Meine zweite Reise nach Lyon führte mich in die Welt von Arthur Honegger, einem mir bislang unbekannten Schweizer Komponisten. Gemäß meinen Recherchen hatte er sich zum Ziel gemacht, Wort, Bild und Musik in einer Weise zusammenzuführen, die neu und anders sein sollte als die bis dahin bekannte Form der Oper. Das Ergebnis ist Honeggers Werk »Johanna auf dem Scheiterhaufen«, das 1938 bei seiner Premiere in Frankreich frenetisch gefeiert wurde.

Alles was ich über das Werk im Vorfeld gelesen hatte, ließ es äußerst skurril und unzugänglich erscheinen. Daher war ich sehr gespannt, wie die von Romeo Castellucci inszenierte Aufführung werden würde. Im Interview berichtete mir Castellucci, dass die Oper in den 30er-Jahren auch deshalb so erfolgreich gewesen sei, weil sie voller Anspielungen auf das »Vichy-Regime« und seine Nähe zu den Nazis war. So wird Johanna beispielsweise vor ein Gericht von Tieren gestellt, dessen Vorsitz Porcus das Schwein führt. Im Französischen ähnelt das Wort Schwein (Cochon) dem Namen des einstigen Bischof von Beauvais, Pierre Cauchon, der im Prozess gegen Johanna den Vorsitz innehatte. Die subversive Systemkritik wurde von allen verstanden und sorgte für Begeisterung.

Aber was fängt man heute mit diesem Stück an? Die Form ist ein Oratorium, die Rolle der Johanna wird gesprochen. Es schichten sich Symbolik über Symbolik, die Erzählweise wechselt zwischen Gegenwart, Parabel und Retrospektive. Wie setzt man so etwas verständlich um? Und welche Botschaft stellt man heute ins Zentrum?

Der italienische Regisseur, der für seine extremen Inszenierungen bekannt ist, hat diese Fragen aus meiner Sicht sehr pointiert und gelungen beantwortet: Er hat sich auf Johanna konzentriert, die über die Jahrhunderte hinweg als DER Schulstoff in Frankreich immer wieder mit anderen Deutungen und Stereotypen »zugeschüttet« wurde. Ihm ging es darum, die Instrumentalisierung dieser Frau durch die verschiedenen politischen und religiösen Institutionen aufzuzeigen.

Jeanne d´Arc, die Kämpferin, Heldin, Politikerin und Retterin Frankreichs wurde am Ende ihres Lebens von allen alleine gelassen und vor ein Inquisitionsgericht gestellt. Sie wurde als Ketzerin verbrannt und blieb bis zum Ende – obwohl sie diese Ungerechtigkeit nicht verstand – ihrem Glauben treu. Das machte sie zur Heiligen.

In Castelluccis »Johanna auf dem Scheiterhaufen« werden diese Isolation, die Verzweiflung über die Ungerechtigkeit und die Stärke eindrucksvoll und teilweise verstörend in ein Bild gesetzt: Als männlicher Hausmeister, der sämtliche Möbel einer Schulklasse vor die Tür wirft (was gefühlt elendig lange dauert und für erste Irritation sorgt), beginnt die Rolle der französischen Heldin. Nach und nach zerlegt sie den Klassenboden, wühlt und gräbt sich selbst dabei aus: Sie wandelt zur Frau, entledigt sich ihrer Kleider, spielt über eine halbe Stunde nackt. Ihre Richter dagegen, die Adligen, ihre Feinde sind unsichtbar und ertönen mit ihrem Gesang nur aus dem Off.

Sänger und Chor waren im Untergeschoss und auf den Seitenemporen positioniert und nicht zu sehen. Man hörte ihre Stimmen von weit her eindringlich auf Johanna gerichtet und sie aus der Ferne richtend. Ihr »Helfer« Bruder Dominik ist ebenfalls nicht bei ihr, er steht ausgeschlossen vor der Tür des Klassenraums und sucht zu vermitteln. Helfen kann und will er nicht.

Stimmen, Musik, Dirigat erschienen mir stimmig und eindrucksvoll. Wie gut sie waren, kann ich nicht beurteilen. Mich jedenfalls haben sie mitgerissen. Aber am meisten imponiert hat mir die Schauspielerin Audrey Bonnet in der Rolle der Johanna. Sie ist an ihre Grenzen gegangen, hat nach meinem Empfinden Unglaubliches geleistet und wunderbar gesprochen. Sie war einfach großartig. Entsprechend erhielt sie frenetischen Applaus, den sie wirklich verdient hat.

Alles in allem war ich über allem anderen davon beeindruckt, wie ein außerordentlich sperriges »crossmediales« Format durch eine intelligente Inszenierung einfach lesbar und verständlich wird. Und wie tief das Erleben für den Zuschauer wird, wenn man sich nicht scheut, menschliche Unzulänglichkeiten, Gefühle und Widersprüche mit drastischen Mitteln ans Licht zu zerren, statt sie zu glätten.

Im Blick auf das Thema Digitalisierung führte die eindringliche Inszenierung von »Johanna auf dem Scheiterhaufen« mir einmal mehr vor Augen, dass alles Virtuelle nur eine Folie unseres realen Erlebens ist. Die Tiefe, Schwere und Wucht, die dieser Aufführung gelungen ist, ist bei virtuell oder medial vermittelten Inhalten nur schwierig bis gar nicht zu erreichen. Daher sollte man meiner Ansicht nach sehr darauf achten, dass bei aller »verlockender Bequemlichkeit« das Netz unser reales Leben in keinem gesellschaftlichen Bereich zu stark ersetzt.

Bildrechte Foto: Stofleth

Sabine Haas

Die Diplom-Psychologin, Medienexpertin und Gründerin der 3C Dialog GmbH gehört zu Deutschlands bekanntesten Fachfrauen, wenn es um die Themen »Service2020« und »Digitale Kommunikation« geht. Mit ihrer in Köln ansässigen Digitalagentur berät und begleitet die Unternehmerin seit über 20 Jahren namhafte Unternehmen und große Medienanstalten auf deren Weg in die Digitalisierung. Sabine Haas ist zudem leidenschaftliche Bloggerin, gern gesehene Speakerin und gefragte Interviewpartnerin. Seit 2013 ist sie als Dozent für »Onlinemarketing« an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg tätig.