Il turco in Italia – Eine verrĂŒckte Oper verrĂŒckt inszeniert

Von |19.03.2019|Oper|

Rossinis komische Oper »Il turco in Italia« war mir bisher nicht bekannt. Als ich ĂŒber ihre Inszenierung im Theater Hagen erfuhr, habe ich spontan entschlossen, mir das Werk anzusehen.

Gioachino Rossini hat mit »Il turco in Italia« im Jahr 1814 eine Oper auf die BĂŒhne gebracht, die durch ihre ErzĂ€hlform sehr modern wirkt: In einer Simultanhandlung wird die Geschichte eines Dichters erzĂ€hlt, der auf der Suche nach einem Komödienstoff die Liebesbeziehungen um ihn herum beobachtet und diese auch teilweise in seinem Sinne manipuliert. Im Mittelpunkt seiner Beobachtungen steht sein Freund Don Geronio, der von seiner höchst exzentrischen Gemahlin Donna Fiorilla betrogen wird. Fiorilla hat bereits einen Geliebten und verliebt sich erneut, als sie auf einen TĂŒrken trifft, der Italien bereist. Dieser wiederum fĂ€ngt mit ihr zwar eine leidenschaftliche AffĂ€re an, trifft dann aber auf eine ehemalige Geliebte (Zaida) und wird auch ihr gegenĂŒber schwach. In einem großen Finale, das der Autor inszeniert, werden die Verwicklungen schließlich aufgelöst und die Ehefrau kehrt reuevoll zu ihrem Mann zurĂŒck. Die erzĂ€hlte Geschichte klingt wunderbar ĂŒberdreht, und ich war gespannt, wie Opernregisseur Christian von Götz dieses wilde Beziehungschaos ins Bild setzt.

Ich nehme das Ergebnis mal vorweg: von Görz ist aus meiner Sicht eine Punktlandung gelungen. Die Inszenierung in Hagen hat mich von der ersten Sekunde an gepackt und begeistert. Sie wird der Oper in wunderbarer Weise gerecht und dreht die Komik der Handlung in stimmiger Weise noch ein ganzes StĂŒck weiter, sodass man einen geradezu herrlich verrĂŒckten Abend erlebt.

Schon der Beginn ist Ă€ußerst gut gewĂ€hlt: Der Dichter Prosdocimo ist in der Hagener Inszenierung ein Filmemacher zur Stummfilmzeit. Er fĂŒhrt auf großer Leinwand seinem Produzenten ein Werk vor, bei dem die Handlung von »Il turco in Italia« aufgegriffen, aber in einem dramatischen Finale mit Mord und Totschlag beendet wird. Der Produzent ist unzufrieden, und so geht Prosdocimo auf die Suche nach einer anderen Geschichte, die weniger deprimierend endet.

Das gewĂ€hlte BĂŒhnenbild, das sich zeigt, nachdem die Filmleinwand verschwunden ist, ist ebenso einfach, wie gelungen: Ein großer ovaler Rahmen dominiert die BĂŒhne, welcher zwei EingĂ€nge hat und den hinteren vom vorderen BĂŒhnenteil trennt. Dieser schlichte Rahmen bietet Platz fĂŒr eine rasante und bunte Inszenierung, bei der vollstĂ€ndig auf die handelnden Personen und ihre Rollen fokussiert wird. So tritt die liebeshungrige Donna Fiorilla in einem sehr freizĂŒgigen VarietĂ©kostĂŒm in einer rosa Kiste auf, in die sie dann auch gleich ihre »tĂŒrkische Eroberung« lockt. Der Ehemann dagegen trĂ€gt ein clowneskes KostĂŒm mit ĂŒbergroßer Fliege und schwingt jedes Mal wie ein verunglĂŒckter Tarzan an einem Seil ĂŒber den Hintergrund des BĂŒhnenbildes in die jeweilige Szene. Das alles wirkt bunt, ausgelassen und albern – passt aber aus meiner Sicht ideal zur Rossinis Oper und ihren Figuren.

Ebenfalls ein Treffer ist aus meiner Sicht die Besetzung: Mein absoluter Favorit des Abends war Donna Fiorilla, gespielt und gesungen von Marie-Pierre Roy. Aber auch die ĂŒbrigen Darsteller – wie zum Beispiel Rainer Zaun als Ehemann Don Geronio oder Dong-Won Seo als TĂŒrke Selim – haben ihre Rollen wunderbar gespielt. Sie zeigen sowohl stimmlich als auch körperlich vollen Einsatz, wenn sie etwa sackhĂŒpfend ĂŒber die BĂŒhne springen oder eine SchlĂ€gerei vortĂ€uschend zu Boden gehen.

Durch die turbulente und aktionsreiche ErzÀhlweise erlebt man Rossinis Oper als sehr kurzweilig. Die 2 Stunden 45 Minuten dauernde Vorstellung vergeht wie im Flug.

Alles in allem kann ich sagen: Wieder einmal hat sich der Besuch am Theater Hagen mehr als gelohnt. Ein großes Lob an Christian von Götz fĂŒr diese ideenreiche und bunte Inszenierung.


Weitere Spieltermine:

  • 20. & 31. MĂ€rz 2019
  • 24. April 2019
  • 19. Mai 2019
  • 1., 7., 19. & 30. Juni 2019

Foto: Dong-Won Seo (Selim), Marilyn Bennett (Zaida). Fotograf: Klaus Lefebvre. © Theater Hagen