Eine preisgekrönte Inszenierung von Don Giovanni in Essen

Von |2022-06-08T17:11:31+02:0008.06.2022|Oper|

Es war eine sehr spontane Entscheidung, am Pfingstwochenende ins Aalto-Theater in Essen zu fahren. Unser Sohn hat im Musikunterricht Don Giovanni behandelt und wollte die Oper unbedingt sehen. Da in Essen an Pfingsten die letzte Aufführung der Mozart-Oper für diese Saison zu sehen war, haben wir uns noch kurzfristig Karten für die Vorstellung besorgt. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte.

Don Giovanni hatte ich schon in Lyon gesehen, damals allerdings in einer Inszenierung, die mich nicht überzeugt hatte. Nun war ich auf Essen gespannt: Hier lief die Wiederaufführung einer Inszenierung von 2007, mit der Stefan Herheim damals von der „Opernwelt“ zum Regisseur des Jahres gewählt wurde. Wir hatten also große Erwartungen an diesen Abend.

Ein Frauenverführer und sein Diener auf der Jagd

Die Handlung der Oper erzählt die Geschichte des Frauenverführers Don Giovanni. Er und sein Diener Leporello versuchen mit allen Mitteln, ständig und unermüdlich neue Geliebte für Don Giovanni aufzutun und zu verführen. Zu Beginn der Oper dringt die Titelfigur bei Donna Anna ein und belästigt sie. Jedoch kann sie sich von ihm befreien und ruft nach Hilfe. Ihr Vater, der Comte, wird von Don Giovanni im Kampf getötet, als er Donna Anna zur Hilfe eilt. Das berührt den Verführer wenig, er stürzt sich gleich in das nächste Abenteuer, bei dem er zu spät merkt, dass es sich um eine seiner vielen Verflossenen handelt. Also sucht er weiter und stößt auf ein junges Bauernpaar kurz vor der Hochzeitsfeier. Rücksichtslos macht er sich an die Braut heran. Obwohl Leporello von der Morallosigkeit und Zügellosigkeit seines Dienstherrn entsetzt ist, unterstützt er ihn immer weiter in seinen Verführungsplänen. Viele Verwicklungen nehmen ihren Lauf und die Handlung ist recht turbulent und bunt, bis am Ende die Statue auf dem Grab des Comte lebendig wird und Don Giovanni in die Hölle befördert.

Erotik-Sünden in kirchlichem Kontext

Stefan Herheim hatte die Idee, die Geschichte in einen kirchlichen/klösterlichen Rahmen zu versetzen. Leporello trägt das Ornat eines Pfarrers, das Bühnenbild stellt eine Kirche dar, die „Liebeshöhle“ ist der Beichtstuhl. Damit wird die unbändige Liebeslust von Don (San?) Giovanni in einen göttlichen Kontext gesetzt und Erotik als religiöses Phänomen stilisiert. Für mich, im Kontext der Berichte über sexuelle Übergriffe katholischer Kirchenmitarbeiter, ist die Inszenierung auch ein stückweit als Kirchenkritik zu verstehen.

Dynamische Inszenierung für vielseitige Interpretationen

Egal, wie man es deutet: Das Bühnenbild und die Kostüme passen gut zu der vielschichtigen Handlung der Oper, denn auch sie sind äußerst vielseitig angelegt und lassen viel Raum für Interpretation. Besonders gelungen finde ich die große Dynamik und das rasante Tempo der Inszenierung. Die dreieinhalbstündige Oper wird an keiner Stelle langweilig: Das sich ständig bewegende Bühnenbild und der häufige Kostümwechsel sorgen für immer neue Eindrücke. Die Wiederholungen, welche die Mozart-Oper durchaus hat, werden dadurch nicht zu unangenehmen Längen, sondern lassen den Zuschauer jederzeit gebannt der rasant in Szene gesetzten Handlung folgen.

Ausgesprochen bewegende Charaktere mit lebhaftem Orchester

Überzeugend und emotional überaus berührend sind an diesem Abend auch die Interpreten: Die Titelrolle singt Bariton Modestas Sedlevičius, der nicht nur als Sänger toll „performt“, sondern auch schauspielerisch seine Sache großartig macht. Gleiches gilt für Leporello, überzeugend dargestellt und gesungen von Almas Svilpa. Ebenfalls sehr beeindruckend war für mich die Leistung der Donna Anna (Simona Šaturová) und der von Don Giovanni verlassenen Donna Elvira (Karin Stroboss). Ihre Arien-Auftritte haben mich regelrecht angerührt und sehr begeistert.

Insgesamt war die gesamte Oper sehr stimmig und überzeugend besetzt. Lob gebührt außerdem dem Orchester, dass sehr temporeich und mit viel Enthusiasmus durch die Oper geführt hat.

Sehr schade, dass es keine weitere Aufführung gibt, auf die ich Euch hinweisen kann. Aber vielleicht nimmt das Theater Essen die Inszenierung in der nächsten Zeit noch einmal ins Programm. Es wäre sicher lohnend.

Don Giovanni in der Oper Lyon

Von |2022-05-11T14:32:10+02:0029.06.2018|Oper|

Die Opéra National de Lyon hatte mich netterweise erneut in ihre Stadt geladen. Inzwischen bin ich schon so etwas wie ein »Stammgast«. Es war meine dritte Reise dorthin. Dass ich mir immer wieder die Zeit nehme, in Lyon in die Oper zu gehen, hat mehrere Gründe.

Einer ist sicherlich die Stadt selbst. Sie ist einfach herrlich. Der historische Stadtkern liegt eingebettet zwischen zwei Flüssen (Saône und Rhône) und erstreckt sich von dort aus auf die umliegenden Hügel. Überquert man die Saône über eine der schönen Fußgängerbrücken, landet man im sogenannten Seidenviertel – ein uralter Stadtteil, der zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde. Der alte Kern ist baulich wunderschön, die Stadt steckt voller Überraschungen und zieht einen vollkommen in ihren Bann. Man kann sie sehr gut erlaufen und findet hinter jeder Ecke, nach jeder Gasse wieder etwas Besonderes. Gerade im Seidenviertel stößt man zwischen uralten Häusern auf viele interessante und einladende Geschäfte und Restaurants.

Ein zweiter Grund, der eine Opernreise nach Lyon besonders macht, ist das Operngebäude selbst. Es prägt das Stadtbild in besonderer Weise: Mit ihrer schwarzen Kuppel und der interessanten Architektur ist die Oper eine Art Wahrzeichen, und man kann sich an ihr – wie hier bei uns am Kölner Dom – von vielen Stellen der Stadt aus orientieren. Aber die Oper Lyon ist nicht nur als Gebäude bemerkenswert. Egal, wann man an ihr vorbeigeht, immer herrscht um das Gebäude herum ein reges Treiben. Es werden vor der Oper kleine Konzerte gegeben, man kann den Streetdancern zusehen und viele Menschen sitzen im Café. Das kenne ich in dieser Form aus keiner anderen Stadt.

Don Giovanni: die Handlung

Last but not least ist es natürlich der Opernbesuch, der mich jedes Mal aufs Neue begeistert. Diesmal hatte ich mich entschieden, Don Giovanni anzusehen. Die recht lange und »aufgedrehte« Mozart-Oper handelt von einem Frauenheld, der laut seines Dieners Leporello schon mehr als 1.000 Frauen verführt hat. Zu Beginn der Oper diskutiert er mit einem seiner »Opfer«, der unglücklichen Donna Anna. Ihr Vater, der Komtur, kommt hinzu, und Don Giovanni tötet ihn im Streit. Danach nimmt das Schicksal seinen Lauf. Er begegnet der nächsten Frau, die er erobern möchte, um dann festzustellen, dass diese eine seiner Ex-Eroberungen ist, Donna Elvira. Sie macht ihm eine Szene, der er knapp entfliehen kann. Doch nur, um Minuten später auf ein bäuerliches Brautpaar zu treffen, bei dem er für Unruhe sorgt, weil er die Braut (Zerlina) in sein Bett bekommen möchte. Nach vielen Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Frauen und ihren Männern endet die Oper, weil die Statue des getöteten Komturs lebendig wird, Don Giovanni heimsucht und ihn in der Erde verschwinden lässt.

Die Inszenierung

Ich war gespannt, wie der Regisseur David Marton in Zeiten von #MeToo dieses Thema des amoralischen Frauenverführers wohl umsetzt. Ich hatte mir etwas Besonderes erwartet – wie bei meinen bisherigen Besuchen in Lyon –, wurde diesmal aber ein wenig enttäuscht. Die Inszenierung war ordentlich, hat mich aber nicht begeistert. Das Bühnenbild ist ein großer Raum in Betonoptik mit runden Öffnungen an zwei Seiten, die sehr eindrucksvoll wirken. Die Kostüme bildeten verschiedene Zeiten ab: Überwiegend modern, gab es einigen Stellen Anspielungen auf den historischen Kontext. Gon Giovanni (Philippe Sly) wird als sehr naiver, wenig einsichtiger und etwas hilfloser Mann dargestellt, der ziel- und haltlos den Frauen – egal welcher Art – verfällt. Er ist ständig ein wenig leidend, ob der vielen Schwierigkeiten, in die er immer wieder gerät. Sein Diener Leporello (Kyle Ketelsen) ist die deutlich weitsichtigere und intelligentere Figur. Was mich an der Inszenierung sehr gestört hat: Die sowieso schon sehr lange, sich oft wiederholende Handlung wurde durch David Marton noch weitergedehnt, da er immer wieder Musikpausen und an einer Stelle sogar einen langen zusätzlichen Dialog des Don Giovanni einbaut. Statt Tempo in Bild und Handlung zu bringen, inszenierte er die Oper eher statisch und teilweise wie in Zeitlupe. Vor allem die aus meiner Sicht völlig kontraproduktiven Verlängerungen hätte man sich in jedem Fall sparen sollen, denn die Oper fordert auch so bereits ein geduldiges Publikum.

Gelungene Besetzung, tolle Orchesterleistung, fideles Publikum

Sehr begeistert war ich dagegen von der Besetzung. Die drei weiblichen Hauptfiguren Donna Anna (Eleonora Buratto), Donna Elvira (Antoinette Dennefeld) und Zerlina (Yuka Yanagihara) ebenso wie Leporello und Don Giovanni haben mich schauspielerisch wie auch gesanglich sehr angesprochen und begeistert. Sie haben die Handlung getragen und durch ihre sympathische und engagierte Art über die teilweise vorhandenen Längen hinweggeholfen. Ihnen und dem Orchester galt dann am Ende auch der Applaus.

Überzeugt hat mich außerdem wieder einmal das Publikum in Lyon. Die Oper war an einem ganz normalen Wochentag mit überragendem Wetter komplett ausgebucht. Das Publikum kam – wie es in Deutschland niemals zu erleben wäre – auf die letzte Minute und füllte den Saal mit frohmütigen Stimmen. Es war extrem gemischt, sowohl im Alter als auch im Stil, und versprühte viel gute Laune. Und obwohl man sehr deutlich merkte, dass nicht nur mir die Oper sehr lang (und manchmal auch ein wenig langweilig) vorkam, blieben sie alle munter dabei und zollten am Ende den Sängerinnen und Sängern ihren Respekt und Beifall. Das hat mich sehr beeindruckt.

Mit anderen Worten: Es gibt viele Gründe, eine Opernreise nach Lyon auf die Reiseplanung zu setzen. Egal wie einem die Inszenierung gefällt, man wird keinesfalls enttäuscht zurückkehren.


Die weiteren Termine für Don Giovanni unter:
https://www.opera-lyon.com/fr/20172018/opera/don-giovanni


Bildverweis: Szenenbild © Jean-Pierre Maurin und © Christian Friedländer

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