Was bleibt in der Musikbranche aus den Zeiten der Lockdowns hängen? Nach langen Monaten des Live-Streaming gibt es endlich wieder Konzerte. Doch ganz so wie vorher wird es wohl nicht wieder werden, berichtet unsere neue Kollegin Mirjam Wilhelm.

2020 kam der Lockdown. Und damit eine plötzliche Stille. Keine Konzerte, keine Festivals oder sonstige Veranstaltungen mehr. Während das für mich „nur“ eine harte Auszeit im Privatleben bedeutete, hieß das für Musiker*innen und natürlich unzählige Künstler*innen und Kulturschaffende aus diversen Branchen einen kompletten beruflichen Einbruch. Jetzt musste schnell gehandelt und kreative digitale Lösungen erarbeitet werden: Livestreams, Plattenaufnahmen, Chats, Promotion – alles wurde ins Netz verlegt. Einiges war möglich, vieles nicht. Aber das, was möglich war und sich bewährt hat, bleibt auch jetzt noch.

Die plötzliche Stille im Lockdown: Künstler*innen ohne Bühne

Für mich war ein Leben ohne Konzerte immer undenkbar. Mein erstes Konzert durfte ich als Teenie erleben, es war NENA in der Münchner Olympiahalle. Nie werde ich diesen einen magischen Moment vergessen, in dem ich sie ganz nah vor mir – ich hatte mich natürlich ganz nach vorne in die erste Reihe gekämpft – sah und feststellte: Da steht ein echter Mensch auf der Bühne. Das erste Mal sah ich jemanden im wahren Leben, den ich sonst nur von BRAVO-Postern oder aus dem Fernsehen kannte. Und so sprang er über, der berühmte Funke. Musik live zu erleben, im Zusammenspiel mit den Künstler*innen auf der Bühne und dem Publikum, diese unglaubliche Stimmung, das Miteinander – es hatte mich gepackt. Gut, mein Musikgeschmack änderte sich kurz darauf, zunächst Richtung Rock – weitere Konzerte waren Queen, Rod Steward, Simple Minds – und dann schon zügig in „dunklere“ Gefilde: New Wave und Gothic Rock war meins und ist es noch heute. Aber auch wenn sich die musikalischen Vorlieben geändert haben, die Magie von Live-Konzerten ist für mich auch Jahrzehnte nach dem NENA-Konzert noch dieselbe. Dabei ist es nicht unbedingt wichtig, ob es in einer großen Halle, einem kleinen Club oder auf einem Festival stattfindet. Livemusik kann für mich nichts ersetzen. Das sehen auch alle Künstler so, mit denen ich im Rahmen verschiedener Interviews gesprochen habe.

Digitale Kreativität war gefragt

Mit dem Lockdown brach nicht nur der Erlös von Ticketverkäufen komplett ein. Bands mit Mitgliedern aus mehr als zwei Haushalten konnten nicht mehr proben, nicht mehr kreativ miteinander jammen oder neue Platten aufnehmen. Zumindest nicht gemeinsam. Als sich herausstellte, dass wir noch länger mit Corona und damit mit den Auflagen im Lockdown klarkommen müssen, war schnell Kreativität gefragt. Diesmal nicht im künstlerischen, sondern im organisatorischen Bereich. Für Musiker*innen stellte sich die Frage: Wie arbeiten wir an neuer Musik, wie nehmen wir sie auf und wie erreicht sie das Publikum?

Jen Majura ©Tom Row

Livestream-Konzerte: Künstler*innen schalten sich parallel zusammen

So kamen die ersten Livestreams aus den Wohnzimmern, erstmal von Solokünstler*innen alleine, dann von Bands, die sich aus verschiedenen Locations zusammenschalteten. Zunächst gratis, dann mit Spendenaufruf oder digitalen Tickets mit einem Freischaltcode. Klar, dass das weder an das Konzertfeeling noch an die Einnahmen von vorher heranreichte. Aber: Nun hatten Fans aus aller Welt die Chance, ihre Band zumindest via Bildschirm zu sehen. Tatsächlich wurden hier Events wahr, die man sich vorher niemals hätte vorstellen können: So gab zum Beispiel die amerikanische Band Evanescence ein Livestream-Konzert aus den USA, die deutsche Gitarristin Jen Majura wurde aus dem Rheinland dazugeschaltet und spielte von dort aus mit der Band zusammen. Auch das türkische Dark Wave-Duo She Past Away hat eine kreative technische Lösung gefunden: In ihren jeweiligen Wohnorten Barcelona und Athen spielten die beiden ihre Parts ein, das ganze wurde dann zusammengeschnitten. Mit einem kostenpflichtigen Freischaltcode konnten die Fans das „Konzert“ dann zu einer festgelegten Uhrzeit virtuell gemeinsam sehen und sich via Chat austauschen. Erstaunt stellte man fest, was alles geht – aber trotzdem blieb das nur eine Notlösung.

Studio-Aufnahmen: Auch das geht virtuell

Nicht nur Auftritte mussten irgendwie virtuell umgesetzt werden, auch die Studio-Aufnahmen für ein neues Album wurden zur Herausforderung. Die Band The Cassandra Complex zum Beispiel ist zwischen England und Deutschland verteilt. Zwei Mitglieder leben hier, zwei dort. So kam es, dass Volker Zacharias (Gitarre, Bassgitarre, Keyboards) und Axel Ermes (Keyboards) ihre Parts im eigenen Studio in Hamburg einspielten. In Manchester nahm Andy Booth seine Gitarren- und Keyboard-Parts auf, Sänger Rodney Orpheus war in seinem Londoner Studio dabei. Alle drei Studios waren online per Video verbunden, so dass die Musiker gleichzeitig arbeiten konnten. Auf den kreativen Prozess hatte das keinen Einfluss, erzählte mir Rodney. Denn wenn er und die Band normalerweise gemeinsam im Studio standen, seien sie auch immer durch Fensterscheiben getrennt gewesen – und nun waren es eben die Bildschirme der PCs. Aber die neue Musik muss natürlich verbreitet werden – wenn Konzerte und Promo-Gigs ausfallen, geht das dann auch nur virtuell. Den Kontakt zu den Fans vermisst auch Rodney schmerzlich, so wie ausnahmslos alle Musiker*innen, mit denen ich gesprochen habe. Der Essener Musiker Nino Sable drückt es so aus: „Ein Konzert sieht man nicht nur, man riecht es auch – Räucherstäbchen, Schweiß, was auch immer. Das alles und die Verbindung zwischen Künstler*innen und Zuschauer*innen lässt sich niemals durch einen Livestream, auch nicht mit der besten VR-Brille, ersetzen!“

Nino Sable © Zerosusi Klak

#supportyourartist: Ausweitung des Online-Merch-Handels

Trotzdem versuchten natürlich alle, das Beste aus der Situation zu machen und über die Runden zu kommen. Der Hamburger Musiker Chris Harms, Produzent von zahlreichen Künstler*innen wie zum Beispiel Nino de Angelo, setzte mit seiner Band Lord Of The Lost auf verstärkten Online-Merch-Handel. So war er vorübergehend zwar eher „Baumwollhändler als Musiker“, wie er mir im Juni 2021 erzählte – aber es war eine Alternative, um finanziell einen kleinen Ausgleich zu schaffen. Immerhin wurde grundsätzlich der Merch-Verkauf von Bands online nochmal richtig angekurbelt. Unter dem Hashtag #supportyourartist machten Fans und Musiker*innen darauf aufmerksam. Das könnte natürlich so bleiben!

Fazit: Das bleibt aus der Lockdown-Zeit

Einiges hat sich durch Corona erleichtert, wie zum Beispiel Meetings mit Label-Vertreter*innen, Managements oder Promoter*innen werden vermutlich auch in Zukunft ganz normal online stattfinden, wenn damit umständliche und teure Reisen vermieden werden können. Interviews können ebenfalls ganz in Ruhe via Skype geführt werden, wenn vor oder nach einem Konzert wenig Zeit bleibt und zu viel Stress herrscht.

Auch der Merch-Verkauf muss ja nicht nur auf Konzerten stattfinden. Fans haben entdeckt, dass sie die Shirts und Accessoires ihrer Lieblingsband jederzeit online bestellen und ihre Künstler damit unterstützen können.

Der digitale Austausch von Musik und Ideen bringt für die Künstler*innen einen entscheidenden Vorteil, die weit entfernt voneinander wohnen. Wenn das früher eher ungewohnt war, hat sich das mittlerweile ganz normal etabliert. Für Nino Sable hat die ungeplante „Digitalisierung“ während des Lockdowns auch etwas Gutes hervorgebracht: „Wir können jederzeit räumlich getrennt proben. Alle Bandmitglieder haben alle Tonspuren unserer Songs digital und können für sich proben, ganz unabhängig. Natürlich proben wir dann auch nochmal alle gemeinsam. Aber so ist jeder viel unabhängiger.“

Insofern hat der Lockdown für die Musikbranche einiges verändert und manches erleichtert. Wie in anderen Branchen auch wird die digitale Kommunikation bestimmt in entsprechenden Fällen beibehalten werden.

Aber: Nichts kann Live-Konzerte ersetzen. Die magische Verbindung zwischen Künstler*innen und Fans, das gemeinsame Erleben und die damit verbundene Stimmung kann durch keinen Livestream der Welt umgesetzt werden.