkonzerte besuche und mir diese Musik eher fern liegt, hat mich der Konzertabend tief beeindruckt. Das barocke, opulente Werk Charpentiers entfaltet eine unglaubliche emotionale Wirkung, besonders in der gesehenen Besetzung, die mit enormer Hingabe bei der Sache war.

Ausschnitte aus den Proben und ein Interview mit dem Dirigenten Niquet (in französischer Sprache) finden sich hier.

Kammerorchester Basel mit einer Welturaufführung

Der zweite Konzertabend war bunter angelegt und stellte sicher einen der Höhepunkte des Festivals dar. Das Kammerorchester Basel unter der Leitung von Pierre Bleuse gestaltete das Konzert.

Zu Beginn stand die Welturaufführung eines Stückes des jungen Komponisten Bruno Soeiro, der sich musikalisch mit dem Thema „Duft“ auseinandergesetzt hat. Unter dem Titel „Sillages, Son de Parfums“ vertonte Soeiro vier Duftnoten, die man am Eingang zum Konzert in Form von parfum-getränkten Papierstäbchen ausgehändigt bekam. So konnte man während des Konzerts den Duft und die zugehörige Musik gegeneinanderstellen. Eine sehr schöne Idee. Das Stück von Soeiro war so abwechslungsreich wie die Duftnoten, harmonisch und vielfältig und seiner Gesamtwirkung stimmig.

Die Weltpremiere wurde von dem sehr groß besetzen Kammermusik-Ensemble mit hoher Konzentration und viel Einsatz auf die Bühne gebracht und erntete beim Publikum großen Applaus. Die Freude des Komponisten an der gelungenen Aufführung war ihm anzusehen, und auch das Orchester wurde nach diesem ersten Erfolg merklich entspannter.

Hier ein Interview mit dem Komponisten.

Sol Gabetta interpretiert Saint-Saëns

Mit dem zweiten Stück begaben sich die Musiker zwar wieder in bekannte Gefilde, aber es wurde nicht weniger anspruchsvoll: Auf dem Programm stand Camille Saint-Saëns, und zwar das Cellokonzert Nr. 2 d-Moll, op. 119. Als Solistin betrat Sol Gabetta die Bühne und damit die eindrucksvollste Musikerin, die ich je erleben durfte. Die Celllistin ließ die Kirche Saanen mit ihrer enormen Bühnenpräsenz geradezu erstrahlen. Ihr kraftvolles und virtuoses Spiel fesselte das Publikum von der ersten bis zur letzten Note. Man war völlig „geflasht“ von diesem Auftritt. Besonders begeistert hat mich die Spielfreude dieser Frau, die völlig in der Musik versank und das gesamte Ensemble mit ihrem Lächeln ansteckte. Einfach großartig.

Ein kleiner Ausschnitt von Sol Gabettas Können findet sich hier.

Zum Abschluss des Konzertabends folgte dann George Bizet mit seiner Sinfonie C-Dur, die er im Alter von 17 Jahren schrieb. Eine Sinfonie wie ein Sommerabend, perfekt und stimmig mit wunderschönen Melodien und einer sehr eingängigen Struktur. Auch hier glänzte das Kammerorchester Basel mit großer Professionalität und ungeheurer Spielfreude. Alles in allem ein unvergesslicher Konzertabend.

Für mich war der Besuch in Gstaad ein einmaliges Erlebnis, das noch lange in Erinnerung bleiben wird. Die Komposition aus dieser außergewöhnlichen Bergkulisse, der Ruhe des Ortes und der hochkarätigen Musik hatte auf mich genau die Wirkung, die Menuhin bei der Gründung des Festivals vorschwebte: Sie lässt das Festival zu etwas ganz Besonderem werden.

Wer die Reise in die Schweiz noch plant, hier geht es zum Programm des Festivals. Es läuft noch bis zum 6. September.