Il turco in Italia – Eine verrückte Oper verrückt inszeniert

Von |2022-05-11T14:27:29+02:0019.03.2019|Oper|

Rossinis komische Oper »Il turco in Italia« war mir bisher nicht bekannt. Als ich über ihre Inszenierung im Theater Hagen erfuhr, habe ich spontan entschlossen, mir das Werk anzusehen.

Gioachino Rossini hat mit »Il turco in Italia« im Jahr 1814 eine Oper auf die Bühne gebracht, die durch ihre Erzählform sehr modern wirkt: In einer Simultanhandlung wird die Geschichte eines Dichters erzählt, der auf der Suche nach einem Komödienstoff die Liebesbeziehungen um ihn herum beobachtet und diese auch teilweise in seinem Sinne manipuliert. Im Mittelpunkt seiner Beobachtungen steht sein Freund Don Geronio, der von seiner höchst exzentrischen Gemahlin Donna Fiorilla betrogen wird. Fiorilla hat bereits einen Geliebten und verliebt sich erneut, als sie auf einen Türken trifft, der Italien bereist. Dieser wiederum fängt mit ihr zwar eine leidenschaftliche Affäre an, trifft dann aber auf eine ehemalige Geliebte (Zaida) und wird auch ihr gegenüber schwach. In einem großen Finale, das der Autor inszeniert, werden die Verwicklungen schließlich aufgelöst und die Ehefrau kehrt reuevoll zu ihrem Mann zurück. Die erzählte Geschichte klingt wunderbar überdreht, und ich war gespannt, wie Opernregisseur Christian von Götz dieses wilde Beziehungschaos ins Bild setzt.

Ich nehme das Ergebnis mal vorweg: von Görz ist aus meiner Sicht eine Punktlandung gelungen. Die Inszenierung in Hagen hat mich von der ersten Sekunde an gepackt und begeistert. Sie wird der Oper in wunderbarer Weise gerecht und dreht die Komik der Handlung in stimmiger Weise noch ein ganzes Stück weiter, sodass man einen geradezu herrlich verrückten Abend erlebt.

Schon der Beginn ist äußerst gut gewählt: Der Dichter Prosdocimo ist in der Hagener Inszenierung ein Filmemacher zur Stummfilmzeit. Er führt auf großer Leinwand seinem Produzenten ein Werk vor, bei dem die Handlung von »Il turco in Italia« aufgegriffen, aber in einem dramatischen Finale mit Mord und Totschlag beendet wird. Der Produzent ist unzufrieden, und so geht Prosdocimo auf die Suche nach einer anderen Geschichte, die weniger deprimierend endet.

Das gewählte Bühnenbild, das sich zeigt, nachdem die Filmleinwand verschwunden ist, ist ebenso einfach, wie gelungen: Ein großer ovaler Rahmen dominiert die Bühne, welcher zwei Eingänge hat und den hinteren vom vorderen Bühnenteil trennt. Dieser schlichte Rahmen bietet Platz für eine rasante und bunte Inszenierung, bei der vollständig auf die handelnden Personen und ihre Rollen fokussiert wird. So tritt die liebeshungrige Donna Fiorilla in einem sehr freizügigen Varietékostüm in einer rosa Kiste auf, in die sie dann auch gleich ihre »türkische Eroberung« lockt. Der Ehemann dagegen trägt ein clowneskes Kostüm mit übergroßer Fliege und schwingt jedes Mal wie ein verunglückter Tarzan an einem Seil über den Hintergrund des Bühnenbildes in die jeweilige Szene. Das alles wirkt bunt, ausgelassen und albern – passt aber aus meiner Sicht ideal zur Rossinis Oper und ihren Figuren.

Ebenfalls ein Treffer ist aus meiner Sicht die Besetzung: Mein absoluter Favorit des Abends war Donna Fiorilla, gespielt und gesungen von Marie-Pierre Roy. Aber auch die übrigen Darsteller – wie zum Beispiel Rainer Zaun als Ehemann Don Geronio oder Dong-Won Seo als Türke Selim – haben ihre Rollen wunderbar gespielt. Sie zeigen sowohl stimmlich als auch körperlich vollen Einsatz, wenn sie etwa sackhüpfend über die Bühne springen oder eine Schlägerei vortäuschend zu Boden gehen.

Durch die turbulente und aktionsreiche Erzählweise erlebt man Rossinis Oper als sehr kurzweilig. Die 2 Stunden 45 Minuten dauernde Vorstellung vergeht wie im Flug.

Alles in allem kann ich sagen: Wieder einmal hat sich der Besuch am Theater Hagen mehr als gelohnt. Ein großes Lob an Christian von Götz für diese ideenreiche und bunte Inszenierung.


Weitere Spieltermine:

  • 20. & 31. März 2019
  • 24. April 2019
  • 19. Mai 2019
  • 1., 7., 19. & 30. Juni 2019

Foto: Dong-Won Seo (Selim), Marilyn Bennett (Zaida). Fotograf: Klaus Lefebvre. © Theater Hagen

Don Giovanni in der Oper Lyon

Von |2022-05-11T14:32:10+02:0029.06.2018|Oper|

Die Opéra National de Lyon hatte mich netterweise erneut in ihre Stadt geladen. Inzwischen bin ich schon so etwas wie ein »Stammgast«. Es war meine dritte Reise dorthin. Dass ich mir immer wieder die Zeit nehme, in Lyon in die Oper zu gehen, hat mehrere Gründe.

Einer ist sicherlich die Stadt selbst. Sie ist einfach herrlich. Der historische Stadtkern liegt eingebettet zwischen zwei Flüssen (Saône und Rhône) und erstreckt sich von dort aus auf die umliegenden Hügel. Überquert man die Saône über eine der schönen Fußgängerbrücken, landet man im sogenannten Seidenviertel – ein uralter Stadtteil, der zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt wurde. Der alte Kern ist baulich wunderschön, die Stadt steckt voller Überraschungen und zieht einen vollkommen in ihren Bann. Man kann sie sehr gut erlaufen und findet hinter jeder Ecke, nach jeder Gasse wieder etwas Besonderes. Gerade im Seidenviertel stößt man zwischen uralten Häusern auf viele interessante und einladende Geschäfte und Restaurants.

Ein zweiter Grund, der eine Opernreise nach Lyon besonders macht, ist das Operngebäude selbst. Es prägt das Stadtbild in besonderer Weise: Mit ihrer schwarzen Kuppel und der interessanten Architektur ist die Oper eine Art Wahrzeichen, und man kann sich an ihr – wie hier bei uns am Kölner Dom – von vielen Stellen der Stadt aus orientieren. Aber die Oper Lyon ist nicht nur als Gebäude bemerkenswert. Egal, wann man an ihr vorbeigeht, immer herrscht um das Gebäude herum ein reges Treiben. Es werden vor der Oper kleine Konzerte gegeben, man kann den Streetdancern zusehen und viele Menschen sitzen im Café. Das kenne ich in dieser Form aus keiner anderen Stadt.

Don Giovanni: die Handlung

Last but not least ist es natürlich der Opernbesuch, der mich jedes Mal aufs Neue begeistert. Diesmal hatte ich mich entschieden, Don Giovanni anzusehen. Die recht lange und »aufgedrehte« Mozart-Oper handelt von einem Frauenheld, der laut seines Dieners Leporello schon mehr als 1.000 Frauen verführt hat. Zu Beginn der Oper diskutiert er mit einem seiner »Opfer«, der unglücklichen Donna Anna. Ihr Vater, der Komtur, kommt hinzu, und Don Giovanni tötet ihn im Streit. Danach nimmt das Schicksal seinen Lauf. Er begegnet der nächsten Frau, die er erobern möchte, um dann festzustellen, dass diese eine seiner Ex-Eroberungen ist, Donna Elvira. Sie macht ihm eine Szene, der er knapp entfliehen kann. Doch nur, um Minuten später auf ein bäuerliches Brautpaar zu treffen, bei dem er für Unruhe sorgt, weil er die Braut (Zerlina) in sein Bett bekommen möchte. Nach vielen Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Frauen und ihren Männern endet die Oper, weil die Statue des getöteten Komturs lebendig wird, Don Giovanni heimsucht und ihn in der Erde verschwinden lässt.

Die Inszenierung

Ich war gespannt, wie der Regisseur David Marton in Zeiten von #MeToo dieses Thema des amoralischen Frauenverführers wohl umsetzt. Ich hatte mir etwas Besonderes erwartet – wie bei meinen bisherigen Besuchen in Lyon –, wurde diesmal aber ein wenig enttäuscht. Die Inszenierung war ordentlich, hat mich aber nicht begeistert. Das Bühnenbild ist ein großer Raum in Betonoptik mit runden Öffnungen an zwei Seiten, die sehr eindrucksvoll wirken. Die Kostüme bildeten verschiedene Zeiten ab: Überwiegend modern, gab es einigen Stellen Anspielungen auf den historischen Kontext. Gon Giovanni (Philippe Sly) wird als sehr naiver, wenig einsichtiger und etwas hilfloser Mann dargestellt, der ziel- und haltlos den Frauen – egal welcher Art – verfällt. Er ist ständig ein wenig leidend, ob der vielen Schwierigkeiten, in die er immer wieder gerät. Sein Diener Leporello (Kyle Ketelsen) ist die deutlich weitsichtigere und intelligentere Figur. Was mich an der Inszenierung sehr gestört hat: Die sowieso schon sehr lange, sich oft wiederholende Handlung wurde durch David Marton noch weitergedehnt, da er immer wieder Musikpausen und an einer Stelle sogar einen langen zusätzlichen Dialog des Don Giovanni einbaut. Statt Tempo in Bild und Handlung zu bringen, inszenierte er die Oper eher statisch und teilweise wie in Zeitlupe. Vor allem die aus meiner Sicht völlig kontraproduktiven Verlängerungen hätte man sich in jedem Fall sparen sollen, denn die Oper fordert auch so bereits ein geduldiges Publikum.

Gelungene Besetzung, tolle Orchesterleistung, fideles Publikum

Sehr begeistert war ich dagegen von der Besetzung. Die drei weiblichen Hauptfiguren Donna Anna (Eleonora Buratto), Donna Elvira (Antoinette Dennefeld) und Zerlina (Yuka Yanagihara) ebenso wie Leporello und Don Giovanni haben mich schauspielerisch wie auch gesanglich sehr angesprochen und begeistert. Sie haben die Handlung getragen und durch ihre sympathische und engagierte Art über die teilweise vorhandenen Längen hinweggeholfen. Ihnen und dem Orchester galt dann am Ende auch der Applaus.

Überzeugt hat mich außerdem wieder einmal das Publikum in Lyon. Die Oper war an einem ganz normalen Wochentag mit überragendem Wetter komplett ausgebucht. Das Publikum kam – wie es in Deutschland niemals zu erleben wäre – auf die letzte Minute und füllte den Saal mit frohmütigen Stimmen. Es war extrem gemischt, sowohl im Alter als auch im Stil, und versprühte viel gute Laune. Und obwohl man sehr deutlich merkte, dass nicht nur mir die Oper sehr lang (und manchmal auch ein wenig langweilig) vorkam, blieben sie alle munter dabei und zollten am Ende den Sängerinnen und Sängern ihren Respekt und Beifall. Das hat mich sehr beeindruckt.

Mit anderen Worten: Es gibt viele Gründe, eine Opernreise nach Lyon auf die Reiseplanung zu setzen. Egal wie einem die Inszenierung gefällt, man wird keinesfalls enttäuscht zurückkehren.


Die weiteren Termine für Don Giovanni unter:
https://www.opera-lyon.com/fr/20172018/opera/don-giovanni


Bildverweis: Szenenbild © Jean-Pierre Maurin und © Christian Friedländer

Ein Hoch auf die Kulturlandschaft NRW

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Das Netz bietet nicht nur die Möglichkeit, digitale Kultur im Land sichtbar und erlebbar zu machen und eine Plattform für ganz neue digitale Ausdrucksformen zu werden. Onlineangebote können auch dabei helfen, die Grenzen des eigenen Kulturradius zu erweitern und so auf Neues zu stoßen, das bislang nicht im »Relevant Set« der eigenen Aktivitäten stand.  (mehr …)

Jonas Kaufmann als Dichter und Revolutionär – hinreißende Stimmen, wuchtiges Bühnenbild, außergewöhnliches Publikum

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Das habe ich mir gewünscht und dann tatsächlich geschenkt bekommen: Den Besuch einer Opernvorstellung mit Tenor Jonas Kaufmann. Um dieses Geschenk „einzulösen“, war ich am vergangenen Wochenende in München in der Vorstellung „Andrea Chénier“ von Umberto Giordano in der Bayerischen Staatsoper.

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Die Hochzeit des Figaro – Ein sehr unterhaltsamer Abend in Hagen

Von |2017-03-20T10:56:48+01:0020.03.2017|Oper|

Mozart war ja schon irgendwie verrückt. Und seine Oper »Die Hochzeit des Figaro« ist es definitiv auch. Nach einer Romanvorlage erzählt er die komplett verquere und sehr amüsante Geschichte über den Kammerdiener Figaro, der seine Braut, die Zofe Susanna, vor den Übergriffen ihres recht feudal denkenden Arbeitgebers, dem Grafen Almaviva, retten muss. Gleichzeitig ist die Ehefrau des Grafen damit beschäftigt, durch vielerlei Tricks den wenig zur Treue, aber stark zur Eifersucht neigenden Gatten im Zaum zu halten. Als sei dies nicht genug, gibt es noch eine Reihe weiterer Verwicklungen mit verschiedenen Figuren im Umfeld dieser Ménage à quatre. Tatsächlich erinnert »Die Hochzeit des Figaro« mit ihrer rasant-wirren Handlung an die amerikanischen »Screwball-Komödien«, die viele Jahre später im Fernsehen große Erfolge feierten. (mehr …)

»Der Konsul«: Ein musikalisches Drama der 50er-Jahre als Spiegel zur Gegenwart

Von |2020-07-14T12:52:52+02:0007.02.2017|Oper|

Am Wochenende war ich sehr spontan zu Besuch im Theater Krefeld Mönchengladbach zur dortigen Premiere des musikalischen Dramas »Der Konsul«. Hingefahren bin ich, weil ich in Lyon von einem Opern-Journalisten den Tipp bekommen hatte, mir dort unbedingt eine Oper anzuschauen. Er kommentierte das mit den Worten: »Wenn man irgendwo in NRW hingehen sollte, dann nach Mönchengladbach.« Das hat mich überrascht. Mönchengladbach hatte ich als Opern-Spielort gar nicht auf der Agenda.  (mehr …)

»Johanna auf dem Scheiterhaufen«: Interview mit dem Regisseur Romeo Castellucci

Von |2020-07-14T12:53:19+02:0024.01.2017|Oper|

Zuerst dachte ich ja: »Was hast Du Dir da nur angetan?« Es ist zwar schön, dass ich wieder nach Lyon fahren darf, um über Arthur Honeggers Werk »Johanna auf dem Scheiterhaufen« zu berichten, das aus den 30er-Jahren stammt und extrem komplex und eigenwillig anmutet. Ich habe allerdings auch zugestimmt, mit dem Regisseur dieser Inszenierung, Romeo Castellucci, der als »skandalumwittert« und »enfant terrible« beschrieben wird, ein Interview führen zu wollen. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Der Typ inszeniert auf radikale Weise seit den Achtzigern Opern und ich als interessierter Opernlaie soll jetzt mit dem reden? Wahrscheinlich zerreißt er mich in der Luft. (mehr …)

»Johanna auf dem Scheiterhaufen« in der Oper Lyon: starke und stimmige Inszenierung

Von |2020-07-14T12:53:26+02:0024.01.2017|Oper|

Meine zweite Reise nach Lyon führte mich in die Welt von Arthur Honegger, einem mir bislang unbekannten Schweizer Komponisten. Gemäß meinen Recherchen hatte er sich zum Ziel gemacht, Wort, Bild und Musik in einer Weise zusammenzuführen, die neu und anders sein sollte als die bis dahin bekannte Form der Oper. Das Ergebnis ist Honeggers Werk »Johanna auf dem Scheiterhaufen«, das 1938 bei seiner Premiere in Frankreich frenetisch gefeiert wurde. (mehr …)

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