Eine Oper wie ein Italo-Western: Spannend und imposant

Von |24.01.2023|Oper|

Gelungene Inszenierung von Puccinis „La Fanciulla del West“ in Hagen

Dreckige MĂ€nner bei der Goldsuche, ein Saloon, waffentragende Sheriffs – ein ĂŒberraschendes Sujet fĂŒr eine Oper, zumindest fĂŒr mich. Giacomo Puccini hat mit „La Fanciulla del West“ (Das MĂ€dchen aus dem goldenen Westen) eine besondere Oper geschaffen, die eine emotionale Geschichte an einem außergewöhnlichen Ort erzĂ€hlt. Ihre „Story“ ist spannend wie ein Western, sie ist musikalisch und stimmlich gewaltig, dabei hoch emotional und sensibel. Ein wunderbares Werk!

 

Wenig bekannte Oper handelt von GoldgrÀbern

Die wenig bekannte Oper handelt von der jungen Minnie, die als einzige Frau am Rande eines GoldgrĂ€berlagers einen Saloon betreibt. Sie ist umgeben von frustrierten, gescheiterten MĂ€nner-Existenzen, die in ihr den einzigen Lichtblick sehen. Minnie kĂŒmmert sich engelsgleich um die Sorgen und Nöte der GoldgrĂ€ber, weist ihre AnnĂ€herungsversuche allerdings kategorisch ab. Besonders aufdringlich ist Sheriff Jack Rance, der Minnie unbedingt „haben“ möchte.

Eines Tages kommt ein Fremder, der sich Johnson nennt, ins GoldgrĂ€ber-Lager. Minnie und Johnson verlieben sich. Sie erfĂ€hrt erst spĂ€ter, dass es sich um den StraßenrĂ€uber Ramerrez handelt, der die Postwege unsicher macht und von der Postkutschenlinie Wells Fargo und dem Sheriff gesucht wird. Nach einem Besuch in Minnies HĂŒtte wird Johnson/Ramerrez angeschossen und obwohl Minnie ĂŒber die Entdeckung seiner IdentitĂ€t entsetzt ist, hilft sie ihm. Sie versteckt ihn in ihrer HĂŒtte.

MĂ€nner im BĂŒhnenbild der Oper Puccini im Theaterhagen

Foto: Theaterhagen

 

Emotionale Liebesgeschichte mit bombastischer Musik

Als Sheriff Rance ihn dort findet, ĂŒberredet Minnie den GesetzeshĂŒter, mit einer Partie Poker um das Leben von Johnson zu spielen. Sie gewinnt durch Betrug und kann Johnson retten. Eine Woche spĂ€ter lauert Sheriff Rance dem RĂ€uber erneut auf und nimmt ihn fest. Er soll gelyncht werden. Minnie kann dies in letzter Minute verhindern, indem sie an die GoldgrĂ€ber appelliert und ihnen vor Augen fĂŒhrt, was sie alles fĂŒr sie getan hat. Sie lassen von Johnson ab und Minnie verlĂ€sst das Lager gemeinsam mit ihrem Geliebten. Die verzweifelten GoldgrĂ€ber bleiben allein zurĂŒck.

Puccini vertont diese Geschichte mit hoch emotionaler und dramatischer Musik. Sowohl das Orchester als auch der Gesang sind mitreißend angelegt und voller GefĂŒhl. Stimmlich verlangt Puccini einiges, denn die SĂ€ngerinnen und SĂ€nger mĂŒssen gegen das starke Orchester ansingen, teilweise fast schon anschreien.

Minnie und Johnsen in der Oper „La Fanciulla del West“ in Hagen

Foto: Theaterhagen

 

Perfekte Umsetzung im Theaterhagen

Das Theaterhagen setzt diese schwierige Anforderung in seiner Inszenierung hervorragend um. Das Orchester gibt vom ersten Ton an alles, es verzaubert das Publikum sofort und trĂ€gt mit Tempo und Dramatik durch die Handlung. Die Besetzung ist perfekt: Sopranistin Susanne Serfling singt sich im wahrsten Wortsinne die „Seele aus dem Leib“ und ĂŒberzeugt stimmlich ebenso wie spielerisch. Sie ist eine grandiose Minnie, die fĂŒr GĂ€nsehaut-Momente sorgt. Ebenso stimmlich ĂŒberzeugend ist James Lee als RĂ€uber Ramerrez alias Johnson. Er schafft es mĂŒhelos, sich ĂŒber das Orchester hinweg Gehör zu verschaffen. Sein Kontrahent, Sheriff Jack Rance, wird gesungen von Insu Hwang. Er spielt ĂŒberzeugend den gefĂŒhllosen, vom Leben enttĂ€uschten Sheriff, der Minnie in erster Linie besitzen will.

Auch das BĂŒhnenbild und die KostĂŒme sind in der Hagener Inszenierung von „La Fanciulla del West“ gut gewĂ€hlt. Alles ist schlammbraun und dreckig, der „goldene Westen“ ist ein durch Hitze und SchneestĂŒrme unwirtliches Land, das fĂŒr die nach GlĂŒck und Reichtum suchenden Einwanderer zu einer Hölle wird. Sie sind gescheitert und desillusioniert, nur Minnie schafft es, ihnen mit ihrer GĂŒte und Empathie in all dem Schlamm und Dreck noch Mut zu geben.

BĂŒhnenbild des Theaterhagen mit Johnsen in Puccinis Oper „La Fanciulla del West“

Foto: Theaterhagen

 

Eine Reise nach Hagen lohnt sich

Das Theaterhagen ist fĂŒr mich eine Art „Geheimtipp“. Gemeinsam mit meiner Freundin fahre ich immer wieder gern in dieses vergleichsweise kleine Haus. Es ĂŒberrascht fast jedes Mal mit tollen Inszenierungen und einer besonderen Werk-Auswahl. Auch die Puccini-Oper „La Fanciulla del West“ war in jeder Hinsicht eine Überraschung: Ich kannte die Oper vorher nicht und hĂ€tte nicht erwartet, dass Hagen diese anspruchsvolle Oper so ĂŒberragend umsetzt. Ein wirklich gelungener Opernabend!

Wer sich die Inszenierung nicht entgehen lassen will – zwei weitere Vorstellungen von „La Fanciulla del West“ im Theaterhagen finden am 09. Februar und 11. MĂ€rz 2023 statt.

Die Zauberflöte: Eine mÀrchenhafte Oper

Von |31.08.2022|Oper|

Mozarts Zauberflöte ist eine wundersame und wunderschöne Oper, die aus meiner Sicht gut in den Rahmen des Menuhin-Festivals gepasst hat. Sie ist vertrĂ€umt und verdreht, mĂ€rchenhaft und durch seine moralische Botschaft auch volksnah und bodenstĂ€ndig. Wir haben eine halbszenische AuffĂŒhrung auf der KonzertbĂŒhne erlebt. Ohne KostĂŒme, aber doch mit schauspielerischen Elementen.  

 

Eine Liebe zwischen Gut und Böse 

Die Geschichte der Oper sei hier kurz zusammengefasst: In einem „Fantasie-Ägypten“ steht die „Königin der Nacht“ in Konkurrenz zu FĂŒrst Sarastro, der ihre schöne Tochter Pamina entfĂŒhrt hat. Um sie zu befreien, schickt die Königin den jungen Prinz Tamino in Begleitung des VogelfĂ€ngers Papageno zum Palast. Dort angekommen, treffen sich Tamino und Pamina und verlieben sich. FĂŒrst Sarastro hat nichts gegen die Verbindung der beiden, möchte den Prinzen Tamino aber vorher auf die Probe stellen.  

Er muss verschiedene PrĂŒfungen bestehen, um sich als gut und wĂŒrdig zu erweisen. Sarastro erklĂ€rt, dass er das Gute vertrete, wĂ€hrend die Königin der Nacht nach dem Bösen strebe. Es gelingt Tamino und Pamina, alle PrĂŒfungen zu bestehen und sie werden ein Paar. Auch Papageno wird belohnt und erhĂ€lt Papagena zur Frau. Die Königin der Nacht versucht dann selbst in den Palast einzudringen und versinkt in Finsternis. 

SÀnger bei der Oper Zauberflöte beim Menuhin Festival

Beeindruckende Darstellung von Mozarts Zauberflöte 

Mit einer perfekten Besetzung bringt das Menuhin Festival diese epochale Mozart-Oper in einer halbszenischen AuffĂŒhrung auf die BĂŒhne: Das Orchester Talens Lyriques und das Ensemble Vocal de Lausanne werden von Christophe Rousset dirigiert. Der renommierte Cembalist und Dirigent sorgt fĂŒr ein wunderbares Klangerlebnis. Vor allem die Leistung des Chors hat uns sehr beeindruckt. 

Die SĂ€ngerinnen und SĂ€nger sind ebenfalls allesamt stimmlich ĂŒberragend und gut ausgewĂ€hlt: So ĂŒberzeugt Sandrine Piau als Pamina, die sie mit viel Emotion und Ausdruck interpretiert. Kalt und unnahbar steht ihr RocĂ­o PĂ©rez gegenĂŒber, die in der Rolle der Königin der Nacht ebenfalls ĂŒberzeugt. 

Besonderer Publikumsliebling ist Papageno: Der lustige VogelfĂ€nger wird von Christoph Filler mit viel Humor und Einsatz gespielt und gesungen. Auch die anderen MĂ€nnerrollen sind wunderbar ausgewĂ€hlt und ĂŒberzeugen gesanglich und schauspielerisch. Zu erwĂ€hnen sind hier u.a. Alexander Köpeczi als Sarastro und Jeremy Ovenden als Tamino. 

SÀngerin bei der Oper Zauberflöte beim Menuhin Festival

Premiere einer halbszenischen AuffĂŒhrung und ein wunderbares Klangerlebnis

FĂŒr mich ist es die erste halbszenische AuffĂŒhrung, die ich erlebe. Ich finde dieses Format sehr spannend, da Orchester und SĂ€nger*innen auf Augenhöhe agieren. Es muss den Protagonisten gelingen, schauspielerisch durch die Oper zu fĂŒhren, ohne zu viel Raum einzunehmen. Die Interaktion zwischen Orchester und SĂ€nger*innen ist dabei sehr intensiv und fĂŒhrt zu einem besonderen musikalischen Erlebnis. 

FĂŒr mich ein gelungener Abend, der mir sicherlich lange in Erinnerung bleiben wird. 

Eine preisgekrönte Inszenierung von Don Giovanni in Essen

Von |08.06.2022|Oper|

Es war eine sehr spontane Entscheidung, am Pfingstwochenende ins Aalto-Theater in Essen zu fahren. Unser Sohn hat im Musikunterricht Don Giovanni behandelt und wollte die Oper unbedingt sehen. Da in Essen an Pfingsten die letzte AuffĂŒhrung der Mozart-Oper fĂŒr diese Saison zu sehen war, haben wir uns noch kurzfristig Karten fĂŒr die Vorstellung besorgt. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte.

Don Giovanni hatte ich schon in Lyon gesehen, damals allerdings in einer Inszenierung, die mich nicht ĂŒberzeugt hatte. Nun war ich auf Essen gespannt: Hier lief die WiederauffĂŒhrung einer Inszenierung von 2007, mit der Stefan Herheim damals von der „Opernwelt“ zum Regisseur des Jahres gewĂ€hlt wurde. Wir hatten also große Erwartungen an diesen Abend.

Ein FrauenverfĂŒhrer und sein Diener auf der Jagd

Die Handlung der Oper erzĂ€hlt die Geschichte des FrauenverfĂŒhrers Don Giovanni. Er und sein Diener Leporello versuchen mit allen Mitteln, stĂ€ndig und unermĂŒdlich neue Geliebte fĂŒr Don Giovanni aufzutun und zu verfĂŒhren. Zu Beginn der Oper dringt die Titelfigur bei Donna Anna ein und belĂ€stigt sie. Jedoch kann sie sich von ihm befreien und ruft nach Hilfe. Ihr Vater, der Comte, wird von Don Giovanni im Kampf getötet, als er Donna Anna zur Hilfe eilt. Das berĂŒhrt den VerfĂŒhrer wenig, er stĂŒrzt sich gleich in das nĂ€chste Abenteuer, bei dem er zu spĂ€t merkt, dass es sich um eine seiner vielen Verflossenen handelt. Also sucht er weiter und stĂ¶ĂŸt auf ein junges Bauernpaar kurz vor der Hochzeitsfeier. RĂŒcksichtslos macht er sich an die Braut heran. Obwohl Leporello von der Morallosigkeit und ZĂŒgellosigkeit seines Dienstherrn entsetzt ist, unterstĂŒtzt er ihn immer weiter in seinen VerfĂŒhrungsplĂ€nen. Viele Verwicklungen nehmen ihren Lauf und die Handlung ist recht turbulent und bunt, bis am Ende die Statue auf dem Grab des Comte lebendig wird und Don Giovanni in die Hölle befördert.

Erotik-SĂŒnden in kirchlichem Kontext

Stefan Herheim hatte die Idee, die Geschichte in einen kirchlichen/klösterlichen Rahmen zu versetzen. Leporello trĂ€gt das Ornat eines Pfarrers, das BĂŒhnenbild stellt eine Kirche dar, die „Liebeshöhle“ ist der Beichtstuhl. Damit wird die unbĂ€ndige Liebeslust von Don (San?) Giovanni in einen göttlichen Kontext gesetzt und Erotik als religiöses PhĂ€nomen stilisiert. FĂŒr mich, im Kontext der Berichte ĂŒber sexuelle Übergriffe katholischer Kirchenmitarbeiter, ist die Inszenierung auch ein stĂŒckweit als Kirchenkritik zu verstehen.

Dynamische Inszenierung fĂŒr vielseitige Interpretationen

Egal, wie man es deutet: Das BĂŒhnenbild und die KostĂŒme passen gut zu der vielschichtigen Handlung der Oper, denn auch sie sind Ă€ußerst vielseitig angelegt und lassen viel Raum fĂŒr Interpretation. Besonders gelungen finde ich die große Dynamik und das rasante Tempo der Inszenierung. Die dreieinhalbstĂŒndige Oper wird an keiner Stelle langweilig: Das sich stĂ€ndig bewegende BĂŒhnenbild und der hĂ€ufige KostĂŒmwechsel sorgen fĂŒr immer neue EindrĂŒcke. Die Wiederholungen, welche die Mozart-Oper durchaus hat, werden dadurch nicht zu unangenehmen LĂ€ngen, sondern lassen den Zuschauer jederzeit gebannt der rasant in Szene gesetzten Handlung folgen.

Ausgesprochen bewegende Charaktere mit lebhaftem Orchester

Überzeugend und emotional ĂŒberaus berĂŒhrend sind an diesem Abend auch die Interpreten: Die Titelrolle singt Bariton Modestas Sedlevičius, der nicht nur als SĂ€nger toll „performt“, sondern auch schauspielerisch seine Sache großartig macht. Gleiches gilt fĂŒr Leporello, ĂŒberzeugend dargestellt und gesungen von Almas Svilpa. Ebenfalls sehr beeindruckend war fĂŒr mich die Leistung der Donna Anna (Simona Ć aturovĂĄ) und der von Don Giovanni verlassenen Donna Elvira (Karin Stroboss). Ihre Arien-Auftritte haben mich regelrecht angerĂŒhrt und sehr begeistert.

Insgesamt war die gesamte Oper sehr stimmig und ĂŒberzeugend besetzt. Lob gebĂŒhrt außerdem dem Orchester, dass sehr temporeich und mit viel Enthusiasmus durch die Oper gefĂŒhrt hat.

Sehr schade, dass es keine weitere AuffĂŒhrung gibt, auf die ich Euch hinweisen kann. Aber vielleicht nimmt das Theater Essen die Inszenierung in der nĂ€chsten Zeit noch einmal ins Programm. Es wĂ€re sicher lohnend.

Irrelohe Oper Lyon: Mit Wumms und toll gespielter Titelfigur

Von |21.03.2022|Oper|

An einem Wochenende gleich zweimal die Oper besuchen: Das hatten wir bisher noch nicht. Aber wir nehmen das Angebot, an aufeinanderfolgenden Tagen zu den Premieren zu gehen, an. Und wir sehen zwei StĂŒcke, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Nach Verdis Rigoletto, einem absoluten „Kassenschlager“ mit unzĂ€hligen AuffĂŒhrungen, erwartet uns am zweiten Tag die erst vor ein paar Jahren wiederentdeckte und bislang kaum gespielte Oper „Irrelohe“. Sie stammt aus den 1920er-Jahren und ist von Franz Schreker. Die Inszenierung in Lyon war vor allem ein bombastisches Orchesterspektakel.

Vielleicht liegt ein Grund fĂŒr die seltenen AuffĂŒhrungen von Irrelohe in dem sehr fordernden Gesangspart. Zumindest hatte ich den Eindruck, dass man ganz schön viel Stimme und Können braucht, um gegen die gewaltige Orchestermusik „ansingen“ zu können (wobei ich das als musikalischer Laiin natĂŒrlich nicht kompetent beurteilen kann).

Jedenfalls ist es sehr schade, dass diese Oper so selten zu sehen ist, denn das ausverkaufte Haus und der jubelnde Applaus in Lyon haben deutlich belegt, dass Franz Schrekers Werk viel zu bieten hat.

Die Handlung

Sie ist skurril und trĂ€gt dem Titel Rechnung: Es geht um Irrsinn und einen grauenvollen Fluch, der seit Generationen auf Schloss Irrelohe lastet. Seit der Verbindung eines verrĂŒckten Mannes mit einem Wassergeist sind alle Grafen auf Irrelohe dazu verdammt, irgendwann dem Wahnsinn zu verfallen, eine Frau zu vergewaltigen und anschließend umnachtet zu sterben. Auch der alte Graf hat an seinem Hochzeitstag vor 30 Jahren das MĂ€dchen Lola aus dem Dorf vergewaltigt und ist bald darauf gestorben. Sein Sohn, der junge Graf Heinrich, versteckt sich deshalb in seinen BĂŒchern und verlĂ€sst das Schloss kaum. Lola ist inzwischen die Schankwirtin des Ortes am Fuß des Schlosses.

 

Ihr Sohn Peter kennt seinen Vater nicht und hat keine Ahnung, dass er aus der damaligen Vergewaltigung hervorging. Er liebt die Förstertochter Eva, die einzige, zu der er Kontakt hat. Eva jedoch erwidert diese Liebe nicht. Sie begegnet Heinrich und verliebt sich in ihn. Und Eva glaubt daran, ihren geliebten Grafen vor dem Fluch retten zu können, indem sie ihn heiratet.

WĂ€hrend die Dreiecksgeschichte ihren Lauf nimmt, wird erzĂ€hlt, dass im Ort immer wieder BrĂ€nde gelegt werden. Man erfĂ€hrt, dass dafĂŒr der ehemalige Verlobte von Lola, der Musikant Christobald, verantwortlich ist. Das große Finale ist die Hochzeit von Eva und Graf Heinrich: Beim Tanz des Brautpaars fĂ€llt Peter, der den Wahnsinn seines Vaters geerbt hat, ĂŒber Eva her und versucht, sie zu vergewaltigen. Graf Heinrich tötet ihn daraufhin, obwohl er inzwischen weiß, dass Peter sein Bruder ist. WĂ€hrend Christobald das Schloss in Brand steckt, sehen Eva und Heinrich Licht am Horizont.

Passende Inszenierung fĂŒr einen außergewöhnlichen Inhalt

Regisseur David Bösch hat fĂŒr diese verrĂŒckte Geschichte einen sehr passenden Rahmen gefunden. Ohne zu stark zu ĂŒberziehen, bringt er die AtmosphĂ€re von Horror und Grusel auf die BĂŒhne. Das BĂŒhnenbild ist dĂŒster, aber sehr passend, und es wird viel aus bekannten Horror- und Gruselfilmen zitiert. So erinnert der Butler an den buckligen Diener aus „The Rocky Horror Picture Show“. Die weißblonden Haare von Graf Heinrich lassen an Harry Potters bösen Gegenspieler Malfoy ebenso denken wie an Graf Dracula. Der Chor hat das Aussehen einer Geisterschar mit tiefschwarzen Augenringen.

 

Wie am Tag zuvor bei der Inszenierung der Oper Rigoletto von Axel Ranisch, so nutzt auch David Bösch den Film als ergĂ€nzendes Medium. Er zeigt auf der Leinwand die immer irrer werdenden TrĂ€ume von Peter und die Visionen des Unheils, das sich androht. Seine Filmausschnitte sind ein Zitat der Entstehungszeit der Oper: Sie werden als krisselige Schwarz-Weiß-Bilder mit Texttafeln prĂ€sentiert – also ganz im Sinne eines alten Stummfilms.Die gesamte Inszenierung von David Bösch ist stimmig und nimmt sich zurĂŒck. Man hat den Eindruck, dass Bösch mit der Oper sehr behutsam umgeht. Das hat mir gut gefallen, denn so bleibt sehr viel Raum fĂŒr die Handlung und die Figuren. Was mich allerdings gestört hat: Dass Bösch das Happy End dieser verrĂŒckten Geschichte nicht stehen lĂ€sst, sondern „seine Eva“ am Ende Selbstmord begeht. Das fand ich unnötig und irgendwie deutlich weniger interessant als das von Schreker vorgesehene positive Ende.

Überzeugendes Schauspiel, starke Stimmen

Den zuvor benannten Raum der Inszenierung verstehen vor allem die Hauptfiguren sehr gut zu nutzen. Julian Orlishausen als Peter zeigt eine enorme schauspielerische Leistung. Er schafft es tatsĂ€chlich, innerhalb der zweistĂŒndigen Oper durch sein Spiel die Wandlung des leicht grummeligen, aber netten jungen Mannes zum Wahnsinnigen gut nachvollziehbar und sichtbar zu machen. Auch Ambur Braid setzt ihre Rolle als selbstbewusste und starke Eva sehr ĂŒberzeugend in Szene. Gleiches gilt fĂŒr Tobias HĂ€chler als Graf Heinrich.

 

Genauso bewundernswert wie die spielerische Leistung ist fĂŒr mich allerdings – wie schon erwĂ€hnt – der gesangliche Part. Die drei Hauptpersonen singen unglaublich stark und haben – im Gegensatz zu den ĂŒbrigen Rollen – scheinbar kein Problem, sich gegen den sehr voluminösen Orchesterklang durchzusetzen.

Fulminate Musik

Franz Schreker hat fĂŒr Irrelohe eine wunderbar ausdrucksstarke und bombastische Musik geschrieben. Sie passt in ihrer Wildheit perfekt zur Geschichte und hat die Wirkung moderner Filmmusik. Eine Musik, die man nach meinem VerstĂ€ndnis nur schwerlich leise und verhalten spielen kann, sie braucht einen gewissen „Wumms“. Der auf neue Musik spezialisierte Dirigent Bernhard Kontarsky hat das jedenfalls genauso gesehen, denn er hat mit seinen Musikern ordentlich „Gas gegeben“. Umso fantastischer, dass es die Hauptfiguren geschafft haben, gesanglich mitzuhalten.

Alles in allem war auch die zweite Premiere in Lyon ein Erlebnis besonderer Art und auch hier ist meine Empfehlung: Unbedingt anschauen!

Die weiteren Termine finden sich hier.


Fotos: © Stofleth

Vom Filmemacher zum Opernregisseur: Interview mit Axel Ranisch

Von |21.03.2022|Oper|

Filmemacher, Buchautor, Opernregisseur – Axel Ranisch ist ein Generalist und obendrein ein sympathischer GesprĂ€chspartner. In meinem Interview mit ihm erklĂ€rt er, wie er zur Oper fand, was eine gute Inszenierung fĂŒr ihn ausmacht und warum ihm Buh-Rufe sehr nahe gehen.  

Wir haben uns vor der Opernpremiere des Rigoletto in Lyon zu einem GesprĂ€ch verabredet. Im Konferenzraum im obersten Stock des imposanten Opernhauses treffe ich auf den 38-JĂ€hrigen. Schon die BegrĂŒĂŸung ist Ă€ußerst herzlich und offen: Er habe die Interviewtermine nur so legen können, weil er gleich seine Familie erwarte. Ob das denn in Ordnung sei? NatĂŒrlich ist es in Ordnung, und bisher hatte sich keiner meiner Interviewpartner die MĂŒhe gemacht, das zu fragen. 

Nicht nur gut und böse zeigen 

Ich möchte zunĂ€chst wissen, wie Axel Ranisch an eine Inszenierung herangehe, was ihm dabei wichtig sei. Der Regisseur muss nicht lange nachdenken: „Mir ist vor allem wichtig, dass die Personen in einer Oper vielschichtig sind und nicht zu holzschnittartig. FĂŒr mich gibt es nicht nur gut oder böse, das wĂ€re auch langweilig. Auch bei der Inszenierung der Oper HĂ€nsel und Gretel in Stuttgart hat mich das interessiert: Kann man die Hexe anders darstellen, als nur böse? Auch den Vater von HĂ€nsel und Gretel, der ja eigentlich ein Ja-Sager ist, wollte ich etwas differenzieren.“

Dabei ist dem gut gelaunten Mann mit dem Wuschelkopf daran gelegen, nicht zu kompliziert oder zu dĂŒster und sperrig zu werden: „Die Geschichte muss erhalten bleiben, Oper muss auch Spaß machen und verstĂ€ndlich sein. Ich denke da sehr vom Publikum aus. HĂ€nsel und Gretel zum Beispiel ist eine Kinderoper. Da sind auch Kinder im Publikum und die sollen – trotz aller Greuel in diesem MĂ€rchen – einen schönen Abend erleben.“ 

„Rigoletto ist eine Testosteron-Oper“ 

FĂŒr Rigoletto war die Frage nach der Ausdifferenzierung der Charaktere ebenfalls zentral. Ranisch: „Die Oper wurde schon 500.000 Mal inszeniert. Da fragt man sich schon, wie geht man da am besten heran.“ ZunĂ€chst sei Rigoletto fĂŒr ihn ein Problem gewesen, da die Oper „nicht in der Balance“ sei. Es gebe viel zu viele MĂ€nner und unglaublich viel Testosteron. Das Weibliche komme deutlich zu kurz.  

Um mehr Gleichgewicht herzustellen, ersann der Regisseur eine interessante Lösung: „Ich hatte sehr schnell die Idee, eine zweite ErzĂ€hlebene hinzuzufĂŒgen. Verdi hat eine Menge Leerstellen gelassen, so erfĂ€hrt man beispielsweise nichts ĂŒber die Frau von Rigoletto, Gildas Mutter. In meiner Rahmenhandlung erzĂ€hle ich daher von Hugo, ein leidenschaftlicher Fan der Verdi-Oper, dessen Leben gewisse Parallelen zu Rigoletto aufweist. Ihm gebe ich eine Frau an die Seite, um so den Charakter (auch des Rigoletto) stĂ€rker auszuleuchten.“

Film in die Oper bringen 

Hugos Geschichte wird in erster Linie filmisch erzĂ€hlt. Das ist kein Zufall, sondern liegt in Axel Ranischs Werdegang begrĂŒndet. Der Berliner erzĂ€hlt, warum er den Film in die Oper bringt und wie er in die Regiearbeit gekommen ist: „Ich habe immer schon die Oper geliebt, schon als Kind und Jugendlicher. Aber eine musikalische Bildung war in unserer Familie nicht im Fokus, und so bin ich erst viel zu spĂ€t mit Musik in BerĂŒhrung gekommen. Ich bin ein musikalischer Laie, der sich autodidaktisch das ein oder andere beigebracht hat.“ Ranisch hatte nach seinem Abitur eine andere kĂŒnstlerische Karriere fĂŒr sich gewĂ€hlt: Er lernte an der Filmhochschule und machte schon bald mit verschiedenen Kurzfilmen auf sich aufmerksam.  

Axel Ranisch ist sowohl Regisseur, Schauspieler, Produzent und Autor. Sein Roman „Nackt ĂŒber Berlin“, der von zwei schwulen Jugendlichen erzĂ€hlt, hat viel positive Resonanz erhalten. Ebenso seine filmischen Arbeiten. Das zu dieser breiten Palette an Professionen auch noch die Oper dazukommen wĂŒrde, habe er sich niemals trĂ€umen lassen, so Axel Ranisch: „Ich war völlig ĂŒberrascht, als sich Nikolaus Bachler, der ehemalige Intendant der MĂŒnchener Staatsoper, bei mir meldete, um mich fĂŒr ein Opernprojekt zu gewinnen. Damit ging unerwartet ein Herzenswunsch in ErfĂŒllung.“ 

Als „Quereinsteiger“ habe sich Ranisch immer gerne der Werkzeuge bedient, die er vor allem beherrscht: „Ich komme vom Film, also habe ich Film mit in die Oper genommen. Damit fĂŒhle ich mich wohl.“ Was ist fĂŒr Ranisch das Besondere an Opern-Inszenierungen? „Oper ist deutlich vielschichtiger als Film. Man hat es mit einem Publikum zu tun, dass durchaus gefordert werden möchte. Dadurch kann man komplexer an Opern herangehen als an gĂ€ngige Filmprojekte. Außerdem ist die Kombination aus Musik, Schauspiel und Gesang mit anderen Anforderungen verbunden: Was kann man den SĂ€ngerinnen und SĂ€ngern zumuten? Was geht schauspielerisch, was nicht? Das ist sehr interessant“, erklĂ€rt er mir.

Trotz seiner Begeisterung fĂŒr das Genre Oper möchte Axel Ranisch sich darauf nicht begrenzen. Er sagt: „Ich finde es toll, wenn ich beides machen kann. Die Abwechslung gefĂ€llt mir und es geht mir gut damit.“ 

Mit Rigoletto Frankreich entdeckt 

Rigoletto ist fĂŒr Ranisch die erste Arbeit in Lyon. Er habe sich sehr gefreut, als ihn Serge Dorny, der kurz davor war, nach MĂŒnchen zu wechseln, mit seinen Arbeiten kennenlernen wollte. Das Ensemble in MĂŒnchen sei ihm sehr ans Herz gewachsen und er war schon in Sorge, ob mit dem Weggang Bachlers die Zusammenarbeit aufhöre. Daher wollte er die Arbeit fĂŒr Lyon in jedem Fall ĂŒbernehmen. 

Das war vor zwei Jahren, kurz bevor Corona alle SpielstĂ€tten lahmlegte. „Das StĂŒck lag zwei Jahre in der Schublade“, so Ranisch. Ob er es denn jetzt unverĂ€ndert auf die BĂŒhne gebracht habe? Ranisch lacht: „Nein, natĂŒrlich habe ich nochmal daran herumgefummelt. Es gab viel ÜberflĂŒssiges, viele Arabesken, die ich herausgenommen habe. Ich glaube, es ist dadurch besser geworden.“ 

Mit Lyon hat Ranisch nicht nur eine neue OpernstĂ€tte, sondern zugleich auch Frankreich kennengelernt. „Ich bin ĂŒberall gewesen und habe mir viel angeschaut. Und das Ergebnis ist ein neuer Weinschrank in meiner Wohnung in Berlin“, erzĂ€hlt er lachend.  

Freundlichkeit und gute Laune scheinen sowieso fĂŒr den 38-JĂ€hrigen von zentraler Bedeutung zu sein. So gibt er zu, dass ihm Buh-Rufe durchaus nahe gehen: „Ich möchte schon, dass meine Werke gefallen und eine positive Wirkung auf das Publikum haben. Bisher hatte ich GlĂŒck und wurde nicht ausgebuht. Das wĂ€re mir auch nicht egal. Da bin ich sensibel.“  

Bei Rigoletto jedenfalls konnte er sich ĂŒber begeisterten Applaus freuen. Das wird ihm sicher gefallen haben, vor allem weil auch seine Mutter im Publikum saß …  

Rigoletto Oper Lyon: Feuerwerk an Emotionen und grandiose SĂ€nger

Von |19.03.2022|Oper|

Im Vorfeld der AuffĂŒhrung hatten wir ein Interview mit dem Regisseur Axel Ranisch und waren daher bestens vorbereitet. Dabei hĂ€tte es dies nicht gebraucht: Die Premiere von Rigoletto ging direkt ins Herz, sowohl ĂŒber die Bilder als auch ĂŒber Musik und Gesang. Es war ein lustiger, trauriger, anrĂŒhrender und besonderer Abend, den wir in Lyon erleben durften, und er bleibt sicherlich fĂŒr lĂ€ngere Zeit unvergessen.

Multitalent Axel Ranisch fĂŒhrt Regie

Axel Ranisch hat seine Ausbildung als Filmemacher absolviert. An die Oper geriet er eher durch einen Zufall. Daher ist es nicht verwunderlich, dass seine Oper nicht ohne Leinwand auskommt. Verwunderlich ist eher, wie gut diese Mischung zwischen Film und Oper funktioniert und wie sehr das BĂŒhnengeschehen durch die ErgĂ€nzung um Bewegtbild bereichert wird.

Nicht jedem gefĂ€llt es, wenn filmische Szenen das BĂŒhnengeschehen ĂŒberlagern oder ergĂ€nzen. TatsĂ€chlich erntete Regisseur Axel Ranisch fĂŒr seine „wilde Inszenierung“ einige Buh-Rufe – im Gegensatz zu dem musikalischen Ensemble, das sehr bejubelt wurde. Meiner Begleitung und mir gefiel dagegen Ranischs Ansatz extrem gut. Auch wenn es manchmal schwer war, dem Gewusel auf BĂŒhne und Leinwand gleichzeitig zu folgen.

Die Handlung

Aber der Reihe nach: Mir – als Opern-SpĂ€tstarterin – war Rigoletto neu. Ich hatte diese wunderbare Oper bisher nicht gesehen und kannte auch die Musik nur in wenigen Ausschnitten. Die Handlung hier nun – wie immer – in Kurzform schnell erzĂ€hlt:

Die Handlung ist wie immer schnell erzĂ€hlt: Hofnarr Rigoletto hilft seinem Dienstherren, dem FrauenverfĂŒhrer und Herzog (Duca) von Mantua, bei seinen diversen Liebensabenteuern. Den gehörnten EhemĂ€nnern, abservierten Ehemaligen etc. gegenĂŒber verhĂ€lt er sich beleidigend und völlig mitleidlos. Als Rigoletto sogar so weit geht, eine verheiratete Frau entfĂŒhren lassen zu wollen, um sie dem Duca zuzufĂŒhren, ist der Zorn der ĂŒbrigen MĂ€nner im Umfeld des Herzogs geweckt. Sie wollen sich rĂ€chen, indem sie die vermeintliche Geliebte des Rigoletto entfĂŒhren lassen. Es handelt sich jedoch um dessen vor dem Herzog und der Welt versteckte Tochter Gilda. Sie wird tatsĂ€chlich anstelle des eigentlichen Opfers entfĂŒhrt, verliebt sich in den Duca und wird von ihm entehrt. Rigoletto ist am Boden zerstört. Er plant, dass seine Tochter als Mann verkleidet die Stadt verlĂ€sst, wĂ€hrend er den Herzog durch einen gedungenen Mörder töten lĂ€sst.

Doch auch des Mörders Schwester war die Geliebte des Herzogs und ist ihm zugewandt. Sie ĂŒberredet ihren Bruder, einen anderen an seiner Stelle zu töten und als Leiche in einem Sack zu prĂ€sentieren. Der Bruder folgt ihrem Vorschlag und ersticht anstelle des Frauenhelden die erste Person, die ihm begegnet: die in MĂ€nnerkleidung getarnte Tochter Gilda. Rigoletto schaut in den Leichensack und entdeckt dort sein geliebtes Kind, das in einem musikalisch fulminanten Finale in seinen Armen stirbt.

Gekonnt kunstvolle Inszenierung mit verzeihbarer SchwÀche

Axel Ranisch hat dieser Geschichte einen ErzĂ€hlrahmen hinzugefĂŒgt. Seine Inszenierung beginnt in den Plattenbauten von Berlin. Dort sitzt in einer Wohnung ein einsamer und sehr trauriger Rigoletto-Fan mit Namen Hugo. Er wird auf bĂŒhnenbreiter Leinwand gezeigt, wie er in einer tristen, engen Wohnung eine Rigoletto-Videokassette in den Rekorder steckt und seine Herzensoper startet. WĂ€hrend auf dem Fernsehen die Oper beginnt (tatsĂ€chlich wird ĂŒber eine Kamera der Auftritt des Dirigenten gezeigt), greift Hugo zum Revolver, um Selbstmord zu begehen.

Danach wechselt die Szene auf die eigentliche BĂŒhne, die ebenfalls ein Berlin der 80er-Jahre zeigt: Dunkle verkleinerte Hochhaus-Bauten, Punks und wilde Rocker fĂŒllen die BĂŒhne. Der Graf gibt eine Party, und es wird wild getanzt und gefeiert. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Parallel erscheint in einem offenen Raum Hugo auf seinem Sofa. Er scheint in die Handlung geworfen zu sein und mĂ€andert wĂ€hrend der gesamten AuffĂŒhrung ĂŒber die BĂŒhne. Wie ein Geist, der von den anderen zwar wahrgenommen, aber nicht eigentlich gesehen wird, versucht er, das Schlimmste zu verhindern, was ihm aber nicht gelingt.

WĂ€hrend Rigoletto seinem grauenvollen Schicksal entgegenlĂ€uft, wird ĂŒber zwischenzeitlich herabgelassene LeinwĂ€nde das Leben von Hugo erzĂ€hlt. Beide haben eine Ă€hnliche Geschichte: Sie sind alleinerziehend und versuchen mit allen Mitteln ihre Töchter zu beschĂŒtzen, die sich der Enge ihrer Obhut entziehen. Bei Rigoletto endet dies mit dem Tod der Tochter, bei Hugo mit dem eigenen Selbstmord.

Eine tolle szenische Idee, da durch diese Rahmenhandlung auch Rigoletto vielschichtiger und „tiefer“ erscheint und die Motive seiner Handlungen klarer werden. Alle Figuren in Verdis Oper wirken emotionaler, indem sie um diese filmische Parallelgeschichte ergĂ€nzt werden.

Allerdings haben fĂŒr uns einige der Filmszenen das Geschehen auf der BĂŒhne fast zu stark ĂŒberlagert. Vor allem die Episode, in der erzĂ€hlt wird, wie Hugo seine Frau bei der Geburt der Tochter verlor, wird auf so großer Leinwand gezeigt, dass das wunderschöne und anrĂŒhrende Duo von Rigoletto und Gilda auf der BĂŒhne in den Schatten gerĂ€t. Insgesamt hat uns aber die Idee dieses „Medienmixes“ sehr gut gefallen.

Starke Stimmen und ein herausragendes Orchester

Abgesehen von der Inszenierung haben aber auch SĂ€nger*innen und Orchester ungeheuer begeistert. Selten habe ich so gut besetzte und stimmgewaltige Hauptdarstellerinnen und -darsteller erlebt. Verdis Musik ist grandios, das Orchester trug dem Rechnung. Der Chor war einfach großartig und die Hauptstimmen trafen direkt ins Herz.

Besonders nahe ging mir Gilda, gespielt von Nina Minasyan. Sie hat einen glockenklaren Sopran, ihre Ausstrahlung ist unglaublich und man konnte sich der Emotion, die sie ausstrahlte, nicht entziehen. Nicht weniger eindrucksvoll aber auch Rigoletto (Dalibor Jenis). Ein gewaltiger Kerl mit gewaltiger Stimme. Toll! Und in gleicher QualitĂ€t die dritte Figur: der Graf von Monterone, gesungen und gespielt von Roman Chabaranok. Er ĂŒberzeugte als den Frauen verfallener Gigolo, der sich bei all seinen SeitensprĂŒngen ganz und gar unschuldig fĂŒhlt, da er „nicht anders kann“. Auch er ideal besetzt und mit einer wunderbaren Stimme.

Allen Darstellern und der Inszenierung gelang es, sowohl Witz und Humor als auch Tragik und GefĂŒhl in diese zwei Stunden zu packen. Die Zeit verging im Flug und man fĂŒhlte sich wie auf einer emotionalen Achterbahn. Der donnernde Applaus am Ende war durchaus begrĂŒndet: Es war ein besonderer Abend!

Es lohnt, dafĂŒr eine Reise in die wunderbare Stadt Lyon zu machen! Die AuffĂŒhrung kann noch bis zum 7. April besucht werden.

HĂ€nsel und Gretel in der Oper Stuttgart: Bildgewaltig und sehr unterhaltsam

Von |08.02.2022|Oper|

Vergangenes Wochenende bin ich der Einladung der Staatsoper Stuttgart gefolgt und habe gemeinsam mit meiner erwachsenen Tochter die Premiere von Engelbert Humperdincks Oper HĂ€nsel und Gretel besucht, inszeniert von Axel Ranisch.

Ich kannte Humperdincks Oper bislang nicht, obwohl sie hĂ€ufig als „Kinderoper“ aufgefĂŒhrt wird. Außerdem war ich auf die Inszenierung von Axel Ranisch gespannt, der als Film-, Theater- und Opernregisseur schon sehr viele spannende Projekte vorzuweisen hat. Wir haben den Opernbesuch also auf eine kleine Wochenend-Reise ausgedehnt und bei sehr mĂ€ĂŸigem Wetter Stuttgart besucht.

Die Premiere war am Sonntag um 17 Uhr. Durch die frĂŒhe Uhrzeit war die Vorstellung auch fĂŒr Kinder bestens geeignet, dennoch ĂŒberwogen die erwachsenen Besucherinnen und Besucher. Das Opernhaus war ausgebucht, was in diesen Zeiten ein seltener Anblick ist. Durch 2G und Maske fĂŒhlte man sich dennoch sehr sicher.

AufgefĂŒhrt wurde im Staatstheater, einem recht prunkvollen GebĂ€ude, das ursprĂŒnglich 1909 bis 1912 von Max Littmann erbaut und in den 1980er Jahren restauriert wurde. Derzeit wird gerade die erneute Sanierung des GebĂ€udes geplant, das vor allem in seiner technischen Ausstattung nicht mehr ganz zeitgemĂ€ĂŸ ist. Das Staatstheater liegt wunderbar zentral und war von unserem Hotel aus fußlĂ€ufig gut zu erreichen.

Der MĂ€rchenklassiker als Untergangszenario

Die Handlung von HĂ€nsel und Gretel muss an dieser Stelle nur kurz erzĂ€hlt werden, denn die kennen wohl die meisten von uns. In der Oper von Humperdinck ist sie in drei Bildern zusammengefasst, die recht straff durch die Geschichte fĂŒhren: In Akt 1 sind die Kinder allein zu Hause und warten auf die Eltern. Statt die aufgetragenen Arbeiten zu erledigen, spielen und tanzen sie, bis die Mutter sie erzĂŒrnt ĂŒberrascht. In Akt 2 werden die Kinder in den Wald geschickt, um Erdbeeren zu suchen und verirren sich dort in der hereinbrechenden Nacht. Die Eltern machen sich mittlerweile Sorgen und gehen auf die Suche nach ihnen. Akt 3 schließlich zeigt das Zusammentreffen mit der Hexe, die die Kinder essen will, aber durch Gretels Schlauheit selbst im Backofen landet.

Axel Ranisch hat Humperdincks Oper temporeich umgesetzt und beeindruckt uns mit einem imposanten und mĂ€rchenhaften BĂŒhnenbild. Schon zu Beginn wĂ€hrend der achtminĂŒtigen OuvertĂŒre zieht uns das Geschehen auf der BĂŒhne in Bann: Es wird auf riesiger Leinwand ĂŒber die gesamte BĂŒhnenbreite und -höhe ein Animationsfilm gezeigt, der auf Ranischs Interpretation der Oper einstimmt. Gezeigt wird eine langsame Kamerafahrt durch einen Wald, in dem MĂŒll lagert, der teilweise in Flammen steht. Es ist ein Endzeitdrama, das Ranisch heraufbeschwört, in dem die kinderfressende Hexe mit ihrer makabren „Lebensmittel-Produktion“ – einer speziellen Bonbon-Fabrik – die Einzige ist, die genug zu essen produzieren kann.

Viel schwarzer Humor und wunderbare Bilder

Obwohl das alles sehr schauerlich klingt, hat Ranisch seine Inszenierung mit viel Humor und einem Augenzwinkern umgesetzt. Der dĂŒstere Wald wirkt immer auch schön, vor allem die aus hĂ€ngenden Stoffbahnen herausgeschnittenen BĂ€ume haben mir sehr gefallen. Das gesamte BĂŒhnenbild ist Ă€sthetisch sehr gut gelungen und wirkt stimmig, bei allem Grusel jederzeit auch ein wenig skurril-witzig. Auch die Lichteffekte sind perfekt gesetzt und tauchen das Geschehen in wunderbare Farben.

Besonders das Hexenhaus und ihre Drops-Produktion sind poppig bunt und mit viel Sinn fĂŒr schwarzen Humor ins Bild gesetzt. Im Hintergrund sieht man die „Lebensmittelproduktion“:  Die Kinder werden mit Roboterarmen in die Produktion befördert und enden als bunte Bonbons in einer glĂ€sernen Röhre. Die Hexe selbst wird dargestellt als smarte Business-Frau, die gute GeschĂ€fte mit den aus Kindern produzierten sĂŒĂŸen Drops zu machen scheint.

Schwungvolle Orchestermusik und gute SĂ€nger*innen

Neben diesem optischen Feuerwerk gehen die Protagonisten in keiner Weise unter. Vor allem die Hauptfiguren HĂ€nsel und Gretel haben mich sehr ĂŒberzeugt. Josefin Feiler spielt und singt Gretel als emotionales und zugleich „taffes MĂ€dchen“, das sich gegen die Hexe zu wehren weiß. Und Mezzosopran Ida RĂ€nzlöv gibt einen leichtsinnigen und verspielten HĂ€nsel, der es im Vergleich zu seiner Schwester an Vernunft etwas fehlen lĂ€sst. Beide haben toll gesungen und passten sehr gut in die Inszenierung.

Ebenfalls sehr ĂŒberzeugend und sympathisch wirkte auf meine Tochter und mich die Besetzung der Eltern. Shigeo Ishino spielt einen sehr sympathischen Vater, allerdings wirkt sein Charakter fast zu positiv, da er zum einen als Trinker, zum anderen in der Jacke der Hexen-Helfer auch als Teil des Systems gezeigt wird. Catriona Smith als Mutter fĂŒllt ihre Rolle der bitterarmen Frau ebenfalls sehr gut aus. Gleiches gilt fĂŒr die Hexe, gesungen von Rosie Aldrige.

Einen tollen Job haben auch Orchester und Chor gemacht. Das Dirigat von Alevtina Ioffe war schwungvoll und wuchtig, passend zum bombastischen Geschehen auf der BĂŒhne.

Uns hat der vergleichsweise kurze Opernabend (knapp zwei Stunden) sehr viel Spaß gemacht. Trotz aller Untergangsszenarien hat Ranisch Humperdincks Oper mit leichter Hand inszeniert und uns mit so viel guter Laune versorgt, dass uns auch die Untergangsstimmung draußen mit Sturm und peitschendem Regen die Stimmung an diesem Abend nicht trĂŒben konnte.

Schaut es Euch gerne selbst an! Weitere Vorstellungen findet Ihr auf der Website der Oper Stuttgart.


Bilder: Matthias Baus

Festspiele Immling: Interview mit der musikalischen Leiterin Cornelia von Kerssenbrock

Von |23.10.2019|Oper|

Wie kommt man auf die Idee, einen Gnadenhof fĂŒr Pferde zu einer Opern-SpielstĂ€tte zu machen? Was ist das Besondere an den Opernfestspielen in Immling neben der außergewöhnlichen SpielstĂ€tte? Und wie begeistert man junge Menschen fĂŒr die Oper? Diese und Ă€hnliche Fragen beantwortete Cornelia von Kerssenbrock in einem GesprĂ€ch mit mir am Rande der vergangenen Opernfestspiele.

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Opern-SpielplÀne in NRW: eine Datenanalyse

Von |17.07.2019|Digitalkultur, Oper|

FĂŒr mich als Marktforscherin sind Zahlen, Daten, Fakten immer besonders spannend. Jetzt bin ich auf ein Angebot unter wdr.de hingewiesen worden, das genau darauf spezialisiert ist. Unter dem Titel »Daten sichtbar machen« stellt der WDR zu verschiedenen Themen BeitrĂ€ge bereit, die spannende Erkenntnisse liefern.

Leider ist es hier wie bei vielen Angeboten vom Öffentlich-Rechtlichen im Netz: Man findet derartige Informationen kaum oder gar nicht und muss viel GlĂŒck haben, um sie in seine Social Media-Timelines »gespĂŒlt« zu bekommen. Zudem existiert der Bereich »Data« innerhalb der Top-Navigation des Senderportals gar nicht, sondern ist ein »versteckter« Bereich der Untersparte »Digital« in der Rubrik »Verbraucher«.

Ein besonderes Highlight aus der genannten Rubrik ist fĂŒr mich als Opernliebhaberin der gestern veröffentlichte Beitrag ĂŒber die Opernlandschaft in NRW. Hier wird deutlich gemacht, wie umfangreich und zugleich eingeschrĂ€nkt das Opernangebot in unserem Bundesland tatsĂ€chlich ist.

Zu diesem Zweck wurden sĂ€mtliche OpernauffĂŒhrungen aus NRW im Zeitraum 2018/1019 analysiert. Es waren ĂŒber 1.000 AuffĂŒhrungen, die in die Analyse eingeflossen sind.

Das Ergebnis: Es gibt ein sehr umfangreiches Opernangebot in NRW. Mit drei (!) AuffĂŒhrungen pro Tag kann man als Fan der Oper in NRW seiner Leidenschaft tatsĂ€chlich frönen. Denn – so meine Erfahrung – die meisten SpielstĂ€tten liegen von Köln aus selten weiter als eine Stunde Fahrzeit entfernt.

Auf der anderen Seite sind es meist die bekannten und beliebten Opern, die auf den Spielplan kommen. So konnte man die Zauberflöte 73 Mal sehen, Mozart insgesamt 118 Mal. AngefĂŒhrt wird die Hitliste mit 143 Verdi-AuffĂŒhrungen.

Schaut man bei den jeweiligen Entstehungsjahren in den Zeitraum vor 1800 und nach 1900, dĂŒnnt das Angebot merklich aus. Vor allem lebende Komponisten kommen mit gerade mal 9 Prozent sehr selten zum Tragen. Dortmund ist unter den NRW-OpernhĂ€usern dabei das »lebendigste«. Hier leben immerhin noch ein Drittel der Komponisten, deren Werke zur AuffĂŒhrung kamen.

Insgesamt ein spannendes Bild, was die WDR-Recherche da zu Tage fördert. Und schön aufbereitet sind die Ergebnisse ĂŒberdies. Schade, dass man solche datenjournalistischen BeitrĂ€ge viel zu selten findet, wenn man im Netz nach Informationen sucht.

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