Ein Klassiker unter Strom – „Das Cabinet des Dr. Caligari“ in der Oper am Rhein

Von |01.11.2025|Oper|

Normalerweise neige ich dazu, Halloween zu ignorieren. Doch diesmal habe ich den Gruseltag mit vollem Programm zelebriert: Zuerst mit einer Vorführung des ersten Psychothrillers, der jemals auf die Leinwand gebracht wurde, und danach sogar noch mit einer Party. Ein toller Abend, auch wenn mir nicht alles gefallen hat.

Gemeinsam mit meiner Tochter und zwei Freundinnen war ich an Halloween in Düsseldorf in der Oper am Rhein zu Besuch: Es wurde der expressionistische Stummfilmklassiker „Das Cabinet des Dr. Caligari“ gezeigt, begleitet von einer neuen, eigens zum Film komponierten Musik von Karl Bartos, dem ehemaligen Kraftwerk-Mitglied. Ein spannendes Konzept – zumindest auf dem Papier.

Ein Film, der keiner Musik bedarf

„Caligari“ gehört zu den Ikonen der Filmgeschichte, ein Werk, das durch seine schrägen Kulissen, das Licht-Schatten-Spiel und seine groteske Erzählweise den Expressionismus nachdrücklich auf die Leinwand überträgt.

So sitzen beispielsweise die gezeigten städtischen Beamten auf viel zu hohen Stühlen, von denen sie auf die bittstellenden Bürger herunterschauen. Ein sehr schönes Sinnbild, das auch heute noch seine Wirkung nicht verfehlt.

Die Geschichte des Films ist eigentlich schnell erzählt: Ein verrückter Professor präsentiert auf einem Jahrmarkt einen Somnabulen, der sein ganzen Leben lang schon schläft. Der Professor allerdings kann ihn wecken und hat Macht über ihn. Mit dem Auftauchen des Somnabulen geschehen plötzlich grausame Morde in der Stadt und es stellt sich die Frage, ob und wie der Professor mit dem Namen Dr. Caligari und diese Verbrechen in Verbindung stehen.. Mehr will ich nicht verraten, denn Ihr solltet den Film unbedingt selbst schauen!

Ich hatte den Film bereits vor einigen Jahren in einem kleinen Programmkino gesehen – mit Live-Klavierbegleitung, schlicht, zurückhaltend, perfekt auf die Bilder abgestimmt. Damals war ich begeistert. Der Film hat eine unglaublich intensive Wirkung auf mich gehabt.

Das Cabinet des Dr. Caligari - Karl Bartos - Auf dem Bild Vorstellung von "Das Cabinet des Dr. Caligari" Foto: Patrick Beerhorst

Auf dem Bild: Vorstellung von „Das Cabinet des Dr. Caligari“; Foto: Patrick Beerhorst

Wenn Musik zu viel will

Ganz anders gestern. Karl Bartos hat den Film mit einem wuchtigen, durchkomponierten Klangteppich unterlegt. Seine elektronischen Klänge waren imposant, präzise, rhythmisch ausgefeilt – aber eben allgegenwärtig. Es gab keinen Moment der Zurücknahme, kein Innehalten. Statt den Film zu begleiten, hat die Musik den Film aus meiner Sicht gnadenlos überdeckt.

Die Klangkomposition arbeitete mit verschiedenen Ebenen: Neben atmosphärischer Musik wurden auch konkrete Vertonungen vorgenommen, z.B. von Schritten oder Glockengeläut. Letzteres störte mich besonders, für mich ein Sakrileg bei einem Stummfilm.

Hinzu kam die übermäßige Lautstärke, die jede visuelle Nuance in den Schatten stellte. Der Film – ein stilles, düsteres Meisterwerk – rückte teilweise regelrecht an den Rand des Geschehens.

Die eigentliche Idee, den historischen Film mit computergestützten Klängen in die Gegenwart zu übersetzen, ist für mich nicht gelungen. Das große Equipment, das auf der Bühne aufgebaut war und live von Karl Bartos und seinem Kollegen Mathias Black bedient wurde, schaffte zwar wunderbare Klang-Sphären, aber leider aus meiner Sicht auf Kosten des Seherlebnisses.

Begeisterung beim Publikum ließ uns ratlos zurück

Das Publikum reagierte mit großem Applaus, sogar mit Standing Ovation. Meine Begleitung und ich konnten diese Begeisterung nicht so ganz nachvollziehen. Ja, es war technisch brillant, modern, sehr sehr laut und ganz viel Kraftwerk. Aber es harmonierte für mich nicht mit der Wirkkraft des Films, sondern schmälerte diese.

Allerdings muss man sagen: Ein so besonderer Film wie Dr. Caligari setzt sich eigentlich immer durch. So war es trotz allem auch für uns ein unvergessener Abend und ein bleibendes Erlebnis.

Im Anschluss Party im Foyer mit DJ Robert Baumanns

Nach dem Film legte im Foyer DJ Robert Baumanns auf. Mit einem Koffer voller CDs! Sehr schön! Es war eine nette Halloween-Party, die sich da in der Oper am Rhein an die Filmvorführung anschloss. Wir jedenfalls haben noch fröhlich getanzt und viel Spaß gehabt.
Auch wenn wir von der musikalischen Umsetzung enttäuscht waren, war es ein sehr unterhaltsamer und lustiger Abend: Halloween, ein Besuch der wirklich schönen Oper Düsseldorf, eine Vorführung von Das Cabinet des Dr. Caligari und hinterher noch Dancefloor.. was will man mehr? Da kann einem eigentlich nichts die Stimmung trüben.. 😊

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Titelbild: Filmstill aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“; Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

Ein gelungener Sonntag in Düsseldorf: Leckeres Steak in der Altstadt und eine eindringliche Opernvorstellung

Von |07.03.2024|Allgemein, Oper|

Der vergangene Sonntag war für meine Freundin und mich wie eine Reise durch verschiedene Länder: An einem frühlingshaften Sonntag genießen wir zuerst ein tolles Essen in einem wunderbaren argentinischen Restaurant mit einem herzlichen Team und lassen uns dann von einer minimalistisch inszenierten und gesanglich hervorragenden Oper nach Russland entführen.  

Ein Ausflug in die Düsseldorfer Altstadt 

Sonntagnachmittag ist eigentlich nicht die Zeit, in der ich üblicherweise in die Oper gehe. Jetzt war ich sogar zweimal hintereinander in der Sonntagsvorstellung: erst bei „Lohengrin“ in Hagen und diesmal in „Eugen Onegin“ in Düsseldorf. Aber zunächst bin ich zum Mittagessen verabredet.  

Bei sonnigem und überraschend warmem Wetter schlendere ich durch die Düsseldorfer Altstadt. Als Kölnerin bin ich da ja eher selten und stelle fest: Auch Düsseldorf hat durchaus seinen Charme.  

Ich bin mit meiner Freundin in einem Restaurant verabredet, von dem sie in einem Stadtmagazin gelesen hatte. Es liegt wirklich direkt in der Altstadt, nahe dem Rheinufer. Leider können wir nur drinnen sitzen, da das frisch eröffnete Restaurant erst in den kommenden Wochen seinen Außenbereich einrichten wird. Mit so viel Sonne Anfang März hatte niemand gerechnet. 

Ein Restaurant mit Herz und hervorragender Küche  

Es ist ein original argentinisches Steakhaus mit dem Namen Estilo Campo. Üblicherweise bin ich eher ein Freund nachhaltiger und regionaler Lebensmittel und daher ein wenig skeptisch, ob man wirklich Fleisch aus Argentinien importieren muss. Sicher kann man da geteilter Meinung sein, allerdings ist das Steak in diesem Restaurant wirklich etwas Besonderes und auch die Beilagen sind ein Genuss. 

Sowohl Inhaberin, Koch und auch das gesamte Team sind argentinischer Herkunft, soweit ich das aus den Gesprächen verstanden habe. Die Inhaberin erklärt uns, dass sie eigentlich einen Fleisch-Großhandel betreiben und die besten Steakhäuser in Deutschland beliefern würden. Vor einigen Monaten dann hätten sie entschieden, ein eigenes Restaurant aufzumachen. Wir sind extrem begeistert: Nicht nur das Essen ist wirklich außergewöhnlich lecker, auch der Service ist unglaublich zugewandt und die gute Sitte, dass der Koch von Tisch zu Tisch geht, habe ich auch schon lange nicht mehr erlebt. 

Ich wünsche jedenfalls diesem Restaurant von Herzen alles Gute, auch wenn es nicht mit regionaler Küche aufwartet. Der Besuch des Estilo Campo ist wie eine kleine Reise nach Argentinien und hat uns so viel Spaß gemacht, dass wir die Zeit vergessen haben und ziemlich überstürzt aufbrechen und zur Oper rennen müssen, um nicht zu spät zu kommen. 

Tschaikowskys „Eugen Onegin“: Minimalistische Inszenierung lässt Raum für große Gefühle 

Die Inszenierung von Tschaikowskys Werk Eugen Onegin, das uns in der „Deutschen Oper am Rhein erwartet, wurde schon in verschiedenen Artikeln besprochen. Ich hatte im Vorfeld zu der Inszenierung sowohl Negatives als auch sehr Positives gelesen und bin gespannt, auf welche Seite wir uns schlagen würden. 

Tatsächlich ist das Bühnenbild mit seiner Holzwand, die wie ein Bausteinsystem verschoben werden kann, sehr minimalistisch. Mal stellen die Holzquader eine einfache Wand dar, die die Darsteller je nach Kontext entweder einengt oder ihnen Raum gibt. Oder sie bildet eine Treppe, auf der sich das Ensemble bewegt. Ein einfaches Konzept, das Regisseur Michael Thalheimer da entwickelt, mit – wie ich finde – großer Wirkung. 

Das schlichte Bühnenbild und die ebenso schlichten Kostüme entwickeln für mich im Laufe des Abends eine überraschend ästhetische Wirkung: Das warme Holz im Hintergrund, die leichten Sommerkleider der Frauen, die lockeren Outfits der Männer bilden eine stimmige, sehr natürliche und luftige Atmosphäre, die unglaublich gut zu der Handlung passt. 

Eugen Onegin Opernvorstellung in Düsseldorf. Besetung: Katarzyna Kuncio (Larina), Ramona Zaharia (Olga), Ulrike Helzel (Filipjewna), Ekaterina Sannikova (Tatjana).

© Deutsche Oper am Rhein/Andreas Etter

Das Leben als Reihe von Enttäuschungen 

Die Geschichte ist sehr russisch, voller Melodram: Auf dem Landsitz der Witwe Larina leben ihre zwei Töchter Tatjana und Olga. Während Olga unbeschwert und optimistisch ihrer Ehe mit dem Kindheitsfreund Lenski entgegenblickt, ist Tatjana voller Schwermut und versinkt träumerisch in ihren Büchern.  

Als Lenski mit einem neuen Nachbarn, dem weltgewandten Eugen Onegin, zu Besuch erscheint, verliebt sich Tatjana sofort in diesen Fremden. Ganz gegen die Konventionen ihrer Zeit gesteht sie Eugen Onegin ihre Liebe in einem Brief. Der weist sie ab, da er nicht für die Ehe geschaffen sei.  

Bei einem kurz darauf stattfindenden Festball mach sich Onegin einen Spaß daraus, seinen Freund Lenski eifersüchtig zu machen, indem er mit Olga tanzt. Lenski ist außer sich, fordert Onegin zum Duell und wird von diesem erschossen. Anschließend reist Onegin jahrelang voller Schuldgefühle durch die Welt. 

Als er endlich zurückkehrt, trifft er in St. Petersburg Tatjana wieder und erkennt, dass sie die Frau seines Lebens ist. Diese ist allerdings inzwischen verheiratet und weist ihn ab. 

Peter Iljitsch Tschaikowsky erzählt diese unglückliche Liebesgeschichte voller Pathos. Der Weg durch das Leben wird in dieser Oper als ein Weg voller Enttäuschungen und Kompromisse gezeichnet. Während die Jugend voller Träume und Hoffnungen ist, haben sich die Älteren abgefunden mit Gewohnheiten und ihre Liebe meist durch Zweckbeziehungen ersetzt. 

Im Mittelpunkt der Oper stehen die hochfahrenden Träume und die tiefen Enttäuschungen der Protagonisten. Daher erlebe ich es als sehr passend, die Figuren in den Mittelpunkt zu stellen und den gesamten Fokus auf die Darsteller*innen zu legen.

Eugen Onegin Opernvorstellung in Düsseldorf. Ekaterina Sannikova (Tatjana).

© Deutsche Oper am Rhein/Andreas Etter

Großartige Stimmen und wunderschöne Musik 

Die Sängerinnen und Sänger werden aus meiner laienhaften Sicht ihren Rollen durchaus gerecht: Sie singen voller Emotion und Leidenschaft und können in dem mehr oder weniger leeren Raum durchaus bestehen. Sie sind alle überzeugend, so dass es mir schwerfällt, jemanden hervorzuheben. Besonders gefallen haben mir neben den Hauptdarsteller*innen die Kinderfrau Filipjewna, gesungen von Ulrike Helzel, und Sami Luttinen als Fürst Gremin. 

Die Hauptfiguren sind – aus meiner Sicht – sowohl schauspielerisch als auch gesanglich überzeugend und es gelingt ihnen mit ihrem großen darstellerischen Einsatz die starken Emotionen der Figuren zu vermitteln. Zu nennen sind Ekaterina Sannikova als Tatjana, Bodgan Baciu als Eugen Onegin und David Fischer (Zweitbesetzung) als Lenski.  

Die dreistündige Oper zeichnet sich sicher nicht durch Action und Schnelligkeit aus. Dennoch ist man mitgerissen und folgt dem Geschehen zwischen den Figuren voller Mitgefühl. Dafür sorgt natürlich auch die teilweise schwermütige und emotionale Musik voller russischer Seele, die Tschaikowsky für diese Oper komponiert hat. 

Es ist ein gelungener Sonntag, den wir in Düsseldorf erleben. Und es ist wie eine Reise in verschiedene Welten: erst Argentinien, dann Russland. 

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