Eine Oper wie ein Italo-Western: Spannend und imposant

Von |2023-01-24T16:43:25+01:0024.01.2023|Oper|

Gelungene Inszenierung von Puccinis „La Fanciulla del West“ in Hagen

Dreckige Männer bei der Goldsuche, ein Saloon, waffentragende Sheriffs – ein überraschendes Sujet für eine Oper, zumindest für mich. Giacomo Puccini hat mit „La Fanciulla del West“ (Das Mädchen aus dem goldenen Westen) eine besondere Oper geschaffen, die eine emotionale Geschichte an einem außergewöhnlichen Ort erzählt. Ihre „Story“ ist spannend wie ein Western, sie ist musikalisch und stimmlich gewaltig, dabei hoch emotional und sensibel. Ein wunderbares Werk!

 

Wenig bekannte Oper handelt von Goldgräbern

Die wenig bekannte Oper handelt von der jungen Minnie, die als einzige Frau am Rande eines Goldgräberlagers einen Saloon betreibt. Sie ist umgeben von frustrierten, gescheiterten Männer-Existenzen, die in ihr den einzigen Lichtblick sehen. Minnie kümmert sich engelsgleich um die Sorgen und Nöte der Goldgräber, weist ihre Annäherungsversuche allerdings kategorisch ab. Besonders aufdringlich ist Sheriff Jack Rance, der Minnie unbedingt „haben“ möchte.

Eines Tages kommt ein Fremder, der sich Johnson nennt, ins Goldgräber-Lager. Minnie und Johnson verlieben sich. Sie erfährt erst später, dass es sich um den Straßenräuber Ramerrez handelt, der die Postwege unsicher macht und von der Postkutschenlinie Wells Fargo und dem Sheriff gesucht wird. Nach einem Besuch in Minnies Hütte wird Johnson/Ramerrez angeschossen und obwohl Minnie über die Entdeckung seiner Identität entsetzt ist, hilft sie ihm. Sie versteckt ihn in ihrer Hütte.

Männer im Bühnenbild der Oper Puccini im Theaterhagen

Foto: Theaterhagen

 

Emotionale Liebesgeschichte mit bombastischer Musik

Als Sheriff Rance ihn dort findet, überredet Minnie den Gesetzeshüter, mit einer Partie Poker um das Leben von Johnson zu spielen. Sie gewinnt durch Betrug und kann Johnson retten. Eine Woche später lauert Sheriff Rance dem Räuber erneut auf und nimmt ihn fest. Er soll gelyncht werden. Minnie kann dies in letzter Minute verhindern, indem sie an die Goldgräber appelliert und ihnen vor Augen führt, was sie alles für sie getan hat. Sie lassen von Johnson ab und Minnie verlässt das Lager gemeinsam mit ihrem Geliebten. Die verzweifelten Goldgräber bleiben allein zurück.

Puccini vertont diese Geschichte mit hoch emotionaler und dramatischer Musik. Sowohl das Orchester als auch der Gesang sind mitreißend angelegt und voller Gefühl. Stimmlich verlangt Puccini einiges, denn die Sängerinnen und Sänger müssen gegen das starke Orchester ansingen, teilweise fast schon anschreien.

Minnie und Johnsen in der Oper „La Fanciulla del West“ in Hagen

Foto: Theaterhagen

 

Perfekte Umsetzung im Theaterhagen

Das Theaterhagen setzt diese schwierige Anforderung in seiner Inszenierung hervorragend um. Das Orchester gibt vom ersten Ton an alles, es verzaubert das Publikum sofort und trägt mit Tempo und Dramatik durch die Handlung. Die Besetzung ist perfekt: Sopranistin Susanne Serfling singt sich im wahrsten Wortsinne die „Seele aus dem Leib“ und überzeugt stimmlich ebenso wie spielerisch. Sie ist eine grandiose Minnie, die für Gänsehaut-Momente sorgt. Ebenso stimmlich überzeugend ist James Lee als Räuber Ramerrez alias Johnson. Er schafft es mühelos, sich über das Orchester hinweg Gehör zu verschaffen. Sein Kontrahent, Sheriff Jack Rance, wird gesungen von Insu Hwang. Er spielt überzeugend den gefühllosen, vom Leben enttäuschten Sheriff, der Minnie in erster Linie besitzen will.

Auch das Bühnenbild und die Kostüme sind in der Hagener Inszenierung von „La Fanciulla del West“ gut gewählt. Alles ist schlammbraun und dreckig, der „goldene Westen“ ist ein durch Hitze und Schneestürme unwirtliches Land, das für die nach Glück und Reichtum suchenden Einwanderer zu einer Hölle wird. Sie sind gescheitert und desillusioniert, nur Minnie schafft es, ihnen mit ihrer Güte und Empathie in all dem Schlamm und Dreck noch Mut zu geben.

Bühnenbild des Theaterhagen mit Johnsen in Puccinis Oper „La Fanciulla del West“

Foto: Theaterhagen

 

Eine Reise nach Hagen lohnt sich

Das Theaterhagen ist für mich eine Art „Geheimtipp“. Gemeinsam mit meiner Freundin fahre ich immer wieder gern in dieses vergleichsweise kleine Haus. Es überrascht fast jedes Mal mit tollen Inszenierungen und einer besonderen Werk-Auswahl. Auch die Puccini-Oper „La Fanciulla del West“ war in jeder Hinsicht eine Überraschung: Ich kannte die Oper vorher nicht und hätte nicht erwartet, dass Hagen diese anspruchsvolle Oper so überragend umsetzt. Ein wirklich gelungener Opernabend!

Wer sich die Inszenierung nicht entgehen lassen will – zwei weitere Vorstellungen von „La Fanciulla del West“ im Theaterhagen finden am 09. Februar und 11. März 2023 statt.