Kölnisches Stadtmuseum digital – Interview mit Wibke Becker

Von |2022-06-21T10:48:42+02:0020.06.2022|Digitalkultur|

Das Kölnische Stadtmuseum zieht ins ehemalige Modehaus Franz Sauer und ist aufgrund dieses Umzuges zurzeit geschlossen. Um die Besucher*innen trotzdem auf dem Laufenden zu halten, ist das Museum digital unterwegs. Wibke Becker, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, spricht im Interview über die Herausforderungen und Besonderheiten.   

Liebe Frau Becker, freuen Sie sich auf den neuen Standort? Mit welchen „Highlights“ dürfen die Besucher*innen rechnen? 

Ich freue mich sehr auf den neuen Standort! Die Lage ist klasse und wir werden sicherlich vom Laufpublikum profitieren. Besonders gut gefällt mir die leichte, elegante Architektur des Hauses, auch wenn es für ein Museumsgebäude sehr speziell ist. Die Bauart hat eine ganz eigene Sprache. Es ist eine tolle Chance für uns, sich komplett neu aufzustellen.  

Unser neuer Standort ist wesentlich kleiner als zuvor. Unsere Besucher*innen können sich auf eine konzentrierte Darstellung der Stadtgeschichte freuen. Wir werden ein völlig neues Ausstellungskonzept präsentieren, indem wir den Besucher*innen in seiner normalen Alltags- und Gefühlswelt abholen. Die Ausstellung wird sehr modern, aber natürlich werden auch weiterhin unsere großen Schätze wie zum Beispiel der Vis-a-Vis, das älteste in Köln gebaute Automobil, oder das mittelalterliche Stadtsiegel ausgestellt.  

Bis zur Neueröffnung ist das Museum digital unterwegs. Was machen Sie hier genau?  

Wir bespielen die gängigen Social-Media-Kanäle wie Instagram, Facebook, YouTube und Twitter. Außerdem verfügt unsere neue Homepage über eine Mediathek und einen Blog.
Jeden Tag veröffentlichen wir Geschichten aus der Vergangenheit für unsere Follower*innen, werfen aber auch immer wieder einen Blick auf aktuelle Themen. Die Inhalte sind abwechslungsreich und modern gestaltet, so kommen wir auch digital unserem Bildungsauftrag nach.  

Welchen Herausforderungen muss sich das digitale Museum stellen?  

Es ist eine Herausforderung, jeden Tag neuen Content zu produzieren. Bei Ausstellungen ist das anders: Wenn sie einmal steht, dann steht sie auch erst mal ein halbes Jahr! 😊  Gleichzeitig müssen wir die Social-Media-Inhalte zielgruppengerecht aufbereiten, da jeder Kanal eine andere Zielgruppe hat. Auf Facebook wenden wir uns beispielsweise an die Besucher 50+, wohingegen Instagram die junge Zielgruppe abholt. Twitter wiederum spricht Journalisten und andere Häuser an. Dazu kommt noch der Algorithmus, der uns auch immer wieder vor neue Aufgaben stellt.  

Im Kern müssen wir immer aktiv und up to date sein, mit den Fragen im Fokus: Welche Trends sind angesagt? Was wollen die Leute? Was will unsere Zielgruppe?  

Welche Besonderheiten fallen Ihnen online im Bereich Kultur auf?  

Mich begeistert der Austausch zwischen den Museen. Es ist nicht das klassische Konkurrenzdenken, ganz im Gegenteil. Wir tauschen uns sehr viel aus und werden von anderen Museen häufig angeschrieben. Der Austausch ist immer sehr inspirierend. 

Außerdem beobachte ich, dass gerade historische Museen mutige und moderne Formate umsetzen. Viele Kunstmuseen sind dagegen beispielsweise klassisch unterwegs. Wir gehen andere und frische Wege, aber dadurch bekommen wir auch die Möglichkeit, ein junges Publikum zielgerichtet anzusprechen.  

Visualisierung des zukünftigen Foyers (Visualisierung neo.studio neumann schneiderarchitekten)

Wie ist die Resonanz auf den Kanälen?  

Sehr positiv. Wir haben einen sehr aktiven Austausch mit unseren Followern. Da kann ich insbesondere Facebook hervorheben. Es ist schön zu sehen, dass sich die Arbeit in unsere Kanäle auszahlt. Unsere Follower*innen sind sehr dankbar für die umfassenden Informationen. Die sozialen Netzwerke ermöglichen einen intensiven, direkten Austausch mit den Museumsbesucher:innen. Wir bekommen unmittelbares Feedback, das ist wirklich toll.  

Führen Sie das digitale Museum nach der Neueröffnung fort?  

Auf jeden Fall! 😊 Wir waren auch vor der Schließung online unterwegs und werden das auch in Zukunft beibehalten. Unser studentisches Infoteam unterstützt uns hier enorm, ohne sie wäre das auch nicht möglich. Sie sind federführend an dem Projekt beteiligt und wissen als „Digital Natives“ genau, was die Follower*innen sehen wollen. Davon profitieren wir sehr und ich bin für ihre Unterstützung sehr dankbar.  

Wir freuen uns, dass wir das Kölnische Stadtmuseum im Rahmen der neuen Website unterstützen konnten und wünschen schon jetzt für die Neueröffnung viel Erfolg. 


Beitragstitelbild: das Gebäude von außen (Foto: C. Ehrchen)

Haben Musiker*innen im Lockdown von digitalen Plattformen profitiert, Sylvie Atterer?

Von |2022-05-11T12:11:04+02:0001.12.2021|Digitalkultur|

Livestreaming ist in der Pandemie für viele Musiker*innen zumindest zeitweise die einzige Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten. Wie Streaming-Angebote in der Branche angenommen werden und welchen Einfluss sie haben, fragt Mirjam Wilhelm die Musikagentin Sylvie Atterer.

 Wie ich als leidenschaftlicher Musikfan persönlich die Live-Konzerte in den Lockdown-Zeiten vermisst habe, habe ich neulich in meinem Blog-Beitrag zur gegenwärtigen Musikbranche bereits beschrieben. Viele Künstler*innen mussten in der Zeit spontan auf diverse digitale Kanäle ausweichen, um sich mit Livestream-Konzerten über Channels wie Twitch, YouTube oder ihre eigenen Social-Media-Kanäle über Wasser zu halten. Zum Teil gab es auch Events mit Spendenmöglichkeit, wie zum Beispiel die Gothicat Festivalreihe. Teilweise wurden für die Streams Tickets verkauft, durch die sich die Fans dann mit einem Code einwählen konnten. Ob und inwiefern digitale Wege geholfen haben und was davon zurückbleibt, habe ich die Kölner Musikagentin Sylvie Atterer gefragt. Sie betreibt ihre eigene Agentur Sailor Entertainment, in der sie Künstler wie Evanescence, Beyond The Black und Wardruna vertritt.

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Wie hat Corona die Musikbranche verändert?

Von |2022-04-28T10:26:14+02:0027.10.2021|Digitalkultur|

Was bleibt in der Musikbranche aus den Zeiten der Lockdowns hängen? Nach langen Monaten des Live-Streaming gibt es endlich wieder Konzerte. Doch ganz so wie vorher wird es wohl nicht wieder werden, berichtet unsere neue Kollegin Mirjam Wilhelm.

2020 kam der Lockdown. Und damit eine plötzliche Stille. Keine Konzerte, keine Festivals oder sonstige Veranstaltungen mehr. Während das für mich „nur“ eine harte Auszeit im Privatleben bedeutete, hieß das für Musiker*innen und natürlich unzählige Künstler*innen und Kulturschaffende aus diversen Branchen einen kompletten beruflichen Einbruch. Jetzt musste schnell gehandelt und kreative digitale Lösungen erarbeitet werden: Livestreams, Plattenaufnahmen, Chats, Promotion – alles wurde ins Netz verlegt. Einiges war möglich, vieles nicht. Aber das, was möglich war und sich bewährt hat, bleibt auch jetzt noch.

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Inklusives, hybrides Design für die Kulturvermittlung – Interview mit Alexandra Verdeil von Tactile Studio

Von |2022-04-28T12:33:44+02:0017.06.2021|Digitalkultur|

Alexandra Verdeil, Geschäftsführerin Tactile Studio für Deutschland und Österreich, erklärt im Interview, was inklusives Design für sie bedeutet, was hybride Technologien damit zu tun haben und wie das Museum der Zukunft aussehen sollte.

Die inklusive Designagentur Tactile Studio entwickelt Ausstellungsobjekte für internationale Museen. Sie setzt auf sensorische Vielfalt, um möglichst allen Menschen einen Kulturzugang zu ermöglichen. In ihren neueren Projekten spielen dabei hybride Technologien eine wichtige Rolle, RFID-Chips zum Beispiel, die ganze Räume zum Leben erwecken können. Die Objekte der Agentur stehen unter anderem im Kunsthistorischen Museum Wien, im Louvre Abu Dhabi und im Deutschen Museum. Alexandra Verdeil, Geschäftsführerin in Deutschland und Österreich, erklärte mir im Interview, was digitale Lösungen für eine inklusivere Museumswelt leisten können und warum Vielfalt in der Kulturvermittlung so wichtig ist.

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Frontrow – Interview mit Henning Förster

Von |2022-05-11T14:06:55+02:0019.01.2021|Digitalkultur|

Nachdem Sabine Haas das Theater-VR-Angebot von Frontrow – ein Konzept des Münchener Startups Inflight VR – getestet hat, wollte sie mehr wissen. Henning Förster, COO des Startups, hat sich für ein Interview bereiterklärt und spricht über die Pläne des Angebots und was dahintersteckt.

Dieses Interview ist eine Fortsetzung von Sabine Haas‘ Artikel zu Frontrow.

Um mehr über das Projekt Frontrow und seine virtuellen Theaterangebote zu erfahren, habe ich mit Henning Förster, dem COO des Startups Inflight VR gesprochen. Er verantwortet das Projekt Frontrow, das im Dezember vergangenen Jahres seine Arbeit aufnahm.

Sabine Haas: Wie hängen Frontrow, Inflight und das Staatstheater Augsburg zusammen?

Henning Förster: Unser Startup, Inflight VR, ist spezialisiert auf VR-Technologie. Wir haben das Ziel, Virtual-Reality-Anwendungen für die Praxis zu entwickeln. Unser erster Ansatz war VR-Erlebnisse für Flugreisende zu entwickeln – daher auch der Name Inflight VR. Das ist uns auch erfolgreich gelungen und ist nach wie vor ein wichtiges Kerngeschäft, allerdings hat uns Corona im vergangenen März erst einmal ausgebremst. In dieser Situation haben wir uns überlegt, welche weiteren Anwendungen möglich sind und wie man vielleicht gerade den durch Corona betroffenen Branchen mittels VR-Anwendungen helfen kann. So entstand die Idee, Kulturveranstaltungen auf Virtual-Reality-Plattformen zu übertragen: Frontrow – Erste Reihe, auch in Zeiten von Corona.

Das Staatstheater Augsburg wurde unser erster Kooperationspartner, da dort schon VR-Produktionen entwickelt worden waren. Entstanden aus einer innovativen Inszenierungs-Idee, die VR-Elemente mit dem klassischen Theater verbinden wollte, ist das Thema VR zu einem eigenständigen Produktionsansatz des Theaters geworden. Mitarbeiter haben die VR-Headsets an die Theaterbesucher zu Hause verteilt, so dass sie weiter an Veranstaltungen teilnehmen konnten. Eine Kooperation mit Augsburg lag für uns daher nahe.

SH: Was genau bietet Frontrow an?

HF: Wir sind kein Kulturbetrieb und auch keine klassische VR-Produktionsstätte. Zwar haben wir das Knowhow in unserem Team, denn bei uns arbeiten allein drei promovierte Experten, die über Virtual Reality ihre Doktorarbeit geschrieben haben. Aber unser Ansatz ist ein anderer: Wir möchten eine Plattform bieten, die – ähnlich wie Netflix – Angebote im Bereich VR sammelt und vertreibt. Mit Frontrow möchten wir DER Anbieter für kulturelle Veranstaltungen im Bereich Virtual Reality werden. Neben der Plattform für die Buchungen stellen wir darüber hinaus auch die VR Headsets zur Verfügung, sodass kein Equipment benötigt wird und wirklich jeder unser Angebot ausprobieren kann. Im Dezember sind wir zunächst mit einem überschaubaren Angebot gestartet und werten jetzt aus, wie die Idee ankommt und sinnvoll weiterentwickelt werden kann.

SH: Was bedeutet Virtual Reality in Bezug auf Kultur?

HF: Derzeit bewegen wir uns im Bereich der klassischen Kultur, d.h. Theater, Museum, Tanz, Oper etc. VR-Angebote können je nach Anbieter sehr unterschiedlich aussehen. Wir bieten Stand heute drei Theaterstücke und eine Tanz-Performance an – in wenigen Wochen nehmen wir aber noch weitere VR Erfahrungen auf. Die Theaterstücke sind in 360-Grad-Perspektive gefilmt, das bedeutet, der Zuschauende sitzt mitten im Raum und die Aufführung findet rund um ihn herum statt. Daraus ergibt sich natürlich ein ganz anderes Erleben als in einem realen Theater. Bei Ausstellungen sind verschiedene Ansätze denkbar. Es könnte einen virtuellen Rundgang geben, bei dem man durch die Ausstellungsräume geht oder eine Inszenierung verschiedener Objekte. Virtual Reality bietet eine Menge an Möglichkeiten. Wichtig ist, dass es ein immersives Erlebnis ist, d.h. keine einfache zweidimensionale Abbildung des Geschehens.

SH: Woher nehmen die Kulturanbieter das Knowhow, um ein attraktives VR-Angebot zu entwickeln?

HF: Das ist bislang tatsächlich etwas schwierig. Viele Einrichtungen haben kein Wissen zu dieser Technologie. Und auch wir merken, dass VR ganz besondere Herausforderungen mit sich bringt, da es sich von üblicher Videoproduktion deutlich unterscheidet. Ein wesentlicher Bestandteil von unserem Angebot ist es daher, die Kultureinrichtungen ganzheitlich und komplett bei den Projekten zu unterstützen. Wir sind Experten im Bereich der VR und helfen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der Konzeption des VR-Stücks, über die Produktion bis hin zur technologischen Implementierung und Distribution der Erfahrungen. Um ein wirklich gutes virtuelles Kulturerlebnis zu schaffen, muss man seine Angebote spezifisch für diese Technik entwickeln und kann in der Regel nicht auf die bestehenden Standards zurückgreifen. Wichtig sind beispielsweise ausreichend Licht und die Ausrichtung auf die Kamera. Oder aber auch eine angemessene Länge des Stücks – beispielsweise zwischen 45 und 75 Minuten. Da kommen wir dann ins Spiel und unterstützen die Einrichtungen, damit effizient und kostengünstig VR Produktionen umgesetzt werden.

SH: Welche Partner werden denn künftig bei Frontrow zu finden sein?

HF: Das kann ich leider noch nicht verraten. Wir führen derzeit viele Gespräche und bei einigen sind wir schon sehr weit, aber es gibt noch keine feste Partnerschaft, die wir kommunizieren können. Ich hoffe sehr, dass wir das Angebot bald erweitern können. Das sieht auch derzeit sehr vielversprechend aus.

SH: Bei meiner Testnutzung hatte ich die Erfahrung gemacht, dass das Bild nicht ganz scharf war. Woran liegt das?

HF: Das ist leider (noch) der Technologie geschuldet und kann sich noch einmal verstärken, wenn man Brille trägt. Das liegt vor allem an der sehr hohen Datenmenge, die bei einer 360-Grad-Perspektive verarbeitet werden muss. In der Regel fällt das allerdings nicht so deutlich auf. Im getesteten Theaterstück konnte man es bei den Kalenderblättern, die an den Wänden hingen, besonders merken. Die Brille sollte man unbedingt unter dem VR-Headset anbehalten. Eine perfekte Schärfe erhält man leider mit der heutigen Technologie noch nicht, sie entwickelt sich jedoch rasant weiter und verbessert sich stetig. Und natürlich nutzen wir auch die Erfahrungswerte aus den ersten VR Produktionen, um diese konstant zu verbessern.

SH: Wie ist denn das Feedback des bisherigen Publikums und wer nutzt das Angebot?

HF: Wir sind tatsächlich überrascht, wie gut Frontrow im ersten Monat angelaufen ist, besonders, da wir keinerlei Marketing oder Werbung gemacht haben. Es gab schon über 150 Bestellungen, viele davon aus dem Publikum des Staatstheaters Augsburg, aber auch darüber hinaus. Die Zielgruppen sind noch bunt gemischt, von jung bis alt ist alles dabei. Das entspricht unserem Ziel: Wir möchten alternative Lösungen für die Bestandspublika bieten und darüber hinaus neue Zielgruppen erreichen. Das scheint zu funktionieren.

Das Feedback ist ebenfalls sehr positiv: Es kommt viel Lob, vereinzelt natürlich auch Kritik. Uns freut beides, weil wir die Startphase als eine Art Pilottest ansehen, bei dem wir eine ganze Menge über die Erfolgsfaktoren unserer Geschäftsidee lernen können. Die kommenden Monate werten wir Erfahrungen aus, um das Angebot weiter zu optimieren. Neben einer Erweiterung der Kooperationen ist beispielsweise geplant, für die Personen, die schon ein VR-Headset besitzen, eine Bestellung der Kulturangebote ohne dazu gehörige Hardware zu ermöglichen. Das geht bislang noch nicht.

Da wir keine öffentliche Förderung oder sonstige finanzielle Unterstützung bekommen, planen wir Schritt für Schritt. Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass Frontrow erfolgreich sein und wachsen wird. Derzeit stehen wir noch ganz am Anfang einer sehr spannenden Entwicklung.

SH: Viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch!

Bachs Weihnachtsoratorium – Was hinter den Noten steckt

Von |2022-05-11T13:28:00+02:0003.12.2020|Digitalkultur|

Der Podcast „Barock@Home“ der Bachakademie Stuttgart versucht, Interessierten und Kulturbegeisterten die geistliche Musik Bachs näher zu bringen. Sabine Haas hat ihn für den Kultur-Blog getestet – und ist (fast rundum) begeistert.

Besondere Zeiten erfordern besondere Mittel. Und manchmal ist das Ergebnis so gut, dass man sich fragt, warum es das nicht immer schon gab. So zum Beispiel im Falle des Podcast „Barock@Home“ der Internationalen Bachakademie Stuttgart.

„Corona hat uns gezwungen, viele analoge Formate auszusetzen. So auch unser moderiertes, mobiles Konzertformat ‚Hin und weg!‘, das sehr viel Zuspruch bekommen hat. Um eine digitale Alternative zu bieten, haben wir diese Podcast-Reihe aufgesetzt“, erläutert Christine Roth, Leiterin Kommunikation, Internationale Bachakademie Stuttgart. So wurde das Podcast-Projekt „Barock@Home“ zwar aus der Not geboren, stellt aber in keiner Weise ein Provisorium dar. Im Gegenteil: Die Idee, auf digitalem Wege regional unabhängig alle Interessierten an dem umfangreichen Wissen der Bachakademie teilhaben zu lassen, ist naheliegend und überzeugt sofort.

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Demokratisierung des Museums: nextmuseum.io versucht, durch Digitalisierung Kurationsprozesse zu öffnen

Von |2022-04-28T10:38:41+02:0006.08.2020|Digitalkultur|

Wie könnte das Museum der Zukunft aussehen? Die meisten Experimente, die diese Frage beantworten wollen, versuchen, den Museumsbesuch neu zu gestalten – die Kuration bleibt dabei oft verschlossen. Das Museum Ulm und das NRW-Forum in Düsseldorf haben am 1. Juli 2020 die Plattform nextmuseum.io gestartet, die diesen Umstand verändern soll. Ich habe mir das von der Bundeskulturstiftung im Rahmen des Fonds Digital geförderte Projekt einmal angeschaut und mit Marina Bauernfeind, einer Initiatorin des Projekts, gesprochen.

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Festspiele Immling: Interview mit der musikalischen Leiterin Cornelia von Kerssenbrock

Von |2022-04-28T10:41:27+02:0023.10.2019|Oper|

Wie kommt man auf die Idee, einen Gnadenhof für Pferde zu einer Opern-Spielstätte zu machen? Was ist das Besondere an den Opernfestspielen in Immling neben der außergewöhnlichen Spielstätte? Und wie begeistert man junge Menschen für die Oper? Diese und ähnliche Fragen beantwortete Cornelia von Kerssenbrock in einem Gespräch mit mir am Rande der vergangenen Opernfestspiele.

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Interview mit Christoph Müller, Intendant des Menuhin Festival Gstaad

Von |2022-05-11T14:17:33+02:0022.07.2019|Oper|

Für unser Interview lädt Christoph Müller mich nach dem Matinee-Konzert in der Kapelle Saanen in ein gegenüberliegendes Café ein, um mit mir über das Menuhin Festival Gstaad zu sprechen. Menuhin hat das Festival 1957 begonnen. Damals plante er, mit seinen Freunden und der Familie in Gstaad und Saanen klassische Musik zur Aufführung zu bringen. Man merkt, dass Christoph Müller einen genauen Plan im Kopf hat, wie das Festival in den kommenden Jahren weitergehen kann.

Ein älteres Ehepaar hält uns an: „Hören Sie mal, Herr Müller, das Konzert gestern, das war aber wirklich eine Herausforderung! Zwei Stunden ohne Pause, auf den harten Kirchenbänken. Man konnte sich am Ende kaum noch bewegen!“ Christoph Müller lächelt freundlich und reagiert gelassen: „Naja, das war aber schon so angekündigt. Der Pianist wollte das Stück durchspielen. Das war übrigens eine enorme Leistung …“

Wenn der Kulturmanager Müller durch das kleine Örtchen Saanen geht, sind solche Gespräche keine Seltenheit. Er ist bekannt als Intendant des Menuhin Festivals, das er seit 2002 verantwortet. Und er ist mit seinem Publikum auf Augenhöhe: „Ja, das ist manchmal anstrengend, wenn jeder eine Meinung hat. Auch etwas frustrierend, zum Beispiel wenn bei einem grandiosen Auftritt wie dem gestrigen Bachkonzert von Sir András Schiff als erstes die harten Kirchenbänke erwähnt werden. Aber der Kontakt zum Publikum ist wichtig und die Rückmeldungen sind oft interessant.“

Familiäres Festival in Schweizer Alpenidylle

Es ist kein Wunder, dass das Publikum ein Gespräch mit Christoph Müller nicht scheut. Der Mittvierziger wirkt sehr bodenständig und nahbar, wenn er in Polohemd und Turnschuhen durch den kleinen Alpenort in der Schweiz spaziert. Das ganze Festival macht, trotz der 25.000 bis 30.000 jährlichen Besucher, einen familiären Eindruck. Das ist gewollt, erläutert Müller: „Menuhin hat das Festival 1957 begonnen. Damals plante er, mit seinen Freunden und der Familie in Gstaad und Saanen klassische Musik zur Aufführung zu bringen. Es sollten Aufführungen in einem intimen Rahmen sein, das war die Besonderheit.“

Saanen und Gstaad sind zwei nebeneinander gelegene Bergdörfer in den Schweizer Alpen. Menuhin hat sich hier in den 50er Jahren niedergelassen, begeistert von der beeindruckenden Bergwelt dieser Region. Mit dem Festival wollte er, so berichtet Christoph Müller, die Schönheit der Natur und die Schönheit der Musik zusammenbringen. „Es war ihm ein Anliegen, diese atemberaubende Landschaft durch hochwertige Musik zu bereichern.“ Das Menuhin Festival war damit geboren. Ein Festival, das jedes Jahr in den Sommermonaten klassische Konzerte verschiedenster Richtung zur Aufführung bringt. Die Hauptveranstaltungsorte sind die Kirche und Kapelle Saanen sowie einige Kirchen der Umgebung. Darüber hinaus gibt seit Ende der 80er Jahre ein Festivalzelt für größere Orchester-Auftritte.

Lohnt es sich denn, für das Menuhin-Festival eine längere Anreise, zum Beispiel aus Deutschland, in Kauf zu nehmen? Christoph Müller: „Ich denke schon. Die Atmosphäre hier ist besonders, die Veranstaltungsorte sind einzigartig, auch für die Musiker. Und die Landschaft ist ebenfalls großartig. Wer nach Gstaad kommt, erlebt etwas, das sich deutlich von einem üblichen Konzertbesuch unterscheidet.“ Damit hat Müller Recht. Unser erster Konzertabend am gleichen Tag in der Kirche Saanen war wirklich unglaublich eindringlich und eindrucksvoll, genauso wie auch die Bergwanderung am folgenden Tag.

Neue Leitung – neue Impulse

Als Müller das Festival Anfang der 2000er übernahm, war es um Menuhins Erbe allerdings recht schlecht bestellt: „Mein Vorgänger hatte sehr ambitionierte Ideen und brachte viel Neue Musik zur Aufführung.“ Das führte dazu, dass sich Publikum und Sponsoren abwendeten. „Als ich das Festival übernahm, war keinesfalls sicher, ob es weitergehen würde. Ich war damals 29 Jahre, also eine große Aufgabe für einen derart jungen Kulturmanager. Wahrscheinlich dachte man, viel schlechter könne es nicht werden.“ Müller grinst entspannt bei der Erinnerung, denn seitdem kann das Festival mit einer Erfolgsgeschichte aufwarten: Die Besucherzahlen steigen kontinuierlich, die Sponsoren sind zurück und es wird über den Bau einer Konzerthalle nachgedacht.

„Ich verstehe das Menuhin-Festival als ein Urlaubsfestival. Das Publikum ist hier, um sich unterhalten zu lassen, dem muss man Rechnung tragen. Allerdings kann man die Besucherinnen und Besucher durchaus auch fordern.“ Mit unserem diesjährigen Motto „Paris“ und der Schwerpunktsetzung auf französische Komponisten und Stücke sei man beispielsweise eine solche Herausforderung eingegangen. „Zwischen deutscher und französischer Musikkultur gibt es eine spürbare Grenze. Die deutschen Komponisten oder aber Werke von Tschaikowsky etc. sind bei den Gästen beliebter als etwa Debussy oder Saint-Saens“, erläutert Müller. Dennoch war ihm der Schwerpunkt Frankreich wichtig: „Schon im nächsten Dorf wird französisch gesprochen, wir sind Frankreich hier sehr nah. Daher wollte ich dieses Thema gerne setzen, auch wenn es für das Publikum etwas schwieriger ist.“

Breites Angebot zur Musikvermittlung

Generell, so betont Müller, sei es immer ein Abwägen zwischen Unterhaltung und Anspruch. Man müsse beide Aspekte bedienen, damit sich das Festival entwickeln könne. Der Erfolg gibt ihm Recht: Nicht nur die Besucherzahlen sind beeindruckend, auch das Rahmenprogramm ist inzwischen stark gewachsen: „Wir haben eine Sommerakademie mit inzwischen fünf Meisterkursen: Violine, Klavier, Vocal, Barock und Dirigat. Darauf sind wir sehr stolz. Außerdem gibt es eine Reihe Angebote zur Musikvermittlung für Familien, Kinder und Jugendliche. Beispielsweise gehen Musikerinnen und Musiker an Schulen, um dort mit Kindern ins Gespräch zu kommen.“

Ich frage, ob es denn schwierig sei, hochkarätige Musikerinnen und Musiker in die Berge zu locken. „Eigentlich nicht“, meint Christoph Müller, „zwar ist die Anreise deutlich aufwändiger als an die üblichen Aufführungsorte. Aber viele sind interessiert an der Landschaft und den besonderen Konzertorten. Da die Anreise komplizierter ist, bleiben die Künstler außerdem häufig länger am Ort. Das führt zu viel Nähe und Austausch.“

Insgesamt erweckt Müller den Eindruck, dass er das Menuhin-Festival mit viel Fingerspitzengefühl und Umsicht kontinuierlich zu entwickeln sucht. Dabei kämpft er mit einem Problem, dass alle klassischen Angebote gemeinsam haben: eine starke Überalterung des Publikums. Dem versucht er – neben der Musikvermittlung – mit einem breiten Angebot an musikalischen Richtungen entgegenzuwirken. Aber auch digitale Medien weiß Müller sehr geschickt einzusetzen: „Wir haben durch die Digitalisierung ganz neue Möglichkeiten, auf uns aufmerksam zu machen“, so Müller.

Gstaad Digital Festival – eine neue Plattform für klassische Musik

Vor zwei Jahren gründete er das „Gstaad Digital Festival“. Auf einem eigenen Kanal werden kontinuierlich Videos angeboten, sowohl Konzertaufnahmen als auch Live Streams und Interviews. Das Angebot ist breit und wird ganzjährig aktuell gehalten. Ein ambitioniertes Projekt, das mit hohen Kosten verbunden ist. Um diese zu decken, ist die eigene Plattform wichtig. „Hier können wir unsere Sponsoren präsentieren und Werbung einbinden. Außerdem haben wir eine eigene Community und sind unabhängig von Youtube.“

Das bisherige Ergebnis kann sich sehen lassen, so Müller: „Wir konnten inzwischen immerhin 4.000 Abonnenten gewinnen. Damit haben wir sowohl eine weitere künstlerische Plattform als auch ein Marketing-Instrument hinzugewonnen.“ Die Plattform ist kostenlos, daher hofft Müller auf weitere Zuwächse. „Wir wollten die Zugangsbarrieren niedrig halten und hoffen, das digitale Angebot auch langfristig über Sponsoren und Werbung finanzieren zu können.“

In vielen Musikbereichen beobachtet man derzeit – nicht zuletzt durch die Digitalisierung – einen Festival-Boom. Ich will wissen, ob dies auch für klassische Angebote wie das Menuhin-Festival so sei. „Diesen Trend sehe ich auch. Es wurde ja oft diskutiert, ob die virtuellen Angebote die realen verdrängen. Ich glaube das nicht. Viele Besucher der virtuellen Plattform werden dadurch neugierig auf die Veranstaltungen und möchten diese auch einmal live erleben. Das berichtet zum Beispiel auch das Berliner Sinfonieorchester. Ich bin sicher, dass wir von den digitalen Angeboten auch live vor Ort profitieren können.“

Viele Ideen für die Zukunft

Man merkt, dass Christoph Müller einen genauen Plan im Kopf hat, wie das Festival in den kommenden Jahren weitergehen kann. Wie genau strukturiert er seine Arbeit für das Festival? „Ich komme aus Basel und habe da noch eine Reihe weiterer Aufgaben. Zum Beispiel als Kulturmanager für das Kammerorchester Basel. Die Abwechslung und Vielseitigkeit meiner verschiedenen Tätigkeiten sorgen immer wieder für neue Ideen. Dadurch konnte ich es bisher verhindern, bei der Festival-Leitung inhaltlich stehen zu bleiben. Die Vorbereitung jedes Festivalsommers läuft meist über einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren. Ich überlege mir ein Thema, das ich dann mehr und mehr ausarbeite und mit Inhalten fülle.“

Im vergangenen Jahr war das Motto „Die Alpen“. Müller findet es wichtig, ein einfaches Motto zu finden, das sich für das Publikum direkt erschließt. Es dürfe nicht „verkopft“ sein, sonst funktioniere es nicht. Er mache immer wieder die Erfahrung, dass ein Thema dann erfolgreich ist, wenn sich jeder etwas darunter vorstellen könne. Für Müller selbst ist das Thema der rote Faden, der das Festival in seiner großen Vielfältigkeit zusammenhält. „Paris“ – das Motto dieses Jahres – bietet genau diese Möglichkeit: „Wir haben ein Programm zusammengestellt, das von Modern bis Klassik, von Populär bis Anspruchsvoll alles umfasst. Bis September wird es viele interessante Konzerte geben, auf die ich mehr sehr freue.“

Und danach? „Über das nächste Jahr zu reden, ist jetzt noch zu früh.“ Eins ist jedenfalls klar: Jedes Jahr beginnt man bei einem solchen Festival wieder bei Null. Da steht alles wieder auf Anfang. Das macht es immer jedes Mal aufs Neue spannend und aufregend.“

Auf der Digitalplattform finden sich regelmäßig Livestreams zu Klassik-Konzerten.

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