Digitale Blog-Posts des Museums für Kommunikation

Von |06.07.2023|Digitalkultur|

Ein Gastbeitrag von Laura Heyer, Mitarbeiterin des Museums für Kommunikation in Bern

 

Museen erhalten Objekte für die kommenden Generationen. Sie sind damit etwas zutiefst Analoges – und doch spielt auch hier die Digitalisierung auf mehreren Ebenen eine sehr bedeutende Rolle. Gerade bei einem Museum, dessen Stifterinnen das Schweizer Telekommunikationsunternehmen Swisscom und die Schweizerische Post sind. Wöchentlich erscheint bei uns mindestens ein neuer Beitrag auf unserer Website. Zu Wort kommen dabei alle aus unserem Team. Ich zeige hier eine kleine Auswahl der Blogbeiträge, die sich um das Thema Digitalisierung drehen. Was ein Albumtitel von Falco, die Ukraine und Küssen damit zu tun haben? Lesen Sie selbst. Herzlich willkommen bei den digitalen Blogs des Museums für Kommunikation in Bern.

 

Museumsobjekte erzählen von der Digitalisierung

Wenn unsere Kommunikator:innen durch unsere Kernausstellung führen, bleiben sie oft an einem riesigen Metallschrank stehen, der ERMETH. Die Abkürzung steht für Elektronische Rechen-Maschine der Eidgenössisch Technischen Hochschule Zürich. Wenn es um historisch-technische Museumsobjekte geht, schreibt Juri Jaquemet, Sammlungskurator Informations- und Kommunikationstechnologie, gerne Blog-Beiträge und erzählt deren Geschichten.

Noch während des Zweiten Weltkrieges rechnet die Schweiz analog. Mit der Gründung des Instituts für Angewandte Mathematik an der Zürcher Hochschule beginnt 1948 im Alpenland das Zeitalter der programmierbaren Rechenautomaten. Institutsleiter Professor Eduard Stiefel reist mit Kollegen zu den Computerpionieren in die USA. Er publiziert 1951 die Erkenntnisse und erregt damit internationales Aufsehen – vor allem aber hat er sich das Fachwissen für den Bau eines digitalen Rechengerätes geholt. Trotz vieler Probleme beim Bau des Riesencomputers – mit Lieferanten und Abwerbungen durch IBM – wird dieser 1958 in Betrieb genommen und ist bis 1963 fast pausenlos im Einsatz.

Hier geht’s zum Blog-Post „ERMETH – Computer made in Switzerland“ von Dr. phil. Juri Jaquemet.

 

Ermeth Computer und Metallschrank im Museum für Kommunikation in Bern.

Heute steht die ERMETH im Museum für Kommunikation in Bern. Für diese Aufnahme wurde der Computer extra freigestellt. Mittlerweile steht der Rechner in der Zone Datacenter der neuen Kernausstellung. Foto: Museum für Kommunikation, Bern.

 

Neben diesem Leitfossil der Schweizer Informatikgeschichte, beginnt – ebenfalls in den Nachkriegsjahren – die Geschichte des mobilen Telefonierens in der Schweiz. Radiovox heisst das System und füllt den halben Kofferraum eines Autos. 1978 lanciert die PTT (Post-, Telefon- und Telegrafenbetriebe, staatliche Behörde zwischen 1928 und 1998) dann das Nationale Autotelefon – kurz Natel. Das Model A ist als tragbarer Koffer von 15 kg für 10’000 CHF zu haben. Die Geräte werden bald kleiner, billiger und stammen fortan meist nicht mehr aus Schweizer Produktion. Die tieferen Preise ermöglichen es, dass sich die mobile Telefonie im Alltag durchsetzt.

 

Historisches Bild mit einem Natel A im Koffer auf einer Motorhaube in den 70er Jahren.

Tragbares Natel A im Koffer: Damit wird die Telefonie in der Schweiz definitiv mobil. Aufnahme Ende der 1970er Jahre. Foto: Museum für Kommunikation, Bern.

 

Auch in den immobilen Telefonkabinen findet sich in den 1990ern ein erstes Anzeichen der kommenden Digitalisierung: Das Telefonbuch wird durch den Teleguide ersetzt. Ein Gerät, das den Online-Zugriff auf das vollständige Teilnehmende-Verzeichnis ermöglicht. 2002 zählt die Statistik dann für die Schweiz erstmals mehr Mobil- als Festnetzanschlüsse, ab 2007 sogar mehr als Einwohnende – damit beginnt das langsame Ende der Telefonkabinen. In der NZZ plädiert zwar ein Architekt augenzwinkernd für den Erhalt einiger Kabinen als künftige Stationen zum Beamen, aber so weit ist es noch nicht. Und so demontiert die Swisscom, eben gerade von der Telefonkabinenpflicht befreit, 2019 ihre letzte Telefonkabine der Schweiz. Sie steht nun im Depot des Museums für Kommunikation in Bern und bleibt der Nachwelt erhalten.

 

Digitale Strategie des MfK

Social Media, digitale Besuche, Sammlungsdatenbanken und eine App zur Zeiterfassung – die digitale Transformation ist in allen Bereichen des Museums angekommen. Und die Situation wird zunehmend komplex. Deswegen entwickeln wir seit 2019 auf Führungsebene eine digitale Strategie. Sie soll ein koordiniertes Vorgehen und den Austausch zwischen allen Bereichen etablieren. Christian Rohner, stellvertretender Direktor und Leiter Ausstellungen und digitales Museum berichtet in seinem Blog-Beitrag von den Anfängen.

Die im Februar 2020 öffentlich präsentierte Strategie verfolgt insgesamt drei Ziele: die Präsenz in der virtuellen Welt auszubauen, die kulturelle Teilhabe zu stärken und eben auch das kulturelle Gedächtnis zu fördern.

Unser erstes Ziel der virtuellen Präsenz, also als vernetzte Gedächtnisinstitution zeit- und ortsunabhängig erlebbar zu sein, wird schon einen Monat nach der Veröffentlichung dieser theoretischen Worte anfangs 2020 zum praktischen Muss: «Das Museum ist bis auf Weiteres GESCHLOSSEN» prangt in Grossbuchstaben auf unserer Homepage. Eine Pandemie namens Corona hat das Leben lahmgelegt. Das zwingt uns dazu, einige Aspekte unserer Zukunftsstrategie schnell zu erproben. Bereits zwei Wochen nach der Schliessung begrüsst ein dreiköpfiges Team viermal in der Woche Besuchende per Livestream. Die schnelle Einführung dieses neuen, digitalen Formats ist nicht einfach, denn in unserem Team hat niemand Erfahrung damit. Auf welchem Kanal soll gestreamt werden? Was sind Konsequenzen in Bezug auf das Urheberrecht und wie sollen diese Führungen archiviert werden? Die Antworten auf all diese Fragen können wir nur nach dem Trial-and-Error-Prinzip finden. Der digitale Wandel der vergangenen Jahrzehnte zeigt sich in diesem neuen Vermittlungsformat eindrücklich: Wäre für ein vergleichbares Vorhaben noch bis in die 1990er Jahre ein TV-Übertragungswagen samt Ton, Kamera und Moderation notwendig gewesen, reichen jetzt ein Smartphone und ein Streamingdienst. Der letzte Stream – als Video on demand untem im Blogbeitrag zu sehen – spiegelt die Experimentierfreude des Teams wider: Was sie in einer Weiterbildung zu Auftrittskompentenz gelernt haben, geben sie hier mit einem Geheimrezept und Aerobic-Instruktionen an die Aussenwelt weiter.

 

Der Blick aufs Nicht-Digitalisierte

Von einem unvorhergesehenen Ereignis der Gegenwart zum nächsten: «Einer meiner ersten Eindrücke als ich in der Schweiz ankomme, ist die Aufmerksamkeit und Sensibilität der Schweizer:innen für wiederverwertbare Materialien (…) und das scheinbar komplizierte Sortier- und Sammelsystem für Abfälle. Von aussen betrachtet sieht die Situation nahezu perfekt aus.» Das schreibt Liubov Dubynets, die vor dem Krieg aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet ist und uns vom Oktober 2022 bis Februar 2023 als Projektmitarbeiterin im Sammlungsteam unterstützt hat. Zum Abschluss ihrer Tätigkeit bei uns hat sie einen Blog-Post geschrieben – und uns mit der Themenwahl überrascht. Sind wir gar nicht so modern und digital? Sie wundert sich, warum die Zugänge für ein Bankkonto mittels fünf einzelner Briefe zugestellt werden, statt direkt in der Bank übergeben oder eben digital, per Mail zugesendet zu werden. Deswegen schaut sie sich das Ganze mal statistisch an: Öffentlichen Zahlen zufolge ist die Schweiz eines der führenden Recyclingländer der Welt. Aber sie ist auch bei der Müllmenge das drittgrößte Land Europas. Und die Schweizer:innen verbrauchen jährlich rund 190 kg Papier pro Kopf, weltweit sind es rund 57 kg.

 

Zerknülltes Papier, Symbolbild Blogbeitrag MfK, Land der Papierberge

Foto: Museum für Kommunikation, Bern.

 

Ob die E-Mail diesbezüglich ein absolutes Allheilmittel sein könnte? Sie spricht von ihrer Erfahrung in der Ukraine, wo kaum Briefe mit der Post verschickt werden, fast alle Kommunikationsprozesse sind digitalisiert. Sie geht dem Thema und den Zahlen weiter nach und stellt fest, dass der elektronische Brief gar nicht so fehlerfrei ist wie angenommen. Briefe stossen im Durchschnitt doppelt so viel CO2 aus wie E-Mails, vor allem des Transports wegen. Eine E-Mail ist also umweltfreundlicher, aber nur wenn sie in der gleichen Häufigkeit wie Briefe verschickt wird. Doch wir verschicken täglich zahlreiche E-Mails. Gar nicht so einfach ein Gleichgewicht zu finden!

Hier geht’s zum Blog-Post „Im Land der (Papier-)Berge“ von Liubov Dubynets.

 

Eigene Erfahrungen mit der digitalen Welt

Wir schliessen den Kreis vom ersten Computer der Schweiz zur neusten Computertechnologie und einem Ausblick auf einen Blog-Beitrag zur Digitalisierung, der im Herbst 2023 erscheinen wird.

NERDA ist ein Projekt bei uns im Museum, dessen primärer Antrieb die Freude an digitalen Erlebnissen und Entdeckungen ist. NERDA hat sich zum Ziel gesetzt, digitale Anwendungen erlebbar zu machen, und zwar sinnlich, zugänglich, experimentell und mit Spass, auch am Scheitern. Hauptakteurinnen des Projekts sind zwei Kommunikatorinnen. Eine davon wagt ein Experiment im Web 3.0. Wie erinnert sich eine Künstliche Intelligenz (KI) an einen ersten Kuss und auf welche Bild- und Datensätze greift sie dabei zurück? Das fragt sie sich in ihrem Blogbeitrag. Schauen Sie doch immer mal auf unserer Website und unserem MfK-Blog vorbei oder folgen Sie uns in den Sozialen Medien (@mfkbern). So erfahren Sie immer wieder das Neuste zur Digitalisierung im analogen Museum.

 

Digitales Theater ist (fast) ein Widerspruch in sich – eine Replik

Von |18.02.2021|Digitalkultur|

Vor zwei Wochen hat Sabine Haas hier auf dem Kultur-Blog über digitale Kulturangebote geschrieben. Sie formulierte dort den Wunsch, dass sich bei Live-Streams oder digitalen Aufnahmen von Theateraufführungen noch mehr entwickeln muss. Nils Bühler sagt nun: Digitales Theater – das kann nichts werden.

 

Sabine hat, denke ich, in ihrem Artikel zu digitalen Kulturangeboten recht: In den letzten Monaten haben sich viele Kultureinrichtungen ins Zeug gelegt, um digitale Ausdrucksformen für ihre Künste zu finden, doch im Großen und Ganzen gibt es noch Luft nach oben. In einer Sache ist der Wunsch nach einer Entwicklung jedoch vergebens: Das Theater wird sich nicht ins Digitale übertragen lassen. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

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Digitale Konzerte, Museen und Theater – Hat das alles eigentlich eine Zukunft?

Von |04.02.2021|Digitalkultur|

Die Lockdowns während der Coronapandemie haben viele digitale Angebote von eigentlich nicht-digitalen Institutionen hervorgebracht. Viele gute und auch nicht so gute Beispiele haben wir hier auf dem Kultur-Blog schon besprochen. Doch wie steht es um die digitalen Kulturangebote im Gesamten? Sabine Haas gibt eine Einschätzung.

 

In Zeiten von Corona bleibt den Kultureinrichtungen nur der eine Weg, um mit dem Publikum in Kontakt zu kommen: Das Internet. Es ist also kein Wunder, dass es inzwischen ein extrem breites Angebot an digitaler Kultur gibt und dieses Angebot täglich weiter wächst. Kulturinteressierte können digital Konzerte besuchen, Theater-Livestreams verfolgen, 360-Grad-Apps auf ihr Handy laden, Podcasts abonnieren und vieles mehr. Das ist toll, denn es zeigt, wie breit die Möglichkeiten digitaler Kulturerfahrungen inzwischen sind.

Dennoch: Immer noch sind viele dieser digitalen Kulturevents eher „Notlösungen“ oder „Ausweichangebote“, die die Pandemie als Ausnahmesituation hervorbringt und die nicht wirklich überzeugen. Der Grund: Vieles ist nicht durchdacht, einiges technisch sehr aufwändig und oft ist die Hürde bei der Nutzung so groß, dass man schon vor dem Einstieg abgeschreckt ist.

Nach einer Reihe von „digitalen Kulturbesuchen“ bekomme ich mehr und mehr den Eindruck, dass es noch eine Weile dauert, bis sich eine attraktive und sinnvolle „digitale Kulturlandschaft“ herausgebildet hat, deren Besuch wirklich Spaß macht – und zwar nicht nur in Zeiten einer Pandemie.

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Demokratisierung des Museums: nextmuseum.io versucht, durch Digitalisierung Kurationsprozesse zu öffnen

Von |06.08.2020|Digitalkultur|

Wie könnte das Museum der Zukunft aussehen? Die meisten Experimente, die diese Frage beantworten wollen, versuchen, den Museumsbesuch neu zu gestalten – die Kuration bleibt dabei oft verschlossen. Das Museum Ulm und das NRW-Forum in Düsseldorf haben am 1. Juli 2020 die Plattform nextmuseum.io gestartet, die diesen Umstand verändern soll. Ich habe mir das von der Bundeskulturstiftung im Rahmen des Fonds Digital geförderte Projekt einmal angeschaut und mit Marina Bauernfeind, einer Initiatorin des Projekts, gesprochen.

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Auf den Spuren der Geschichte: Deutsches Spionagemuseum Berlin

Von |12.03.2019|Unterwegs|

Bei unserem jüngsten Familienausflug nach Berlin haben wir neben der Komischen Oper auch das Deutsche Spionagemuseum besucht. Ich fand es sehr interessant, in einer Stadt wie Berlin mit ihrer besonderen Geschichte etwas über die Aktivitäten der Geheimdienste während des Kalten Krieges zu erfahren. Allerdings war ich nicht sicher, ob das »junge« Museum (geöffnet seit 2015) nicht eher reißerisch und touristisch ausgelegt ist.

Ich muss sagen, meine Befürchtungen waren unbegründet. Der Besuch des Museums hat einen Riesenspaß gemacht, denn es war eine sehr gelungene Mischung aus Information und Unterhaltung.

Besonders beindruckt hat mich, dass es dem Spionagemuseum auf perfekte Weise gelingt, digitale Technologien und Mitmach-Elemente zu kombinieren, ohne den Blick auf das Wesentliche zu verlieren. Es ist in meinen Augen ein Best Practice-Beispiel für die Digitalisierung von Ausstellungen und für ein zeitgemäßes Museum.

Bei Museumsbesuchen zu geschichtlichen oder geisteswissenschaftlichen Themen geht es mir häufig so, dass ich entweder – auch bei neueren Angeboten – vor einem Wust analoger Texttafeln und eher langweiligen Exponaten stehe oder – im anderen Extrem – vor einer Menge blinkender Bildschirme mit ungezählten Video- und Audiostationen, die mich komplett überfordern. Das Deutsche Spionagemuseum bietet dagegen eine Ausstellung, die beide Darbietungsformen gekonnt miteinander verbindet und so für jeden etwas bereithält: Von der digital gesteuerten Informationswand mit unzähligen Texten zur Geschichte der Spionage bis hin zum Laserparcours ist alles dabei.

Fast jedes Thema ist sowohl informativ in Textform aufbereitet, als auch durch Exponate, Mitmachstationen oder Multimedia-Inhalte unterstützt. Das ermöglicht den Besuchern je nach Alter und Interesse, sich die jeweils passende Vermittlungsform auszusuchen. Ein wunderbares Konzept! So kann man beispielsweise an den meisten Ausstellungskästen die Exponate auf einer Tafel auch digital anschauen und den zugehörigen Text lesen.

Natürlich gibt es auch im Spionagemuseum Audio- und Videostationen – und davon eine ganze Menge. Aber man hat nicht den Eindruck, diese zum Verständnis der Ausstellung alle ansehen zu müssen. Sie sind ein Angebot, aber man kann durchaus auch einige davon links liegen lassen. Es bleibt genug an Information in anderen Aufbereitungsformen.

https://www.youtube.com/watch?v=Fxzw8KsQtkc

 

Inhaltlich ist das Museum aus meiner Sicht ebenfalls sehr gelungen. Das Themenspektrum umfasst Geschichte, Politik, technische Spionageausrüstung, Codierungs- und Verschlüsselungsmethoden und Spionage in Filmen und Literatur. Meine Highlights: Die Verschlüsselungsmaschine »Enigma« und ihre Nachfolgemodelle, die digitale Wand zur Geschichte der Spionage von der Antike bis heute – eine Videoinstallation, bei der man vom Beobachtenden zum Beobachter wird – sowie die Videowand zu dem Einsatz von Tieren im Geheimdienst.

Insgesamt war der Besuch für alle Familienmitglieder ein gelungenes Ereignis, auch wenn das Museum recht voll war und man an den Mitmachstationen manchmal warten musste. Was ich witzig fand: Facebook-Fans erhalten beim Ticketkauf vor Ort zwei Euro Nachlass. Gute Idee und für alle Beteiligten lohnender als Facebook-Ads.


Bild: © Deutsches Spionagemuseum Berlin

QualityLand: Hörbuch für alle, die sich mit der Digitalisierung beschäftigen

Von |07.01.2019|Digitalkultur|

Mit den Känguru-Büchern von Marc-Uwe Kling konnte ich nie so richtig was anfangen. Während andere überschwänglich davon schwärmten, war ich maximal »so mittel« angetan. Jetzt habe ich zu Weihnachten das Hörbuch zu Klings Werk »QualityLand« geschenkt bekommen, und es hat mich sehr begeistert. Ein Hörbuchtipp für alle, die mit dem Thema Digitalisierung zu tun haben!

Ein wenig gewöhnungsbedürftig fand ich das Hörbuch zunächst schon. Es handelt sich dabei nämlich um eine Live-Lesung des Autors, der zwar sehr gut lesen kann, in meinen Ohren allerdings nicht an die Leistung eines professionellen Sprechers heranreicht. Andererseits sind die Reaktionen des Publikums ein Mehrwert, und ich habe großen Respekt vor einer über achtstündigen Live-Lesung (wo und wie auch immer die zustande gekommen sein mag).

Hat man sich einmal eingehört, ist man gefesselt. Die Geschichte »QualityLand« quillt über vor guten und witzigen Ideen, ist skurril und intelligent, spannend und überraschend. Doch worum geht es eigentlich?

 

Darum geht’s

»QualityLand« beschreibt ein Land, das sich aufgrund seiner etwas »schwierigen Geschichte« aus Marketinggründen umbenannt hat. Dort – der Roman spielt in »naher Zukunft« – sorgt die Digitalisierung für ein perfektes Leben. Es gibt selbstfahrende Autos, die wissen, wo man hinwill. Und wer bei TheShop angemeldet ist, bekommt alle Produkte, die er haben will, zugeschickt, ganz ohne sie bestellen zu müssen. Das System weiß, was man will. Auch über Freunde und den richtigen Lebenspartner muss man sich keine Sorgen machen. Der eigene digitale Assistent und die Dating-Plattform QualityPartner finden beides im Handumdrehen.

Hauptfigur in der Geschichte ist Peter Arbeitsloser. Der Name hat System, denn in QualityLand trägt jeder den Beruf des Vaters oder der Mutter als Nachnamen. Peter Arbeitsloser selbst ist Maschinenverschrotter. Er hat zwar Freunde (ausgesucht von seinem digitalen Assistenten), eine Partnerin (gefunden über QualityPartner), dennoch ist er nicht zufrieden. Ihn quält das Gefühl, dass etwas nicht stimmt und er nicht das Leben führt, das er führen möchte. Aber das kann ja eigentlich gar nicht sein. MyShop liefert ihm abends das Bier, dass er sich angeblich gewünscht hat und er besucht die Restaurants, die für ihn die besten sind. Kurz: er bekommt in jeder Lebenslage das, was er will. Denn: Algorithmen können sich gar nicht irren, oder?

Zwar hat Peter Arbeitsloser nur einen Level unter zehn und ist damit ein Nutzloser, aber das ist es nicht, was ihn stört. Als Nutzloser muss er zwar länger beim Arzt warten, hat weniger Rechte und bekommt längere Lieferzeiten bei Bestellungen. Dies ist Peter Arbeitsloser aber egal. Auch die Tatsache, dass er als Maschinenverschrotter kaum Kunden hat und nur wenige kaputte KI-Systeme seinen Laden betreten, um sich verschrotten zu lassen, bereitet ihm keinen Kummer. Im Gegenteil: Da er es nie übers Herz bringt, die Maschinen wirklich zu verschrotten, hat er schon den Keller voll mit »kranken« Robotern, wie etwa eine Drohne mit Flugangst oder einem Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung. Es ist eher der diffuse Eindruck, ein »falsches Leben« zu leben, dass ihn unter der Oberfläche »juckt«.

Überzeugt von seinem Verdacht ist Peter Arbeitsloser allerdings erst dann, als ihm ein rosafarbener Delphinvibrator zugestellt wird, von dem er wirklich sicher ist, ihn nicht haben zu wollen. Erst da begibt er sich – gemeinsam mit seinen Roboterfreunden – auf die Suche nach dem Fehler im System.

 

Mein Fazit

QualityLand ist eine intelligente Satire, die beängstigend nah an den digitalen Möglichkeiten der Gegenwart anknüpft. Wenig von dem, was Marc-Uwe Kling beschreibt, ist wirklich undenkbar, vieles sogar schon da. Seine bissige Darstellung der politischen Protagonisten in QualityLand ist weitsichtig und weise – und vor allem sehr gut vorstellbar. Besonders gut gefallen hat mir die Figur eines »alten Weisen«, der in einem daten- und genundurchlässigen Schutzraum an einem uralten PC mit Tastatur sitzt und Peter die Welt erklärt. Seine Gedanken sind erschreckend und erschreckend schlüssig. Sie weisen auf die vielen rechtlichen und ethischen Probleme hin, die es in Zeiten der Digitalisierung dringend zu lösen gilt.

Auch wenn das Hörbuch mit über acht Stunden sehr lang ist und an manchen Stellen Kürzungen gut vertragen könnte: Wer eine längere Autofahrt vor sich hat, sollte QualityLand mitnehmen. Es lohnt sich!

Intendant Kay Voges zu Digitalisierung und Theater

Von |20.11.2018|Digitalkultur|

Kay Voges ist seit 2010 Intendant des Theater Dortmund und gilt als wagemutig, experimentierfreudig und richtungsweisend für die Digitalisierung des Theaters. Beim diesjährigen KulturInvest-Kongress in Berlin sprach er ausgiebig über sein Verständnis von modernem Theater und seiner Motivation, besonders das Thema Digitalisierung in den Mittelpunkt seiner Arbeit zu stellen.

»Seit nun schon neun Jahren versteht sich das Dortmunder Schauspiel als Labor für die digitale Gegenwart«, sagt Voges und erläutert, wie es dazu kam. »Wir haben uns gefragt, was ist Theater? Theater ist immer Gegenwart. Jedes Schauspiel – anders als Literatur oder Musik – wirkt nur in der Gegenwart, im Hier und Jetzt, im Moment der Inszenierung. Daher hat Theater mehr als andere Genres die Pflicht, Gegenwart zu beschreiben, aber auch Mittel der Gegenwart zu nutzen.«

Hier erlebt Kay Voges einen Bruch: Obwohl das Theater extrem gegenwartsbezogen ist und sein sollte, arbeitet es als Institution und »Maschinerie« immer noch wie vor hundert Jahren. Dies zu ändern und mit aktuellen Mitteln aktuelle Themen zu behandeln, ist ein Ziel von Voges Inszenierungen. Aber was genau bedeutet das?

Inszenierung im Stream

Für Regisseur Kay Voges und Dramaturg Alexander Kerlin ist eine »digitale und gegenwartsbezogene Theaterinszenierung« ein vielschichtiges Konstrukt. Es beginnt bei den Inhalten, die meist keine lineare Geschichte erzählen, sondern aus Bruchstücken, Bildern und wechselnden Perspektiven bestehen. Damit bildet das Team in Dortmund die digitale Mediennutzung und Wahrnehmungskultur ab: Wir leben im Stream und klicken uns durch verschiedene Wirklichkeiten und Perspektiven.

Formal verlässt Voges folgerichtig das traditionelle »Theaterportal« und löst die klassische Inszenierung durch ein digitales, multimediales Gesamtkunstwerk ab. Mit Live-Regie, der Kombination von Webinhalten, Videomitschnitten der Inszenierung, Live-Musik und den immer neu zusammengesetzten Schauspiel-Elementen des Ensembles entwirft er eine Collage, die bei jeder Aufführung neu und anders ist.

»In ,Das goldene Zeitalter‘ hatten wir insgesamt acht Stunden Material vorbereitet. In der Aufführung selbst wurden dann jedes Mal individuell vier Stunden davon ausgewählt. Dieses Material lief vor dem Publikum ab wie Streams beim Surfen im Netz. Wie im Netz beginnt die Session für alle an einem Punkt und mäandert dann für jeden in unterschiedliche Richtungen«, beschreiben Kay Voges und Alexander Kerlin ihre Idee.

Der Aufwand für ein solches durch und durch digital beeinflusstes Theater ist hoch: »Wir benötigten bei ,Das Goldene Zeitalter‘ sechs Kameras, um Ausschnitte des Livestreams auf die Bühne übertragen zu können, Live-Musiker und natürlich das Ensemble.«

Ein ähnliches Prinzip verfolgen Voges und Kerlin auch bei »Borderline-Prozession«. Hier löst sich die Bühne auf und wird ersetzt durch ein Haus mit 21 Zimmern und einen Außenbereich. Innen und außen spielt sich das Leben in unterschiedlichen Facetten ab. 23 Schauspieler erleben Situationsvariationen, das Ganze überlagert, ergänzt durch Videoeinspielungen und O-Töne oder Zitate. Der Theaterraum wird verwandelt in einen virtuellen Raum, der ein Erleben in 360-Grad-Ansicht ermöglicht und zugleich die Grenzen dieses Informations-Overkills deutlich macht.

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Mehr Informationen

Noch imposanter wird die Digitalisierung als künstlerisches Instrument deutlich im Mammutwerk »Die Parallelwelt«. Hier inszeniert der Dortmunder Theaterintendant sein Stück zeitgleich am Schauspiel Dortmund und am Berliner Ensemble. Dank digitaler Technik und einer Glasfaserleitung zwischen beiden Standorten wird es möglich, eine Geschichte an zwei Orten zu erzählen und sie dennoch gemeinsam zu erleben. Videoübertragungen von A nach B, Dialoge zwischen Berlin und Dortmund machen »eine Simultanaufführung über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« möglich. Voges: »Damit haben wir ein Experiment gewagt und es ist gelungen.«

Gründung einer Akademie für Digitales Theater

Alle diese Inszenierungen haben für Kay Voges sehr deutlich gezeigt, dass sich ein klassisches Theater in Zeiten der Digitalisierung entwickeln muss. Die Belegschaft, die eingesetzte Technik, das bereitstehende Personal bildet nicht ab, was im Kosmos digitaler Medien zur Verfügung steht. Dies führte zur Idee der »Akademie für Digitalität und Theater«. Kay Voges: »Es ist uns gelungen, Gelder und Unterstützer für dieses Projekt zu gewinnen, sodass wir im März 2019 mit der Arbeit beginnen können.« Voges Ziel war es, Zeit und Raum zum Forschen und Entwickeln von Technologien zu schaffen, aber auch bestehendes und neues Personal im Theater für die Herausforderungen der Digitalisierung fit zu machen.

»Eine Säule der Akademie wird die Qualifizierung der Techniker sein. Wir wollen eine Fortbildung für künstlerisch-technische Berufe anbieten«, erläutert der Theaterintendant und Vordenker. Ein zweiter, wesentlicher Baustein ist ein Stipendienangebot für postgraduierte, junge Künstler. Diese können sich mit Projekten bewerben und erhalten sechs Monate lang finanzielle Unterstützung sowie die Möglichkeit, ihr Projekt mit dem Theater Dortmund gemeinsam aufzuführen. »Von der dritten Säule träumen wir noch«, so Voges weiter. »Wir würden gerne einen Studiengang ,Digitalität und Theater‘ gründen. Dies ist allerdings ein Projekt, das einen höheren Aufwand erfordert. Wir hoffen, es gelingt eines Tages«, beschließt er seine Erläuterungen.

Die Digitalisierung erweitert das bisherige Spektrum

Mit seiner Akademie möchte Kay Voges eine Antwort geben auf den gesellschaftlichen Wandel in Zeiten einer fortschreitenden Digitalisierung. Es ist ihm wichtig, dass das Genre Theater nicht in seinen Traditionen verharrt, sondern sich in einer Art disruptivem Prozess den neuen Bedingungen stellt und einen grundlegenden Wandel vollzieht. Damit bricht er die klassischen Theaterstrukturen auf und legt einen Kosmos neuer Möglichkeiten frei. Inwieweit andere Theater ihm in dieser Entwicklung folgen, wird sich zeigen. Sicher ist, dass er das Spektrum der Möglichkeiten deutlich erweitert.

Headerbild: Kay Voges by Marcel Schaar

Ein Hoch auf die Kulturlandschaft NRW

Von |25.01.2018|Oper|

Das Netz bietet nicht nur die Möglichkeit, digitale Kultur im Land sichtbar und erlebbar zu machen und eine Plattform für ganz neue digitale Ausdrucksformen zu werden. Onlineangebote können auch dabei helfen, die Grenzen des eigenen Kulturradius zu erweitern und so auf Neues zu stoßen, das bislang nicht im »Relevant Set« der eigenen Aktivitäten stand.  (mehr …)

»Wir machen uns die Welt« – Wie man Jugendliche von Kunst begeistert

Von |04.01.2017|Digitalkultur|

Jugendliche und Kunst – das ist ein Thema für sich. Es scheint, als wäre es schier unmöglich die Jugend von Kunst und Kultur zu begeistern und sie dafür einzunehmen. Ich selbst habe mich als Kind auch immer davor gedrückt, wenn es um Museumsausflüge ging. »Langweilige« Ausstellungsstücke, deren Wert ich nicht erkannt habe und die verstaubt in großen Hallen herumstanden. Als Kind verstand ich nicht, warum ich sie nicht anfassen darf. Für Kinder bedeutet anfassen und hantieren zu »erleben«. Für mich sollte Kunst kein reines Aufsaugen von Wissen bedeuten. Ich wollte es richtig fühlen dürfen. Da waren Kindermuseen, die zum Berühren und interagieren einluden. Genau richtig für mich, denn sie konnten das erste Interesse wecken. Mittlerweile bin ich älter und damit hoffentlich reifer. Zumindest kann ich mich nun auch für Kunst begeistern, ohne sie anfassen zu müssen (wobei ich das hin und wieder trotzdem gerne machen würde). Das hat allerdings einige Jahre und Kunst-Kurse gedauert. Gibt es vielleicht auch einen einfacheren Weg?  (mehr …)

Ersetzen Tablets bald die klassischen Notenblätter?

Von |03.11.2015|Allgemein|

Kürzlich erzählte mir eine Kollegin begeistert von einem Beitrag über die »Brüsseler Philharmonie«, die angeblich auf klassische »Notenblätter« verzichtet und diese gegen das Tablet eingetauscht hat. »Wow«, dachte ich mir, dass sich die Digitalisierung gerade im Bereich des klassischen Orchesters durchgesetzt haben soll, hat mich fasziniert. Sogleich habe ich mich auf die Suche nach weiteren Informationen gemacht und stieß auf die erste Hürde: Dieser Beitrag ist bereits knappe drei Jahre alt. Aktuelle Infos darüber konnte ich nicht finden. Auch die allgemeine Suche nach »Tablets in der klassischen Musikszene« gestaltete sich zunächst als schwierig. Aber aufgeben wollte ich noch lange nicht: Ich grub mich durch kritische Foren, habe Ausschnitte aus Konzerten der Brüsseler Philharmonie gesichtet und letztlich sogar Interviews geführt. Dies brachte Erstaunliches ans Licht.

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