Irrelohe Oper Lyon: Mit Wumms und toll gespielter Titelfigur

Von |2022-05-11T13:51:32+02:0021.03.2022|Oper|

An einem Wochenende gleich zweimal die Oper besuchen: Das hatten wir bisher noch nicht. Aber wir nehmen das Angebot, an aufeinanderfolgenden Tagen zu den Premieren zu gehen, an. Und wir sehen zwei Stücke, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Nach Verdis Rigoletto, einem absoluten „Kassenschlager“ mit unzähligen Aufführungen, erwartet uns am zweiten Tag die erst vor ein paar Jahren wiederentdeckte und bislang kaum gespielte Oper „Irrelohe“. Sie stammt aus den 1920er-Jahren und ist von Franz Schreker. Die Inszenierung in Lyon war vor allem ein bombastisches Orchesterspektakel.

Vielleicht liegt ein Grund für die seltenen Aufführungen von Irrelohe in dem sehr fordernden Gesangspart. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass man ganz schön viel Stimme und Können braucht, um gegen die gewaltige Orchestermusik „ansingen“ zu können (wobei ich das als musikalischer Laiin natürlich nicht kompetent beurteilen kann).

Jedenfalls ist es sehr schade, dass diese Oper so selten zu sehen ist, denn das ausverkaufte Haus und der jubelnde Applaus in Lyon haben deutlich belegt, dass Franz Schrekers Werk viel zu bieten hat.

Die Handlung

Sie ist skurril und trägt dem Titel Rechnung: Es geht um Irrsinn und einen grauenvollen Fluch, der seit Generationen auf Schloss Irrelohe lastet. Seit der Verbindung eines verrückten Mannes mit einem Wassergeist sind alle Grafen auf Irrelohe dazu verdammt, irgendwann dem Wahnsinn zu verfallen, eine Frau zu vergewaltigen und anschließend umnachtet zu sterben. Auch der alte Graf hat an seinem Hochzeitstag vor 30 Jahren das Mädchen Lola aus dem Dorf vergewaltigt und ist bald darauf gestorben. Sein Sohn, der junge Graf Heinrich, versteckt sich deshalb in seinen Büchern und verlässt das Schloss kaum. Lola ist inzwischen die Schankwirtin des Ortes am Fuß des Schlosses.

 

Ihr Sohn Peter kennt seinen Vater nicht und hat keine Ahnung, dass er aus der damaligen Vergewaltigung hervorging. Er liebt die Förstertochter Eva, die einzige, zu der er Kontakt hat. Eva jedoch erwidert diese Liebe nicht. Sie begegnet Heinrich und verliebt sich in ihn. Und Eva glaubt daran, ihren geliebten Grafen vor dem Fluch retten zu können, indem sie ihn heiratet.

Während die Dreiecksgeschichte ihren Lauf nimmt, wird erzählt, dass im Ort immer wieder Brände gelegt werden. Man erfährt, dass dafür der ehemalige Verlobte von Lola, der Musikant Christobald, verantwortlich ist. Das große Finale ist die Hochzeit von Eva und Graf Heinrich: Beim Tanz des Brautpaars fällt Peter, der den Wahnsinn seines Vaters geerbt hat, über Eva her und versucht, sie zu vergewaltigen. Graf Heinrich tötet ihn daraufhin, obwohl er inzwischen weiß, dass Peter sein Bruder ist. Während Christobald das Schloss in Brand steckt, sehen Eva und Heinrich Licht am Horizont.

Passende Inszenierung für einen außergewöhnlichen Inhalt

Regisseur David Bösch hat für diese verrückte Geschichte einen sehr passenden Rahmen gefunden. Ohne zu stark zu überziehen, bringt er die Atmosphäre von Horror und Grusel auf die Bühne. Das Bühnenbild ist düster, aber sehr passend, und es wird viel aus bekannten Horror- und Gruselfilmen zitiert. So erinnert der Butler an den buckligen Diener aus „The Rocky Horror Picture Show“. Die weißblonden Haare von Graf Heinrich lassen an Harry Potters bösen Gegenspieler Malfoy ebenso denken wie an Graf Dracula. Der Chor hat das Aussehen einer Geisterschar mit tiefschwarzen Augenringen.

 

Wie am Tag zuvor bei der Inszenierung der Oper Rigoletto von Axel Ranisch, so nutzt auch David Bösch den Film als ergänzendes Medium. Er zeigt auf der Leinwand die immer irrer werdenden Träume von Peter und die Visionen des Unheils, das sich androht. Seine Filmausschnitte sind ein Zitat der Entstehungszeit der Oper: Sie werden als krisselige Schwarz-Weiß-Bilder mit Texttafeln präsentiert – also ganz im Sinne eines alten Stummfilms.Die gesamte Inszenierung von David Bösch ist stimmig und nimmt sich zurück. Man hat den Eindruck, dass Bösch mit der Oper sehr behutsam umgeht. Das hat mir gut gefallen, denn so bleibt sehr viel Raum für die Handlung und die Figuren. Was mich allerdings gestört hat: Dass Bösch das Happy End dieser verrückten Geschichte nicht stehen lässt, sondern „seine Eva“ am Ende Selbstmord begeht. Das fand ich unnötig und irgendwie deutlich weniger interessant als das von Schreker vorgesehene positive Ende.

Überzeugendes Schauspiel, starke Stimmen

Den zuvor benannten Raum der Inszenierung verstehen vor allem die Hauptfiguren sehr gut zu nutzen. Julian Orlishausen als Peter zeigt eine enorme schauspielerische Leistung. Er schafft es tatsächlich, innerhalb der zweistündigen Oper durch sein Spiel die Wandlung des leicht grummeligen, aber netten jungen Mannes zum Wahnsinnigen gut nachvollziehbar und sichtbar zu machen. Auch Ambur Braid setzt ihre Rolle als selbstbewusste und starke Eva sehr überzeugend in Szene. Gleiches gilt für Tobias Hächler als Graf Heinrich.

 

Genauso bewundernswert wie die spielerische Leistung ist für mich allerdings – wie schon erwähnt – der gesangliche Part. Die drei Hauptpersonen singen unglaublich stark und haben – im Gegensatz zu den übrigen Rollen – scheinbar kein Problem, sich gegen den sehr voluminösen Orchesterklang durchzusetzen.

Fulminate Musik

Franz Schreker hat für Irrelohe eine wunderbar ausdrucksstarke und bombastische Musik geschrieben. Sie passt in ihrer Wildheit perfekt zur Geschichte und hat die Wirkung moderner Filmmusik. Eine Musik, die man nach meinem Verständnis nur schwerlich leise und verhalten spielen kann, sie braucht einen gewissen „Wumms“. Der auf neue Musik spezialisierte Dirigent Bernhard Kontarsky hat das jedenfalls genauso gesehen, denn er hat mit seinen Musikern ordentlich „Gas gegeben“. Umso fantastischer, dass es die Hauptfiguren geschafft haben, gesanglich mitzuhalten.

Alles in allem war auch die zweite Premiere in Lyon ein Erlebnis besonderer Art und auch hier ist meine Empfehlung: Unbedingt anschauen!

Die weiteren Termine finden sich hier.


Fotos: © Stofleth

Vom Filmemacher zum Opernregisseur: Interview mit Axel Ranisch

Von |2022-05-11T12:21:14+02:0021.03.2022|Oper|

Filmemacher, Buchautor, Opernregisseur – Axel Ranisch ist ein Generalist und obendrein ein sympathischer Gesprächspartner. In meinem Interview mit ihm erklärt er, wie er zur Oper fand, was eine gute Inszenierung für ihn ausmacht und warum ihm Buh-Rufe sehr nahe gehen.  

Wir haben uns vor der Opernpremiere des Rigoletto in Lyon zu einem Gespräch verabredet. Im Konferenzraum im obersten Stock des imposanten Opernhauses treffe ich auf den 38-Jährigen. Schon die Begrüßung ist äußerst herzlich und offen: Er habe die Interviewtermine nur so legen können, weil er gleich seine Familie erwarte. Ob das denn in Ordnung sei? Natürlich ist es in Ordnung, und bisher hatte sich keiner meiner Interviewpartner die Mühe gemacht, das zu fragen. 

Nicht nur gut und böse zeigen 

Ich möchte zunächst wissen, wie Axel Ranisch an eine Inszenierung herangehe, was ihm dabei wichtig sei. Der Regisseur muss nicht lange nachdenken: „Mir ist vor allem wichtig, dass die Personen in einer Oper vielschichtig sind und nicht zu holzschnittartig. Für mich gibt es nicht nur gut oder böse, das wäre auch langweilig. Auch bei der Inszenierung der Oper Hänsel und Gretel in Stuttgart hat mich das interessiert: Kann man die Hexe anders darstellen, als nur böse? Auch den Vater von Hänsel und Gretel, der ja eigentlich ein Ja-Sager ist, wollte ich etwas differenzieren.

Dabei ist dem gut gelaunten Mann mit dem Wuschelkopf daran gelegen, nicht zu kompliziert oder zu düster und sperrig zu werden: „Die Geschichte muss erhalten bleiben, Oper muss auch Spaß machen und verständlich sein. Ich denke da sehr vom Publikum aus. Hänsel und Gretel zum Beispiel ist eine Kinderoper. Da sind auch Kinder im Publikum und die sollen – trotz aller Greuel in diesem Märchen – einen schönen Abend erleben.“ 

„Rigoletto ist eine Testosteron-Oper“ 

Für Rigoletto war die Frage nach der Ausdifferenzierung der Charaktere ebenfalls zentral. Ranisch: „Die Oper wurde schon 500.000 Mal inszeniert. Da fragt man sich schon, wie geht man da am besten heran.“ Zunächst sei Rigoletto für ihn ein Problem gewesen, da die Oper „nicht in der Balance“ sei. Es gebe viel zu viele Männer und unglaublich viel Testosteron. Das Weibliche komme deutlich zu kurz.  

Um mehr Gleichgewicht herzustellen, ersann der Regisseur eine interessante Lösung: „Ich hatte sehr schnell die Idee, eine zweite Erzählebene hinzuzufügen. Verdi hat eine Menge Leerstellen gelassen, so erfährt man beispielsweise nichts über die Frau von Rigoletto, Gildas Mutter. In meiner Rahmenhandlung erzähle ich daher von Hugo, ein leidenschaftlicher Fan der Verdi-Oper, dessen Leben gewisse Parallelen zu Rigoletto aufweist. Ihm gebe ich eine Frau an die Seite, um so den Charakter (auch des Rigoletto) stärker auszuleuchten.“

Film in die Oper bringen 

Hugos Geschichte wird in erster Linie filmisch erzählt. Das ist kein Zufall, sondern liegt in Axel Ranischs Werdegang begründet. Der Berliner erzählt, warum er den Film in die Oper bringt und wie er in die Regiearbeit gekommen ist: „Ich habe immer schon die Oper geliebt, schon als Kind und Jugendlicher. Aber eine musikalische Bildung war in unserer Familie nicht im Fokus, und so bin ich erst viel zu spät mit Musik in Berührung gekommen. Ich bin ein musikalischer Laie, der sich autodidaktisch das ein oder andere beigebracht hat.“ Ranisch hatte nach seinem Abitur eine andere künstlerische Karriere für sich gewählt: Er lernte an der Filmhochschule und machte schon bald mit verschiedenen Kurzfilmen auf sich aufmerksam.  

Axel Ranisch ist sowohl Regisseur, Schauspieler, Produzent und Autor. Sein Roman „Nackt über Berlin“, der von zwei schwulen Jugendlichen erzählt, hat viel positive Resonanz erhalten. Ebenso seine filmischen Arbeiten. Das zu dieser breiten Palette an Professionen auch noch die Oper dazukommen würde, habe er sich niemals träumen lassen, so Axel Ranisch: „Ich war völlig überrascht, als sich Nikolaus Bachler, der ehemalige Intendant der Münchener Staatsoper, bei mir meldete, um mich für ein Opernprojekt zu gewinnen. Damit ging unerwartet ein Herzenswunsch in Erfüllung.“ 

Als „Quereinsteiger“ habe sich Ranisch immer gerne der Werkzeuge bedient, die er vor allem beherrscht: „Ich komme vom Film, also habe ich Film mit in die Oper genommen. Damit fühle ich mich wohl.“ Was ist für Ranisch das Besondere an Opern-Inszenierungen? „Oper ist deutlich vielschichtiger als Film. Man hat es mit einem Publikum zu tun, dass durchaus gefordert werden möchte. Dadurch kann man komplexer an Opern herangehen als an gängige Filmprojekte. Außerdem ist die Kombination aus Musik, Schauspiel und Gesang mit anderen Anforderungen verbunden: Was kann man den Sängerinnen und Sängern zumuten? Was geht schauspielerisch, was nicht? Das ist sehr interessant“, erklärt er mir.

Trotz seiner Begeisterung für das Genre Oper möchte Axel Ranisch sich darauf nicht begrenzen. Er sagt: „Ich finde es toll, wenn ich beides machen kann. Die Abwechslung gefällt mir und es geht mir gut damit.“ 

Mit Rigoletto Frankreich entdeckt 

Rigoletto ist für Ranisch die erste Arbeit in Lyon. Er habe sich sehr gefreut, als ihn Serge Dorny, der kurz davor war, nach München zu wechseln, mit seinen Arbeiten kennenlernen wollte. Das Ensemble in München sei ihm sehr ans Herz gewachsen und er war schon in Sorge, ob mit dem Weggang Bachlers die Zusammenarbeit aufhöre. Daher wollte er die Arbeit für Lyon in jedem Fall übernehmen. 

Das war vor zwei Jahren, kurz bevor Corona alle Spielstätten lahmlegte. „Das Stück lag zwei Jahre in der Schublade“, so Ranisch. Ob er es denn jetzt unverändert auf die Bühne gebracht habe? Ranisch lacht: „Nein, natürlich habe ich nochmal daran herumgefummelt. Es gab viel Überflüssiges, viele Arabesken, die ich herausgenommen habe. Ich glaube, es ist dadurch besser geworden.“ 

Mit Lyon hat Ranisch nicht nur eine neue Opernstätte, sondern zugleich auch Frankreich kennengelernt. „Ich bin überall gewesen und habe mir viel angeschaut. Und das Ergebnis ist ein neuer Weinschrank in meiner Wohnung in Berlin“, erzählt er lachend.  

Freundlichkeit und gute Laune scheinen sowieso für den 38-Jährigen von zentraler Bedeutung zu sein. So gibt er zu, dass ihm Buh-Rufe durchaus nahe gehen: „Ich möchte schon, dass meine Werke gefallen und eine positive Wirkung auf das Publikum haben. Bisher hatte ich Glück und wurde nicht ausgebuht. Das wäre mir auch nicht egal. Da bin ich sensibel.“  

Bei Rigoletto jedenfalls konnte er sich über begeisterten Applaus freuen. Das wird ihm sicher gefallen haben, vor allem weil auch seine Mutter im Publikum saß …  

Rigoletto Oper Lyon: Feuerwerk an Emotionen und grandiose Sänger

Von |2022-05-11T12:17:07+02:0019.03.2022|Oper|

Im Vorfeld der Aufführung hatten wir ein Interview mit dem Regisseur Axel Ranisch und waren daher bestens vorbereitet. Dabei hätte es dies nicht gebraucht: Die Premiere von Rigoletto ging direkt ins Herz, sowohl über die Bilder als auch über Musik und Gesang. Es war ein lustiger, trauriger, anrührender und besonderer Abend, den wir in Lyon erleben durften, und er bleibt sicherlich für längere Zeit unvergessen.

Multitalent Axel Ranisch führt Regie

Axel Ranisch hat seine Ausbildung als Filmemacher absolviert. An die Oper geriet er eher durch einen Zufall. Daher ist es nicht verwunderlich, dass seine Oper nicht ohne Leinwand auskommt. Verwunderlich ist eher, wie gut diese Mischung zwischen Film und Oper funktioniert und wie sehr das Bühnengeschehen durch die Ergänzung um Bewegtbild bereichert wird.

Nicht jedem gefällt es, wenn filmische Szenen das Bühnengeschehen überlagern oder ergänzen. Tatsächlich erntete Regisseur Axel Ranisch für seine „wilde Inszenierung“ einige Buh-Rufe – im Gegensatz zu dem musikalischen Ensemble, das sehr bejubelt wurde. Meiner Begleitung und mir gefiel dagegen Ranischs Ansatz extrem gut. Auch wenn es manchmal schwer war, dem Gewusel auf Bühne und Leinwand gleichzeitig zu folgen.

Die Handlung

Aber der Reihe nach: Mir – als Opern-Spätstarterin – war Rigoletto neu. Ich hatte diese wunderbare Oper bisher nicht gesehen und kannte auch die Musik nur in wenigen Ausschnitten. Die Handlung hier nun – wie immer – in Kurzform schnell erzählt:

Die Handlung ist wie immer schnell erzählt: Hofnarr Rigoletto hilft seinem Dienstherren, dem Frauenverführer und Herzog (Duca) von Mantua, bei seinen diversen Liebensabenteuern. Den gehörnten Ehemännern, abservierten Ehemaligen etc. gegenüber verhält er sich beleidigend und völlig mitleidlos. Als Rigoletto sogar so weit geht, eine verheiratete Frau entführen lassen zu wollen, um sie dem Duca zuzuführen, ist der Zorn der übrigen Männer im Umfeld des Herzogs geweckt. Sie wollen sich rächen, indem sie die vermeintliche Geliebte des Rigoletto entführen lassen. Es handelt sich jedoch um dessen vor dem Herzog und der Welt versteckte Tochter Gilda. Sie wird tatsächlich anstelle des eigentlichen Opfers entführt, verliebt sich in den Duca und wird von ihm entehrt. Rigoletto ist am Boden zerstört. Er plant, dass seine Tochter als Mann verkleidet die Stadt verlässt, während er den Herzog durch einen gedungenen Mörder töten lässt.

Doch auch des Mörders Schwester war die Geliebte des Herzogs und ist ihm zugewandt. Sie überredet ihren Bruder, einen anderen an seiner Stelle zu töten und als Leiche in einem Sack zu präsentieren. Der Bruder folgt ihrem Vorschlag und ersticht anstelle des Frauenhelden die erste Person, die ihm begegnet: die in Männerkleidung getarnte Tochter Gilda. Rigoletto schaut in den Leichensack und entdeckt dort sein geliebtes Kind, das in einem musikalisch fulminanten Finale in seinen Armen stirbt.

Gekonnt kunstvolle Inszenierung mit verzeihbarer Schwäche

Axel Ranisch hat dieser Geschichte einen Erzählrahmen hinzugefügt. Seine Inszenierung beginnt in den Plattenbauten von Berlin. Dort sitzt in einer Wohnung ein einsamer und sehr trauriger Rigoletto-Fan mit Namen Hugo. Er wird auf bühnenbreiter Leinwand gezeigt, wie er in einer tristen, engen Wohnung eine Rigoletto-Videokassette in den Rekorder steckt und seine Herzensoper startet. Während auf dem Fernsehen die Oper beginnt (tatsächlich wird über eine Kamera der Auftritt des Dirigenten gezeigt), greift Hugo zum Revolver, um Selbstmord zu begehen.

Danach wechselt die Szene auf die eigentliche Bühne, die ebenfalls ein Berlin der 80er-Jahre zeigt: Dunkle verkleinerte Hochhaus-Bauten, Punks und wilde Rocker füllen die Bühne. Der Graf gibt eine Party, und es wird wild getanzt und gefeiert. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Parallel erscheint in einem offenen Raum Hugo auf seinem Sofa. Er scheint in die Handlung geworfen zu sein und mäandert während der gesamten Aufführung über die Bühne. Wie ein Geist, der von den anderen zwar wahrgenommen, aber nicht eigentlich gesehen wird, versucht er, das Schlimmste zu verhindern, was ihm aber nicht gelingt.

Während Rigoletto seinem grauenvollen Schicksal entgegenläuft, wird über zwischenzeitlich herabgelassene Leinwände das Leben von Hugo erzählt. Beide haben eine ähnliche Geschichte: Sie sind alleinerziehend und versuchen mit allen Mitteln ihre Töchter zu beschützen, die sich der Enge ihrer Obhut entziehen. Bei Rigoletto endet dies mit dem Tod der Tochter, bei Hugo mit dem eigenen Selbstmord.

Eine tolle szenische Idee, da durch diese Rahmenhandlung auch Rigoletto vielschichtiger und „tiefer“ erscheint und die Motive seiner Handlungen klarer werden. Alle Figuren in Verdis Oper wirken emotionaler, indem sie um diese filmische Parallelgeschichte ergänzt werden.

Allerdings haben für uns einige der Filmszenen das Geschehen auf der Bühne fast zu stark überlagert. Vor allem die Episode, in der erzählt wird, wie Hugo seine Frau bei der Geburt der Tochter verlor, wird auf so großer Leinwand gezeigt, dass das wunderschöne und anrührende Duo von Rigoletto und Gilda auf der Bühne in den Schatten gerät. Insgesamt hat uns aber die Idee dieses „Medienmixes“ sehr gut gefallen.

Starke Stimmen und ein herausragendes Orchester

Abgesehen von der Inszenierung haben aber auch Sänger*innen und Orchester ungeheuer begeistert. Selten habe ich so gut besetzte und stimmgewaltige Hauptdarstellerinnen und -darsteller erlebt. Verdis Musik ist grandios, das Orchester trug dem Rechnung. Der Chor war einfach großartig und die Hauptstimmen trafen direkt ins Herz.

Besonders nahe ging mir Gilda, gespielt von Nina Minasyan. Sie hat einen glockenklaren Sopran, ihre Ausstrahlung ist unglaublich und man konnte sich der Emotion, die sie ausstrahlte, nicht entziehen. Nicht weniger eindrucksvoll aber auch Rigoletto (Dalibor Jenis). Ein gewaltiger Kerl mit gewaltiger Stimme. Toll! Und in gleicher Qualität die dritte Figur: der Graf von Monterone, gesungen und gespielt von Roman Chabaranok. Er überzeugte als den Frauen verfallener Gigolo, der sich bei all seinen Seitensprüngen ganz und gar unschuldig fühlt, da er „nicht anders kann“. Auch er ideal besetzt und mit einer wunderbaren Stimme.

Allen Darstellern und der Inszenierung gelang es, sowohl Witz und Humor als auch Tragik und Gefühl in diese zwei Stunden zu packen. Die Zeit verging im Flug und man fühlte sich wie auf einer emotionalen Achterbahn. Der donnernde Applaus am Ende war durchaus begründet: Es war ein besonderer Abend!

Es lohnt, dafür eine Reise in die wunderbare Stadt Lyon zu machen! Die Aufführung kann noch bis zum 7. April besucht werden.

Don Giovanni in der Oper Lyon

Von |2022-05-11T14:32:10+02:0029.06.2018|Oper|

Die Opéra National de Lyon hatte mich netterweise erneut in ihre Stadt geladen. Inzwischen bin ich schon so etwas wie ein »Stammgast«. Es war meine dritte Reise dorthin. Dass ich mir immer wieder die Zeit nehme, in Lyon in die Oper zu gehen, hat mehrere Gründe.

Einer ist sicherlich die Stadt selbst. Sie ist einfach herrlich. Der historische Stadtkern liegt eingebettet zwischen zwei Flüssen (Saône und Rhône) und erstreckt sich von dort aus auf die umliegenden Hügel. Überquert man die Saône über eine der schönen Fußgängerbrücken, landet man im sogenannten Seidenviertel – ein uralter Stadtteil, der zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde. Der alte Kern ist baulich wunderschön, die Stadt steckt voller Überraschungen und zieht einen vollkommen in ihren Bann. Man kann sie sehr gut erlaufen und findet hinter jeder Ecke, nach jeder Gasse wieder etwas Besonderes. Gerade im Seidenviertel stößt man zwischen uralten Häusern auf viele interessante und einladende Geschäfte und Restaurants.

Ein zweiter Grund, der eine Opernreise nach Lyon besonders macht, ist das Operngebäude selbst. Es prägt das Stadtbild in besonderer Weise: Mit ihrer schwarzen Kuppel und der interessanten Architektur ist die Oper eine Art Wahrzeichen, und man kann sich an ihr – wie hier bei uns am Kölner Dom – von vielen Stellen der Stadt aus orientieren. Aber die Oper Lyon ist nicht nur als Gebäude bemerkenswert. Egal, wann man an ihr vorbeigeht, immer herrscht um das Gebäude herum ein reges Treiben. Es werden vor der Oper kleine Konzerte gegeben, man kann den Streetdancern zusehen und viele Menschen sitzen im Café. Das kenne ich in dieser Form aus keiner anderen Stadt.

Don Giovanni: die Handlung

Last but not least ist es natürlich der Opernbesuch, der mich jedes Mal aufs Neue begeistert. Diesmal hatte ich mich entschieden, Don Giovanni anzusehen. Die recht lange und »aufgedrehte« Mozart-Oper handelt von einem Frauenheld, der laut seines Dieners Leporello schon mehr als 1.000 Frauen verführt hat. Zu Beginn der Oper diskutiert er mit einem seiner »Opfer«, der unglücklichen Donna Anna. Ihr Vater, der Komtur, kommt hinzu, und Don Giovanni tötet ihn im Streit. Danach nimmt das Schicksal seinen Lauf. Er begegnet der nächsten Frau, die er erobern möchte, um dann festzustellen, dass diese eine seiner Ex-Eroberungen ist, Donna Elvira. Sie macht ihm eine Szene, der er knapp entfliehen kann. Doch nur, um Minuten später auf ein bäuerliches Brautpaar zu treffen, bei dem er für Unruhe sorgt, weil er die Braut (Zerlina) in sein Bett bekommen möchte. Nach vielen Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Frauen und ihren Männern endet die Oper, weil die Statue des getöteten Komturs lebendig wird, Don Giovanni heimsucht und ihn in der Erde verschwinden lässt.

Die Inszenierung

Ich war gespannt, wie der Regisseur David Marton in Zeiten von #MeToo dieses Thema des amoralischen Frauenverführers wohl umsetzt. Ich hatte mir etwas Besonderes erwartet – wie bei meinen bisherigen Besuchen in Lyon –, wurde diesmal aber ein wenig enttäuscht. Die Inszenierung war ordentlich, hat mich aber nicht begeistert. Das Bühnenbild ist ein großer Raum in Betonoptik mit runden Öffnungen an zwei Seiten, die sehr eindrucksvoll wirken. Die Kostüme bildeten verschiedene Zeiten ab: Überwiegend modern, gab es einigen Stellen Anspielungen auf den historischen Kontext. Gon Giovanni (Philippe Sly) wird als sehr naiver, wenig einsichtiger und etwas hilfloser Mann dargestellt, der ziel- und haltlos den Frauen – egal welcher Art – verfällt. Er ist ständig ein wenig leidend, ob der vielen Schwierigkeiten, in die er immer wieder gerät. Sein Diener Leporello (Kyle Ketelsen) ist die deutlich weitsichtigere und intelligentere Figur. Was mich an der Inszenierung sehr gestört hat: Die sowieso schon sehr lange, sich oft wiederholende Handlung wurde durch David Marton noch weitergedehnt, da er immer wieder Musikpausen und an einer Stelle sogar einen langen zusätzlichen Dialog des Don Giovanni einbaut. Statt Tempo in Bild und Handlung zu bringen, inszenierte er die Oper eher statisch und teilweise wie in Zeitlupe. Vor allem die aus meiner Sicht völlig kontraproduktiven Verlängerungen hätte man sich in jedem Fall sparen sollen, denn die Oper fordert auch so bereits ein geduldiges Publikum.

Gelungene Besetzung, tolle Orchesterleistung, fideles Publikum

Sehr begeistert war ich dagegen von der Besetzung. Die drei weiblichen Hauptfiguren Donna Anna (Eleonora Buratto), Donna Elvira (Antoinette Dennefeld) und Zerlina (Yuka Yanagihara) ebenso wie Leporello und Don Giovanni haben mich schauspielerisch wie auch gesanglich sehr angesprochen und begeistert. Sie haben die Handlung getragen und durch ihre sympathische und engagierte Art über die teilweise vorhandenen Längen hinweggeholfen. Ihnen und dem Orchester galt dann am Ende auch der Applaus.

Überzeugt hat mich außerdem wieder einmal das Publikum in Lyon. Die Oper war an einem ganz normalen Wochentag mit überragendem Wetter komplett ausgebucht. Das Publikum kam – wie es in Deutschland niemals zu erleben wäre – auf die letzte Minute und füllte den Saal mit frohmütigen Stimmen. Es war extrem gemischt, sowohl im Alter als auch im Stil, und versprühte viel gute Laune. Und obwohl man sehr deutlich merkte, dass nicht nur mir die Oper sehr lang (und manchmal auch ein wenig langweilig) vorkam, blieben sie alle munter dabei und zollten am Ende den Sängerinnen und Sängern ihren Respekt und Beifall. Das hat mich sehr beeindruckt.

Mit anderen Worten: Es gibt viele Gründe, eine Opernreise nach Lyon auf die Reiseplanung zu setzen. Egal wie einem die Inszenierung gefällt, man wird keinesfalls enttäuscht zurückkehren.


Die weiteren Termine für Don Giovanni unter:
https://www.opera-lyon.com/fr/20172018/opera/don-giovanni


Bildverweis: Szenenbild © Jean-Pierre Maurin und © Christian Friedländer

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