Machtspiele in Riesenschrift – Überzeugende Premiere von Händels Giulio Cesare in Egitto in Duisburg

Ein Mann steht im Bühnenbild der Inszenierung "Giulio Cesare in Egitto"

Gestern Abend feierte die Deutsche Oper am Rhein im Theater Duisburg die Premiere von Händels wohl erfolgreichster Barockoper Giulio Cesare in Egitto. Ein mutiges Unterfangen – schließlich gehört dieses Werk zu den anspruchsvollsten des Barockrepertoires, voll komplexer Charakterrollen, die von der Besetzung nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch getragen werden müssen. Umso beeindruckender, dass dieser Abend mit Standing Ovations endete.

Ein Erfolgsstück seit 1724

Georg Friedrich Händels Barock-Oper (Uraufführung 1724) basiert auf historischen Ereignissen rund um Julius Cäsar und Kleopatra. In der sehr kurzweiligen und hoch informativen Werkseinführung erzählt Dramaturgin Juliane Schunke, dass ein solcher Rückgriff auf „prominente historische Personen“ damals ein sicherer Garant für Erfolg war. Die Oper Guilio Cesare in Egitto hat den erwarteten Erfolg noch übertroffen.

Ein kurzer Blick in die Handlung

Julius Cäsar (Giulio Cesare) hat Pompeo besiegt, der mit seiner Frau Cornelia und seinem Sohn Sesto nach Ägypten flieht. Cesare folgt ihnen – und hier beginnt die Oper.
Am ägyptischen Hof trifft Cesare auf Pompeos Frau Cornelia, die um Gnade für ihren Gatten bittet. Cesare möchte ihr diesen Wunsch gewähren, aber in diesem Moment taucht Achilla auf, der Vertraute des ägyptischen Königs Tolomeo, und präsentiert den Kopf von Pompeo.
Cesare ist entsetzt und will den König zur Rede stellen. Cornelia und ihr Sohn Sesto schwören ebenfalls Rache für den ermordeten Pompeo.
Bevor Cesare auf Tolomeo trifft, begegnet er seiner Schwester Cleopatra, die mit ihrem Bruder gemeinsam regiert und in einem ständigen Machtkampf mit ihm steht. Cesare und Cleopatra verlieben sich ineinander.
Nun entspinnt sich ein Geflecht von Liebe, Begehren und Macht zwischen den Protagonisten: Cleopatra möchte ihren Bruder beseitigen, Sesto seinen Vater rächen, der ägyptische König Tolomeo dagegen plant, Cesare zu töten und will Cornelia in seinem Harem halten.

Viele Arien und Machtkämpfe später gipfelt die dreistündige Oper in einem „Happy End“: Tolomeo und sein intriganter Vertrauter Achilla sterben. Sesto tötet den ägyptischen König und rächt damit seinen Vater. Cornelia wird befreit und Cesare übergibt Kleopatra die alleinige Regentschaft.

Giulio Cesare in Egitto, Roman Hoza (Achilla), Anna Harvey (Cesare), Chor der Deutschen Oper am Rhein

Giulio Cesare in Egitto, Roman Hoza (Achilla), Anna Harvey (Cesare), Chor der Deutschen Oper am Rhein, Foto: Jochen Quast

Macht als zentrales Motiv

Regisseurin Michaela Dicu hat die Handlung auf gelungene Weise in die Gegenwart verlegt. Ihr Fokus: Macht als zentrale Kraft.
Das eindrucksvolle Bühnenbild bilden riesige Buchstaben, die das Wort POWER formen – eine unübersehbare Metapher für politische und persönliche Dominanz.
Dicu zeigt eindrucksvoll, wie Machtstrukturen Menschen formen und deformieren – unabhängig von Geschlecht oder Herkunft.

Geschlechterrollen auf den Kopf gestellt

Um den Geschlechterstereotypen (Frauen als Verführer, Männer als Beschützer, Rächer etc.) der damaligen Zeit zu entgehen, verändert Dicu auf sehr intelligente Weise die Perspektive: Die Geschlechter werden umgekehrt, Cesare wird gesungen von einer Frau, Cleopatra von einem Mann. Dies erzeugt auf sehr einfache Art und Weise eine faszinierend neue und veränderte Dramaturgie.
Die üblichen Dynamiken zwischen Verführung, Schutz, Stärke und Verletzlichkeit sind plötzlich neu codiert. Das macht die Figuren nicht nur moderner, sondern auch verletzlicher und menschlicher.
Die in Giulio Cesare auftretenden Countertenöre verstärken die Auflösung klassischer Mann-/Frau-Zuordnungen und verleihen den Figuren eine kaleidoskopartige Diversität.

Maximiliano Danta (Sesto), Katarzyna Kuncio (Cornelia), Torben Jürgens (Curio), Anna Harvey (Cesare), Chor der Deutschen Oper am Rhein, Foto: Jochen Quast

Maximiliano Danta (Sesto), Katarzyna Kuncio (Cornelia), Torben Jürgens (Curio), Anna Harvey (Cesare), Chor der Deutschen Oper am Rhein, Foto: Jochen Quast

Ein tolles Ensemble, perfekt besetzt

Die Idee der Inszenierung wird wunderbar umgesetzt durch die verschiedenen Rollen und ihre Darsteller. Sie glänzen durch emotionale Tiefe, stimmliches Können und sehr viel Spielfreude. Die Besetzung der Oper ist extrem stimmig und das Publikum wird von den verschiedenen Charakteren von Beginn an in die Handlung hineingezogen.
Mezzo-Sopranistin Anna Harvey bringt eine selbstbewusste und überzeugende „Julia Cesare“ auf die Bühne, Countertenor Dennis Orellana einen wirklich großartigen „Kleopatro“. Sesto wird gesungen von dem Sopran Maximiliano Danta, der sich von Beginn an in die Herzen des Publikums gespielt und gesungen hat. Katarzyna Kuncio (ebenfalls Mezzo-Sopran) in der Rolle von Sestos Mutter Cornelia überzeugt dramatisch ebenso wie stimmlich.
Auch der dritte Counter-Tenor im Bunde, Tobias Hechler, verdient großes Lob für seine Rolle des Tolomeo und Bariton Roman Hoza als Achilla zeigt eine überzeugende Leistung an seiner Seite.
Musik voller Energie – ein Orchester mit Herzblut
Die imposante Leistung auf der Bühne wird getragen durch einen ebenso beeindruckendes Orchester-Auftritt. Ergänzt durch die historischen Instrumente der Coninuo-Gruppe spielen die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Attilio Cremonesi. Mit viel Einfühlungsvermögen begleiten die Musiker die Sängerinnen und Sänger und sorgen für einen musikalisch abwechslungsreichen und emotional starken Abend.

Fazit: Sehenswert!

Diese Duisburger Premiere zeigt, wie aufregend, frisch und relevant Barockoper heute sein kann. Mutige Regie, starke Besetzung, beeindruckende Bühnenbilder und Kostüme sowie ein Orchester, das Händels Musik lebendig macht – all das führt zu einer Aufführung, die zurecht mit Standing Ovations gefeiert wurde.

Die nächsten Termine finden Sie hier!

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Titelbild: Anna Harvey (Cesare), Dennis Orellana (Cleopatra), Torben Jürgens (Curio), Foto: Jochen Quast

Sabine Haas

Sie gründete 1994 das result Markt- und Medienforschungsinstitut, 2007 folgte eine Webagentur, im Jahr 2011 der Geschäftsbereich Beratung. Als Kennerin der alten wie auch Neuen Medien gehört sie zu den gern gesehenen Speakerinnen bei Fachveranstaltungen & Kongressen rund um das Thema "Digitaler Wandel/Medienwandel".

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