Coldplay-Tribute: Klaviermelodien und Kerzenlicht

Von |2022-12-20T20:21:17+01:0020.12.2022|Unterwegs|

Weihnachtszeit ist besinnliche Zeit. Warum also nicht mit ein bisschen Kultur dem vorweihnachtlichen Trubel etwas entgehen? Genau richtig war hier das Coldplay-Klavierkonzert am 15. Dezember 2022 in der Trinitatiskirche in Köln. Als Liebhaberin von Klaviermusik und der Band Coldplay erfüllte mich diese Kombination auf Anhieb mit viel Freude. On top sollte das Konzert bei Kerzenschein stattfinden – umso besser!

 

Ein glücklicher Treffer bei Social Media

Auf das Konzert aufmerksam wurde ich tatsächlich über eine Facebook-Anzeige. So zeigt sich, dass die Zielgruppen-Analysen und Algorithmen des sozialen Netzwerks durchaus etwas sehr Positives bewirken können. Das Klavierkonzert in der Trinitatiskirche war eines der Candlelight-Konzerte des Veranstalters fever, dessen Anzeige sofort meine Aufmerksamkeit hatte. Auch wenn die weltweit stattfindenden Konzerte bei näherem Hinschauen etwas kommerziell wirken, habe ich spontan zwei Tickets gekauft und war sehr gespannt auf den Abend.

 

Besinnliche Stimmung nach einer aufregenden Anreise

Da ich und meine Begleitung etwas spät in Ehrenfeld gestartet sind, ist der Weg zum Konzert erstmal ein wenig turbulent. Wir mussten unbedingt vor Konzertstart da sein, denn danach war kein Einlass mehr möglich. Gar nicht so einfach, in der Adventszeit in Köln schnell irgendwohin zu kommen. Doch trotz überfüllter KVB, schaffen wir es noch rechtzeitig zu unseren Plätzen in der Trinitatiskirche. In dem mit großen LED-Kerzen gefüllten Raum dauert es dann nicht lange, bis die besinnliche Vorfreude auf das Konzert uns wieder hat.

 

Klavierkonzert zu Coldplay Songs in der Trinitatiskirche in Köln

 

Coldplay-Klassiker zur Weihnachtszeit

Die ersten Klaviertöne des Songs Clocks erfüllen dann in eindrucksvoller Weise den Kirchenraum. Die Klaviermelodie zieht das Publikum sofort in ihren Bann und es herrscht ansonsten völlige Stille. Aufmerksam folgen wir der virtuosen Darbietung des Pianisten Giorgos Fragos. Nach diesem ersten Stück richtet der Pianist ein paar Worte an die Besucher*innen und erklärt den Ablauf des gut einstündigen Konzerts.

Es folgen vier Trios von Coldplay-Songs, welche ineinander übergehend gespielt werden. Der Klang des Flügels im Altarraum der Trinitatiskirche ist beeindruckend, die bekannten Songs wirken in den Klavierversionen vertraut und dennoch zum Teil überraschend anders. Gespielt werden:

Don’t Panic – Speed of Sound – Trouble
Fix you – Paradise – In my place
Adventure of a Lifetime – Hymn of the Weekend – Yellow
The Scientist – Sky Full of Stars – Viva la Vida

Nach einem kleinen Applaus zu jeder der knapp 15 Minuten andauernden Komposition folgt eine weitere Ansprache des Pianisten zu den darauffolgenden Stücken. Am meisten beeindruckt haben mich die Klavierversionen von The Scientist und A Sky Full of Stars im letzten Block.

Die Darbietung von The Scientist ließ sofort eine sehr emotionale Stimmung aufkommen, welche uns in dem mit Kerzenlicht ausgeleuchteten Kirchenraum noch einmal mehr einfängt. Die kraftvollen Klaviertöne von A Sky Full of Stars hingegen gehen gefühlt weit über den Kirchenraum hinaus, der Coldplay-Song wird von Giorgos Fragos wirklich virtuos gespielt.

 

Kerzen in der Trinitatiskirche in Köln

 

Ein Weihnachtssong zum Advent?

Das vorab veröffentlichte Line-up des Konzerts ließ bereits vermuten, dass sich die gespielten Stücke besonders auf die sehr bekannten Klassiker der Band Coldplay konzentrieren – und genauso war es. Das finde ich zu dieser besonderen Jahreszeit etwas schade, gefreut hätte ich mich zum Beispiel über die Coldplay-Weihnachtssongs Christmas Lights oder 2000 Miles.

Von der Auswahl der Stücke ganz abgesehen, lässt das Konzert an diesem Abend aber keine Wünsche offen. Die tolle Akustik in der Trinitatiskirche und die Umsetzung des Klavierkonzerts bei Kerzenschein gehen unter die Haut und sorgen für ein wunderschönes Konzerterlebnis. Auch über eine kleine Zugabe dürfen wir uns freuen – gespielt wird eine Klavierversion von Queen als letzter Song des Abends.

Eine wirklich schöne Erinnerung an die Weihnachtszeit 2022. 😊

 

 

Gstaad Menuhin Festival: Ein geradezu „rockiger“ Vivaldi

Von |2022-08-29T18:46:28+02:0029.08.2022|Unterwegs|

Mein zweiter Besuch des Menuhin-Festivals in Gstaad (Schweiz) beginnt wie beim vergangenen Mal mit einem Konzert in der Kirche Saanen. Diesmal mit der vielseitigen und sympathischen Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Im Mittelpunkt steht Musik von Vivaldi kombiniert mit zeitgenössischen Kompositionen. Eine spannende Mischung...

Kirche Saanen: Historischer Aufführungsort mit viel Charisma 

Die Kirche in Saanen mit ihren Malereien aus dem Jahre 1470 ist für mich ein besonderer Aufführungsort. Ich bin fasziniert von der Ausstrahlung dieses alten Kirchenraums mit seiner Holzkassetten-Decke und den wunderschön verzierten Wänden. Entsprechend habe ich mich beim diesjährigen Menuhin-Festival auf das Konzert in der Kirche besonders gefreut. Der Raum strahlt viel Wärme und Leidenschaft aus, genau der richtige Rahmen für besondere Musik. 

Unter dem Titel „Vivaldis Tod in Wien“ spielt Patricia Kopatchinskaja, Violine, gemeinsam mit dem Barockorchester Il Giardino Armonico unter der Leitung von Giovanni Antonini. Das Programm hat die Geigerin zusammengestellt. Sie ist für ihre Experimentierfreude bekannt und hält tatsächlich einige Überraschungen für uns bereit.

Orchester beim Gstaad Menuhin Festival

Ein furioses Konzert 

Schon die Minuten vor dem Konzertbeginn lassen Gutes vermuten: Die Musiker*innen, die auf der Bühne ihre Instrumente stimmen, strahlen schon im Vorfeld eine ungemeine Freude und Begeisterung aus. Als dann die Geigerin auf die Bühne kommt und ihre Schuhe auszieht, ist klar: Das wird anders. Und so ist es: Wir erleben einen furioser Abend mit wunderbaren und unglaublich engagierten Musiker*innen und einer Geigerin, die wirklich alles aus ihrem Instrument zu holen vermag. Farbenfroher als die übrigen Mitglieder fügt sie sich unkonventionell in das Orchester ein und baut umherwandelnd eine Verbindung zu ihrer Umgebung auf.  

Das knapp eineinhalbstündige Konzert widmet sich der Musik von Antonio Vivaldi. Es werden Ausschnitte aus verschiedenen seiner Konzerte auf die Bühne gebracht, alle mit Tempo und viel Emotion interpretiert. Mir fällt wieder einmal auf, wie modern Vivaldi klingt. Auch mein jugendlicher Reisebegleiter ist wie gebannt von den Rhythmen und der Emotionalität dieser Musik.  

Wie von Patricia Kopatchinskaja zu erwarten, bleibt es nicht bei Vivaldi. Die 45-Jährige ist bekannt für ihre Beschäftigung mit neuer Musik. Entsprechend verbindet sie an diesem Abend viele neue Werke mit dem alten Meister. Das Ergebnis ist beeindruckend: Neu und alt verbinden sich zu einer musikalischen Achterbahnfahrt, mit leisen Tönen und viel Fortissimo, mit ruhigen Passagen und extrem temporeichen Strecken. Es wird keine Sekunde langweilig, und die Musik berauscht das Publikum schon nach wenigen Minuten. 

Doch nicht nur die Solistin verdient Lob: Das Ensemble Il Giardino Armonico, das auf historischen Instrumenten spielt, ist ebenfalls von überragender Qualität. Musikalisch gehen sie jede Abzweigung des bunten Programms mit, immer mit Begeisterung und höchster Professionalität. Als dann die Musikerinnen und Musiker auch noch eine kleine „Beatbox-Improvisation“ ergänzen, sind wir endgültig hingerissen. Die Zeit vergeht im Flug und schon verabschieden sich Orchester und Solistin unter großem Applaus. 

Geigerin Patricia Kopatchinskaja beim Menuhin Festival

 

Sinnbild für das Menuhin-Festival 2022 

Für mich ist dieses Konzert ein Sinnbild für das Menuhin-Festival 2022: Das traditionsreiche, überwiegend an historischen Orten aufgeführte Festival zieht viel „Weißhaar-Publikum“ an, alle – wie es sich wohl für Gstaad gehört – eher wohlhabend und recht steif.  

Doch es gibt seit einigen Jahren auch ein anderes Menuhin-Festival, das sich jünger, bunter und offener präsentiert. So bietet das digitale Festival eine Reihe spannender Videos und Konzertmitschnitte (auch vom beschriebenen Konzert), es gibt Podcasts und einen großen Akademie-Bereich mit Meisterkursen für Nachwuchs-Musiker*innen.  

In 2022 lautet das Motto Nachhaltigkeit. Damit zeigt das Festival seine Modernität. Es hat ein umfassendes Konzept entwickelt, um möglichst CO2-neutral zu werden. Maßnahmen vor Ort und eine stärker auf Nachhaltigkeit ausgerichtete An- und Abreise von Künstlerinnen und Künstlern sowie Gästen stehen ebenfalls auf der Agenda. Für ein Festival in den Schweizer Bergen eine besondere Herausforderung. 

Eine alte Kirche und zeitgenössische Musik; ein eher älteres Publikum und eine moderne Geigerin, die barfuß spielt. Das alles geht zusammen, wenn man es richtig und vor allem mit Begeisterung vermittelt. Genauso gehen hoffentlich das „alte“ Menuhin-Festival und die modernen Festival-Ideen zusammen, denn es ist sicher lohnend, wenn es gelingt, sich für neue Zielgruppen zu öffnen. 

Haben Musiker*innen im Lockdown von digitalen Plattformen profitiert, Sylvie Atterer?

Von |2022-05-11T12:11:04+02:0001.12.2021|Digitalkultur|

Livestreaming ist in der Pandemie für viele Musiker*innen zumindest zeitweise die einzige Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten. Wie Streaming-Angebote in der Branche angenommen werden und welchen Einfluss sie haben, fragt Mirjam Wilhelm die Musikagentin Sylvie Atterer.

 Wie ich als leidenschaftlicher Musikfan persönlich die Live-Konzerte in den Lockdown-Zeiten vermisst habe, habe ich neulich in meinem Blog-Beitrag zur gegenwärtigen Musikbranche bereits beschrieben. Viele Künstler*innen mussten in der Zeit spontan auf diverse digitale Kanäle ausweichen, um sich mit Livestream-Konzerten über Channels wie Twitch, YouTube oder ihre eigenen Social-Media-Kanäle über Wasser zu halten. Zum Teil gab es auch Events mit Spendenmöglichkeit, wie zum Beispiel die Gothicat Festivalreihe. Teilweise wurden für die Streams Tickets verkauft, durch die sich die Fans dann mit einem Code einwählen konnten. Ob und inwiefern digitale Wege geholfen haben und was davon zurückbleibt, habe ich die Kölner Musikagentin Sylvie Atterer gefragt. Sie betreibt ihre eigene Agentur Sailor Entertainment, in der sie Künstler wie Evanescence, Beyond The Black und Wardruna vertritt.

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Wie hat Corona die Musikbranche verändert?

Von |2022-04-28T10:26:14+02:0027.10.2021|Digitalkultur|

Was bleibt in der Musikbranche aus den Zeiten der Lockdowns hängen? Nach langen Monaten des Live-Streaming gibt es endlich wieder Konzerte. Doch ganz so wie vorher wird es wohl nicht wieder werden, berichtet unsere neue Kollegin Mirjam Wilhelm.

2020 kam der Lockdown. Und damit eine plötzliche Stille. Keine Konzerte, keine Festivals oder sonstige Veranstaltungen mehr. Während das für mich „nur“ eine harte Auszeit im Privatleben bedeutete, hieß das für Musiker*innen und natürlich unzählige Künstler*innen und Kulturschaffende aus diversen Branchen einen kompletten beruflichen Einbruch. Jetzt musste schnell gehandelt und kreative digitale Lösungen erarbeitet werden: Livestreams, Plattenaufnahmen, Chats, Promotion – alles wurde ins Netz verlegt. Einiges war möglich, vieles nicht. Aber das, was möglich war und sich bewährt hat, bleibt auch jetzt noch.

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Digitale Konzerte, Museen und Theater – Hat das alles eigentlich eine Zukunft?

Von |2022-04-28T10:33:11+02:0004.02.2021|Digitalkultur|

Die Lockdowns während der Coronapandemie haben viele digitale Angebote von eigentlich nicht-digitalen Institutionen hervorgebracht. Viele gute und auch nicht so gute Beispiele haben wir hier auf dem Kultur-Blog schon besprochen. Doch wie steht es um die digitalen Kulturangebote im Gesamten? Sabine Haas gibt eine Einschätzung.

 

In Zeiten von Corona bleibt den Kultureinrichtungen nur der eine Weg, um mit dem Publikum in Kontakt zu kommen: Das Internet. Es ist also kein Wunder, dass es inzwischen ein extrem breites Angebot an digitaler Kultur gibt und dieses Angebot täglich weiter wächst. Kulturinteressierte können digital Konzerte besuchen, Theater-Livestreams verfolgen, 360-Grad-Apps auf ihr Handy laden, Podcasts abonnieren und vieles mehr. Das ist toll, denn es zeigt, wie breit die Möglichkeiten digitaler Kulturerfahrungen inzwischen sind.

Dennoch: Immer noch sind viele dieser digitalen Kulturevents eher „Notlösungen“ oder „Ausweichangebote“, die die Pandemie als Ausnahmesituation hervorbringt und die nicht wirklich überzeugen. Der Grund: Vieles ist nicht durchdacht, einiges technisch sehr aufwändig und oft ist die Hürde bei der Nutzung so groß, dass man schon vor dem Einstieg abgeschreckt ist.

Nach einer Reihe von „digitalen Kulturbesuchen“ bekomme ich mehr und mehr den Eindruck, dass es noch eine Weile dauert, bis sich eine attraktive und sinnvolle „digitale Kulturlandschaft“ herausgebildet hat, deren Besuch wirklich Spaß macht – und zwar nicht nur in Zeiten einer Pandemie.

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„Inseln“ – der MDR-Rundfunkchor dokumentiert sein Innenleben

Von |2022-04-28T10:36:33+02:0015.12.2020|Digitalkultur|

Der MDR-Rundfunkchor zeigt in einer Multimedia-Dokumentation eine Corona-Komposition. Was sperrig klingt, ist eine außergewöhnliche Öffnung, die sich der Isolation dieser Zeit zu widersetzen scheint, ohne sie schlicht zu ignorieren, meint unser Autor Nils Bühler.

 

Ich bin kein Fan von Dokus. Die älteren schläfern mich ein, die neueren empfinde ich seit dem Zusatz „-tainment“ als zumindest tendenziös. Doch hin und wieder gibt es dann doch Exemplare, die besondere Einblicke in unbekannte Welten erzeugen. Es ist mal wieder so weit: Ich kann mich über eine Doku freuen. Zu verdanken habe ich das der Coronapandemie.

Die Multimedia-Dokumentation „Inseln“ ist die Corona-Schöpfung des MDR-Rundfunkchors, der wie die meisten Kultureinrichtungen Lockdown-Zwangspausen erlebt. „Inseln“ sollte dem Chor ermöglichen, auch in Zeiten sozialer Distanz gemeinsam zu klingen und eine Uraufführung präsentieren zu können. Da der 72-köpfige Chor wegen Abstandsregeln nicht in leiblicher Kopräsenz singen kann, bleibt zum Zusammenklingen nur eine zeitlich versetzte Performance, die am Schluss zusammenmontiert wird. Das klingt bisher zugegebenermaßen nicht nach einem außergewöhnlichen Konzept – Tonschnitt gibt es schließlich schon seit vielen Jahrzehnten. Doch „Inseln“ ist mehr als eine Montage. Es versucht, das in der Pandemie veränderte Spannungsfeld von Nähe und Distanz zu thematisieren und macht dabei, wie ich finde, vieles richtig.

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»The Highest Level« – die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker

Von |2022-05-11T14:31:30+02:0027.07.2018|Digitalkultur|

Die Berliner Philharmoniker betreiben bereits seit 2008 die Digital Concert Hall, ein Pionierprojekt, das die Philharmonie aus ihrem analogen Elfenbeinturm in die digitalisierte Weite bringen soll. Ich habe das Angebot getestet, um herauszufinden, ob der Versuch der Demokratisierung funktioniert, ob die Nutzung des Mediums im Alltag eines interessierten Dilettanten realisierbar ist und ob sie sich überhaupt anbietet.

Zunächst die schnöden Fakten. In die Nutzung des Angebots investiert man zweierlei: Geld und Zeit. In der »Abonnement«-Variante zahlt man für den unbegrenzten Zugang 14,50 Euro im Monat, es gibt aber auch sogenannte Tickets, die den geneigten Nutzerinnen und Nutzern Zugänge über einen Zeitraum von 7 Tagen (9,90 Euro), 30 Tagen (19,90 Euro) und 12 Monaten (149,00 Euro) verschaffen. Es drängt sich der Vergleich zu Spotify und Co. auf, die jeweils etwas unter dieser Preisklasse liegen und dafür Klassik en masse anbieten. Lohnt sich das Angebot der Digital Concert Hall also? Will man Klassik am Fernseher oder am Computer hören und sehen?

Tatsächlich zeigt sich mir schnell, dass das Angebot an Konzerten zwar deutlich erschöpflicher ist als das der Streaming-Giganten, ein Vergleich jedoch wenig angebracht scheint. Spotify bietet zwar Unmengen an klassischer Musik, das Angebot der Digital Concert Hall richtet sich jedoch an ein vollkommen anderes Interesse. Sie bedient nicht das Verlangen, Klassik zu hören, sondern sie zu entdecken – und das aus erster Hand.

Qualitativ wie technisch: »The Highest Level«

Bei den zum Streamen angebotenen Konzerten handelt es sich sowohl klanglich als auch optisch um qualitativ sehr hochwertige Aufnahmen – wobei sich Ersteres natürlich als Grundvoraussetzung erklärt. Mich haben besonders die Nahaufnahmen der Musiker begeistert, die auffällig harmonisch mit der Musik geschnitten sind. Man tritt in eine sehr innige, fast schon voyeuristische Beziehung zu den Agierenden, die man auch bei leiblicher Anwesenheit so nie erfahren kann. Das streichelt das Verlangen des visuell verwöhnten Mediennutzers.

Der Zugang zu diesen Aufnahmen ist jedoch sehr abhängig von den Endgeräten, auf denen sie geschaut und gehört werden. Eine Vielzahl an Geräten kann auf die Digital Concert Hall zugreifen, die Sinnhaftigkeit davon ist jedoch meistens fraglich. Um etwas von dem Angebot zu haben, benötigt man ein digitales Endgerät mit qualitativ hochwertiger Bild- und Tonausgabe – also einen Computer oder einen Smart-TV mit guten, großen Boxen. Für die meisten Menschen bedeutet das, dass sie eine bessere Soundqualität haben, wenn sie CDs oder Musikstreaming-Dienste nutzen, denn diese sind meistens von vornerein an bessere Boxen angeschlossen. Ohne gute Soundqualität fehlt der Digital Concert Hall »der Wumms«, den eine Liveorchester mit sich bringt, und das Erlebnis lässt zu wünschen übrig. So stellt sich für mich auch die Frage, wer das Angebot wirklich mit dem Handy oder Tablet nutzen würde. Für Klassikliebhaber, die nicht einfach in eine nahegelegene Philharmonie spazieren können und die mit den entsprechenden Mitteln ausgestattet sind, ist das Angebot jedoch eine gute Alternative. Für diese Zielgruppe sind sicher auch die Liveübertragungen am interessantesten.

Ein Angebot, die Welt der Klassik zu entdecken

Trotz dieser Einschränkungen gelingt die Demokratisierung der Philharmoniekultur. Hinter der Paywall, die für Studierende sowie für Musiklehrerinnen und -lehrer günstiger zu knacken ist, verbirgt sich vor allem die Möglichkeit, die Welt der Klassik zu entdecken. Zum einen lädt die Katalogisierung der Konzerte zum Durchklicken ein: Man kann nach Dirigenten, Komponisten, Solisten, Genres und vielem mehr filtern. Zum anderen gibt es neben den Konzerten eine Reihe von Dokumentationen, Interviews und Ähnlichem, die der Philharmonie die kühle, elfenbeinartige Anonymität raubt. Ich wollte nur kurz in einen dieser Filme reinschauen, bin dann aber in den Bann der Dokumentation »The Highest Level« gezogen worden, die zeigt, wie die Philharmoniker unter Leitung von Sir Simon Rattle zusammen mit Lang Lang eine Aufnahme durchführen. Dies alles macht aus dem Klassik-Wust eine zu erfassende Größe, die auch für Un- und Kaumwissende wie mich bereichernd ist. Eine Suche nach vergleichbaren Portalen war erfolglos.

Die Digital Concert Hall bietet so die Möglichkeit, Klassik recht umfassend zu erfahren, ohne auf ein Philharmonie-Abonnement oder ausgiebige Lektüre angewiesen zu sein. Insofern ist auch der Preis zu vertreten, auch wenn sich die Frage stellt, warum der Rabatt nicht für Geringverdienende angeboten wird. Wie die Dokumentation »The Highest Level« präsentieren sich die Berliner Philharmoniker somit zwar noch recht »elitär«, gleichzeitig aber auch menschlich und nahbar.

 

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