Digitale Konzerte, Museen und Theater – Hat das alles eigentlich eine Zukunft?

Von |2022-04-28T10:33:11+02:0004.02.2021|Digitalkultur|

Die Lockdowns während der Coronapandemie haben viele digitale Angebote von eigentlich nicht-digitalen Institutionen hervorgebracht. Viele gute und auch nicht so gute Beispiele haben wir hier auf dem Kultur-Blog schon besprochen. Doch wie steht es um die digitalen Kulturangebote im Gesamten? Sabine Haas gibt eine Einschätzung.

 

In Zeiten von Corona bleibt den Kultureinrichtungen nur der eine Weg, um mit dem Publikum in Kontakt zu kommen: Das Internet. Es ist also kein Wunder, dass es inzwischen ein extrem breites Angebot an digitaler Kultur gibt und dieses Angebot täglich weiter wächst. Kulturinteressierte können digital Konzerte besuchen, Theater-Livestreams verfolgen, 360-Grad-Apps auf ihr Handy laden, Podcasts abonnieren und vieles mehr. Das ist toll, denn es zeigt, wie breit die Möglichkeiten digitaler Kulturerfahrungen inzwischen sind.

Dennoch: Immer noch sind viele dieser digitalen Kulturevents eher „Notlösungen“ oder „Ausweichangebote“, die die Pandemie als Ausnahmesituation hervorbringt und die nicht wirklich überzeugen. Der Grund: Vieles ist nicht durchdacht, einiges technisch sehr aufwändig und oft ist die Hürde bei der Nutzung so groß, dass man schon vor dem Einstieg abgeschreckt ist.

Nach einer Reihe von „digitalen Kulturbesuchen“ bekomme ich mehr und mehr den Eindruck, dass es noch eine Weile dauert, bis sich eine attraktive und sinnvolle „digitale Kulturlandschaft“ herausgebildet hat, deren Besuch wirklich Spaß macht – und zwar nicht nur in Zeiten einer Pandemie.

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Theater für Zuhause, quasi zum Mitnehmen – Geht das?

Von |2022-04-28T10:34:18+02:0019.01.2021|Digitalkultur|

Theatervorstellungen mit VR-Brillen direkt nach Hause geliefert – das bietet das Startup Inflight VR mit seinem Programm Frontrow an. Sabine Haas hat das Angebot für das Kultur-Blog getestet.

Zu diesem Artikel gibt es auch ein Interview mit Henning Förster von Inflight VR.

 

Auf vieles müssen wir in Corona-Zeiten verzichten und jedem fehlt sicher etwas anderes in besonderer Weise. Mein Mann vermisst derzeit vor allem das Skifahren, meine Kinder ihre Freunde und ich die Kultur. Mein letzter Besuch in Museum, Theater und Oper liegt inzwischen viel zu lange zurück und ich wäre überglücklich, wenn ich das wieder erleben könnte: Live an Kunst und Kultur teilhaben, im Opernsaal sitzen und in der Pause ein Glas Sekt trinken. Darauf müssen wir noch eine ganze Weile warten. Entsprechend spannend fand ich es, als mir kurz vor Weihnachten das Startup Inflight VR seine Idee „Frontrow“ vorstellte: Mittels virtueller Technologie kann man sich Kulturveranstaltungen nach Hause holen und vom Sofa aus genießen – als wäre man live dabei.

Das musste ich natürlich ausprobieren. Wie es funktioniert, wird auf der Website von Frontrow in wenigen Sätzen erklärt: Man wählt die gewünschte Vorstellung aus, legt sie in den Warenkorb und bucht dazu einen Hin- und Rückversand der VR-Brille. Diese wird umgehend zugesendet und man kann über das VR-Headset in das jeweilige Kulturerlebnis einsteigen. Anschließend wird alles wieder verpackt und zurückgeschickt.

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Frontrow – Interview mit Henning Förster

Von |2022-05-11T14:06:55+02:0019.01.2021|Digitalkultur|

Nachdem Sabine Haas das Theater-VR-Angebot von Frontrow – ein Konzept des Münchener Startups Inflight VR – getestet hat, wollte sie mehr wissen. Henning Förster, COO des Startups, hat sich für ein Interview bereiterklärt und spricht über die Pläne des Angebots und was dahintersteckt.

Dieses Interview ist eine Fortsetzung von Sabine Haas‘ Artikel zu Frontrow.

Um mehr über das Projekt Frontrow und seine virtuellen Theaterangebote zu erfahren, habe ich mit Henning Förster, dem COO des Startups Inflight VR gesprochen. Er verantwortet das Projekt Frontrow, das im Dezember vergangenen Jahres seine Arbeit aufnahm.

Sabine Haas: Wie hängen Frontrow, Inflight und das Staatstheater Augsburg zusammen?

Henning Förster: Unser Startup, Inflight VR, ist spezialisiert auf VR-Technologie. Wir haben das Ziel, Virtual-Reality-Anwendungen für die Praxis zu entwickeln. Unser erster Ansatz war VR-Erlebnisse für Flugreisende zu entwickeln – daher auch der Name Inflight VR. Das ist uns auch erfolgreich gelungen und ist nach wie vor ein wichtiges Kerngeschäft, allerdings hat uns Corona im vergangenen März erst einmal ausgebremst. In dieser Situation haben wir uns überlegt, welche weiteren Anwendungen möglich sind und wie man vielleicht gerade den durch Corona betroffenen Branchen mittels VR-Anwendungen helfen kann. So entstand die Idee, Kulturveranstaltungen auf Virtual-Reality-Plattformen zu übertragen: Frontrow – Erste Reihe, auch in Zeiten von Corona.

Das Staatstheater Augsburg wurde unser erster Kooperationspartner, da dort schon VR-Produktionen entwickelt worden waren. Entstanden aus einer innovativen Inszenierungs-Idee, die VR-Elemente mit dem klassischen Theater verbinden wollte, ist das Thema VR zu einem eigenständigen Produktionsansatz des Theaters geworden. Mitarbeiter haben die VR-Headsets an die Theaterbesucher zu Hause verteilt, so dass sie weiter an Veranstaltungen teilnehmen konnten. Eine Kooperation mit Augsburg lag für uns daher nahe.

SH: Was genau bietet Frontrow an?

HF: Wir sind kein Kulturbetrieb und auch keine klassische VR-Produktionsstätte. Zwar haben wir das Knowhow in unserem Team, denn bei uns arbeiten allein drei promovierte Experten, die über Virtual Reality ihre Doktorarbeit geschrieben haben. Aber unser Ansatz ist ein anderer: Wir möchten eine Plattform bieten, die – ähnlich wie Netflix – Angebote im Bereich VR sammelt und vertreibt. Mit Frontrow möchten wir DER Anbieter für kulturelle Veranstaltungen im Bereich Virtual Reality werden. Neben der Plattform für die Buchungen stellen wir darüber hinaus auch die VR Headsets zur Verfügung, sodass kein Equipment benötigt wird und wirklich jeder unser Angebot ausprobieren kann. Im Dezember sind wir zunächst mit einem überschaubaren Angebot gestartet und werten jetzt aus, wie die Idee ankommt und sinnvoll weiterentwickelt werden kann.

SH: Was bedeutet Virtual Reality in Bezug auf Kultur?

HF: Derzeit bewegen wir uns im Bereich der klassischen Kultur, d.h. Theater, Museum, Tanz, Oper etc. VR-Angebote können je nach Anbieter sehr unterschiedlich aussehen. Wir bieten Stand heute drei Theaterstücke und eine Tanz-Performance an – in wenigen Wochen nehmen wir aber noch weitere VR Erfahrungen auf. Die Theaterstücke sind in 360-Grad-Perspektive gefilmt, das bedeutet, der Zuschauende sitzt mitten im Raum und die Aufführung findet rund um ihn herum statt. Daraus ergibt sich natürlich ein ganz anderes Erleben als in einem realen Theater. Bei Ausstellungen sind verschiedene Ansätze denkbar. Es könnte einen virtuellen Rundgang geben, bei dem man durch die Ausstellungsräume geht oder eine Inszenierung verschiedener Objekte. Virtual Reality bietet eine Menge an Möglichkeiten. Wichtig ist, dass es ein immersives Erlebnis ist, d.h. keine einfache zweidimensionale Abbildung des Geschehens.

SH: Woher nehmen die Kulturanbieter das Knowhow, um ein attraktives VR-Angebot zu entwickeln?

HF: Das ist bislang tatsächlich etwas schwierig. Viele Einrichtungen haben kein Wissen zu dieser Technologie. Und auch wir merken, dass VR ganz besondere Herausforderungen mit sich bringt, da es sich von üblicher Videoproduktion deutlich unterscheidet. Ein wesentlicher Bestandteil von unserem Angebot ist es daher, die Kultureinrichtungen ganzheitlich und komplett bei den Projekten zu unterstützen. Wir sind Experten im Bereich der VR und helfen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Konzeption des VR-Stücks, über die Produktion bis hin zur technologischen Implementierung und Distribution der Erfahrungen. Um ein wirklich gutes virtuelles Kulturerlebnis zu schaffen, muss man seine Angebote spezifisch für diese Technik entwickeln und kann in der Regel nicht auf die bestehenden Standards zurückgreifen. Wichtig sind beispielsweise ausreichend Licht und die Ausrichtung auf die Kamera. Oder aber auch eine angemessene Länge des Stücks – beispielsweise zwischen 45 und 75 Minuten. Da kommen wir dann ins Spiel und unterstützen die Einrichtungen, damit effizient und kostengünstig VR Produktionen umgesetzt werden.

SH: Welche Partner werden denn künftig bei Frontrow zu finden sein?

HF: Das kann ich leider noch nicht verraten. Wir führen derzeit viele Gespräche und bei einigen sind wir schon sehr weit, aber es gibt noch keine feste Partnerschaft, die wir kommunizieren können. Ich hoffe sehr, dass wir das Angebot bald erweitern können. Das sieht auch derzeit sehr vielversprechend aus.

SH: Bei meiner Testnutzung hatte ich die Erfahrung gemacht, dass das Bild nicht ganz scharf war. Woran liegt das?

HF: Das ist leider (noch) der Technologie geschuldet und kann sich noch einmal verstärken, wenn man Brille trägt. Das liegt vor allem an der sehr hohen Datenmenge, die bei einer 360-Grad-Perspektive verarbeitet werden muss. In der Regel fällt das allerdings nicht so deutlich auf. Im getesteten Theaterstück konnte man es bei den Kalenderblättern, die an den Wänden hingen, besonders merken. Die Brille sollte man unbedingt unter dem VR-Headset anbehalten. Eine perfekte Schärfe erhält man leider mit der heutigen Technologie noch nicht, sie entwickelt sich jedoch rasant weiter und verbessert sich stetig. Und natürlich nutzen wir auch die Erfahrungswerte aus den ersten VR Produktionen, um diese konstant zu verbessern.

SH: Wie ist denn das Feedback des bisherigen Publikums und wer nutzt das Angebot?

HF: Wir sind tatsächlich überrascht, wie gut Frontrow im ersten Monat angelaufen ist, besonders, da wir keinerlei Marketing oder Werbung gemacht haben. Es gab schon über 150 Bestellungen, viele davon aus dem Publikum des Staatstheaters Augsburg, aber auch darüber hinaus. Die Zielgruppen sind noch bunt gemischt, von jung bis alt ist alles dabei. Das entspricht unserem Ziel: Wir möchten alternative Lösungen für die Bestandspublika bieten und darüber hinaus neue Zielgruppen erreichen. Das scheint zu funktionieren.

Das Feedback ist ebenfalls sehr positiv: Es kommt viel Lob, vereinzelt natürlich auch Kritik. Uns freut beides, weil wir die Startphase als eine Art Pilottest ansehen, bei dem wir eine ganze Menge über die Erfolgsfaktoren unserer Geschäftsidee lernen können. Die kommenden Monate werten wir Erfahrungen aus, um das Angebot weiter zu optimieren. Neben einer Erweiterung der Kooperationen ist beispielsweise geplant, für die Personen, die schon ein VR-Headset besitzen, eine Bestellung der Kulturangebote ohne dazu gehörige Hardware zu ermöglichen. Das geht bislang noch nicht.

Da wir keine öffentliche Förderung oder sonstige finanzielle Unterstützung bekommen, planen wir Schritt für Schritt. Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass Frontrow erfolgreich sein und wachsen wird. Derzeit stehen wir noch ganz am Anfang einer sehr spannenden Entwicklung.

SH: Viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch!

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