Kölnisches Stadtmuseum: Ausstellung 200 Jahre Kölner Karneval

Von |21.07.2023|Unterwegs|

D’r Zoch kütt! Unter dem Motto „Thronbesteigung des Helden Carneval“ fand 1823 der erste organisierte Rosenmontagszug in Köln statt. Damals hieß dieser allerdings noch Maskenzug und war eine Reaktion auf das ausufernde Feiern der Kölner zur Fastnacht. Es galt, das bunte Treiben in geordnete Bahnen zu lenken. Gegründet wurde das „Festordnende Komitee“, das wir heute als „Festkomitee Kölner Karneval“ kennen. Was in den 200 Jahren Karnevalsgeschichte seither passierte, erzählt derzeit die Ausstellung „Karneval in Köln. Wie alles begann…“, die vom Kölnischen Stadtmuseum gemeinsam mit dem Festkomitee Kölner Karneval konzipiert wurde.

Wie wurde aus dem „Helden Carneval“ der Prinz und das Dreigestirn? Was bedeutet eigentlich die „Bütt“? Und was hat es mit dem Wort „Alaaf“ auf sich? Über alles das und noch mehr erzählt die Ausstellung in Form einer Zeitreise, welche die Besucher*innen in einem Rundgang durch – wie sollte es anders sein – 11 thematische Stationen zum Kölner Karneval führt.

 

Stadtmuseum zu Gast im MAKK

Mit der Ausstellung zum Jubiläum des Kölner Karnevals ist das Kölnische Stadtmuseum zu Gast im MAKK – dem Museum für Angewandte Kunst Köln. Da das neue Kölnische Stadtmuseum erst im Herbst 2023 mit neuem Museumskonzept seine Türen für Besucher*innen wieder öffnet, musste für die Ausstellung anlässlich des runden Geburtstags des Kölner Karnevals eine Alternative gefunden werden. Das Gute liegt bekanntlich nah. So fand die Ausstellung ihren Platz schließlich im MAKK. Noch bis zum 30. Juli 2023 ist sie dort zu sehen. Und der Besuch lohnt sich!

 

 

Eine Reise zu den Anfängen des Kölner Karnevals

Ich entscheide mich, meinen Besuch mit einer Führung zu verknüpfen. Unter dem Motto „Vom Helden Carneval bis heute – Wie alles seinen Anfang nahm“ werden wir durch die 11 Themen der Ausstellung geführt. Die ersten drei Stationen „Rettet den Karneval“, „Das Festordnende Comite“ und „Einmol Prinz zo sin“ vermitteln einen ersten historischen Überblick zu den Anfängen und der Entwicklung des Kölner Karnevals.

Die Ursprünge des Karnevals finden sich tatsächlich schon mit der Stadtgründung Kölns, also den Römern. Bereits im Mittelalter verkleideten sich die Menschen und feierten die Fastnacht und das sogenannte Mittwinterfest, um Winterdämonen zu vertreiben. Die Feierlichkeiten nahmen jedoch solch ausschweifende Formen an, dass ein Verbot des Karnevals folgte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde dann wieder mit dem Verkleiden begonnen – allerdings mit Regeln und einer sogenannten „Maskenkarte“. Die Kölner*innen mussten sich also eine Karte kaufen, um sich verkleiden zu dürfen.

Eine Gruppe hochgebildeter Männer der damaligen Elite schloss sich daraufhin zusammen, um zu überlegen, wie ein geordneter Karneval aussehen könnte. „Das Festordnende Comite“ war geboren und schuf ein Gesamtkunstwerk mit Einflüssen aus Kölner Traditionen, Italien und seinen Wanderbühnen und dem Niederrhein, wo es bereits den „Held Carneval“ gab. Dieser Zusammenschluss legte die Basis für all das, was wir heute unter dem Kölner Karneval verstehen: Ein Maskenzug für den Rosenmontag, ein Ball im Gürzenich, Karnevalssitzungen und die Erlaubnis zum Verkleiden. Neben dem „Held Carneval“ tauchen Bauer und Jungfrau als stadtgeschichtliche Symbole immer wieder unabhängig in den Zügen auf. Ab 1883 bildeten sie zusammen mit dem neuen Oberhaupt, dem Karnevalsprinzen, eine Einheit im Kölner Karneval. Das Dreigestirn wie wir es heute kennen gab es dann ab 1937.

 

Kölsche Töne und die Pappnas

Nach einem umfangreichen Einblick in die Entstehung des Karnevals in Köln geht es weiter mit einem bunten Rundumschlag der vielseitigen Themen des Fastelovend: Von den Kostümen und den vielen Jahren des Rosenmontagszuges bis hin zur Musik im Kölner Karneval, den Karnevalsorden und dem historischen „Ballvergnügen im Gürzenich“. Der Karneval als Spiegel der Gesellschaft und Politik findet Betrachtung in den Stationen „Parodie aus der Bütt“ und der zum Rosenmontagszug.

Ab den 1930er-Jahren wurde der Höhepunkt des Kölner Karnevals als Rosenmontagszug gefeiert. Abgeleitet wird seine Benennung aber nicht von der gleichnamigen Blume, sondern von dem Wort „rasen“, also dem ausgelassen sein. Schon der erste Zug im Jahr 1823 war – auch wenn wesentlich kürzer und kleiner als der heutige Rosenmontagszug – eine Veranstaltung mit Pauken und Trompeten, für welche sich die Leute auf Dächern und in Fenstern rund um den Neumarkt versammelten. Dabei hat der Zug immer schon Bezug zu kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Ereignissen genommen und diese thematisiert.

Gleiches geschieht auch seit eh und je bei den Büttenreden. Aber was versteht man eigentlich genau unter der Bütt? In der Ausstellung erfahre ich, dass die Bütt ursprünglich eine Waschwanne ist, in der schmutzige Wäsche gewaschen wird. Und das erste Stehpult für eine Büttenrede gab es schon 1828. Hintergrund war dabei nicht nur, dass durch die Redner Land und Leute „durch den Kakao“ gezogen wurden, sondern auch der Wunsch, den Karneval zeitgemäß und demokratisch zu gestalten. Schon im Jahr 1843 setzte sich der Publizist und Vertreter der Demokratiebewegung Franz Raveaux für die politische Satire im Kölner Karneval ein.

 

 

Eine weitere Station gefällt mir besonders gut: „Kölsche Töne“. Denn ohne Musik gibt es natürlich kein Schunkeln und kein Karneval. Ein besonders traditionsreiches Lied wurde 1823 für die „Thronbesteigung des Helden Carneval“ komponiert und ging als „Nr. 1“ in die Sammlung kölnischer Karnevalslieder ein. Die für die Züge komponierten Melodien waren auch als „Bellentöne“ betitelt und wurden in den Folgejahren immer wieder neu zu den jeweiligen Karnevalsmottos mit einem passenden Text reformiert.

Beliebt wurden bald das gemeinsame Singen und auch die Marschlieder. Wer kennt nicht Lieder wie „Ein treuer Husar“ oder auch „Heidewitzka, Herr Kapitän“. Auch Klassiker wie „Ich möch zo Foß noh Kölle jon“ von Willi Ostermann wurden schnell zu beliebten Karnevalsliedern. Heute sind 15.000 Liedeinträge in der „Akademie för uns kölsche Sproch“ aufgelistet – kaum eine andere Stadt der Welt wird so vielfältig besungen wie unsere Domstadt. Notenblätter der historischen Bellentöne und auch welche von Willi Ostermann sind in der Ausstellung zu sehen.

 

„Jede Jeck is anders“

Bei der vorletzten Station „Wer soll das bezahlen?“ ist der Ohrwurm und die Lust auf’s Schunkeln ebenfalls vorprogrammiert. Überhaupt spielten Finanzen beim Karneval schon immer eine große Rolle und ließen die Kölner seit jeher kreativ werden: Vermietung von Fensterplätzen, der Verkauf von Karnevalskappen oder auch Briefpapier und Postkarten sind alte Traditionen. Zum Ende der Ausstellung werden die Besucher*innen aufgerufen, ihre eigenen Ideen zu der Frage „Was ist Karneval?“ festzuhalten. Denn dieser ist stetig im Wandel und kann für jeden Jeck etwas anderes sein.

Eine besondere Tradition hat jedoch schon lange Bestand und wird wohl so schnell nicht weichen: der Ausruf „Kölle Alaaf!“ Auf einem letzten historischen Ausstellungsstück ist dieser zu lesen. Es ist ein Bartmannskrug, wie ihn die Kölner im 16. Jahrhundert in ihrem Alltag genutzt haben. Der Ausruf meinte hier so viel wie: „Alles weg“ oder auch „Alles andere ist nicht so gut“ – stand also für etwas, an dem man viel Spaß hatte. Hättet Ihr’s gewusst?

 

Ich freue mich jetzt schon auf einen Besuch im neuen Kölnischen Stadtmuseum. Im Herbst eröffnet dies mit einer Ausstellung, welche die Geschichte der Stadt Köln in ihren unterschiedlichen Facetten erzählen wird. Da dürfen wir sicherlich gespannt sein. 😊

Photoszene Festival – Internationale Fotografie in Köln

Von |17.05.2023|Unterwegs|

Am 11. Mai 2023 ist in Köln erneut das Photoszene Festival an den Start gegangen. Somit steht der Mai in unserer schönen Domstadt wieder ganz im Zeichen der Fotografie. Insgesamt 400 nationale und internationale Foto-Künstler*innen sind in diesem Jahr vertreten. In über 80 Ausstellungen werden ihre Arbeiten an verschiedenen Orten der Stadt gezeigt. Gleichzeitig ist das Festival Plattform und Treffpunkt der Szene: Lust auf ein Künstlergespräch, Foto-Walk oder eine Vernissage? All das gibt es noch bis zum 21. Mai mit einem vielfältigen Festival-Programm!

Auch ich bin am großen Eröffnungswochenende auf dem Festival unterwegs und entscheide mich für den Besuch von zwei Ausstellungen: In meinem Veedel Ehrenfeld ist die Straßenfotografie in der Ausstellung „Mixtape“ Thema, das wollte ich mir definitiv genauer ansehen. Im Festivalzentrum des Rautenstrauch-Joest-Museums hingegen geht es in der eigens für das Festival konzipierten Sonderausstellung „Shall you Return Everything, but the Burden“ um Kamerun aus weiblicher Perspektive. Inhaltlich recht anspruchsvoll, in der Umsetzung aber spielend leicht und sehr kreativ!

 

Street Photography Mixtape: Foto-Sound und Inspiration

Warum nicht Straßenfotografie zum Anlass nehmen, um seine kindliche Begeisterung für die kleinen Dinge des Lebens wieder zu entfachen? Sich einfach mal auf seine Umgebung zu besinnen und nach Details und besonderen Momenten im Stadtraum Ausschau halten? Genau dies war das Thema der Ausstellung Street Photography Mixtape im Atelierzentrum in Ehrenfeld. Mit dem Satz: „Wir schauen immerzu auf die Uhr, aber kaum noch in die Welt“ werden Interessierte auf der Webseite der Ausstellung bereits inhaltlich eingestimmt.

 

Bilder der Ausstellung Mixtape in Köln Ehrenfeld

 

Zu sehen sind am ersten Festival-Wochenende die Fotoarbeiten von insgesamt 16 Fotograf*innen aus Köln und der Umgebung. Die meisten der Straßenszenen sind also in Köln entstanden, aber auch Aufnahmen aus anderen Städten der Welt lassen sich hier entdecken. Eines haben aber alle gemeinsam: Sie vermitteln eine ganz individuelle Sicht auf die Straße und inspirieren den Betrachtenden unmittelbar, genauer hinzusehen. Und dies sowohl mit Blick auf die Geschichte, die jedes einzelne Bild der Ausstellung erzählt, als auch auf das persönliche Umfeld.

Neben einer „Kölner Wand“ am Anfang des Ausstellungsraumes sind die Fotoarbeiten der Künstler*innen in mehreren Abschnitten des Atelierzentrums zu finden. Dabei ist schön zu sehen, wie jede*r einzelne von ihnen einen eigenen Stil – oder auch Sound – für die Straßenfotografie gefunden hat. Zusammen ein wunderbares „Mixtape“.

 

Artist meets Archive #3: Kamerun aus weiblicher Perspektive

„Gebt alles zurück – bis auf die Bürde“, so der deutsche Titel der Sonderausstellung von Künstlerin Lebohang Kganye im Rautenstrauch-Joest-Museum am Kölner Neumarkt. Als Teil der Reihe „Artists meets Archive“ ist die Ausstellung auf Grundlage von Archivdokumenten entstanden. Bereits zum dritten Mal hat die Internationale Photoszene in Köln in diesem Jahr die reichen Archivbestände der Stadt für das Festival genutzt. Gemeinsam mit den Künstler*innen werden so fotohistorische Spuren in thematisch passenden Ausstellungen erlebbar gemacht.

 

Screenhsot Webseite Phoroszene Festival, Ausstellung Lebohang Kganye

 

Bei Lebohang Kganye waren es die Fotografien und Zeichnungen der Künstlerin Marie Pauline Thorbecke. Diese machte sich gemeinsam mit ihrem Mann 1911 im Auftrag der Deutschen Kolonialgesellschaft für zwei Jahre zu einer Expedition nach Kamerun auf und hielt das Erlebte künstlerisch fest. Mit den gesichteten Spuren von Marie Pauline hat sich die südafrikanische Künstlerin Lebohang anlässlich des Festivals 110 Jahre später erneut auf die Reise in das zentralafrikanische Land gemacht. Die in der Ausstellung zu sehenden Kunstobjekte sind durch eine Verknüpfung zwischen den historischen Fotobeständen und Lebohangs Reiseerlebnissen entstanden. Es sind zwei Bausteine zu sehen: eine Videoinstallation und kleine bühnenbildartige Szenen.

Die im ersten Teil zu sehenden Mini-Bühnen erzählen auf den ersten Blick „typische“ Ansichten aus der kamerunischen Geschichte – auf den zweiten Blick sind die Inhalte jedoch mit der Gegenwart verknüpft. Gleiches geschieht bei der Videoinstallation, welche zu Beginn eine Aneinanderreihung von Zeichnungen auf digitalen Leinwänden ist. In dem daraus entstehenden Animationsfilm läuft dann jedoch eine Frau von links nach rechts durch die Szenen und verwandelt diese in Bewegtbilder. Es ist Lebohang Kganye selbst, mit schwerem Gepäck auf dem Rücken. Dieses symbolisiert die Bürde der kolonialen Vergangenheit. Wirklich toll umgesetzt!

 

Vorfreude auf weitere Kölner Foto-Tage

Mit dem kunterbunten Festival-Programm gibt es für Fotografie- und Kultur-Interessierte noch bis zum 21. Mai vielfältige Möglichkeiten zum Entdecken, sich austauschen und inspirieren lassen. Einige der Ausstellungen sind auch über die Festival-Tage hinaus noch zu sehen. Meine Favoriten für die nächsten Tage sind die Ausstellungen:

Ich bin gespannt… 😊 Der Eintritt ist bei den meisten Ausstellungen und Events frei!

 

Online-Vielfalt mit der Digitalen Kunsthalle des ZDF

Von |30.03.2023|Digitalkultur|

Aufmerksam wurde ich auf die Digitale Kunsthalle des ZDF über den Beitrag „Virtuelle Ausstellungen – warum sie meistens nicht wirklich erfreuen“ von Sabine Haas. Auch wenn es bei dem digitalen Erleben von Kunst und Kultur einige Abstriche geben mag, hatten die Themen dieses digitalen Formats direkt mein Interesse. Grund genug, diese virtuellen Räume genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

Umweltschutz, Feminismus und NS-Geschichte

Die Digitale Kunsthalle ist Teil des digitalen Angebots von ZDFkultur und bietet wechselnde Ausstellungen in einer Art virtuellem Museum an. Aktuell (30. März 2023) sind drei Ausstellungen zu sehen: „Die Zukunft ist Grass“, „Connecting Stories“ und „Leben im Exil“. Die Themen dieser virtuell geschaffenen Räume sind sowohl historisch als auch mit Blick in die Zukunft existenziell, was die Ausstellungen allein durch diese Themenauswahl für mich bereits bedeutend werden lässt. Besonders beeindruckt hat mich die auf dem von Günter Grass verfassten apokalyptischen Roman „Die Rättin“ aufbauende virtuelle Rundreise, deren Inhalt mit Blick auf die heutige Zeit – leider – ziemlich passend ist.

 

Schreckensszenario: Die Menschheit hat sich selbst abgeschafft

Das digitale Erlebnis „Die Zukunft ist Grass“ ist in Kooperation mit dem Günter Grass-Haus geschaffen worden. Sie spiegelt den Inhalt des im Jahr 1986 von Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass veröffentlichten Romans „Die Rättin“ wider. Die apokalyptische Geschichte des Buches erzählt davon, wie eine ignorante Menschheit zuerst ihre Lebensgrundlage zerstört und sich dann durch einen Atomkrieg selbst vernichtet hat. Der Erzähler befindet sich in einem Traum-Dialog mit einer Rättin, die ihm die Vision eines dominierenden Rattenstaates auf dieser zerstörten Welt aufzwingen will. Also ist es doch noch nicht zu spät für die Menschheit?

Der namenlose Erzähler kreist in seinem Traum in einem Raumschiff um die verwüstete Erde und entwickelt dabei Geschichten, welche die apokalyptische Vision des Untergangs anhand verschiedener Menschen und Orte nachempfinden lassen. Aufbauend auf diese Geschichten sind in der digitalen Ausstellung vier Räume geschaffen worden, die ausgehend von einem Rattenbau von den Besucher:innen erkundet werden können:

  • Ein sterbender Wald,
  • eine verquallte Ostsee,
  • die um die Erde kreisende Raumkapsel
  • und die von Ratten bewohnte Stadt Danzig.

 

Ausstellung die Zukunft ist Grass - Digitale Kunsthalle ZDF

 

Die virtuellen Orte sind alle in unterschiedlichen Designs gestaltet und vermitteln direkt das Gefühl von der erzählten apokalyptischen Traumwelt. Im Raum Danzig, der Geburtsstadt von Günter Grass, transportiert ein Zitat aus dem Roman dieses Gefühl sehr gut:

„Mir war, als hätte die Rättin, von der mir träumt, mich bei der Hand genommen. Fern meiner Raumkapsel führte sie mich durch leere Gassen, durch die menschenfreie Stadt. Ich warf keinen Schatten, doch meine Schritte hörte ich.“

Auch ein vorgelesenes Zitat im Raum des gestorbenen Waldes gibt sehr gut die Endlichkeit der Natur und Wälder wieder, dessen Sterben Günter Grass auch als Verlust von Kultur und vor allem der Märchenwelt empfand: „Weil der Wald an den Menschen stirbt, fliehen die Märchen, weiß die Spindel nicht, wen sie stechen soll. (…)“

 

Wald der Ausstellung die Zukunft ist Grass - Digitale Kunsthalle ZDF

 

Neben vielen integrierten Textbausteinen und erzählten Hintergründen sind auch bekannte Figuren aus anderen Romanen von Günter Grass sowie Zeichnungen, Skulpturen und Interviews mit dem Künstler in der Ausstellung zu entdecken. Das sorgt für viel Abwechslung. Besonders gut platziert finde ich auch einen Zeitungsausschnitt aus El País, der thematisch passender nicht sein könnte: Für diese Ausgabe vom April 2015 führte Juan Cruz für die spanische Zeitung das letzte Interview mit Günther Grass, bevor dieser im gleichen Monat verstarb. Grass sprach in diesem Interview über die Klimakrise, unserer (missachteter) Verantwortung und der Fähigkeit der Menschheit zur Selbstzerstörung.

 

„Connecting Stories“: Eine grafische Reise in den Feminismus

Die digitale Kunsthalle „Connecting Stories“ ist ein Projekt von Frauen für Frauen. Gezeigt wird eine Sammlung von „Short Graphic Essays“, also Serien von kleinen Comics, die auf unterschiedliche Weise den Feminismus thematisieren und dabei Zusammenhalt spiegeln sollen. Passend dazu ist das gemeinsame Erstellen der Serien das Konzept der Künstlerinnen. Sprich, eine fängt mit einer kleinen Grafik an und die andere führt diese thematisch fort.

In insgesamt acht virtuellen Räumen sind Arbeiten der Künstlerinnen Julia Kleinbeck und Lucie Langston zu sehen, die sich für ihre Serien auch Gastkünstlerinnen mit ins Boot geholt haben. In den Fokus nehmen die Künstlerinnen Themen wie die typischen weiblichen Rollenbilder, den eigenen Körper oder die #Metoo-Bewegung. Auch diese Ausstellung und das digitale Konzept sind also sehr vielversprechend, die Navigation fällt mir in diesem virtuellen Raum jedoch erstmal nicht ganz so leicht.

Grafik der Ausstellung Connecting Stories - Digitale Kunsthalle ZDF

Nachdem ich mich nach einer Weile etwas eingefunden habe, ist es aber sehr spannend, die grafisch dargestellten Themen zu entdecken. Am besten ist es, sich immer chronologisch durch die Serien führen und das Dargestellte auf sich wirken zu lassen.

 

Neun gezeichnete Schicksale von in der NS-Zeit geflüchteten Menschen

Was heißt es, einen geliebten Ort verlassen zu müssen und dabei nicht zu wissen, ob man je wieder irgendwo wirklich ankommt? Dies zu verstehen, hilft die Ausstellung „Leben im Exil“. Geschaffen als Kooperationsprojekt mit der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main, zeigt die durch ZDFkultur entwickelte Ausstellungsarchitektur Dokumente und Objekte aus dem Deutschen Exilarchiv 1933-1945 sowie thematisch ergänzendes Filmmaterial.

Im virtuellen Foyer beginnt die Ausstellung mit der Darstellung einer Erdkugel sowie einer Weltkarte, auf der exemplarisch 24 Zufluchtsländer und Flüchtlingszahlen eingetragen sind. Hier ist bereits erwähnt, dass die Erfahrungen der geflüchteten Menschen am Ort ihres Exils immer auch von den Bedingungen im jeweiligen Zufluchtsland abhängig waren. Ein Zitat von Dr. Sylvia Asmus (Leiterin des Exilarchivs) verdeutlicht die unterschiedlichen Aspekte: „Exil bedeutet auf der einen Seite Abschied, Traumatisierung, Verlust, Zurücklassen, es bedeutet aber auch, Neues kennenlernen, Aufbruch, Ideen entwickeln.“

Ausstellung Leben im Exil - Digitale Kunsthalle ZDF

Ausgehend vom virtuellen Foyer können die Besucher:innen zu fünf weiteren Räumen navigieren. Dort werden die Geschichten von neun geflüchteten Menschen erzählt, die auf der ganzen Welt verstreut ihr Exil fanden und deren Leben in dieser Ausstellung dennoch völlig ortsunabhängig erlebbar geworden ist. Durch persönliche Bilder und die virtuelle Darstellung privater Gegenstände der Geflüchteten werden ihre Geschichten sehr greifbar. Eine Illustration des Koffers von Familienvater und Schriftsteller Walter Meckauer gibt beispielsweise einen Einblick in seine Kurzgeschichten, die er in den Jahren der Flucht in eben diesem Koffer aufbewahrte.

 

Eine Menge Stoff – auch zum Nachdenken

Zugegeben, es braucht etwas digitales Geschick, um sich gut in den virtuellen Räumen zurechtzufinden und alle zur Verfügung gestellten Informationen aufzuspüren. Dennoch finde ich alle drei Ausstellungen toll gemacht. Die Themen regen zum Nachdenken an und die Fülle an Informationen kann wirklich wertvoll sein. Eine tolle Möglichkeit für das Erlebnis digitaler Kultur und Geschichte.

 

Jahrestage: Ein Tag und ein Leben für das Tanzen

Von |16.02.2023|Unterwegs|

„Was bleibt vom Tanz, wenn der Vorhang sich geschlossen hat?“, so die ersten Worte des Ausstellungskurators Thomas Thorausch, welcher mir an einem Tag Mitte Februar 2023 eine kleine Einführung in die Ausstellung „Jahrestage“ gab. Zu meiner großen Freude stellte sich bald heraus, dass diese Jahresausstellung im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln gleich mehrere künstlerische Ebenen beinhaltet, für die auch ich eine Leidenschaft habe: Fotografie, Literatur, Zeichnen, Musik, natürlich das Tanzen und auch die Geschichte und Philosophie des Lebens.

So beginnt die Ausstellung mit einem Zitat von Thomas Bernhard: „Alle leben mindestens drei Leben: ein tatsächliches, ein eingebildetes und ein nicht wahrgenommenes.“ – Worte, welche die Besucher*innen sicherlich erstmal ein wenig (über das eigene Leben) nachdenken lassen und auf das einstimmen, was sie in dieser Ausstellung erwartet.

 

Zitat von Thomas Bernhard im Tanzmuseum Köln

 

12 Geschichten von Tänzerinnen und Tänzern des 20. Jahrhunderts

Die Ausstellungen im Tanzmuseum finden einmal jährlich unter einem bestimmten Thema statt, welches durch ausgewählte Zeugnisse aus den reichhaltigen Beständen des Tanzarchivs entsteht. Kern der Ausstellung „Jahrestage“ sind Geschichten von Tänzer*innen des 20. Jahrhunderts, welche anhand eines besonderen Tages und übermittelten Dokuments erzählt werden. Dieser Tag steht dabei sowohl für den persönlichen Lebensweg als auch für die Geschichte des Tanzes.

Passend zu den 12 Monaten eines Jahres werden insgesamt 12 Geschichten in einer offenen und zugleich ineinander verwobenen Ausstellungsarchitektur präsentiert, welche viel Raum für Interpretationen lässt. So wundert es nicht, dass sich zwischen den einzelnen Geschichten der gezeigten Persönlichkeiten immer wieder Parallelen zeigen. Denn wie das Leben so spielt, können Geschichten und Wege in Raum und Zeit auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden sein.

Eine große Gemeinsamkeit der 12 Tänzer*innen besteht zum Beispiel darin, dass sie sich auch durch Zeichnungen künstlerisch ausgedrückt und Ideen oder Erlebnisse in Notizen festgehalten haben. Zeugnisse dieser Ausdrucksformen sind ebenfalls Teil der Ausstellung.

Zeichnung und Worte von Tänzerin Käthe Wulff im Tanzmuseum Köln

 

Kleine Zeitzeugen und ausdrucksstarke Fotografie in Lebensgröße

Direkt zu Beginn des Ausstellungsraumes ist eine der bekanntesten deutschen Tänzerinnen auf einer lebensgroßen und ausdrucksstarken Schwarz-Weiß-Fotografie zu sehen: Mary Wigman. Mit ihrer Geschichte und dem Tag des 1. Septembers 1972 beginnt die Ausstellung. An diesem Tag ihrer Lebensgeschichte befindet Mary sich ein Jahr vor ihrem Tod an einem Ort, der für ihr Leben von großer Bedeutung war.

Ein kleines Foto von Mary ist Zeitzeuge dieses Tages und erzählt von ihrer Geschichte: Mary ist am Lago Maggiore in der Schweiz, von wo aus sie auf den Monte Verita blickt – den „Berg der Wahrheit“. Bereits mit 26 Jahren, 59 Jahre bevor dieses Bild entstand, ist Mary zum ersten Mal an diesen Ort gereist. Als junge Frau wusste sie bereits, dass sie nicht heiraten oder Kinder kriegen wollte – nur eins wollte sie ganz sicher: Tanzen. Der Ort Monte Verita war damals Treffpunkt von Künstlern und alternativen Bewegungen, also Menschen, die etwas anders machen wollten.

Im Sommer 1913 trifft Mary hier den Tanzreformer Rudolf von Laban, über dessen Begegnung sie sagte: „Es war, als käme ich nach Hause“. Die Tänzerin findet an diesem Ort ihren Weg und kehrt auch später immer wieder zum Monte Verita zurück. Mary Wigman wurde zur Mitbegründerin des Ausdruckstanzes und das Foto des Tages im Jahr 1972 ein Sinnbild für ihre Lebensgeschichte.

Porträt von Mary Wigman im Tanzmuseum Köln

Bild von Mary Wigman am Lago Maggiore. Quelle: Deutsches Tanzarchiv Köln

 

Die Geschichte der kleinen Tänzerin Lucy

Es folgen elf weitere Geschichten, welche die Geschichte des Tanzes und persönliche Lebenswege und Anekdoten erzählen. Geprägt sind sie alle von Aufbruch und Euphorie – aber auch von Zeiten der Krise, persönlichen Schicksalsschlägen und Ernüchterung.

Eine dieser Geschichten hat mich besonders berührt: das Schicksal von Lucia Dorothea Burkiczak. Nach der Scheidung ihrer Eltern wurde sie, wie zur damaligen Zeit üblich, zusammen mit ihren beiden älteren Schwestern für eine Weile in die Ducan-Schule mit dazugehörigem Internat gegeben. Im Gegensatz zu ihren Geschwistern kehrte das lebhafte und etwas schwierige Kind jedoch nicht wieder nach Hause zu ihrem Vater und der neuen Frau zurück.

Die Tanzschule der damals modernsten Tänzerinnen Isadora und Elizabeth Ducan wurde also das neue Zuhause der erst fünfjährigen Lucy. Eine gezeigte Postkarte vom 17. November 1927, auf der die zu diesem Zeitpunkt zehnjährige Lucy an ihren Vater schreibt, steht für ihre Geschichte. Lucia wurde Tänzerin – und bereits als Kind als „hüpfende Lucy“ der Duncan-Schule bekannt. Archivdokumente zeigen aber auch, dass sie als erwachsende Frau etwas anders an die Zeit im Internat zurückgedacht hat und ihr vor allem ein fehlendes Gefühl von Geborgenheit geblieben war. So war das Tanzen für die junge Lucy in jenen Jahren eine große Stütze – aber auch ein Ausdruck von Einsamkeit.

Bild der jungen Tänzerin Lucy im Tanzmuseum Köln

 

Drei Bücher und ein Film aus der Tanzgeschichte

Ergänzt werden die 12 Geschichten von einer weiteren Säule der Ausstellung: Neben der in rot-grün gestalteten Ausstellungsarchitektur finden sich drei Bücher auf kleinen gelben Aufstellern. Der Inhalt dieser Bücher könnte passender nicht sein, denn sie erzählen Lebensgeschichten des Tanzes – genauer, das Leben von drei Tänzerinnen. Zu sehen sind Seiten eines Romans über eine Tänzerin in Paris von Ernest Blum (1861), eines Buches über die jung verstorbene Tänzerin Hilde Strinz (1928) und die der Biografie „My Life“ von Isadora Duncan (1927).

Einblick in das Buch der Biografie von Isadora Duncan

 

Zum Ende hin wird die Ausstellung mit weiteren Elementen aus der Tanz- und Musikgeschichte abgerundet: Zu sehen ist der Kurzfilm „Dancing Under the Dustcover“, welcher von einer älteren Tänzerin handelt, die schon in jungen Jahren ihre Ideen, Tänze und Erfahrungen in einer Art Workbook festgehalten hat. Dieses Buch war Ausgangspunkt des experimentellen Films und spiegelt noch einmal die vielen künstlerischen Ebenen des Tanzes und auch dieser Ausstellung wider.

Sehr schön finde ich zudem einen Textauszug des Beatles-Songs „A Day in the Life“ – ein Tag im Leben. Die Zeilen aus diesem Song sind, wie schon das Zitat von Thomas Bernhard zu Beginn der Ausstellung, auf einem Spiegel auf dem Boden zu lesen. So kann jede*r beim Betrachten dieser Worte auch immer sich selbst sehen und reflektieren.

Zitat der Beatles Songs "A Day in the Life" im Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs

 

Insgesamt habe ich durch die Ausstellung nicht nur einen tollen Einblick in die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts gewonnen, sondern auch wirklich bewegende Lebensgeschichten kennengelernt, die auch im Nachgang noch einige Anreize zum Philosophieren geschaffen haben.

 

Eine „Bühne“ für den Tanz im Kölner Mediapark

Dass das Tanzmuseum heute als eine Art Theaterbühne des dazugehörigen Archivs im Kölner Mediapark bestehen kann, ist ein großes Glück. Als Ersatz für das ursprünglich in Berlin ansässige und im zweiten Weltkrieg zerstörte Deutsche Tanzarchiv, baute der Tänzer und Pädagoge Kurt Peters (1915-1996) das Archiv ab 1948 zunächst als Privatsammlung in Hamburg neu auf.

Im Jahr 1985 wurde die Sammlung dann von der SK Stiftung Kultur der Sparkasse KölnBonn erworben und in gemeinsamer Trägerschaft mit der Stadt Köln fortgeführt. Durch den Bau des Mediaparks entstand die Möglichkeit, in den neuen Räumlichkeiten eine Art Schaufenster des Archivs zu schaffen und das Tanzmuseum zu eröffnen. Das Deutsche Tanzarchiv ist heute mit einem Bestand von über 500 Nachlässen von Tänzer*innen, Choreograf*innen und Kritiker*innen eines der bedeutendsten Archive zur Geschichte des Tanzes im deutschsprachigen Raum.

Wer die aktuelle Ausstellung „Jahrestage“ gerne besuchen möchte, hat nach den Karnevalstagen noch vom 23.-26. Februar 2023 die Möglichkeit. Ab dem 29. April 2023 folgt die nächste Ausstellung unter dem Titel „Irgendwas fehlt immer! Vom Sammeln und Bewahren.“

 

Im Spielrausch – eine Ausstellung über Computerspiele und ihre Ähnlichkeit zum Theater

Von |08.01.2018|Digitalkultur|

Das Museum für angewandte Kunst Köln (MAKK) glänzt zurzeit damit, als eines der wenigen Museen hierzulande eine Ausstellung über Computerspiele zu präsentieren. Obwohl das Medium nach einer zwischenzeitlichen Phase, in der es in die Zimmer männlicher Jugendlicher verbannt war (so zumindest der Ruf), wieder in die Wohnzimmer (beinahe) aller gesellschaftlichen Schichten avanciert ist, trifft es in Museen auf erstaunlich wenig Aufmerksamkeit. (mehr …)

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