»Die tote Stadt«: Gelungene Unterhaltung, schwer und eingängig zugleich

Von |19.06.2019|Oper|

Die Oper Wuppertal war bisher ein weißer Fleck auf meiner Opernlandkarte. Das wollte ich am Wochenende ändern. Gemeinsam mit einer Freundin besuchten wir die Premiere zu »Die tote Stadt« von Erich Wolfgang Korngold. Wie der Titel schon vermuten lässt, war es keine leichte Kost, die wir uns da ausgesucht hatten. Aber ein gelungener Abend war es in jedem Fall. 

Schon die Werkseinführung, die wir uns angeschaut haben, hat uns sehr gefallen. Sie hat perfekt auf den Abend eingestimmt. Chefdramaturg David Greiner erzählte etwas zur Person Korngolds, dem »Wunderkind«, das 1920 mit »Die tote Stadt« im Alter von 23 Jahren schon seinen dritten »Hit« landete. Der junge Wiener Komponist, der zwischen den verschiedensten musikalischen Strömungen im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts aufwuchs, entschied sich für eine tonale, sehr eingängige und relativ »bombastische« Musik. Damit bediente er den Mehrheitsgeschmack seiner Zeit. Auch das Thema, das uns heute für eine Oper doch sehr düster und melancholisch erscheint, traf anscheinend damals den Nerv: Kurz nach dem ersten Weltkrieg ist das Thema Tod und Trauer überall präsent, es beschäftigt das Publikum. 

Die Geschichte der Oper ist schnell zusammengefasst: In der düster und trüb wirkenden Stadt Brügge (der »toten Stadt«) stürzt Paul nach dem Tod seiner geliebten Ehefrau Maria in große Trauer. Er vergräbt sich in seiner Wohnung oder wandert ziellos zwischen den Lieblingsorten seiner Frau in der Stadt umher. Irgendwann begegnet er Marietta, die seiner Maria äußerlich extrem ähnlich sieht, aber als lebenslustige Tänzerin einen deutlich anderen Charakter hat. Die Doppelgängerin und die Verstorbene verschwimmen für Paul immer mehr zu einer Person. Er verfällt Marietta, ist aber zugleich abgestoßen, weil es nicht seine geliebte Frau ist und Marietta ihm untreu wirdAm Ende tötet er Marietta und wird danach gewahr, dass ihr Erscheinen nur ein fürchterlicher Traum war. 

In Wuppertal wird die Erzählung, die auf dem Roman »Das tote Brügge« des belgischen Autors Georges Rodenbach basiert, voRegie-Team Immo Karaman und Fabian Posca in Szene gesetzt. Sie interpretieren Korngolds Oper als eine Art Psychogramm, eine pathologische Extremsituation der Trauer. Die Figuren Marie und Marietta werden beide von einer Darstellerin ins Bild gesetzt, alle Szenen wirken irreal und überzeichnet, sodass von Beginn an eine surreale Atmosphäre herrscht, die das Traumgeschehen passend übersetzt 

Die Inszenierung des Stücks ist überaus gelungen und stimmig. Alle Passagen, in denen Paul allein oder mit seiner verstorbenen Marie auftritt, sind in der Farbe grau gehalten. »Mariettas Welt« dagegen ist farbenfroh und bunt.  

Das Bühnenbild ist gut durchdacht und wirkungsvoll, obwohl eher schlicht: Zu Beginn wird ein grauer, nur mit einem Stuhl möblierter Raum gezeigt. In der Rückwand des Raumes befindet sich eine Metalltür, wie man es aus der Gerichtsmedizin kennt. Sie ist geöffnet und heraus ragt Marias Leichnam auf einer Bahre. Dieser Raum stellt Pauls Wohnung dar. Mit grauen Vorhängen, die auf zwei Ebenen verlaufen, wird das Bühnenbild während des Geschehens immer wieder teilweise verborgen, um dann mit neuen Szenenbildern erneut sichtbar zu werden. Das hat eine tolle Wirkung und sorgt für viel optische Abwechslung und eine ständige Veränderung der Szenerie.  

Im zweiten Bild verschwindet dann die Rückwand des Raumes und gibt den Blick in den hinteren Teil der Bühne frei. Man sieht ein Autowrack, um das herum Personen am Boden liegen. Es ist eine Anspielung auf das Tanztheater, in dem Mariella gerade spielt und das sich ebenfalls mit dem Tod befasst. Auch diese Bühnengestaltung ist gut gewählt und hat eine sehr intensive Wirkung.  

Das dritte Bild kehrt schließlich wieder in den ersten Raum zurück, der jetzt tatsächlich einen Leichenraum im Krankenhaus darstellen soll. Der Traum endet hier. 

Ähnlich gelungen wie die Bühnengestaltung ist die Besetzung. Die zwei Hauptprotagonisten, die eine enorme Leistung zeigen müssen, da sie fast die gesamte Zeit auf der Bühne verbleiben, sind ihren Rollen glänzend gewachsen und überzeugen gesanglich ebenso wie darstellerisch. Es sind dies der Tenor Jason Wickson als Paul, der am Premiere-Abend sein Deutschland-Debut gibt, und die Sopranistin Susanne Serfling als Maria/Marietta, die an der Oper Wuppertal debütiert. Stimmlich für meine Laien-Ohren ebenfalls herausragend ist Simon Stricker als Frank/Fritz. Den größten Applaus allerdings erhielt das Orchester unter der Leitung von Johannes Pell. Ihm wurden für die virtuose Umsetzung der anspruchsvollen Musik Standing Ovations zuteil. 

Entsprechend der Grundstimmung der Geschichte ist die gesamte Oper sehr düster und bedrückend. Das Tempo ist gedrosselt und die Rezeption der mehr als zweistündigen Aufführung fällt trotz gelungener Umsetzung nicht leicht. Während der gesamten Oper herrscht musikalisch eine getragene Stimmung, nichts ist leichtfüßig, alles wirkt schwer und langsam 

Dennoch sind Musik, Sängerpartien und Texte von Beginn an eingängig und emotional ansprechend. Gerade der Orchesterpart zieht das Publikum sofort in den Bann. Viele Passagen im Gesang und im Instrumentalpart erinnern an Filmmusik. Dies ist kein Zufall, denn Korngold emigrierte in den 30er-Jahren in die USA und begründete dort in Hollywood die Filmmusik, die wir heute kennen. Das Muster ist also vertraut, die Musik funktioniert heute so gut wie damals.  

Es ist schon ein seltsames OpernerlebnisAuf der einen Seite die Schwere und Getragenheit des Themas, auf der anderen Seite die Leichtgängigkeit von Musik und Inszenierung, die sich dem Publikum sofort erschließen. Dies erzeugte eine eigenartige Widersprüchlichkeitdie den Abend besonders interessant erscheinen lässt. Ich kann einen Besuch der Aufführung nur empfehlen. 

Eine kleine kritische Anmerkung jenseits der eigentlichen Premiere muss ich allerdings noch machen. Das wunderschöne Opernhaus aus den 50er-Jahren ist wirklich imposant, vor allem die Treppenhäuser sind großartig. Die Bestuhlung erinnert vom Platzangebot allerdings an eine Reise mit einer Billig-Fluglinie: Es ist (zumindest hinten im Parkett) unangenehm eng und entsprechend nicht sehr gemütlich für einen längeren Opernabend. Ein Handicap, mit dem so manches ältere Operngebäude zu kämpfen hat. 


Weitere Termine:

  • So. 30. Juni 2019 18.00 Uhr
  • Fr. 12. Juli 2019 19.30 Uhr (Zum letzten Mal!)

Bild: Copyright Oper Wuppertal. Fotograf: Wil van Iersel

Street Scene – Kurt Weills Oper von 1947 überzeugt durch ein Kaleidoskop an Bildern und Melodien

Von |10.05.2019|Oper|

In Köln läuft derzeit eine Oper von Kurt Weill aus den späten 40er-Jahren mit dem Titel »Street Scene«. Man konnte bereits lesen, dass die Oper gut inszeniert sei, daher war ich neugierig geworden und habe der Vorstellung einen Besuch abgestattet.

»Street Scene« erzählt die Geschichte eines Mietshauses in einer armen Gegend von New York mitten in einem unerträglich heißen Sommer. Zu Beginn erhält man einen Eindruck von den einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses und ihren Geschichten. Es wird klar, dass das Haus von Einwanderern aus aller Herren Länder bewohnt wird, die jeweils mit dem Alltag und dem Überleben in der großen Stadt zu kämpfen haben.

Im Laufe des ersten Aktes fokussiert die Handlung dann mehr und mehr auf die Familie Maurrant: Mutter Anne Maurrant beginnt eine Affäre mit dem Milchmann, da sie von ihrem Leben und der abweisenden Art ihres Mannes enttäuscht ist. Tochter Rose verliebt sich in den Nachbarsjungen Sam Kaplan, der als angehender Akademiker aber eigentlich nicht zu ihr passt. Sie ist sich unsicher, ob sie ihrem Herzen folgen oder eher auf die Avancen ihres Chefs eingehen soll. Dieser ist zwar verheiratet, lockt Rose aber mit dem Versprechen, sie auf die Bühnen des Broadways zu bringen.

Die Geschichte endet tragisch. In Akt 2 kommt Vater Frank Maurrant hinter die Affäre seiner Frau und erschießt sowohl den Liebhaber als auch seine Gattin. Die Tochter findet die Mutter im Sterben liegend vor und muss zusehen, wie ihr Vater in Handschellen abgeführt wird. Ihn erwartet der elektrische Stuhl. Sie verlässt daraufhin das Mietshaus und lässt auch ihren Geliebten Sam zurück, weil sie Angst davor hat, sich mit ihm zu binden.

Für die Hausgemeinschaft legt sich die Aufregung schnell: Neue Mieter ziehen ein. Der Alltag hält wieder Einzug.

Storytelling vom Feinsten

Das Besondere dieser Oper ist für mich die Art, in der die Geschichte erzählt wird. Wie mit einem Kaleidoskop werden die verschiedenen Charaktere und Storys der Mietergemeinschaft beleuchtet. Die Perspektiven wechseln dabei zwischen den einzelnen Parteien, die mit ihren Sorgen und Nöten immer neue Aspekte des Lebens in New York skizzieren. Die Geschichte springt vor allem zu Beginn hin und her und fokussiert erst im Laufe der Handlung auf einen durchgehenden Erzählstrang.

Vielfalt in Musik und Szenenumsetzung

Genauso so ist es mit der Musik: Sie ist bunt, abwechslungsreich und erinnert teilweise an Musical- und Broadway-Hits, teilweise an die klassischen Arien aus der Opernwelt. An vielen Stellen setzt die Musik sogar ganz aus und macht Theaterszenen Platz. Um dies in dem großen Ensemble adäquat abzubilden, bedarf es einer sehr breiten Besetzung. So waren in Köln sowohl Schauspieler als auch Chorsänger, Tänzer, Musical-Stimmen und Opernsänger vertreten – und natürlich das sehr gute Gürzenich-Orchester.

Ein Genrewechsel, der an das Gefühl von Knisterbrause erinnert

Teilweise wirkte der Wechsel zwischen Opern- und Musicalatmosphäre für mich sehr verwirrend und sorgte für regelrechte Brüche in meinem Erleben: Tanzeinlagen wechseln auf Arien, launige Broadway-Songs auf getragene Orchestermusik. Gerade zu Beginn hatte ich dadurch Schwierigkeiten, mich in die Oper hineinzufinden. Aber die Vielschichtigkeit sowohl der Handlung als auch der Musik hatte mich schon bald komplett in ihren Bann gezogen.

Bis hin zu den jüngsten Darstellern eine insgesamt überzeugende Besetzung

Vor allem begeistert hat mich neben dem Orchester die schauspielerische Leistung der Kinderdarsteller, allen voran der kleine Joseph Sonne als Willie Maurrant. Er spielte seine Rolle des frechen Großstadtjungen einfach wunderbar! Ebenfalls wunderbar waren Allison Oakes als Anna Maurrant, Emily Hindrichs in der Rolle der Tochter und Jack Swanson als Sam Kaplan. Auch die vielen kleineren Rollen und der Chor waren überzeugend besetzt und zeigten mit viel Spielfreude und Einsatz ihr Können. Einzig Kyle Albertson als Frank Maurrant kam mir stimmlich etwas schwach vor, aber ich bin zu wenig Expertin, um hier fundiert zu urteilen.

Unterhaltsam und zugleich anregend

Insgesamt kann man sagen, dass die Oper »Street Scene« eine unglaubliche Fülle von Eindrücken hinterlässt. Dies bewirken nicht nur die vielen Akteure und ihre unterschiedlichen Darstellungsstile oder die abwechslungsreiche Musik. Auch die Texte sind voller sozialkritischer Anspielungen und ziehen einen breiten Bogen von der Jugendkultur über die linkspolitischen Ansichten der Intellektuellen bis hin zum ungerechten Machtverhältnis zwischen Mann und Frau in den unteren sozialen Schichten der damaligen Zeit. Man nimmt eine Menge mit, wenn man nach gut drei Stunden die Oper verlässt – im Kopf genauso wie im Herzen.

Hinweis!

Wer die Oper besuchen möchte, sollte sich beeilen. Heute Abend (10.05.2019) läuft die nächste Vorstellung. Am 12. und 16. Mai 2019 sind die beiden letzten Termine.

Il turco in Italia – Eine verrückte Oper verrückt inszeniert

Von |19.03.2019|Oper|

Rossinis komische Oper »Il turco in Italia« war mir bisher nicht bekannt. Als ich über ihre Inszenierung im Theater Hagen erfuhr, habe ich spontan entschlossen, mir das Werk anzusehen.

Gioachino Rossini hat mit »Il turco in Italia« im Jahr 1814 eine Oper auf die Bühne gebracht, die durch ihre Erzählform sehr modern wirkt: In einer Simultanhandlung wird die Geschichte eines Dichters erzählt, der auf der Suche nach einem Komödienstoff die Liebesbeziehungen um ihn herum beobachtet und diese auch teilweise in seinem Sinne manipuliert. Im Mittelpunkt seiner Beobachtungen steht sein Freund Don Geronio, der von seiner höchst exzentrischen Gemahlin Donna Fiorilla betrogen wird. Fiorilla hat bereits einen Geliebten und verliebt sich erneut, als sie auf einen Türken trifft, der Italien bereist. Dieser wiederum fängt mit ihr zwar eine leidenschaftliche Affäre an, trifft dann aber auf eine ehemalige Geliebte (Zaida) und wird auch ihr gegenüber schwach. In einem großen Finale, das der Autor inszeniert, werden die Verwicklungen schließlich aufgelöst und die Ehefrau kehrt reuevoll zu ihrem Mann zurück. Die erzählte Geschichte klingt wunderbar überdreht, und ich war gespannt, wie Opernregisseur Christian von Götz dieses wilde Beziehungschaos ins Bild setzt.

Ich nehme das Ergebnis mal vorweg: von Görz ist aus meiner Sicht eine Punktlandung gelungen. Die Inszenierung in Hagen hat mich von der ersten Sekunde an gepackt und begeistert. Sie wird der Oper in wunderbarer Weise gerecht und dreht die Komik der Handlung in stimmiger Weise noch ein ganzes Stück weiter, sodass man einen geradezu herrlich verrückten Abend erlebt.

Schon der Beginn ist äußerst gut gewählt: Der Dichter Prosdocimo ist in der Hagener Inszenierung ein Filmemacher zur Stummfilmzeit. Er führt auf großer Leinwand seinem Produzenten ein Werk vor, bei dem die Handlung von »Il turco in Italia« aufgegriffen, aber in einem dramatischen Finale mit Mord und Totschlag beendet wird. Der Produzent ist unzufrieden, und so geht Prosdocimo auf die Suche nach einer anderen Geschichte, die weniger deprimierend endet.

Das gewählte Bühnenbild, das sich zeigt, nachdem die Filmleinwand verschwunden ist, ist ebenso einfach, wie gelungen: Ein großer ovaler Rahmen dominiert die Bühne, welcher zwei Eingänge hat und den hinteren vom vorderen Bühnenteil trennt. Dieser schlichte Rahmen bietet Platz für eine rasante und bunte Inszenierung, bei der vollständig auf die handelnden Personen und ihre Rollen fokussiert wird. So tritt die liebeshungrige Donna Fiorilla in einem sehr freizügigen Varietékostüm in einer rosa Kiste auf, in die sie dann auch gleich ihre »türkische Eroberung« lockt. Der Ehemann dagegen trägt ein clowneskes Kostüm mit übergroßer Fliege und schwingt jedes Mal wie ein verunglückter Tarzan an einem Seil über den Hintergrund des Bühnenbildes in die jeweilige Szene. Das alles wirkt bunt, ausgelassen und albern – passt aber aus meiner Sicht ideal zur Rossinis Oper und ihren Figuren.

Ebenfalls ein Treffer ist aus meiner Sicht die Besetzung: Mein absoluter Favorit des Abends war Donna Fiorilla, gespielt und gesungen von Marie-Pierre Roy. Aber auch die übrigen Darsteller – wie zum Beispiel Rainer Zaun als Ehemann Don Geronio oder Dong-Won Seo als Türke Selim – haben ihre Rollen wunderbar gespielt. Sie zeigen sowohl stimmlich als auch körperlich vollen Einsatz, wenn sie etwa sackhüpfend über die Bühne springen oder eine Schlägerei vortäuschend zu Boden gehen.

Durch die turbulente und aktionsreiche Erzählweise erlebt man Rossinis Oper als sehr kurzweilig. Die 2 Stunden 45 Minuten dauernde Vorstellung vergeht wie im Flug.

Alles in allem kann ich sagen: Wieder einmal hat sich der Besuch am Theater Hagen mehr als gelohnt. Ein großes Lob an Christian von Götz für diese ideenreiche und bunte Inszenierung.


Weitere Spieltermine:

  • 20. & 31. März 2019
  • 24. April 2019
  • 19. Mai 2019
  • 1., 7., 19. & 30. Juni 2019

Foto: Dong-Won Seo (Selim), Marilyn Bennett (Zaida). Fotograf: Klaus Lefebvre. © Theater Hagen

Don Giovanni in der Oper Lyon

Von |29.06.2018|Oper|

Die Opéra National de Lyon hatte mich netterweise erneut in ihre Stadt geladen. Inzwischen bin ich schon so etwas wie ein »Stammgast«. Es war meine dritte Reise dorthin. Dass ich mir immer wieder die Zeit nehme, in Lyon in die Oper zu gehen, hat mehrere Gründe.

Einer ist sicherlich die Stadt selbst. Sie ist einfach herrlich. Der historische Stadtkern liegt eingebettet zwischen zwei Flüssen (Saône und Rhône) und erstreckt sich von dort aus auf die umliegenden Hügel. Überquert man die Saône über eine der schönen Fußgängerbrücken, landet man im sogenannten Seidenviertel – ein uralter Stadtteil, der zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde. Der alte Kern ist baulich wunderschön, die Stadt steckt voller Überraschungen und zieht einen vollkommen in ihren Bann. Man kann sie sehr gut erlaufen und findet hinter jeder Ecke, nach jeder Gasse wieder etwas Besonderes. Gerade im Seidenviertel stößt man zwischen uralten Häusern auf viele interessante und einladende Geschäfte und Restaurants.

Ein zweiter Grund, der eine Opernreise nach Lyon besonders macht, ist das Operngebäude selbst. Es prägt das Stadtbild in besonderer Weise: Mit ihrer schwarzen Kuppel und der interessanten Architektur ist die Oper eine Art Wahrzeichen, und man kann sich an ihr – wie hier bei uns am Kölner Dom – von vielen Stellen der Stadt aus orientieren. Aber die Oper Lyon ist nicht nur als Gebäude bemerkenswert. Egal, wann man an ihr vorbeigeht, immer herrscht um das Gebäude herum ein reges Treiben. Es werden vor der Oper kleine Konzerte gegeben, man kann den Streetdancern zusehen und viele Menschen sitzen im Café. Das kenne ich in dieser Form aus keiner anderen Stadt.

Don Giovanni: die Handlung

Last but not least ist es natürlich der Opernbesuch, der mich jedes Mal aufs Neue begeistert. Diesmal hatte ich mich entschieden, Don Giovanni anzusehen. Die recht lange und »aufgedrehte« Mozart-Oper handelt von einem Frauenheld, der laut seines Dieners Leporello schon mehr als 1.000 Frauen verführt hat. Zu Beginn der Oper diskutiert er mit einem seiner »Opfer«, der unglücklichen Donna Anna. Ihr Vater, der Komtur, kommt hinzu, und Don Giovanni tötet ihn im Streit. Danach nimmt das Schicksal seinen Lauf. Er begegnet der nächsten Frau, die er erobern möchte, um dann festzustellen, dass diese eine seiner Ex-Eroberungen ist, Donna Elvira. Sie macht ihm eine Szene, der er knapp entfliehen kann. Doch nur, um Minuten später auf ein bäuerliches Brautpaar zu treffen, bei dem er für Unruhe sorgt, weil er die Braut (Zerlina) in sein Bett bekommen möchte. Nach vielen Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Frauen und ihren Männern endet die Oper, weil die Statue des getöteten Komturs lebendig wird, Don Giovanni heimsucht und ihn in der Erde verschwinden lässt.

Die Inszenierung

Ich war gespannt, wie der Regisseur David Marton in Zeiten von #MeToo dieses Thema des amoralischen Frauenverführers wohl umsetzt. Ich hatte mir etwas Besonderes erwartet – wie bei meinen bisherigen Besuchen in Lyon –, wurde diesmal aber ein wenig enttäuscht. Die Inszenierung war ordentlich, hat mich aber nicht begeistert. Das Bühnenbild ist ein großer Raum in Betonoptik mit runden Öffnungen an zwei Seiten, die sehr eindrucksvoll wirken. Die Kostüme bildeten verschiedene Zeiten ab: Überwiegend modern, gab es einigen Stellen Anspielungen auf den historischen Kontext. Gon Giovanni (Philippe Sly) wird als sehr naiver, wenig einsichtiger und etwas hilfloser Mann dargestellt, der ziel- und haltlos den Frauen – egal welcher Art – verfällt. Er ist ständig ein wenig leidend, ob der vielen Schwierigkeiten, in die er immer wieder gerät. Sein Diener Leporello (Kyle Ketelsen) ist die deutlich weitsichtigere und intelligentere Figur. Was mich an der Inszenierung sehr gestört hat: Die sowieso schon sehr lange, sich oft wiederholende Handlung wurde durch David Marton noch weitergedehnt, da er immer wieder Musikpausen und an einer Stelle sogar einen langen zusätzlichen Dialog des Don Giovanni einbaut. Statt Tempo in Bild und Handlung zu bringen, inszenierte er die Oper eher statisch und teilweise wie in Zeitlupe. Vor allem die aus meiner Sicht völlig kontraproduktiven Verlängerungen hätte man sich in jedem Fall sparen sollen, denn die Oper fordert auch so bereits ein geduldiges Publikum.

Gelungene Besetzung, tolle Orchesterleistung, fideles Publikum

Sehr begeistert war ich dagegen von der Besetzung. Die drei weiblichen Hauptfiguren Donna Anna (Eleonora Buratto), Donna Elvira (Antoinette Dennefeld) und Zerlina (Yuka Yanagihara) ebenso wie Leporello und Don Giovanni haben mich schauspielerisch wie auch gesanglich sehr angesprochen und begeistert. Sie haben die Handlung getragen und durch ihre sympathische und engagierte Art über die teilweise vorhandenen Längen hinweggeholfen. Ihnen und dem Orchester galt dann am Ende auch der Applaus.

Überzeugt hat mich außerdem wieder einmal das Publikum in Lyon. Die Oper war an einem ganz normalen Wochentag mit überragendem Wetter komplett ausgebucht. Das Publikum kam – wie es in Deutschland niemals zu erleben wäre – auf die letzte Minute und füllte den Saal mit frohmütigen Stimmen. Es war extrem gemischt, sowohl im Alter als auch im Stil, und versprühte viel gute Laune. Und obwohl man sehr deutlich merkte, dass nicht nur mir die Oper sehr lang (und manchmal auch ein wenig langweilig) vorkam, blieben sie alle munter dabei und zollten am Ende den Sängerinnen und Sängern ihren Respekt und Beifall. Das hat mich sehr beeindruckt.

Mit anderen Worten: Es gibt viele Gründe, eine Opernreise nach Lyon auf die Reiseplanung zu setzen. Egal wie einem die Inszenierung gefällt, man wird keinesfalls enttäuscht zurückkehren.


Die weiteren Termine für Don Giovanni unter:
https://www.opera-lyon.com/fr/20172018/opera/don-giovanni


Bildverweis: Szenenbild © Jean-Pierre Maurin und © Christian Friedländer

Ein Hoch auf die Kulturlandschaft NRW

Von |25.01.2018|Oper|

Das Netz bietet nicht nur die Möglichkeit, digitale Kultur im Land sichtbar und erlebbar zu machen und eine Plattform für ganz neue digitale Ausdrucksformen zu werden. Onlineangebote können auch dabei helfen, die Grenzen des eigenen Kulturradius zu erweitern und so auf Neues zu stoßen, das bislang nicht im »Relevant Set« der eigenen Aktivitäten stand.  (mehr …)

Die Hochzeit des Figaro – Ein sehr unterhaltsamer Abend in Hagen

Von |20.03.2017|Oper|

Mozart war ja schon irgendwie verrückt. Und seine Oper »Die Hochzeit des Figaro« ist es definitiv auch. Nach einer Romanvorlage erzählt er die komplett verquere und sehr amüsante Geschichte über den Kammerdiener Figaro, der seine Braut, die Zofe Susanna, vor den Übergriffen ihres recht feudal denkenden Arbeitgebers, dem Grafen Almaviva, retten muss. Gleichzeitig ist die Ehefrau des Grafen damit beschäftigt, durch vielerlei Tricks den wenig zur Treue, aber stark zur Eifersucht neigenden Gatten im Zaum zu halten. Als sei dies nicht genug, gibt es noch eine Reihe weiterer Verwicklungen mit verschiedenen Figuren im Umfeld dieser Ménage à quatre. Tatsächlich erinnert »Die Hochzeit des Figaro« mit ihrer rasant-wirren Handlung an die amerikanischen »Screwball-Komödien«, die viele Jahre später im Fernsehen große Erfolge feierten. (mehr …)

»Der Konsul«: Ein musikalisches Drama der 50er-Jahre als Spiegel zur Gegenwart

Von |07.02.2017|Oper|

Am Wochenende war ich sehr spontan zu Besuch im Theater Krefeld Mönchengladbach zur dortigen Premiere des musikalischen Dramas »Der Konsul«. Hingefahren bin ich, weil ich in Lyon von einem Opern-Journalisten den Tipp bekommen hatte, mir dort unbedingt eine Oper anzuschauen. Er kommentierte das mit den Worten: »Wenn man irgendwo in NRW hingehen sollte, dann nach Mönchengladbach.« Das hat mich überrascht. Mönchengladbach hatte ich als Opern-Spielort gar nicht auf der Agenda.  (mehr …)

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